BALSAM EINES LANGEN ABSCHIEDS

Das Werk Marek S. Huberaths wird oft der Strömung der religiösen Fantasy zugerechnet, obwohl es grundsätzlich schwer fällt ein Etikett für diese Prosa zu finden - zu groß ist ihre Vielfalt und ihr thematischer Reichtum. Dies bestätigt auch das neueste Buch des Autors der „Städte unter dem Fels“ [„Miasta pod Skala“] - eine Erzählsammlung, die sowohl bereits veröffentlichte (unter anderem die umfangreiche Erzählung „Größere Strafe“ [„Kare wieksza“], für die er 1992 mit dem renommierten Zajdel-Preis ausgezeichnet wurde) wie auch neue Texte enthält. Der Band enthält zehn Werke - von der nur wenige Sätze umfassenden Prosaminiatur bis hin zu ausgedehnten Erzählungen vom Umfang eines Miniromans - und dokumentiert das literarische Schaffen Huberaths der letzten fünfzehn Jahre. Zwei Themen beherrschen dieses Buch. Zum einen wendet sich der Autor der Futurologie zu, indem er das Bild einer Welt nach einer atomaren oder ökologischen Katastrophe zeichnet. Zum anderen erschafft er eine spezifische Abart der Fantasyliteratur, die als eschatologisch bezeichnet werden kann, indem er seine eigene Vision des Jenseits (die virtuose Erzählung „Größere Strafe“, in der die Hölle nach Art eines deutschen Konzentrationslagers organisiert ist) oder der Verbindungen zwischen der Welt der Lebenden und der Toten (zum Beispiel das erstmals veröffentlichte „Balsam eines langen Abschieds“ [„Balsam dlugiego pozegnania“] formuliert. Unabhängig davon, ob er sich nun der Zukunft oder dem Jenseits zuwendet, konzentriert sich Huberath doch immer auf die fundamentalen menschlichen Konflikte: Er schreibt über die Loyalität gegenüber anderen, über in Krisensituationen auf die Probe gestellte Liebe und Freundschaft, über die Schwierigkeiten andere zu akzeptieren, die als Bedrohung empfunden werden, oder über die Bewältigung der Vergänglichkeit und des Todes. Es gelingt dem Autor diese zeitlosen literarischen Themen in eine spannende Form zu „verpacken“, in klare, lebendige Geschichten, die die Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln vermögen. Huberath ist mehr als nur ein Fantasyautor - er ist vor allen Dingen ein ausgezeichneter Erzähler.

-Robert Ostaszewski.

AUSZUG

Snorgs Augen wurden von einem gleißenden Licht geblendet. Einen Moment lang war er außerstande seinen Blick zu fokussieren. Dann wurde ihm bewusst, dass er sich nicht mehr im „Zimmer“ befand. Er lag auf irgendetwas Hartem, in einem Raum, der ihm riesig vorkam. Er fühlte sich einsam, keiner seiner Mitbewohner war bei ihm. Am anderen Ende des Raumes saß ein ihm unbekannter Mann. Er schien ihm ungewöhnlich alt zu sein, dabei war er lediglich älter als die, mit denen er bis dahin verkehrt hatte. Der Mann bemerkte, dass Snorg aufgewacht war, und kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.
- Mein Name ist Bablyoyannis Knoboblou - sagte er.
Snorg raffte sich langsam, mit einiger Willensanstrengung, von seinem Bett auf.
- Ich gratuliere Ihnen, Snorg. Von heute an sind Sie ein Mensch. Sie waren der Beste ... - diesmal gelang es Snorg die rechte Hand des Mannes zu ergreifen. Er wollte unbedingt wissen, wie sich diese Hand anfühlte.
- Ich habe hier ein Gutachten des Informationszentrums - der Mann nahm einige Papiere von seinem Schreibpult - sowie den positiven Entscheid einer aus Menschen zusammengesetzten Kommission. Sie erhalten einen Personalausweis und können sich einen Namen wählen.
- Wwas ...? - stammelte Snorg schließlich heraus.
Der Mann machte den Eindruck eines wohl meinenden Beamten, der eine zwar angenehme, doch auch alltägliche Pflicht erfüllte.
- Ich habe mir Ihre Ergebnisse angesehen. - Bablyoyannis starrte noch immer auf die Papiere in seiner Hand. - 132 Punkte ... Nicht übel ... Ich selbst hatte damals 154 ... - brüstete er sich. - Dieser Piecky kam ihnen gefährlich nah mit seinen 126 Punkten, aber ohne Gliedmaßen und Fortpflanzungsorgane ... So etwas lässt sich nur sehr schwer allein mit Intelligenz wettmachen. Ist aber doch besser so, dass jemand mit ihrer Statur ausgewählt wurde, und nicht irgend so ein Krüppel ...
„Am liebsten würde ich dir deine arrogante Fresse einschlagen, du Mistkerl“, dachte Snorg.
- Piecky ist mein Freund - sagte er und spürte einmal mehr, wie sein Kiefer taub wurde.
- Es ist besser keine Freunde zu haben, bevor man ein Mensch wird - bemerkte Bablyoyannis. - Würden Sie gerne ihre Ergebnisse wissen? Moosy: 84, Tib: 72, Dulf: 30 … Die anderen gegen null: die Dagse: jeder 18, und dieser Sack von Tavegner: 12. - beantwortete er seine eigene Frage.
Snorg hörte die Verachtung in Bablyoyannis’ Stimme und spürte einen zunehmenden Hass auf diesen Mann. Es schien ihm, als könnte er ihn sogar töten.
- Was wird jetzt aus mir? - fragte er. Der Krampf in seinem Kiefer wollte nicht nachlassen.
- Als Mensch haben Sie die Freiheit selbst zu entscheiden. Sie werden ein geregeltes Leben innerhalb der Gesellschaft beginnen. Eine kurze Umschulung. Und dann können sie sich weiter fortbilden oder eine Arbeit aufnehmen. Von heute an verfügen Sie über einen Kredit in Höhe von 400 Geld, der jedem Mensch Gewordenen zusteht. Ich persönlich würde ihnen jedoch raten von einer kosmetischen Operation abzusehen, solange Sie noch keine festen Einkünfte haben. Ohren sind schließlich nicht das Wichtigste ... - er warf Snorg einen vielsagenden Blick zu. - Später können sie sich auch etwas Besseres leisten. Die Auswahl ist stets groß.
Snorg spürte, wie ihm kalter Schweiß über den Nacken lief: Im Geiste sah er Tib vor sich.
- Was wird jetzt aus den anderen ...? - brachte er schließlich hervor.
- Ach ja ... Sie haben ein Recht das zu erfahren. - Bablyoyannis wurde ungeduldig. - Es werden immer viel mehr Individuen geboren als hinterher zu Menschen werden. Die Übrigen werden zu Transplantationszwecken verwendet. Es gibt immer ein paar gute Ohren ... Augen ... Lebern ... Obwohl manche von ihnen sich nicht einmal dazu eignen. Aus einem wie Tavegner sind wahrscheinlich nichts als Gewebekulturen herauszuholen.
- Das ist unmenschlich - entfuhr es Snorgs zusammengepressten Lippen.
- Wie, unmenschlich?! - Bablyoyannis wurde rot vor Zorn. - Den Krieg zu beginnen, das war unmenschlich. Gegenwärtig werden einhundert Prozent der Bevölkerung körperlich behindert und 75 Prozent geistig behindert geboren. Und das ausschließlich mittels künstlicher Befruchtung. Wenn sie also jemandem Vorhaltungen machen wollen, dann bitte unseren Vorvätern.
Da Snorg offenbar wenig überzeugt schien, setzte Bablyoyannis seine Ausführungen fort.
- Die Geburtenzahl wurde maximiert um die Wahrscheinlichkeit der Entstehung von halbwegs normalen Individuen zu erhöhen - er sah Snorg prüfend an. - Und die anderen ... Dies ist der billigste Weg zur Gewinnung von Organen. Schließlich sind auch die Ausgewählten keineswegs völlig normal, nicht wahr, Snorg ...? Ich arbeite bereits seit sieben Jahren in dieser Branche - führte Bablyoyannis weiter aus - und ich bin überzeugt davon, dass dieser Weg der einzig Richtige ist.
- Sie sind auch nicht fehlerlos. Sie ziehen ihr linkes Bein nach und Ihr Gesicht ist anscheinend teilweise gelähmt, Bablyoyannis.
- Ich weiß, dass man es sieht - sein Gegenüber war auf eine solche Bemerkung gefasst gewesen - aber ich arbeite fleißig und habe mir schon fast einen ganzen Arm zusammengespart ... für eine Transplantation.


Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau.