ZÄHNE

"Zähne" ist eine amüsanter, von Ironie und Selbstironie durchdrungener Roman über die Qualen des Erwachsenwerdens, aber auch über die polnische Wirklichkeit der letzten 10 Jahre. Joanna Wilengowska bedient sich in ihrem Roman einer witzigen, stomatologischen Metapher. Das Werk besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil erfährt die knapp über zwanzigjährige Marta, die Heldin des Romans, dass sie noch immer ihre Milchzähne hat. Um aus zahnärztlicher Sicht erwachsen zu werden muss sie sich die Milchzähne ziehen und durch Implantate ersetzen lassen. Die Heldin hat weder Zeit noch Lust sich einer derartigen Operation zu unterziehen. Im zweiten Teil des Romans ist sie bereits über dreißig - die Milchzähne sind ihr inzwischen von selbst ausgefallen. Im dritten Teil schließlich, der unserer Zeit am nächsten ist, leiht sich Marta das Geld für die Operation. Wilengowskas Metapher lässt sich leicht erschließen: Der Eintritt in die Erwachsenenwelt ist kein Willensakt, sondern ein unvermeidlicher Kompromiss. Jeder Einzelne wird, wenn nötig gegen seinen Willen, sozialisiert, den Normen und Grundsätzen des gesellschaftlichen Lebens unterworfen. Dieses „stomatologische Drama“ spielt vor einem weiten gesellschaftlichen und sozioökonomischen Hintergrund. Ort und Zeit der Handlung ist eine polnische Provinzstadt in den letzten ungefähr 10 Jahren. Der polnische Kapitalismus erstarkt, der Konsum nimmt zu, alles wird zunehmend vom Geld bestimmt. Marta distanziert sich augenblicklich von dieser - ihrer Meinung nach schlecht eingerichteten - Wirklichkeit. Sie will den Idealen ihrer Kindheit und Jugend treu bleiben. Doch allmählich gibt auch sie nach. Zuletzt ergibt sie sich vollständig all dem, was angesehen und gesellschaftlich erwünscht ist. Doch das Ende der Geschichte ist keineswegs eindeutig. Der Roman schließt mit einer Art Traum oder apokalyptischen Vision Martas von einem Zerfall, einem Eintauchen in die Dunkelheit und das Nichts. Das Erwachsensein ist hier weniger das Ende der Jugend als vielmehr des Lebens an sich. 

AUSZUG

Weil neue Zeiten angebrochen waren. Weil sich gezeigt hatte, dass es nun galt, sich zu zivilisieren, die barbarische Unart löchriger Zähne abzulegen, dem von permanenter Karies gezeichneten, schartigen Osten möglichst rasch den Rücken zu kehren: der Unverhohlenheit von Mündern und Zahnfleisch, der Saftigkeit der Sprache und dem verschwenderischen Umgang mit Zähnen, die man ohne Bedauern wegwarf, wo und wie es einem gerade passte. Weil eine neue Epoche angebrochen war. Goldzähne galten nicht einmal auf dem Dorf mehr als schick. Die Autoritäten fielen eine nach der anderen von ihren Sockeln, mitten in den Dreck. Und mit ihnen die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Der Bankrott der alten Ordnung war offensichtlich. Aus Milchzähnen wurden mit einem Mal richtige Zähne, alle wurden plötzlich erwachsen und begannen nach Arbeit zu suchen. Einige fuhren nach London, andere wanderten ziellos durch Olsztyn und steuerten von Zeit zu Zeit den kalten Hafen des Arbeitsamtes an, der zwar kein Gefühl von Sicherheit gab, aber doch wenigstens die Sozialversicherungsbeiträge bezahlte. Andere erstarrten langsam in ihren Anstellungen in der Schule oder im Supermarkt, während die Unverschämteren sofort beim Radio oder bei irgendeiner Zeitung einstiegen um dort, zunächst für ein armseliges Zeilenhonorar, doch schon bald für ansehnliche Monatsgehälter, den alten Hasen in den Hintern zu treten. Auch ich wurde von der Soziologie, der Statistik, dem Sozialismus und dem Kapitalismus erfasst. Auch ich wurde Zeuge jenes Konzerts für Schuppen, Schmerfluss und Spritfahne, das tagtäglich im Arbeitsamt ertönte - einem äußerst kultivierten, gekachelten Gebäude, dessen Ästhetik in scharfem Gegensatz zu der seiner unglücklichen Besucher stand. Auch ich stand mir in den Warteschlangen die Beine in den Bauch, meist in der traurigsten, der apathischen und folgsamen Schlange für „Arbeitssuchende ohne Anspruch auf Leistungen“. All das, was sie da in den Zeitungen zusammenschrieben, betraf auch mich, aber es betraf mich nur am Rande. Ich hatte andere Dinge im Kopf.


Zähne, Zähne, Zähne. Nichts als Zähne. Wo ich auch hinsah, Zähne. Die Welt erinnerte an eine weit aufgerissene Fresse. Ich saß inmitten dieser Fresse, führte dem Anschein nach ein normales Leben, soweit man überhaupt ein normales Leben führen kann, doch mir ging die ganze Zeit nur eines durch den Kopf - Zähne, Zähne, Zähne. Meine Gedanken fuhren auf einer Einbahnstraße, mein Gehirn schlitterte auf Abwege fruchtloser Mantras - Zähne, Zähne. Und selbst wenn ich „Vagina“ dachte, fügte sich mir automatisch „dentata“ hinzu. So war das.
Es gab auch ein Spionagemotiv. Ich begann nämlich den Leuten auf die Zähne zu schauen. Schnüffelte herum, forschte nach Ursachen, spekulierte über das Wesen genetischer Pannen, verglich, sondierte und zog Schlüsse. Selbstverständlich hatte es mit meinen Eltern begonnen, denn immer beginnt alles mit den Eltern. Meine Mutter hatte ganz passable Zähne, die sich jedoch im Alter ein wenig auseinander schoben. Mein Vater hingegen hatte, wie zum Trotz, eng stehende, einander überlappende Zähne, die dafür jedoch dünn und kümmerlich waren, Qualität durch Quantität wettzumachen suchten. Ich kombinierte: Mutters Zähne zu weit auseinander, Vaters zu dicht beisammen - eigentlich müssten meine Zähne ideal ausgerichtet sein. Eine solche Dialektik hatte ich mir zurechtgelegt. Also fragte ich: Woher dann eine solche Anomalie? Was war der Ursprung? Hatte vielleicht irgendein mir unbekannter Vorfahr an verzögerter Entwicklung gelitten? Oder hatte mein Großvater Australopithecus sich die missratenen Gene bei einer heißen Nummer hinter irgendeinem Busch eingehandelt? Doch wie sich herausstellte, war die Auflösung eine andere.

Blanker Hohn! So dachte ich mir, als der Typ endlich das Röntgenbild entwickelt hatte, kein x-beliebiges übrigens, sondern ein pantografisches. Klingt das nicht majestätisch? Oder zumindest doch aristokratisch? Ha, ich könnte sogar Lubomirska heißen mit einem solchen pantografischen Bild, wie es von euch bestimmt niemand hat! Aber zur Sache, soll heißen zum Hohn.
Was auf diesem Bild nicht alles zu sehen war! Ein wahres Horrorszenario, ein Kampf der Mächte des Bösen mit den Mächten des noch Böseren! Das Bild offenbarte eine langjährige Schlacht, die sich in meinen Kiefern abgespielt hatte. Unter dem Deckmantel meines gänzlich unschuldigen Zahnfleischs hatte sich ein shakespearsches Drama entfaltet – Herrschaft, Sukzession, alle Mann hurra auf den Thron! Mit Hinterlist, auf Umwegen, ab durch die Mitte, querfeldein und auf Teufel komm raus. Auf, Bruder, zum Licht der Mundhöhle! Ran ans Zahnfleisch, jag die anderen hinaus, zertritt ihre Wurzeln, dräng ins Freie, zerquetsch ihnen das Mark und zerstampf das Milchgesindel! Oh ja, das war noch ein wirklicher Generationenkonflikt, einer, wie es ihn heute gar nicht mehr gibt ... Die Milchzähne sahen auf dem Bild so unschuldig aus, winzig und bescheiden, als könnten sie kein Wässerchen trüben, wie Kleinkinder, doch ihre Gesichter waren falsch und ihre Wurzeln griffen mit einer gar nicht kleinkinderhaften Kraft tief ins Zahnfleisch ... In ihnen war eine Härte, eine Verbissenheit. Jene Art von Trotz, mit dem Kinder „Nein, ich geh nicht!“ schreien, und heulen, und sich in den Armen der Erwachsenen winden wie Aale, und sich auf den Boden schmeißen, und vor Weinen anschwellen, und rot anlaufen, und in Krämpfe verfallen, die bei den Erwachsenen ein Schuldgefühl erzeugen sollen, und wieder schreien, und schluchzen, und mit dem Fuß aufstampfen und sich in die Hand beißen ... wenn schon keine fremde, dann eben die eigene ... ganz egal, ich geh nicht ... Oh, welch eine gewaltige Macht! Hut ab vor einer solch eselsgleichen Sturheit, der die menschliche Überzeugungskunst nicht gewachsen ist, allenfalls das animalische Argument eines Klapses ....

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau.