EINE FRAU UND DIE MÄNNER

"Eine Frau und die Männer" ist ein moderner psychologischer Gesellschaftsroman. Seine Hauptpersonen sind zwei etwa vierzigjährige Ehepaare. Der Roman spielt in Warschau in den Jahren 2003-2004. Die Narration wird von einer kurzen Exposition eröffnet, die im Jahre 1994 stattfindet.
Die kinderlose Ehe der Ärztin Klara und des Architekten Jacek befindet sich in einer Krise. Der Mann verfällt auf Grund von Misserfolgen in der Arbeit in eine Depression, die vernachlässigte Frau beginnt eine Affäre mit dem jüngeren, charmanten Julian. Klara und Jacek sind typische Vertreter der liberalen Mittelklasse.
Dagegen repräsentiert das zweite Ehepaar, Joanna und Marek, das katholisch-konservative Milieu. Sie haben drei Kinder und planen weiteren Nachwuchs. Sie kümmert sich um die Kinder und bleibt zu Hause, er – vollkommen von seiner Arbeit in Anspruch genommen – verbringt kaum noch Zeit dort. Auch diese Ehe wird einer Prüfung unterzogen. Schließlich wird Marek seine Frau und die drei Kinder verlassen, um eine Beziehung mit einer jüngeren, attraktiven Frau einzugehen.
Die Beziehung von Jacek und Klara wiederum wird überdauern. Klara wird sich von ihrem jungen Lover trennen, ihr Mann wird seine Depression überwinden und sich mit ihr versöhnen.
In diesen schematischen Plot hat die Autorin viele diskursive Inhalte eingebaut, die eine Diagnose der modernen polnischen Familienverhältnisse bilden. Die Autorin beschreibt die heutige Lebensart aus dem Blickwinkel der Männer-Frauen-Beziehungen, beleuchtet diverse kulturelle und soziale Determinanten, die den Entscheidungen und Verhaltensweisen der Figuren zu Grunde liegen und erschafft tiefsinnige Portraits ihrer Protagonisten. "Eine Frau und die Männer" ist ein gelungener, witziger und intelligenter Unterhaltungsroman.

- Dariusz Nowacki

AUSZUG

Auf dem IKEA-Parkplatz stopfte Joanna das aus dem Kofferraum herausfallende Kleinzeug wieder hinein, Packungen mit Kerzen und Servietten. Dann setzte sie sich neben Marek, der auf das Boardcomputer-Display des Autos starrte.
„Lass uns fahren, bevor der Kleine wach wird.“
Er sah die Kontrollleuchte blinken.
„Du hast den Kofferraum nicht richtig geschlossen. Schnall dich an, ich mache das schon.“ Er wickelte sich in seinen langen, dunkelblauen Mantel und sprang durch den matschigen Schnee. Er knallte die Klappe des Laguna zu und versuchte, den sich ablösenden Aufkleber mit dem Jesus-Fisch wieder dranzumachen.
„Müssteman neuen Fisch kaufen, gold auf schwarz sieht nicht so toll aus ...“ Bevor er einstieg, checkte er noch, ob das Babykörbchen mit dem schlafenden Maciuś auf dem Rücksitz richtig festgemacht war, und küsste den Kleinen aufs Näschen.
„Müssteman ...“ Joanna hielt ihm die Tür auf.
Wenn es ihnen gut miteinander ging, verdrehten sie die Worte, zitierten dauernd die Sprüche ihrer Kinder, spielten Unbeschwertheit.
Der Ausflug zu IKEA war gelungen, sie hatten einen schicken Wickeltisch für den Kleinsten gefunden und die Lieferung einer Kommode für die älteren Kinder in Auftrag gegeben. Auf dem Weg zu den Kassen schnappten sie sich noch Silvester-Dekoration.
„Und wenn wir keinen neuen Fisch, sondern ein neues Auto kauften?“
Marek blickte in den Spiegel, ob Joanna auch beeindruckt war. Er liebte es, seiner Familie Überraschungen zu bereiten, den Kindern neue Computer-Spiele zu kaufen, wahre Rallyes durch die Einkaufszentren zu veranstalten und ihnen die ersehnten Klamotten zu spendieren. Dann jubelten sie ihm zu. Joanna freute sich ebenfalls über Geschenke, über Urlaub in Spanien, last minute einen Tag zuvor gebucht, und hatte trotzdem ihre Vorbehalte:
„Du hättest mich fragen können, na und, auch wenn du dir sicher warst, ja, ich freue mich, aber ...“
Dieses „aber“ ließ sie über seine Großzügigkeit hinwegsehen. Und bedeutete: „Du hast zwar alles, aber es genügt mir nicht.“ Joanna verteidigte ihre Unabhängigkeit mit Sticheleien, sie traf punktgenau Mareks Schwachstellen.
„Ich nehme an, dass du bereits angezahlt hast. Lass mich raten ... Ein Lexus.“
„Lexus? Massig Geld für nix als Schrott. Gefällt der dir etwa?“
„Es hieß in der Werbung, der Sitz würde dem Fahrer den Rücken massieren.“
„Ja, wenn sie Sex miteinander hätten ... Ich kenne Idioten, die würden sich für einen solchen Sexus tot zahlen.“
„Ich kenne keine. Wir haben alle zwei Wochen Sex, Bärchen.“
Das war kein Vorwurf, lediglich eine diskrete Erinnerung.
„Wirklich?“ Marek konzentrierte sich auf das Überholen.
„Seltener.“, fügte sie nach einigem Überlegen hinzu. „Was hast du gekauft?“
„Nichts.“ Er streichelte ihren Arm. „Reg dich nicht auf.“
„Wie teuer?“
„Ich habe an etwas Größeres gedacht ... Einen Geländewagen ...“, schlug er vor.
„Ziehen wir etwa auf den Mond um?“
Der Kauf eines neuen Autos markierte stets eine Wende in ihrem Leben. Wenn Männer neue Autos kauften, war es wie wenn sie sich häuteten, fand sie.
„Die Straßen werden immer schlimmer, und es wird nicht besser, meine Liebe. Das Geld von unseren Steuern stopft zwar Löcher, aber im Staatshaushalt.“
„Woher weißt du das?“
„Solche Dinge weiß man eben ... Von meinen Kumpels aus dem alten Ressort. Was würdest du zu etwas ... Sportlicherem sagen?“
Er wollte sie testen, wie weit er gehen konnte, und seine familiären Pflichten vergessen.
„Soll ich mit den Kindern auf einer Draisine hinterherfahren?“
„Du warst doch mit deinem Autochen zufrieden.“
„Lass uns beide verkaufen und zwei Megane holen!“
„Wozu brauchen wir zwei gleiche Autos?“
„Wegen der Sicherheit, für die Kinder. Einen Megane und einen Minivan.“
Sie verhandelte nun nicht mehr über das Modell des Autos, sondern um ihretwillen. Darum, wie viel sie dabei für sich selbst herausholen würde.
„Ich will nicht mehr mit einer Seifenschale zur Arbeit fahren. Verzeih mir, aber du kennst dich ja nicht aus, du hast bereits eins ausgesucht.“
Er konnte nicht mehr nachvollziehen, warum er ihr beim Kauf des Laguna nachgegeben hatte. In dem dreijährigen Auto ging alles kaputt, angefangen bei den Stoßdämpfern über die Batterie bis zu den Schlössern in den Türen.
Joanna hatte die Chefs vom Autoservice becirct und einen Preisnachlass bei der Reparatur der Gangschaltung bekommen. Die Typen hingen an ihrem Busen mit Blicken glänzend wie Orden. Sie waren beinahe rot geworden, als sie ihre Beine in dem engen Rock bewunderten, als wären diese eine Art sexy muskulöse Verlängerungen ihrer Schamlippen. Wusste er vielleicht seine Frau nicht zu schätzen? Er verglich sie mit der alten Joanna, einer leichteren, schlankeren Joanna, ohne die morgendlichen Schwellungen im Gesicht. Er liebte sie immer noch und brüstete sich im Stillen damit, sie wegen ihrer mütterlichen Schönheit und ihrer Reife noch mehr zu lieben.
„Ich kenne mich nicht mit Autos aus? Warum fragst du mich dann?“
Sie vermutete, dass es ihm um den nächsten Kredit ging.
Sie waren noch nicht mit dem Abzahlen des Hauses fertig, das sie in den Zeiten der rechten Hausse gekauft hatten, als Marek einer der jüngsten Berater des Premiers war. Kurz vor den verlorenen Wahlen evakuierten sich seine Kumpels aus der Regierung und zogen ihn mit sich zu dem privaten katholischen Sender KaTel. Marek fühlte sich dort sicher. Es gab eine Zeit, da verloren die Leute ihre Jobs – jetzt konnten sie keine finden. Er hatte seinen Job und eine Garantie darauf, ihn zu behalten: die Kumpels, die von einer Firma zur anderen wechselten. Die mangelnde Erfahrung ersetzten sie dabei durch Idealismus. Dieser Idealismus verursachte in den staatlichen Gesellschaften Verluste, die man aus dem Etat ausgleichen konnte, in privaten Firmen führte er jedoch zum Konkurs. Das von ihnen geleitete private Fernsehen sendete immer seltener, obwohl sie der Konkurrenz die besten Fernsehsendungen wegkauften. Die immer längeren Pausen zwischen den Programmen wurden mit christlichen Liedern gefüllt und auf dem Bildschirm prangte das Symbol des Senders, ein himmelblauer Stern. Der Sender ging vor den Augen der Zuschauer ein. Joanna befürchtete, dass der Stern eines Tages vom Bildschirm fallen, und Marek seine Arbeit verlieren würde.
„Ein größeres Auto wäre sinnvoll, für mich. Ich möchte eine Firma aufmachen ...“
Nach der Geburt von Michaś hatte sie versucht, eine Fremdsprachenschule aufzubauen. Womit sie nicht gerechnet hatte, war die starke Konkurrenz und die Tatsache, dass die Kinder, bei ihrer Tagesmutter gelassen, an chronischer Angina, Allergien und Sehnsucht erkranken würden.
„Was? Wozu? Du hast doch keine Zeit.“ Marek bremste heftig.
„Jetzt habe ich Zeit. Und ich weiß, wie man es anpacken muss, ohne Maciuś alleine zu lassen. Wir hätten Geld für das Nötigste, falls du ... dich nach einer besseren Arbeit umsehen möchtest.“, deutete sie vorsichtig die aufkommende Katastrophe an.
„Wir haben Ersparnisse.“
„Es ist nicht viel.“
„Lassen wir das mit dem Auto. Erzähl mir lieber, was mit Silvester ist.“
„Mit uns sind es zehn Leute, und Klara kommt mit.“
„Wollten sie nicht in die Berge?“
„Jacek geht es nicht gut.“
„Kommt sie alleine? Würdest du auf eine Party gehen, wenn ich krank wäre?“
„Jacek ist nicht krank. Ihm geht es nicht gut. Er ist depressiv und will lieber alleine sein.“
„Siehst du, er ist wegen ihr depressiv geworden!“, freute sich Marek geradezu.
„Marek ...“
„Ich habe es dir ja gesagt, Akupunktur ist schädlich, der Organismus wehrt sich dagegen. Ich habe es doch selbst gesehen, sie hat dauernd auf ihn eingestochen, gegen Schnupfen, wegen seinem Geniese.“
„Du magst sie nicht.“
„Klara mag ich sehr. Es sind die Nadeln, die ich nicht mag. Folter hat noch niemandem geholfen. Hat sie dir nie erzählt, woher die Akupunktur kommt? Wusstest du es nicht? Die Chinesen haben damit ihre Gefangenen gefoltert. Nicht schlecht, oder? Doktor Mengele hätte es auch gefallen.“
„Hör auf, Klara mit den Nazis zu vergleichen! Über deine Bekannten kann man auch das eine oder andere sagen ...“
„Zum Beispiel?“
Maciuś wimmerte auf einmal, von dem lauten Gespräch geweckt.
„Dass sie solidarisch sind.“, meinte sie verächtlich. „Halt ihn, ich muss ihn füttern.“

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz