DER TODESASSISTENT

Den Hintergrund der Romanhandlung bildet eine Lebenskatastrophe: Ein polnischer Jude, der seit 35 Jahren in Dänemark lebt und arbeitet, am Søren Kierkegaard Forschungszentrum der Kopenhagener Universität eine Stelle hat, wird gefeuert und von seiner Frau vor die Tür gesetzt. Der Protagonist, der zuvor in der dänischen Lebenswelt recht heimisch geworden war, wird nach dem Verlust von Familie, Arbeit und Geld fast schon in die völlige Fremdheit zurückgeworfen.
Im Arbeitsamt teilt ihm eine fremdenfeindliche Beamtin eine Arbeit als Betreuer in einem Hospiz zu: Bronek soll bei einem Sterbenden zur Hand gehen, der – wahrscheinlich – Pole ist. Die offizielle Aufgabe der „Betreuung” steht jedoch in Widerspruch zum geheimen Auftrag: Der Greis ist ein Fremder, der die Hilfe des dänischen Staates in Anspruch nimmt, ihm wachsende Kosten aufbürdet und so den echten Dänen das Geld wegnimmt – also soll der „Assistent” für die Beendigung der Angelegenheit binnen eines Monats sorgen.
Im Hospiz erweist sich jedoch, dass die Zuwendungen der Einrichtung von der Zahl der Lebenden abhängen. Zwischen widersprüchliche Anliegen gestellt nimmt der Protagonist ein Spiel auf, bei dem Arbeit und Verdienst gegen ein fremdes Leben stehen. Bald verwandelt Bronek das Assistieren in eine Lebensbeichte. Er erzählt dem Alten sein Schicksal: Der Sohn eines Kommunisten und einer Jüdin erlebte anstatt von Liebe in seiner Kindheit Schulungen zur Überlegenheit der abstrakten Idee über das Leben (der Vater) und zur Überlegenheit eines verängstigten Konformismus über die Individualität (die Mutter). Im März 1968, während der Studentenproteste gegen die kommunistische Herrschaft, wurde Bronek von einem Freund verraten, nach dem Ableisten eines Strafmilitärdienstes überredete ihn die Mutter, Polen zu verlassen.
Świderskis Roman ergreift bei der gegenwärtigen Abrechnung mit der Volksrepublik Polen Position. Bei der Abrechnung selbst steht er den rechten Politikern nahe, die die VRP für einen verbrecherischen Staat halten, gegen den allgemeinen Abrechnungstenor stellt er aber eine Verbindung zwischen der Stärke der VRP und der Schwäche der Polen her. In dieser Wahrnehmung beruhte die Stärke der VRP darauf, dass sie das Kleine, Niedrige, Irdische, Gemeine im Menschen zu Tage zu fördern verstand und ihm auf diese Weise seine Fähigkeit zum moralischen Widerstand nahm. Diese Haltung macht aus Świderskis Roman eine Stimme der Anklage, durch die der Schriftsteller eine Verurteilung der Funktionäre der Demoralisierung wie auch der Verräter fordert. Einen weiteren Handlungsstrang des Romans bildet ein – ähnlich kritisches – Porträt der dänischen Demokratie.
Świderskis Roman – vielstimmig, erkenntnisreich, mal ironisch, mal todernst – hat, will es scheinen, seine Botschaft. Sie lautet, dass die Demokratie ihre Unvollkommenheit anerkennen muss, um endlich aufzuhören, von Neuankömmlingen die erniedrigende Mühe der Assimilation zu fordern, dass man Freiheit dazu nutzen kann, ein gutes Leben aufzubauen, und Fremdheit – existenziell verstanden – zum Fundament einer neuen Ethik werden könnte.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Langsam lege ich den ungenau ausgefüllten Fragebogen auf den Schreibtisch, gleich neben die beiden Farbfotografien in den goldenen Rähmchen. Auf der ersten lächeln zwei kleine, füllige Kinder. Auf den Köpfen tragen sie Wikingerhelme aus Plastik und mit Hörnern, allzeit bereit, mit ihnen einen gemeinen Feind aufzuspießen. Die zweite Fotografie zeigt die vor mir sitzende Beamtin, in ein inniges Gespräch mit Pia Kjærsgaard vertieft, der Vorsitzenden der nationalistischen und offen fremdenfeindlichen Dänischen Volkspartei (Dansk Folkeparti). Ich erinnere mich daran, dass unlängst ein Funktionär dieser Partei die Muslime mit „Krebszellen, die den gesunden dänischen Volkskörper zerstören” verglich.
„Ein Weißer?”, fragt die unerhört verwunderte Beamtin. „Ich dachte, zu mir kommen nur Schwarze. Aber es stimmt, Farben sehen wir nur durch den Kontrast. Schließlich gibt es ohne den Weißen keinen Schwarzen und auch nicht umgekehrt”, lacht sie still.
Ich denke, dass auf unserem europäischen Kontinent unser Sinn für Humor und ganz gewiss auch für ironische Gerechtigkeit mit der tiefen Überzeugung einhergeht, dass Farben nicht harmlos sind. Dass ein Weißer ernsthafter, vielleicht sogar würdiger ist als ein Schwarzer oder Roter, und mit ganzer Sicherheit ein Gelber.
„Natürlich, restlos weiß”, antworte ich, trete näher heran, damit sie sich selbst davon überzeugen kann, dass ich überaus wahrheitsliebend bin.
„Aber du lebst mit Schwarzen zusammen”, flüstert sie mir zu, als sie die Adresse auf dem Fragebogen liest.
Das ist wahr. Ich habe ein Zimmer in einem Betonghetto, wie die Presse derartige Siedlungen getauft hat. Früher lebten die Juden in Ghettos, heute baut man sie in Europa für Muslime. Mit Sicherheit bin ich dort, wo ich lebe, unter Menschen aus über dreißig Ländern mit gelben, braunen und pechschwarzen Gesichtern der einzige Weiße. Aber ich bin auch Jude, ich fühle mich also, als wäre ich heimgekehrt. Ins Ghetto bin ich kurz nach der Scheidung gezogen, als ich völlig alleine war. Meine Frau hatte auch das Kind mitgenommen. Zum ersten Mal hatte ich über Selbstmord nachgedacht.
„Nein”, antworte ich und lege die Hand auf ihren Schreibtisch, „ich lebe allein.”
„Ich heiße Mette”, sagt die Frau leise.
Sie schiebt die Hand vor, um mich aufzuhalten. Sie schaut nicht mehr auf das vor ihr liegende Papier, „Komm nicht zu nah..., nein, streck nicht die Hand aus, wer weiß, was du gerade berührt hast. Ihr Ausländer seid doch alle gleich. Ständig nestelt ihr irgendwo herum, wenn nicht in der Nase, dann in der Hose. Immer wollt ihr reden, bevor ihr zu Ende zugehört habt. Setz dich nicht auf den Stuhl, das dauert nicht lang. Bleib stehen, oh ja, da, auf der anderen Seite des Tischs, mir gegenüber. Steh still da, die Fresse zugesperrt (hold kæftt). Jetzt rede ich.
Trotzdem schweigt sie und beugt sich über meine Unterlagen.
„Pole?”, fragt sie schließlich, und es klang wie Schläger, Strolch und Zyniker.
Ich schweige. Mit der Herkunft hatte ich immer meine Schwierigkeiten, weil meine jüdische Mutter, um ihr Unmenschentum zu verbergen, in einem fort wiederholte, sie sei Polin, und mein Vater, Pole und Kommunist, behauptete, Russesein sei am besten. Ich wiederum wollte in Kopenhagen Däne sein, doch jedes dritte Wort verriet mich und lief schnell zum Feind über.
„Natürlich, Pole auch”, antworte ich, aber die zu spät auf das dritte Wort gelegte Betonung erlaubt es ihr nicht, die Ironie zu verstehen.
„Hör zu”, sagt sie, „ich habe für dich eine Arbeit im Hospiz, bei einem Sterbenden. Er ist allein. Ohne jede Familie. Er kam vor kurzem von Polen nach Dänemark, und da – unerwartet und auf Kosten anderer – stirbt er gleich. Gerade hat jemand aufgehört, der sich ein paar Tage lang um ihn gekümmert hatte, und es gibt keine Vertretung, also kannst du morgen schon anfangen. Deine Stellung nennt sich Dodens-assistent, Todesassistent, klingt genau wie ein Universitätstitel, was?” Und sie lacht, presst dabei die Lippen zusammen, vielleicht sind ihre Zähne nicht völlig in Ordnung, oder vielleicht ist es genau umgekehrt, sie hat zu große und spitze, schlicht wölfische Zähne, und deshalb verbirgt sie sie?
Aber mir ist gar nicht zum Lachen. Schließlich weiß ich, was Kapitalismus ist. Im Augenblick lasse ich jedoch die schneidende Schärfe meiner Zunge hinter meinen Zähnen. Weich frage ich nur:
„Gibt es nichts Lebensnäheres? Etwas Konstruktiveres wie zum Beispiel Häusermauern?”
Sie beugt sich über die Unterlagen.
„Arbejde gi'r livet mening (Arbeit gibt dem Leben einen Sinn)”, lässt sie schließlich eine Weisheit los, die sie mit Sicherheit dazu bewegt hat, sich eine Arbeit im Arbeitsamt zu suchen.” Darauf ich in derselben, mir schließlich nicht fremden Sprache:
„Sieh mal, sie gibt erst seit kurzem einen Sinn. Die alten Griechen und Römer zum Beispiel nannten arbeitende Menschen Sklaven, aber auch Hunde, Schweine und Hammel, und für die konnte keine Rede davon sein, dass ihr schwarzes, verschwitztes Leben einen Sinn hat. Arbeit? Das war nur eine Strafe. Erst der Kapitalismus machte aus der Arbeit, nicht aus Kunst, Religion oder Gedichten, den Sinn menschlichen Lebens.”
Sie starrt mich feindselig an. Wenn sie nichts verstanden hat, dann deshalb, weil sie es nicht verstehen darf. Schließlich spreche ich langsam und deutlich. Sie räuspert sich, um ihre Laune zu bessern, vielleicht auch ihre dänische Aussprache, die durch die fremden Diphthonge des weißen Bittstellers fast schon ein wenig infiziert sind. Jetzt schaut sie auf meine Nase, die eigentlich nicht meine ist, denn ich hatte sie von meiner Mutter, ich hatte sie nicht mehr zeitig genug zurückgeben können. Einen Augenblick lang befürchte ich, dass sie mich bezichtigt, fremdes Eigentum zu tragen. Aber schnell lässt sie den Blick sinken und beginnt erneut, eine freie Stellung zu suchen. Sie blättert die Unterlagen durch, kommt ins Grübeln, überfliegt nochmals meine Angaben.
„Du taugst zu gar nichts”, sagt sie entschieden. „Du weißt, dass die Dänen Fremde streng beurteilen.”
„Streng, aber gerecht”, sage ich und dehne die Wörter ein bisschen, denn im staatlichen Dänischkurs für Ausländer hat mich eine Inderin unterrichtet. „Wissenschaftler, Schriftsteller...”, liest Mette in den Unterlagen. „Glaubst du, dass ihr den Menschen noch zu irgendetwas nutze seid?”
„Ach woher denn! Nein, nicht in Dänemark”, nicke ich erleichtert, überzeugend, denn das Widersprechen gelingt mir in der jeder Sprache am besten.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier