CAFÉ SZAFÉ

Literatur ist die Kunst des Erzählens – behauptet Łukasz Dębski, und er beweist die Richtigkeit seiner These mit der vielstimmigen Geschichte des Café Szafé, das dem Krakauer Autor als Zentrum der von ihm geschilderten Ereignisse dient. Das Lokal wird von etlichen exzentrischen Gästen besucht, die bei einer Tasse Kaffee und einem Gläschen Alkohol Geschichten erzählen, die im Grenzbereich zwischen Realität und Fantasie angesiedelt sind. Sie stellen sich besser dar, als sie in Wirklichkeit sind, schmücken aus oder schwindeln manchmal einfach. Dębskis Buch lässt unweigerlich an das Genre des Kneipengesprächs denken, das so charakteristisch für die tschechische Prosa ist und das in Jaroslav Hašeks Abenteuern des braven Soldaten Schwejk und in Bohumil Hrabals Imbissstube „Die Welt“ zur Meisterschaft getrieben wurde.
Der wenig umfangreiche Roman Café Szafé setzt sich aus zahlreichen Miniaturen, Sittenbildern und Dialogen zusammen, die durch die Person des Erzählers – eines der Besitzer des Cafés – zu einem großen Ganzen zusammengeführt werden. Er ist es, dem sich die Stammgäste des Lokals wie Beichtende anvertrauen, bei dem sie Verständnis für ihr Handeln suchen. Gemeinsam erschaffen sie die Magie dieses Ortes, denn sie sind es, die ihn ausmachen, der Kaffee, der Jazz und all die anderen Genussmittel sind lediglich seine Requisiten. Wichtige zwar, doch nicht die Wichtigsten.
Die Helden Łukasz Dębskis sind einsame Menschen. Das Café Szafé wird zu ihrem Zuhause, hier schließen sie ihre Bekanntschaften und Freundschaften, hier debattieren sie mit der gleichen Inbrunst über die großen Fragen dieser Welt und über die belanglosesten Kleinigkeiten. Und es ist kein Zufall, dass auch Sławomir Mrożek auf den Seiten dieses Buchs erscheint – schließlich sind sämtliche Figuren Łukasz Dębskis – der Herr Astronom, der Herr Abschnittsbevollmächtigte, der Herr Karol, der Herr Oberarzt und Łucjusz – ganz unverkennbar Kinder Mrożeks.

-Krzysztof Masłoń.

AUSZUG

Um Mitternacht bat der Hausherr seine Gäste in den Hauptverkaufsraum, wo er ihnen eine kleine, improvisierte Aufführung versprach. Im Salon wartete bereits in einem arabischen Kostüm Herrn Karols Assistentin; schließlich sind jene Improvisationen die gelungensten, die bereits im Voraus geplant wurden. Jene arabische Assistentin, die den altarabischen Namen Monika trug (und privat eine Kosmetikschule besuchte), leitete auf spektakuläre Weise, indem sie einen Bauchtanz zu orientalischen Rhythmen und mit Räucherstäbchen im Hintergrund vollführte, die Präsentation eines kostbaren Halwai-Teppichs (350 Knoten pro Zoll). Welch ein ironisches Spiel des Schicksals, dass dieses schöne und kostbare Objekt den Herrn Karol, anstatt ihn zu den Hochebenen finanzieller Unabhängigkeit zu führen, in den tiefsten Schlund hoffnungsloser Verschuldung stieß. Doch es ist nichts so schlecht, das es nicht auch sein Gutes hätte, war es doch durch diesen Teppich immerhin zu einem solch netten Zusammentreffen gekommen, und weitere Annehmlichkeiten sollten erst noch folgen.
Die Gäste sperrten ihre Münder mit dem gebührenden Respekt auf und schickten sich an die kostbaren Fäden zu berühren, die Assistentin wand sich im Tanze, als hätte sie seit ihrer Geburt in Teheran gelebt, und Herr Karol begann zu erzählen, wie poetisch alles angefangen, wie dramatisch es sich entwickelt und wie prosaisch es geendet hatte. Er hätte so sicher noch die ganze Nacht hindurch erzählt, die anwesenden Herren in Staunen und die nach internationalen Abenteuern dürstenden Damen in fiebrige Erregung versetzt, wäre nicht etwas so Unerwartetes und dabei doch in all seiner Regelmäßigkeit so dermaßen auf den Sack Gehendes eingetreten, etwas, das bereits mehr als eine vielversprechend verlaufende Party in ihrem vielversprechenden Verlauf gestört hatte - es gab nämlich keinen Wodka mehr. Organisator des Festes war der Herr Karol, und somit oblagen ihm auch die Pflichten des Quartiermeisters. Seine Freunde (zum Glück erwiesen sie sich auch bei dieser Gelegenheit als solche) wollten ihn nicht allein hinaus in die Nacht lassen, woraufhin der Gastgeber eine äußerst interessante Fortsetzung der Feierlichkeiten anregte. Und zwar war ihm die Idee gekommen, man könnte doch die warme Juninacht ausnutzen, einige zusätzliche Destillate organisieren und gemeinsam mit der ganzen Gesellschaft auf die Błonia umziehen. Die Gesellschaft applaudierte, denn dort würde man lauter singen und den Duft frischen, gerade erst geschnittenen Grases atmen können, und vielleicht würde man ja - wie zu Jugendzeiten - Gelegenheit finden nackt über dieses Gras zu tollen.
Herr Karol hatte darüber hinaus entschieden, seinen kostbaren Teppich auf die Błonia mitzunehmen, damit man etwas habe, worauf man sitzen könne, wobei er an die Rheumatiker unter seinen Gästen ebenso dachte wie an einige mit überaus sensiblen Hinterteilen ausgestattete Damen, denen das Sitzen auf dem nackten Rasen leicht auf die Nieren schlagen konnte. Vier der Festteilnehmer nahmen also die eingerollte Antiquität wie einen Sarg auf ihre Schultern um gemeinsam mit den anderen hinaus in die dunkle Nacht zu ziehen, zunächst zur Auffrischung der Vorräte und anschließend zu einem spät abendlichen Picknick auf den Błonia.

* * *

- Am nächsten Morgen zersprang mir vor Schmerz fast der Schädel - sagte der Herr Karol.
- Kein Wunder - räumte ich ein. - Nach einem solchen Bacchanal ...
- Dies war vielleicht tatsächlich kein Wunder, das Wunder sollte sich erst noch zutragen ... Wissen Sie, welches Datum wir gerade hatten?
- Woher soll ich denn das wissen? - erwiderte ich ungehalten über die unsinnige Unterbrechung einer solch interessanten Geschichte.
- Es war, mein Bester, genau der 8. Juni 1997, und gleich werden Sie erfahren, warum ich mich so genau an dieses Datum erinnere. Es war nämlich weniger der Schmerz in meinem Schädel, der mich weckte, als vielmehr ein eigentümliches Lärmen, ein Sprechen und Singen. Obgleich es bereits hell war, gemahnte ich meine Kumpane entschieden zur Ruhe, zugegeben, vielleicht auf eine etwas ordinäre Weise, doch niemand antwortete, es stellte sich nämlich heraus, dass sie überhaupt nicht mehr da waren, stattdessen rüttelte mich ein Fremder an der Schulter mit den Worten: „Steh auf, Bruder, gleich kommt der Vater“.
Ich wunderte mich, dass jemand, der in meinem Alter war, mir mit meinem Vater drohte, der mich im Übrigen schon lange nicht mehr wegen meines Trinkens schlug, also erhob ich mich auf die Knie, rieb mir die verschlafenen Augen und setzte meine Brille auf. Meine Gefährten waren längst nicht mehr da, und ich kniete auf meinem Teppich inmitten der Błonia, wie vom Donner gerührt, denn vor mir erblickte ich einen Priester, erblickte viele Priester, Dutzende von Nonnen und eine Menge anderer Leute.
Es kommt oft vor, mein Bester, dass ich mich beim Aufwachen einer größeren Anzahl von Leuten gegenübersehe als beim Schlafengehen, aber das?! Das war denn doch des Guten zu viel. Woher kamen all diese Menschen? Sie werden mir nicht glauben, was geschehen war: Nach einer Party von geradezu apokalyptischen Ausmaßen war ich auf meinem kostbaren Perserteppich inmitten der Krakauer Błonia am 8. Juni 1997 erwacht, direkt vor dem Alter des Heiligen Vaters, der in wenigen Augenblicken die Messe zur Heiligsprechung der seligen Jadwiga, der einstigen polnischen Königin, beginnen sollte.
All diese Menschen, Pilger aus dem ganzen Land, waren im Laufe der Nacht zusammengekommen, manche auch erst am Morgen, bis schließlich um zehn Uhr, als der Papst die heilige Messe beginnen sollte, auf die das polnische Volk beinah sechshundert Jahre gewartet hatte, mit mir zusammen fast eineinhalb Millionen Menschen versammelt waren.
So befand ich mich also unter all diesen Menschen, kniete auf meinem Teppich inmitten eineinhalb Millionen von Gläubigen und ehe ich noch recht begriff, was geschah, hatte mir eine der Nonnen bereits einen Stuhl gereicht, wohl in der Annahme, jemand, der einen Platz so nah beim Altar und dazu noch einen eigenen Teppich habe, müsse wohl irgendein hohes Tier sein, das nur aufgrund eines schändlichen Versäumnisses vonseiten der Organisatoren ohne Sitzgelegenheit geblieben sein konnte. Ich tat nichts um sie von diesem Irrtum zu befreien.
Die ganze Zeit über saß ich allein, dreißig Meter vom Papst entfernt, und fühlte mich, als spräche er ausschließlich zu mir und für mich, als wisse er über alles Bescheid, über meine Entgleisungen und Niederträchtigkeiten, über die Dutzende von Kindern, die nichts von meiner Existenz wussten, über mein falsches Spiel mit dem Finanzminister, über die Laster, denen ich erlegen war, und über die Frauen, die ihrerseits mir erlegen waren. Als der Gottesdienst schließlich auf sein Finale zusteuerte, buchstäblich im letzten Augenblick, kniff ich die Augen zusammen und betrachtete Papst Johannes Paul II. ein wenig genauer, kniff die Augen noch fester zusammen, und plötzlich wurde mir so heiß wie nie zuvor und wie nie wieder hinterher, denn ich war zu der Überzeugung gelangt (und ich weiß, wovon ich rede), dass Papst Johannes Paul II. auf genau dem gleichen Teppich wie dem meinen stand, auf einem kaskadengleich die Treppe herabfallenden alten Perserteppich aus dem jahrhundertealten Familienbetrieb von Halwai in der Region Bidjar. Es war dies möglich und unmöglich zugleich. Ich erkannte die charakteristischen Knoten (über 350 pro Zoll), den elfenbeinfarbenen Hintergrund, das Medaillon und das Herat-Motiv. Ich weiß nicht, ob der verkonsumierte Alkohol oder die tief über dem Altar stehende Sonne daran schuld war, oder vielleicht auch beide zusammen, doch ich dachte mir, dass dies kein Zufall sein konnte, denn es waren doch zu viele Zufälligkeiten auf einmal, dass dies von langer Hand geplant sein musste: mein Handel mit Teppichen, der namenlose Cousin, der russische Oberst ... ach was, der gesamte Abzug von Hunderttausenden russischer Soldaten aus dem Gebiet der ehemaligen DDR war möglicherweise nur unter dem Aspekt meiner Bekehrung durchgeführt worden.
Oh ja, mein Bester, Gott existiert, und ich verrate Ihnen noch mehr: wenn Johannes Paul II. tatsächlich auf einem solchen Teppich stand wie dem meinem, dann gibt es eine große, eine sehr große Wahrscheinlichkeit, dass unser allmächtiger Herrgott ebenfalls einen solchen Teppich besitzt, soll heißen, wir haben alle drei die gleichen Teppiche, und das ist weitaus mehr als ein Zeichen, mein Bester, das ist ein echtes Wunder.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau.