DER FRIEDHOFSWANDERER

Die Erzählung "Der Friedhofswanderer" entstand im Jahr 2000, in den letzten Lebensmonaten des Schriftstellers. Ein weiteres Mal (nach der Erzählung "Selige, heilige", deutsch 1996 im Band "Das venezianische Porträt") greift der Autor das Thema des Kriegs im ehemaligen Jugoslawien auf. "Der Friedhofswanderer" erzählt über das denkwürdige Massaker von Srebrenica, bei dem serbische Truppenverbände zwischen dem 12. und 16. Juli 1995 in die muslimische Schutzzone einmarschierten und über 7000 Männer und Jungen ermordeten. Die Hauptfigur der Erzählung, ein Hauptmann Zdravko Malić, der „Friedhofswanderer” des Titels, ist ein durchschnittlicher, von Mordabsichten eher freier Mensch; anfangs widersetzt er sich dem Töten und versucht seine Vorgesetzten von der Variante einer Vertreibung zu überzeugen. Am betreffenden Tag ermordet er jedoch in einem Anfall von Raserei rund 200 Menschen. Darunter – zufälligerweise – auch seine eigene Frau, die im fünften Monat schwanger war. Seitdem durchzieht er Europa auf der Flucht vor Erinnerungen, aber auch einem in Abwesenheit gefällten Urteil des Haager Gerichtshofs. Nachts versteckt er sich auf Friedhöfen, tagsüber mischt er sich unter den Bodensatz der Städte. In der letzten Phase gelangt er bis nach Rom, wo er sich während eines zufälligen Sexualkontakts mit einer Drogensüchtigen auf einem Bahnhof mit Aids infiziert, danach wird er, als er in einem Grab Zuflucht sucht, entdeckt und verhaftet. Sein weiteres Schicksal spiegelt die Paradoxien der Postmoderne wider: Als Verbrecher wird er zu 46 Jahren Haft verurteilt, als todkranker Mensch kommt er aber wahrscheinlich in ein Krankenhaus, wo er ruhig und behaglich den Rest seines Lebens verbringen darf.
Auf diese Weise wollte Herling mehrere Dinge sagen. Erstens: Das Böse ist universal und entfaltet sich, wenn die Vernunft einschläft aus den Einflüsterungen der irrationalen Seite des Menschen. Zweitens: Das postmoderne Humanitätsdenken steht einem Ungeheuer aus vergangenen Zeiten hilflos gegenüber. Da ein Verbrechen wider die Menschlichkeit die Todesstrafe erforderte und das liberale Recht es verbietet, todkranke Menschen zu bestrafen, heißt das, die Postmoderne erlaubt es nicht, Gerechtigkeit und Recht in Einklang zu bringen. Das lässt die Saat der Rache unter den Ungerächten aufgehen, die Saat der Straflosigkeit unter den Unbestraften. Drittens: Indem Herling seinen Protagonisten unter Drogensüchtigen, Pennern und im Müll der Stadt ansiedelt, suggeriert er, dass die ethnische Rachsucht, der Malić erlag, Geschichtsabfall ist, ein Überbleibsel der Totalitarismen. Durch Faschismus wie Kommunismus gleichermaßen wurde Europa mit der Geringschätzung menschlichen Lebens infiziert. Deshalb ist jede liberale Form, sich dem Bösen zu widersetzen, zum Scheitern verurteilt und in ihrer Hilflosigkeit demoralisierend.

-Przemysław Czapliński.

AUSZUG

Er betrat die verfallene Kapelle, suchte sich einen gemütlichen Platz unter den Resten des Altars mit Blick auf das herausgebrochene Tor. Ein kalter Wind wehte von der kleinen Piazza am Tiber her, doch die Gewohnheit tat das Ihrige. Ohne den Rucksack abzusetzen, presste er den ganzen Körper gegen den ziemlich soliden, wie durch ein Wunder geretteten Altarsockel. Und so schlief er, längst darin geübt, die Augen halb offen zu halten. Er schlief und wachte zugleich.
Aus diesem Wachschlaf stieß ihn Lärm auf der Piazza: Schreie, rasche Schritte, Katzengeheul. Die Dämmerung brach bereits herein, alle Fenster auf dem Platz waren in Dunkel getaucht. Bald darauf verstand er, dass absichtlich kein Licht angezündet worden war. Verwilderte Katzen ließen sich im Dunkeln besser jagen. In der Ecke am Kanal standen zwei Männer mit weit aufgerissenen Säcken. Die Katzen wurden von der Gegenseite herangetrieben. Manchen gelang ein Sprung zur Seite, zwei sprangen in die Kapelle und versteckten sich hinter einem Brett neben dem Altar, doch die Treiber setzten ihre Handlampen in Bewegung, fuchtelten mit ihnen wie mit Lichtruten, was den Katzen ihren Orientierungssinn nahm. Sie irrten eine Weile über den Platz und sausten dann in die aufgespannten Säcke. Eine, die offenbar stark und energisch war, machte unter wütendem Fauchen einen großen Satz und schlug ihre Krallen in das Gesicht eines Mannes, der den Sack festhielt. Ein Schrei gellte auf, lauter und wütender als das Katzenfauchen; trotz der Dämmerung konnte man von der Kapelle aus Blut spritzen sehen, der Mann ließ den Sack los, zwei Katzen setzten über den Damm und verschwanden im Gebüsch. Ein zweiter Mann, der daneben stand, drehte die Sacköffnung zu. Im Sack rangen und wanden sich zwei oder drei Katzen. Der verletzte Jäger lief zum Haus, wischte sich mit einem Lappen das Blut aus dem Gesicht. Der Fang war kläglich. Die Frauen zündeten mithilfe der Kinder Feuer unter den eisernen Herdringen an, der ganze Platz belebte sich, hier und dort glommen Lichter auf, man traf Vorbereitungen für ein Feiertags- oder auch Jubiläumsfestmahl.
Er saß jetzt mit dem Rucksack an das lange Altarbrett gelehnt da. Aus dem Schlummer riss ihn ein menschlicher Schrei, in den sich Katzengeheul mischte. Er sah Blut über das Gesicht des Jägers schießen, der die Katze, die er sich vom Gesicht gerissen hatte, erst im klammernden Ring seiner Hand erwürgte und dann die Erwürgte zu Boden presste und auf ihr herumtrampelte, bis ein blutiger Brei mit den Eingeweiden neben dem toten Pelzchen lag. Wieder und wieder sagte er: My God, Mon Dieu, Mein Gott, ohne dass klar war, warum es plötzlich aus seiner schemenhaften Erinnerung an den Sprachkurs der Belgrader Akademie in drei Sprachen auftauchte. [...] Es war sechs, die Stunde, zu der der Friedhof unter der Pyramide verschlossen wurde. Es kostete ihn nicht viel Zeit, sich bis zur Hauptpforte durchzuarbeiten, die bereits mit Eisenstangen verriegelt war. Er wusste, wie er von hier aus weiter gehen musste, man musste sich ganz einfach im Dunkel der Friedhofsmauer halten. Der Geruchsinn sagte ihm, wo sein Durchlass war. Die Steine in der Mauer waren tatsächlich so locker, dass er sie mühelos und ohne jeden Laut herauszog und ganz nah ablegte, um sie danach wieder an ihre Stelle zurückzulegen. Die Öffnung erlaubte es nur ihm, in den Friedhof zu gelangen, und das auch gerademal so. Den Rucksack musste er über die Mauer werfen, zum Glück fiel er lautlos auf den Rasen neben dem Grab der Dukićs. Leise öffnete er einen verlassenen, gemauerten Verschlag, indem er einen Draht herauszog. An der Stelle des Drahts legte er ein Vorhängeschloss vor, das er aus dem Rucksack hervorkramte.
Der Verschlag war fast leer, nur an einer Wand standen zerbrochene Spaten, Schaufeln und ein kaputtes Wägelchen aus Eisen. „Das ist gut“, dachte er und schob die Häufchen Schrott mit den Händen in einer Ecke zusammen. Er hatte sich auch schon einen Schlafplatz ausgesucht, an der Wand, die zur Friedhofsmauer hin lag. Aber der Verschlag – er war sicherlich seit Jahren nicht mehr benutzt worden – war fürchterlich ausgekühlt, die schneidende Kälte draußen verwandelte ihn fast schon in einen Eisschrank. Er saß schlotternd in der Mitte und wusste nicht, was er tun sollte. Schließlich kam er auf die Idee, das zerbrochene Wägelchen an seine Wand heranzuziehen und daraus versuchsweise etwas in Art eines kurzen Betts zu machen. Nur nicht direkt auf dem Boden schlafen, der kalt war wie blankes Eis. Es gelang ihm. Den Boden des Wagens polsterte er mit Lumpen aus, er leerte fast seinen ganzen Rucksack. Die einzigartige Militärsatteldecke – mit dünnem Segeltuch bezogenes Daunen – sollte ihn vor der eiskalten Luft schützen. Er kleidete sich für die Nacht an, zog sich alle drei Pullover über, auf den Kopf setzte er die Uschanka. Vielleicht würde es besser, wenn er sich wenigstens ein bisschen aufgewärmt hätte. Indessen kämpfte er gegen die Kälteschauder.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier.