BEGRÄBNISSE

Gegenwärtig schreiben polnische Autoren selten über die jüngste Geschichte und kehren nur ungern zu Traumata der Vergangenheit zurück, Autoren der jüngeren Generation rühren fast gar nicht an dem Thema. Eine Ausnahme ist Tomasz Białkowski, der im Kleinstverlag „Portret” publiziert. In seinem Roman Begräbnisse erzählt er die Geschichte eines heute lebenden jungen Mannes – ein wenig Idealist, ein wenig Naivling –, der sich mit der polnischen Geschichte eng verwobenen Familienmythen ausgesetzt sieht. Der Großvater, den der Protagonist für einen kompromisslosen, fast schon wahnwitzig mutigen Oppositionellen hielt, der das Regime der VR Polen bekämpfte, erweist sich als Schwächling, Dieb, Schwadroneur und Saufkumpan, dem seine ständigen Amouren weit mehr am Herzen lagen als das Schicksal des Vaterlands. Je tiefer der Enkel die Familiengeschichte vordringt, um so mehr gelangt er zur Überzeugung, dass sie ein unentwirrbares Knäuel von Lügen, Halbwahrheiten und Wahrheiten darstellt. Begräbnisse ist eine Geschichte über die Geschichtsklitterung, die Schaffung verlogener Mythen zu privaten wie zu gesellschaftlichen Zwecken, Lügen, die zur einzigen Gegenwehr gegen die Welt werden, menschliche Schwächen, die in den nächsten Generationen Böses auslösen. Und letztlich über die Probleme des Umgangs mit den Traumata der Vergangenheit, die den Protagonisten in der Gegenwart nur schwer heimisch werden lassen. Denn im Grunde kämpft Białkowskis Hauptfigur um eine gewöhnliche und normale Gegenwart, eine, auf die kein vergangenes Geschehen dunkle Schatten wirft. Der Autor der Begräbnisse schrieb einen bitteren und zutiefst ehrlichen Roman – zu einem solchen Mut finden polnische Autoren nur selten.

Robert Ostaszewski