SCHLECHTERE NEUE WELT

Cezary Michalskis "Schlechtere Welten" ist eine Sammlung von sechs Erzählungen. Ihre Handlung spielt - nacheinander - in den vierziger, fünfziger und zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts an realen und fiktiven Orten unserer Welt: in Deutschland, in Sussenland, im Irak und in Polen. Diese verschiedenen Orte und Zeiten lassen sich jedoch zu einer - wenn auch rückwärts erzählten - Geschichte über die schlechteren Welten verbinden.
Ihr wichtigstes Merkmal ist die Alternativlosigkeit: was die Helden auch tun, was sie auch in ihrer Wirklichkeit zu verändern suchen, ihr Wunsch nach Veränderung erweist sich als „bereits erfüllt“. Wenn auch auf eine perfide Art und Weise.
Es ist eine Welt, die auf dem Privateigentum gründet, doch von den Großkonzernen so weit untergraben ist, dass das Eigentum längst nicht mehr privat ist. Eine Welt, die von den großen Firmen in Einflussbereiche aufgeteilt worden ist und die alles produzieren kann: Träume und ihre Erfüllung, Konsumenten und Konsumgegner, Befürworter und Kritiker, Beamte und Verräter. Die daraus hervorgehende, in hohem Maße von der Technologie abhängige Herrschaft hat einen globalen, soll heißen totalen Charakter angenommen. Sie verwaltet die gesellschaftliche Ruhe ebenso wie den gesellschaftlichen Widerstand. Dabei hat sie sich so sehr den allgemeinen - demokratischen, liberalen, marktwirtschaftlichen - Vorstellungen angenähert, dass sie längst unsichtbar geworden ist.
In dieser Welt haben die Medien eine im bedrohlichen Sinne vollständige Unabhängigkeit erlangt. Sie instrumentalisieren die gesellschaftliche Forderung nach „vollständiger Aufklärung“ (bis hin zur Verletzung des Beichtgeheimnisses) zur Konzentration einer Macht, die größer ist als die der Politiker. Auf diese Weise werden die Massenmedien - ähnlich wie das Kapital - zu undurchsichtigen, totalitären Strukturen, die das gesellschaftliche Leben in ein Spektakel und das Spektakel in eine fortwährende Manipulation verwandeln.
In dieser Welt gibt es keine andere Vorsehung, als die Genetik, die die einstigen Götter verdrängt hat und nun ihre Urteile spricht. Es gibt auch keine Geschichte mehr, sondern nur noch das Spiel mit virtuellen historischen Szenarien. Die Menschen sparen sich ihre Tapferkeit, ihren Edelmut und ihre Rechtschaffenheit für die Computerspiele auf, während sie im realen Leben dem „Prinzip der Wirklichkeit“ absoluten Gehorsam leisten.
In diesen Welten kann niemand nach Freiheit dürsten, denn die Freiheit ist bereits per Doktrin garantiert. Die Zensur ist längst aufgehoben, all das, worüber nicht berichtet wird, ist - angeblich - für das Publikum nicht von Interesse. Die Kunst betäubt ihre Rezipienten mit billigen Geschichten vom Glück oder bedient sich der Parodie - der letzten ihr verbliebenen Waffe. Doch der Hohn der Postmoderne über die vorhandenen Texte unterstreicht nur ihre Alternativlosigkeit.
Der einzige Widerstand, der sich nicht korrumpieren lässt, ist die Gnosis, die sich jedem Kontakt mit der Wirklichkeit verweigert. Doch eine Gnosis, die die Welt nicht einmal berühren will, kann auch keine wirkliche Alternative darstellen.
Man bemerkt leicht, dass Michalski über die Gegenwart schreibt. Denn obwohl er die Handlung seiner Werke in die Zukunft verlegt, sind die Probleme seiner Helden doch in höchstem Maße aktuell: die Unterminierung der Freiheit durch die Marktwirtschaft, der absolute Herrschaftsanspruch der Medien, das Sichauflösen der Geschichte. Somit kann Michalskis Erzählband der Social Fiction zugerechnet werden - einer Spielart der Prosa, die sich mit der Erschaffung alternativer gesellschaftlicher Welten beschäftigt. Die Social Fiction erzählt über mögliche andere Verläufe unserer Geschichte, über vergessene Alternativen und verdrängte Formen des gesellschaftlichen Lebens. Es ist eine Prosa, die nach den Wurzeln unserer Gegenwart fragt und nach den heute noch nicht absehbaren Folgen gegenwärtiger Entwicklungen.
Michalski ist raffiniert genug unserer Welt den Anschein des Zukünftigen zu geben. Dadurch gibt er uns die Gelegenheit einen genaueren Blick auf unsere Gegenwart zu werfen. Und uns die Frage nach sinnvollen Alternativen zu stellen.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Auf dem Weg hierher war ihm die ganze Sache ein wenig lächerlich vorgekommen. Eine freie Genetikerin war schließlich in etwa das, was man früher als Wahrsagerin bezeichnet hatte. Die Adresse in Kazimierz hatte er von seiner Freundin bekommen. Der Freund ihrer besten Freundin hatte sie bereits aufgesucht, nachdem er im Schullabor eine Einweisung ins Priesterseminar erhalten hatte. Der Besuch hatte sich gelohnt, die zweite Vision unterschied sich deutlich von der ersten. Die Soutane erwies sich plötzlich als Uniform, und der Freund würde Offizier des Wachdienstes werden. Selbstverständlich musste die Vision, die er bei der freien Genetikerin gehabt hatte, in einem Wiederholungstest bestätigt werden. In manchen Fällen führte die Schule solche Tests durch, man war schließlich eine offene Gesellschaft.
Schon die Verabredung am Telefon war mehr als peinlich gewesen. „Du weißt schon, dass die Ergebnisse meiner Tests keinerlei Gültigkeit haben ...“. Ja, sicher, jeder wusste das.
Später, als er bereits vor der Tür stand, wurde aus dem Gefühl der Lächerlichkeit ein Gefühl der Erniedrigung. Ein stinkendes Treppenhaus in einem der letzten kommunalen Wohnhäuser in Kazimierz. Alle anderen waren bereits privatisiert worden, befanden sich in den Händen der sieben Familien, die zu den oberen fünf Prozent zählten.
Die Existenz jener oberen fünf Prozent war zuerst in den USA beobachtet worden, später in England und Kanada und schließlich auch hier. Mit jeder neuen Generation, mit jedem neuen Jahrzehnt, wuchs die Kluft zwischen ihnen und den verbleibenden fünfundneunzig Prozent der Bevölkerung.
Die zweihundertjährige Ära demokratischer Illusionen hatte schließlich geendet, und niemandem war sonderlich an ihrem Fortbestand gelegen. Geld, Macht, die Schlüsselpositionen in den Medien, all das befand sich in den Händen der oberen fünf Prozent. Oder war wie hier den Kindern der sieben Familien vorbehalten.
Die anderen würden sie nicht mehr einholen können. Sie versuchten es nicht einmal, sondern blieben einfach da, wo sie waren. In einer Welt des per Dekret verordneten Fortschritts konnte man schließlich niemandem etwas wegnehmen - so etwas wäre gleichbedeutend mit Rezession und Krise gewesen.
In einer solchen Welt gehörte alles, was niemandem gehörte, der Allgemeinheit. Der Begriff „Allgemeinheit“ war ebenso wie der Begriff „Gesellschaft“ außer Mode gekommen. Die neue Weltordnung bestand ausschließlich aus Individuen. Allenfalls noch aus Familien, doch die waren schließlich nichts anderes als Emanationen des Individuums. Ihre Stärke oder Schwäche war von der Stärke oder Schwäche ihrer Begründer abhängig: ihrer Gründerväter und Gründermütter ...
„Die Kraft des Individuums liegt in seinen Lenden“. Ein biblischer Aphorismus oder weniger ein Aphorismus als vielmehr das Ergebnis einer langen Verhandlung. Eine sprachliche Hybride, mit deren Hilfe es noch vor einem halben Jahrhundert gelungen war die Reformierte Kirche mit der Idee des wissenschaftlichen Fortschritts zu versöhnen, der bei ihren Hierarchen bis dahin eine abergläubische Furcht ausgelöst hatte.
In einer solchen Sprache war das gesamte Konkordat verfasst, es war, als lese man das Editorial des „Scientist“ in der redigierten Fassung des Jahwisten oder umgekehrt, als lese man die Schöpfungsgeschichte in der redigierten Fassung eines Redakteurs des „Scientist“.
Die Kraft des Individuums lag tatsächlich in seinen Lenden, in der DNA, deswegen hing alles vom Ausgang des Tests ab. Die Eltern beteten für gute Ergebnisse ihrer Kinder. Oh ja, die zweihundertjährige Ära demokratischer Illusionen hatte ganz zweifellos geendet, und niemand wollte sich in dieser Frage mehr etwas vormachen. Jetzt kam dem Schicksal die zentrale Rolle zu. Und das Schicksal war erblich, genau wie der göttliche Segen. Hatte nicht zu eben diesem Zweck das Auserwählte Volk einst eine strikte Rassenselektion eingeführt, und hatte nicht aus eben diesem Grund jede geoffenbarte Religion eine Heilige Schrift hervorgebracht, die sich ausnahm wie ein Zuchtbuch für Rasserinder?
Der Mensch kann alles Mögliche anbeten, er ist ein gläubiges Wesen. Er vermag Gott sogar in einer Reihe von Zahlen zu erschauen, sogar im Ergebnis des Tests.
Es genügte bereits, dass die Ergebnisse des Tests grundsätzlich unanfechtbar waren - zumindest wurden 99,97 Prozent entsprechender Anträge abgewiesen - und schon war die Menschheit bereit ihn auf die ihr eigene Art anzubeten und ihm ihre Erstgeborenen zu opfern.
Alle früheren Herrschaftsformen verschmolzen zu einer einzigen Herrschaft unter dem Patronat der geheiligten Wissenschaft vom Menschen, der Genetik.
Doch jede menschliche Religion wird früher oder später von einigen harmlosen Häresien umrankt. Wenn Gott schon nicht korrumpierbar ist, kann man es ja zumindest mit seinen Kaplänen versuchen. Oder sich irgendeinen Zweitgott suchen, einen geringeren Gott oder doch wenigstens einen Dämon. Ja, auch ein Dämon ist eine Alternative, wenn unser Erstgott uns nichts mehr zu bieten hat oder doch allemal zu wenig.
Zur Not halt ein Dämon. Hauptsache, er hat irgendein Versprechen für uns in der Hinterhand.
Die Frage nach dem Ursprung der freien Genetikerinnen war einfach, geradezu gewöhnlich, war dieser doch ebenso offensichtlich wie das Geheimnis ihrer Popularität. Die meisten von ihnen waren ehemalige Schulgenetikerinnen, die vom Wachdienst bei einer Bestechung erwischt worden waren. Der hiesige Strafkodex war reichlich lax, sämtliche Attacken der Konservativen gegen eine solche Rechtsprechung waren erfolgreich abgewehrt worden. Als Trostpflaster hatte man ihnen ihre über alles geliebte „Berufung auf Gott“ gelassen, die in der Präambel der neuen Konstitution verankert wurde. Einer Konstitution, deren erstes Bürgerrecht und erste Bürgerpflicht der Test war. Man berief sich auf „Gott respektive die Natur, als Ursprung des Menschen, dessen Schicksal vollständig in seiner DNA festgeschrieben steht“.
Die Verbindlichkeit der Vollstreckung ist ohnehin wichtiger als ein hartes Strafmaß. Und die Vollstreckung der wissenschaftlichen Urteile war heute ebenso verbindlich wie ihre Gesetze.
Den ehemaligen Schulgenetikerinnen, die sich als unwürdig erwiesen hatten die Urteile der Wissenschaft zu vollstrecken, war es nun gestattet sich öffentlich zu korrumpieren. Sie durften Geschenke annehmen, doch die Ergebnisse der von ihnen durchgeführten Tests waren somit ohne jede administrative Gültigkeit.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau