DAS WUNDER

Die Hauptfigur von "Das Wunder", der Mittzwanziger Mikołaj, stirbt bereits auf der ersten Seite des Romans… und dann wird alles nur noch interessanter und merkwürdiger. Mikołajs Körper verwest nicht und seine Temperatur bleibt bei konstanten 36,7°C. Diese warme Leiche wird zum Katalysator der Handlung, sie beeinflusst das Schicksal der Romanhelden, die mit ihr in Berührung kommen. Wie zum Beispiel das Leben der Ärztin Anna, die sich in den Verstorbenen verliebt. Entgegen dem Anschein entwirft Karpowicz keine hintersinnige Gruselgeschichte. Das Wunder ist auch nur am Rande eine Erzählung von Menschen, die, wider gesunden Menschenverstandes und trotz ihres Lebensstils, in dem das Materielle eindeutig über den Geist dominiert, mit einer göttlichen Intervention rechnen, auf die Begegnung mit dem unergründlichen Mysterium hoffen. Eine andere Art Wunder steht im Mittelpunkt des Romangeschehens, man könnte sagen, ein irdischeres Wunder. Karpowicz schreibt, ähnlich wie in seinem Debütroman Nicht der Hit [Niehalo], vor allem über ausgebrannte, verlorene Menschen, die mit dem Leben nicht zurechtkommen. Ihr Leben befindet sich in einer Sackgasse, weil sie kein Ziel haben, das sie verfolgen könnten, und keinen Sinn im alltäglichen Herumgerenne sehen. Sie leben von einem Tag auf den anderen, machen das Gleiche, wie alle anderen, sind aber schon etwas tot. Sie brauchen einen Impuls von außen, eine zufällige Begebenheit, ein „wunderbares” Ereignis – im Roman ist das die warme Leiche – damit sie endlich den Wunsch nach Veränderung verspüren, voller und besser leben wollen. Karpowicz schreibt von gewöhnlichen Menschen und normalen Problemen, aber die uns vertraute Wirklichkeit zeigt er im Zerrspiegel der Groteske; das Bild, das wir sehen, ist mal erschreckend, mal komisch, wie in einem Spiegelkabinett auf einem Jahrmarkt. In "Das Wunder" wechseln sich Ernst und Humor ab, gibt es eine gewöhnliche Wirklichkeit aber zugleich auch eine außergewöhnliche schriftstellerische Fantasie. Und noch etwas gibt es im Roman, was vermuten lässt, dass auch die nächsten Bücher dieses Autors den Lesern viel Freude bereiten werden: ein klarer, origineller, gefälliger Stil.

-Robert Ostaszewski.

AUSZUG

Zum Glück passte der Schlüssel. Sie betrat die fremde Wohnung, machte das Licht an und stellte ihre Tasche ab. Sie atmete die fremde Luft ein.
Die Wohnung war sehr sauber und kam ihr beunruhigend vertraut vor. Das heißt, sie selbst hätte die Wohnung genau so einrichten können. In der Küche öffnete sie den Kühlschrank. Ihr knurrte der Magen. Sie machte sich zwei belegte Brote mit Mayonnaise und Rollschinken sowie einer Scheibe Tomate. Das Salz war auch an seinem Platz.
Sie fühlte sich wie zu Hause, vielleicht sogar besser als zu Hause (denn in letzter Zeit fühlte sie sich zu Hause nicht so gut) (besonders im Bad, vielleicht wegen des Parfümdufts).
Sie wollte sich etwas im Fernsehen anschauen, beschloss aber zuerst ein Bad zu nehmen. Sie ließ heißes Wasser in die Wanne ein, goss Schaumbad mit Mandelöl dazu und nahm aus dem Schränkchen ein Handtuch, das sich am richtigen Platz befand.
In der Wanne versuchte sie sich zu entspannen und etwas zu durchdenken (der zu Ende gehende Tag, die Klagen der Mutter über die Schmerzen im linken Auge). Sie kam aber nicht recht voran, weil sie dauernd von Schaumbläschen abgelenkt wurde. Die Gedanken platzten, bevor sie konkrete Gestalt annehmen konnten.
Sie fühlte sich leer, rein. Es ging nicht darum, dass sie eine alleinstehende und gebadete Frau war (sie zog den Stöpsel heraus, das Wasser gluckste in den Röhren). Darum ging es überhaupt nicht.
Anna war eine reife, saftige Frucht, die darauf wartete, sich vom Ast zu lösen, sie war bereit, eine neue Beziehung einzugehen, bereit für eine neue Wohnung. Für den Kauf von Nippes und Möbeln, das Aufbrühen von Kaffee, kleine Streitereien und Annehmlichkeiten. Anna wartete darauf, dass neue Bindungen und Abhängigkeiten auf sie übergingen, sich in ihrem Körper festsetzten und ihn bis zur Unkenntlichkeit verwandelten. Obwohl, dachte sie, die kastanienbraunen Haare möchte ich schon gerne behalten.
Sie zog seinen Bademantel aus blauem Frotteestoff an. Es war ein sehr alter und abgenutzter. Sie hatte den Eindruck, dass es ein besonderer Bademantel war, an dem er wirklich hing. Ansonsten hätte er sich bestimmt schon längst von ihm getrennt.
Er roch nach Mandelöl (Schaumbad) sowie – sie war sich nicht sicher – nach blühenden Buchweizen-Lupinen-Raps-Feldern. Ein angenehmer aber zugleich auch recht beunruhigender Duft.
Bevor sie sich in den Sessel setzen und den Fernseher anmachen konnte, klingelte das Telefon. Sie zögerte nicht einen Augenblick und nahm den Hörer ab.
„Hallo”, sagte sie.
„Ist Mikołaj nicht da?”, fragte eine alte Stimme.
Anna überlegte.
„Nein, er ist im Moment nicht da.”
„Und wer sind Sie?”, ließ die Stimme der alten Frau nicht locker.
„Ich?”, fragte Anna. „Ich bin seine Freundin”, log sie.
Die Stimme am anderen Ende der Leitung verstummte. Die alte Frau dachte über etwas nach.
„Verzeihen Sie mir bitte”, sagte sie schließlich, „dass ich so unhöflich zu Ihnen bin. Mikołaj hat neulich davon gesprochen, dass er eine Freundin hat, aber ich habe ihm nicht geglaubt. Sie wissen ja warum. Da es aber wahr ist, freue ich mich sehr. Ich bin seine Großmutter. Und wie heißen Sie?
„Anna”, sagte Anna.
„Na dann gute Nacht. Ich freue mich wirklich. Sehr erfreut. Bitte grüßen sie Mikołaj von mir.
„Natürlich. Gute Nacht. Ich freue mich auch, gleichfalls sehr erfreut. Ich werde ihn grüßen.
Sie legte den Hörer auf.
Sie ging in die Küche sich einen Tee machen.
Sie hatte Lust, herzhaft loszulachen. Sie hatte zwar gelogen, aber gleichzeitig wusste sie, dass sie das Richtige tat. Schließlich hatte sie seinen Körper in die Leichenhalle gebracht. Die Polizisten wollten nicht, die vom Rettungsdienst auch nicht. Hätte das jemand Fremdes gemacht?
Ganz offensichtlich nicht. Nur die ihm am nächsten stehenden Personen hätten das für ihn getan.
Während sie auf das kochende Wasser wartete, spazierte sie durch die Wohnung. Im Schlafzimmer befand sich ein Bett mit recht exzentrischer Seidenbettwäsche sowie ein kleines Schränkchen und ein Nachtlämpchen, sonst nichts. Im Arbeitszimmer (sie mochte das Wort Kabinett nicht) (das Verdienst des Chefarztes) stand am Fenster ein großer, massiver Schreibtisch, dessen Tischplatte mit grünem Stoff bezogen war. An der Wand Regalreihen voller Bücher. Darüber hinaus ein Drehsessel und ein Computer. Im Salon ein rotes Sofa mit einem weißen Ideogramm, ein Sessel, ein Tischen, ein Fernseher (Video, DVD, Hi-Fi-Turm) und ein Schrank.
Anna war sehr zufrieden, dass es ihrem Freund nicht an Geld mangelte. Denn Geldmangel, der häufig zu einem allgemeinen Mangel führte, konnte die stärksten Bindungen belasten, ja sogar zerstören. Das drohte ihnen nicht. Natürlich bestand weiterhin ein grundsätzliches Hindernis – machte sich Anna bewusst – vielleicht waren es sogar zwei grundsätzliche Hindernisse. Erstens, wusste sie nicht, was Mikołaj zu dem Ganzen sagen würde. Aber sie dachte, dass Mikołaj bestimmt nichts dagegen haben würde. Schließlich liebten sie sich. Zweitens, Mikołaj war tot. Einerseits löste das viele potentielle Streitfragen (wie zum Beispiel das Problem, was er zu dem Ganzen sagen würde) (ob sie ineinander verliebt sind), andererseits aber schränkte das den Raum ein, in dem sich ihr Glück entfalten könnte. Anna trank ihren Tee aus, schaute sich die tausendste Folge eines politischen Magazins über die Rywin-Affäre an, putzte die Zähne, stellte den Wecker auf 8:30, zog den Schlafanzug an und ging schlafen.

Zum Frühstück machte sie sich zwei belegte Brote mit Schinken und Tee. Sie hatte keine Zeit, in ihre Wohnung zurückzugehen, wollte sie pünktlich in der Arbeit sein. Außerdem war sie (doch) in ihrer Wohnung. Sie nahm eine schnelle Dusche und trocknete die Haare. Er hatte keine weiblichen Kosmetika, nicht die Spur von Gesichtswasser oder Sonnencreme. Nichts zu machen. Sie musste der Ozonschicht vertrauen, die die Erde (ähnlich wie die Creme) vor der Verbrennung durch kosmische Winde schützte. Er hatte auch keinen Lippenstift, Lidschatten, Make-up. Sie brauchte nicht eifersüchtig zu sein.
Sie zog die Jeans an, in denen sie gekommen war, und aus dem Schrank nahm sie ein weißes Hemd. Sie krempelte die Ärmel hoch. Es passte hervorragend. Aus der Schreibtischschublade nahm sie einen Anhänger an einem Goldkettchen heraus. Ein recht großer Achat, rötlich mit blauen und weißen Äderchen, in Form eines Herzens. Kein Valentinsherz, sondern ein echtes mit Kammern und Vorhöfen.
Noch das Parfüm. Sie musste sein Parfüm benutzen. Und dann rannte sie aus der Wohnung.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk