DER SCHATTEN NACH DEM TAG. EIN AUTOBIOGRAFISCHER ROMAN

Filip Bajons Der Schatten nach dem Tag ist keine Autobiografie, dies betont der Autor bereits im Untertitel, in dem er das Buch als einen „autobiografischen Roman" bezeichnet. Die Annahme liegt nahe, dass Bajon diese Formulierung wählte um gewisse Personen, die auf den Seiten dieses Buches auftauchen, nicht vor den Kopf zu stoßen. Der Schatten nach dem Tag ist nämlich ein Buch, das ebenso gut zur Sachliteratur wie zur künstlerischen Prosa gezählt werden kann, in seinem Falle von Belletristik zu sprechen wäre ein schwerer Missbrauch dieses Wortes.Es ist ein Buch über eine Reise, in dem Sinne, den Intellektuelle – als Teilnehmer einer geistigen Wanderschaft - diesem Wort zuschreiben, doch auch im Sinne von all den Touristen, die in Reisebüros auf besonders attraktive Last-Minute-Angebote warten. Bajon erzählt uns von Amerika und Russland, von England und Albanien, von der Türkei und Rumänien, von Bulgarien und Finnland, doch er beginnt seine Schilderung mit einer Reise, die er in seiner Kindheit gemeinsam mit einigen gleichaltrigen Jungen unternahm und die vielleicht die wichtigste Reise seines Lebens war: die Suche nach einem vermeintlichen Geheimgang zwischen der Posener Zitadelle und der Kanzlei Adolf Hitlers.Der Schatten nach dem Tag ist eine Künstlerbiografie, die Biografie eines Kindes der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aufgewachsen in einer spezifisch bürgerlichen Atmosphäre, einer europäischen Solidität, die sich einem Ansturm aus dem Osten ausgesetzt sah, nicht nur in Gestalt der Soldaten einer als feindlich empfundenen Armee, sondern auch der Ansiedler, Repatrianten aus den von der Sowjetunion annektierten Gebieten. Eines „Asien“, wie man es in Großpolen lapidar bezeichnete, das erst Jahre später sein interessantes, multikulturelles Gesicht zeigen sollte. Zu Beginn war es lediglich eine Bedrohung.Es ist die Geschichte eines Rebellen: gegen die kommunistische Unterdrückung, die Monotonie des alltäglichen Dahinvegetierens und die Perspektivlosigkeit. Gegen die staatliche Rationierung der Reisefreiheit mittels der Erteilung respektive Nichterteilung von Reisepässen. Es ist nicht verwunderlich, dass Filip Bajon seinen ersten Aufenthalt im Westen um einiges in die Länge zog. Und da er direkt im Epizentrum der gesellschaftlichen Revolution im London der 60er-Jahre landete, waren seine Erfahrungen typisch für die Generation der Blumenkinder.Der Schatten nach dem Tag ist die Geschichte eines empfindsamen Menschen, eines Vollblutkünstlers, für den das Leben und die Kunst eine Einheit bilden. Und da er das Glück hatte zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten aus der Welt der Kunst, der Literatur und des Films kennen zu lernen, sprüht seine „autobiografische Biografie“ geradezu vor Anekdoten, die ja das „Salz“ dieser Art von Literatur sind. Nennen wir sie ruhig Reiseliteratur.Krzysztof MasłońFilip Bajon (geb. 1947) - Filmregisseur, Drehbuchautor und Prosaschriftsteller. Autor vieler bedeutender Filme, u. a. Der Konsul [Limuzyna Daimler Benz] (1981), Chronik einer Fürstenfamilie [Magnat] (1986), Posen '56 [Poznan '56] (1996), Vorfrühling [Przedwiośnie] (2001). Sein Debüt als Prosaschriftsteller gab er 1971 mit dem Roman Eisbären mögen kein sommerliches Wetter [Białe niedźwiedzie nie lubią słonecznej pogody].

AUSZUG

So begab ich mich also, nachdem ich eine lange Reihe von Erniedrigungen erlitten hatte, zu Beginn eines äußerst frostigen Februars nach Finnland um Wälder zu roden. Ich wusste, dass man für das Roden von Wäldern gut bezahlt wurde und suchte eine gut bezahlte Arbeit. Zwei Tage später fand ich mich in Helsinki wieder, wo es keinen Wald zum Roden gab. Ganz Finnland ist zu 90 Prozent von Wald bedeckt, und dennoch fiel es mir äußerst schwer einen Wald zum Roden zu finden. Meine Besuche bei verschiedenen Holzhandelsfirmen verliefen im Sand. Ich besaß keine Arbeitserlaubnis. Eines Tages während eines Empfangs bei einem finnischen Architekten – und man muss wissen, dass finnische Architekten damals die absolute Elite ihres Landes darstellten – kam die Rede auf meine Probleme bei der Suche nach einer Waldrodung. Um das Niveau der Diskussion nicht zu senken sagte ich nicht, dass es mir lediglich um den schnöden Mammon, soll heißen um die Kohle, ging, sondern gab der Angelegenheit einen künstlerischen Anstrich, sagte also, ich würde gerne einen Monat lang mit finnischen Holzfällern zusammenarbeiten um anschließend einen Film über sie zu machen. Eine teilnehmende Beobachtung gewissermaßen. Ich wusste nicht, dass finnische Architekten derart hilfsbereite Menschen sind und eine solche Liebe zum Film haben. Mein Architekt hatte einen Freund, der persönlicher Berater von Präsident Kekkonen war und vom Telefon des Präsidenten aus den Präsidenten Kareliens anrief und ihn bat, er möge alles daransetzen einem jungen, viel versprechenden Regisseur aus Polen bei seiner Suche nach einer Waldrodung zu helfen.
Als ich die karelische Hauptstadt erreichte, wartete auf dem Bahnhof von Joensuu bereits ein hochrangiger Vertreter der Holz verarbeitenden Industrie dieser Provinz. Er nahm mir meinen Koffer ab und trug ihn zum Auto. Dann fuhren wir zu einem großen Bürogebäude, wo mich der Direktor der gesamten Holz verarbeitenden Industrie Kareliens empfing und mit der Problematik vertraut machte. Er redete eine Stunde lang in gar nicht einmal schlechtem Englisch. Nachdem ich einen Einblick in die Probleme der Verarbeitung der Holzmasse und des Exports von Holzwerkstoffen nach ganz Europa gewonnen und den besonderen Charakter der Handelskontakte mit Polen, des Baratthandels von Holz gegen Kohle, erfasst hatte, verkündete der Direktor, der Hubschrauber warte bereits auf uns. Wir stiegen vom Hof des Konzerns empor und flogen zu einer Besichtigung der gerodeten Waldgebiete stattfanden. Zwei Stunden lang flogen wir so über Wälder, die sich für mein Auge glichen wie ein Holzklotz dem anderen, doch der Direktor erklärte mir die Unterschiede zwischen den einzelnen Baumkulturen, sprach vom schonenden Umgang mit den Holzressourcen und der Wiederaufforstung der gerodeten Flächen. Er erklärte und sah mir dann tief in die Augen um zu sehen, ob ich auch alles verinnerlichte. Ich dachte mir, dass man so eigentlich keine polnischen Gastarbeiter empfängt. Und ich dachte mir, dass eine Arbeitsvermittlung durch den Präsidenten des Landes, in dem man schwarz arbeiten möchte, eine gewisse Übertreibung beinhaltet.
Später aßen der Direktor und ich zu Mittag, dazu tranken wir einen polnischen Wodka, den ich ihm mitgebracht hatte, denn polnischer Wodka besitzt in Finnland einen guten Ruf, dann erhielt ich eine Menge Prospekte und Broschüren. Anschließend setzte man mich in ein Auto, dass von demselben Beamten gefahren wurde, der mich vom Bahnhof abgeholt hatte. Man erklärte mir, dass ich nun zur Rodung fahren würde, wo ich, wie ich es gewünscht hatte, einen Monat lang mit den hiesigen Holzfällern verbringen sollte um mit ihnen zu arbeiten und ihr Leben kennen zu lernen. Nach einer Stunde verließen wir die Hauptstraße und fuhren über Waldwege, die immer schmaler und schmaler wurden, bis wir zum Schluss ein einsam im Wald stehendes Gehöft erreichten, in dem ich die folgenden vier Wochen verbringen sollte. Im Inneren des Hauses erwarteten mich ein hinkender alter Mann und eine Frau mit einem Hufabdruck auf der Stirn. Ich blickte auf das Thermometer. Draußen waren es vierundvierzig Grad unter null.
Der Beamte sprach ein paar Worte mit dem alten Mann, dann klopfte er mir auf die Schulter, drückte mir die Hand und verschwand. Eine Stunde darauf erschienen drei Holzfäller mit Sandvik-Motorsägen und Schutzhelmen auf dem Kopf. Sie kehrten gerade von der Rodung zurück und machten sich ans Abendessen. Niemand sprach hier etwas anderes als Finnisch, und diese Sprache ist mit nichts anderem vergleichbar. Sogar „Zentrum“ heißt auf Finnisch „Keskus“. Die Hausbewohner kümmerten sich nicht darum, dass ich nichts verstand, von Zeit zu Zeit, eher sporadisch, wie Finnen halt, sprachen sie mich einfach an. Das Abendessen half mir zu verstehen, warum es in Finnland die meisten Herzinfarkte in Europa gibt. Warum es dort auch die meisten Selbstmorde gibt, verstand ich später, als ich für mehrere Monate im Jahr in Finnland als Dozent tätig war. Fürs Erste hatten die Holzfäller einen Topf auf den Tisch gestellt, einen für alle, der bis zum Rand mit ausgelassenem Fett gefüllt war und in dem, Walfischen gleich, fette Speckstücke umhertrieben. Diese entnahm man mit einem großen Holzlöffel, tunkte sein Brot in das Fett und schlang all das mit einem Schluck saurer Milch herunter. Zum Nachtisch gab es Orangen und Schokolade. Es heißt, regelmäßiges Essen sei die Grundlage für eine gute Gesundheit. Also musste ich wohl gesund sein, wo ich mich doch die folgenden dreißig Tage über von ebenjenen in einem Meer von Fett schwimmenden dicken Speckstücken ernährte. Als ich viele Jahre später in einem polnischen Gasthaus mit regionaler Küche einen Holzfällerteller bestellte und ein Schmalzbrot, eine saure Gurke und eine Art Boeuf Stroganoff zum Eintunken serviert bekam, dachte ich bei mir, dass die regionale Küche überaus sanft mit ihren Holzfällern umging.
Am Morgen fuhren wir zur Rodung. Es waren vierzig Grad unter null und die Spucke gefror an der Luft. Früher einmal war Jack London mein Lieblingsschriftsteller gewesen und seine Abenteuer in Dawson am zugefrorenen Yukon hatte ich auswendig hersagen können. Eine in Jugendjahren sorgfältig ausgewählte Lektüre hilft einem auch im späteren Leben weiter. Sie ermöglicht es einem die vor langer Zeit erlesenen literarischen Klischees an das Erlebte anzulegen und sich so in der neuen Umwelt ein wenig mehr zu Hause zu fühlen. Wie ich also mit meiner gelben Sandvik auf den ersten Baum zuschritt, den ich fällen sollte, folgten mir all jene Helden des Yukon mit Smoke Bellew an ihrer Spitze und sprachen mir Mut zu. Zuvor hatte ich geübt, wie man die Motorsäge mithilfe der Anlasserleine in Gang setzte, hatte gelernt den Benzinstand im Tank der Motorsäge abzulesen und den Augenschutz während des Sägens herunterzuschieben. Später bemerkte ich, dass einige der Holzfäller den Augenschutz nicht herunterschoben, was ich für eine ziemliche Angeberei hielt. Anscheinend zu Recht. Zwei Wochen später riss ein Holzsplitter einem der Angeber ein Auge aus.
Ich näherte mich dem ersten Baum, den ich fällen sollte, und grämte mich ob seiner Größe, seiner Pracht und seiner Majestät, die ich kurz darauf zu Boden strecken sollte um seinen Weg vom nackten Stamm zum Streichholz einzuleiten. Er hatte hier Jahrzehnte lang unbewegt dagestanden, sich unter dem Druck der sibirischen Winde gebeugt, sich in der kurzen Sonne des polaren Sommers gewärmt, sich mit seinen mächtigen Wurzeln in der dünnen Schicht Erde, die den steinigen Untergrund bedeckte, verankert, hatte Vögeln Rast, Insekten Schutz und den Waldflechten ein Zuhause gegeben. Ich blickte hoch zur Krone dieser Jahrzehnte alten Kiefer und war bezaubert von ihrer einzigartigen Form, denn jeder Baum ist ja dadurch etwas Besonderes, dass er eine einzigartige Form hat und man nie im Leben zweimal dem Gleichen begegnet, und genau das ist das größte Geheimnis der Bäume und der Grund meiner Faszination für sie. Ich kann lange Zeit einen einzelnen Baum betrachten und habe dabei das Gefühl einer einheitlichen und abgeschlossenen Erfahrung, denn selbst wenn ich irgendwann einmal an diesen Ort zurückkehren sollte, werde ich einen völlig anderen Baum vor mir sehen, und diese Wandelbarkeit der Form und ihre unwiederbringliche Schönheit nötigen einem Respekt ab, wo es doch unter den Menschen so viel Selbstwiederholung, Mimikry und Gleichartigkeit gibt.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau