DON JUAN NOCH EINMAL

Wenn es während eines Fußballspiels zu einer besonders komplizierten Szene kommt (War es nun Foul oder nicht? Soll der Schiedsrichter Elfmeter geben oder nicht?), zeigt die Regie das Geschehen in „der Wiederholung”. Dann sehen wir, ob der Schiedsrichter auf eine Schwalbe des Spielers hereinfiel. „Die Wiederholung” dient der Demystifikation einer Geschichte, die bei normalem Hinsehen unproblematisch scheint. Wenn man Andrzej Bart den Meister einer solchen Regie nennen darf, dann nicht deshalb, weil er Fußballspiele beschreibt, sondern deshalb, weil er bekannte und wichtige Geschichten „in der Wiederholung” erzählt.
In seinem neuesten Roman gehen wir zurück ins 16. Jahrhundert und werden Zeugen einer kuriosen Geschichte. Die spanische Königin Johanna, Tochter Ferdinands und Isabella von Kastiliens, wurde wahnsinnig. Die Herrscherin des mächtigsten Staatswesens im modernen Europa beschloss, die Tatsache ihrer Witwenschaft zu leugnen: Durch eine Finte gelangte sie in den Besitz der Leiche ihres frisch verstorbenen Gemahls und begab sich mit ihm auf eine Reise durch ganz Spanien.
Ihr folgen Gesandte verschiedener Mächte – jeder mit einer anderen Aufgabe. Der Vertraute Ferdinands soll die Königin dazu bewegen, auf die Krone zu verzichten und sich in die Obhut ihres Vaters zu begeben; der britische Delegierte will Johanna dazu überreden, König Heinrich VII. zu heiraten und so eine Superweltmacht zu begründen, die über Europa, Südamerika und halb Asien herrschen würde; der päpstliche Entstandte will, dass die Königin einsieht, dass sie eine Todsünde begeht, die unter den Gläubigen Anstoß erregt. Jede Mission erfordert eine andere Argumentation, ein anderes „Heranstehlen an die Königin”, ein anderes höfisch-intellektuelles Spiel.
In eines der Spiele wird Don Juan verwickelt… Wer sonst vermöchte einer Dame gegenüber so höfisch zu sein, wer sonst vermöchte sie wieder dem Leben zuzuwenden, ihre Gedanken auf die Liebe und die irdische Welt auszurichten.
Das Problem liegt darin, dass Don Juan keine zwanzig mehr ist: Er ist ein alternder Büßer, der sich für die Sünden seiner Jugend selbst bestrafte – er ging ins Kloster und pflegte als Mönch unheilbar Kranke…
Indessen verdichtete sich die Atmosphäre um Johanna: Philipps Tod stärkte unerwartet die Inquisition, schwächte das Papsttum, gab England die vage Chance auf die Vergrößerung des Dominium, eröffnete Spanien neue Perspektiven. Bald gerät alles außer Kontrolle…
Genau darauf beruht das revers angle in der Fassung Andrzej Barts: Er lässt die abgeschlossene Geschichte bis zum Moment der Unabgeschlossenheit zurücklaufen und erlaubt uns, hinter die Kulissen zu blicken. Dort sehen wir nicht nur das Räderwerk der Geschichte, nicht nur die Regisseure. Wir sehen auch ihre geheimen Beweggründe.
Im Laufe jenes absonderlichen Schauspiels erwartet uns hinter fast jeder Wegesbiegung eine Überraschung. Der Autor lässt uns weder glauben, dass nur nichtswürdige Kreaturen die Geschichte machen, er lässt uns auch nicht unreflektiert in die Vergangenheit eintauchen. Auf Schritt und Tritt erinnert er uns daran, von wessen Position aus wir lesen und in welcher Welt wir leben. Auf diese Weise scheint er zu sagen: Vielleicht haben wir keinen Einfluss auf die Vergangenheit, aber wir können zumindest über die Konsequenzen vergangener Zeiten nachsinnen. Schließlich sind wir die Erben jener Mächte.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Eben jene Bibliothek, deren Wände Bruder Alfons mit in Holz geschnitzten Szenen aus dem Leben des Propheten Jeremia verziert hatte, betrat Don Juan jetzt, als er Bruder Alfons folgte. Er sah lange Reihen leerer Schränke, Tische und Stühle, doch vor allem eine Frau von nicht sonderlich ausgeprägter Schönheit, die zudem so verwahrlost war, dass ihr Haar lange kein Wasser mehr gesehen haben konnte; ihre Haut war auch ohne Zuhilfenahme weißer Schminke leichenblass. Der Zustand, der oft guter Hoffnung genannt wird, verlieh ihr nichts an Weiblichkeit, sondern verstärkte lediglich den Eindruck der Verwahrlosung. Er wäre jedoch ein unerfahrener Mensch gewesen, hätte er unter diesem Ausbund menschlichen Elends nicht die Majestät wahrgenommen, und zwar eine höchsten Ranges. Aus unerfindlichen Gründen stand ihm ein an Aussatz erkrankter Ritter vor Augen, den er in der Krankheit gepflegt hatte. Er soll einem mit den Königshäusern verschwägerten Geschlecht entstammt haben, und noch als ihm Nase und das halbe Gesicht fehlten, hatte er so viel Würde in den Augen, dass neben ihm Gesunde aussätzig wirkten.
Don Juan verneigte sich tief vor der Königin. Herrera, der bei ihr stand, sah ihn zum ersten Mal ohne Mönchskutte. Natürlich ließ er sich die Verwunderung nicht durch das leiseste Wimpernzucken anmerken. Drei Blicke kreuzten sich in der Luft. Nur was Johanna dachte, konnte man nicht wissen, also auch nicht beschreiben.
„Wie steht es um deine Gesundheit, edler Herr?”
Dass die Königin sich an jemandes Gesundheit erinnerte und danach zu fragen geruhte, war für Herrera ein gutes Zeichen.
„Schon wieder zum besten, Durchlaucht.” Don Juan verneigte sich nochmals.
„Wie lautet dein Name?”
„Juan de Valesco, Majestät.”
„Juan, ein schöner Name. Wie ich hörte, kennst du meinen Mann.”
„König Philipp war sogar so gütig, Don Juan seinen Freund zu nennen.” Herrera nahm die Last der wohltätigen Lüge auf sich.
„Ich frage dich, Vater, wenn ich etwas von dir wissen will.” Als sie das sagte, blickte sie nicht einmal in seine Richtung.
„Seit einem gewissen Scharmützel zeichnete mich König Philipp durch viele Ehren aus.” Die Antwort war schlicht, eher soldatisch als höfisch.
„Warst du denn so mutig?”
„Ich hatte die Ehre, den König zu schützen.”
„Mit seiner eigenen Brust!” Herrera mischte sich wieder ein, doch dieses Mal wurde er nicht gemaßregelt.
„Du hast ihm das Leben gerettet?”
„Das kann ich nicht sagen. Vielleicht wäre er verletzt worden. Das weiß allein Gott.”
„Das ist eine Heldentat.”
„Jeder Edelmann hätte an meiner Stelle so gehandelt.”
Es war deutlich, dass die Königin nochmals den Moment durchlebte, in dem ein Ungläubiger es wagte, die Hand gegen ihren Gemahl zu erheben. Jetzt deckte sie ihn selbst mit ihrer Brust. Sie schrie jedoch nicht auf, sank nicht zu Boden, und die Worte, die sie sprach, waren schlicht und konkret:
„In diesem Falle, edler Herr, heiße ich dich in meinem Gefolge willkommen und lade dich zu einer Begegnung mit dem König ein.”
„Ist das nicht zuviel der Ehre für einen Menschen, der gerade erst eingetroffen ist?” Man mochte glauben, Herrera hegte Zweifel an Juan de Valescos Mut.
„Dir als Gesandten des Papstes erweise ich diese Ehre ebenfalls. Folgt mir, meine Herren.”
Johanna verließ die Bibliothek, ohne sich nach ihnen umzusehen.
„Zum Lesen kommen wir also nicht”, meinte Don Juan und wies auf die leeren Schränke.
Herrera fand das gar nicht witzig und gebot ihm mit einer Handbewegung zu folgen. Die Königin passierte die Galerie, die den Lustgarten säumte, und betrat die Gemächer des Abtes, die jener ihr zur Verfügung gestellt hatte. Es ist kein Dokument überliefert, aus dem sich schließen ließe, welche Räumlichkeiten Luis de Rueda in dieser Zeit selbst bewohnte. Im übrigen wäre das auch gar nicht von Interesse.
Die beiden Männer, die der Königin folgten, erregten kein sonderliches Interesse, nur ein Mensch blickte Don Juan unverwandt an. Präzise nahm er Silhouette, Gewand, sogar die Ledersorte der Schuhe in Augenschein. Er suchte auch dessen Blick, doch Don Juan schenkte ihm nicht die geringste Beachtung. Inquisitor Quint sah also zu Herrera hinüber und fand hier volles Verständnis für seine Neugier, ja sogar ein freundliches Kopfnicken. Die Soldaten, die das Schlafgemach der Königin bewachten, traten vor der Königin zur Seite und auf ihre Geste hin auch vor ihren Gästen.
Im Zimmer herrschte Zwielicht., das mehrere Kerzen, die um das Bett aufgestellt waren, erhelllten. Der schwarze Ledersarg war offen. Don Juan nahm die Arbeit der Balsamierer unerschrocken in Augenschein. Sie hatten alles getan, um König Philipp würdevoll aussehen zu lassen, doch hinsichtlich der Ewigkeit hatte sie sichtlich die Eile getrieben, man hätte vor ihm auch zurückschaudern können. Herrera konnte nichts Menschliches aus dem Gleichgewicht bringen, schon gar nichts eines Toten, dennoch brach ihm der Schweiß vor lauter Anstrengung aus, den Brechreiz zu unterdrücken. Die Königin trat an den Sarg und beugte sich über ihn.
„Philipp, du hast Gäste.”.
Herrera und Juan de Valesco verneigten sich tief.
„Ich grüße dich, Durchlaucht, und versichere dich meiner treuen Gefolgschaft. Will die Welt dich auch tot sehen, für mich wirst du ewig leben”, sagte Don Juan und blickte der Leiche unverwandt auf die Stirn.
„Dank się dir für diese Worte, edler Herr. Und du, Vater? Der König hört dir zu.”
„Möge dir das ewige Licht erstrahlen, Eure Hoheit.”
„Ein wahrlich beeindruckendes Wort”, verzog Johanna das Gesicht, „Don Juan, der König möchte, dass du ihn daran erinnerst, wann er das letzte Mal Gelegenheit hatte, dich zu sehen.”
„Durchlaucht, das war vor wenigen Jahren in Gent...”
„Was tat ich dort?”, fragte sie mit einer zwei Oktaven tieferen Stimme.
„Du stelltest Erwägungen zum Friedensvertrag an, Eure Hoheit.”
„War ich allein?”
„Deine teure Gemahlin hatte dich eine Zeitlang verlassen...”
„Weil mich eine Schar zuchtloser Frauenzimmer umgab...” Johannas Stimme wurde noch tiefer, doch als sie die Angelegenheit im Namen des Königs ausgeführt hatte, zischte sie von sich aus hinzu: „Der Lump.” Sie atmete schwer, und es hatte den Anschein, als wollte sie tatsächlich gleich aus der Haut fahren, und dann wäre nicht einmal Philipp sicher gewesen.
Zur Überraschung Herreras und vielleicht auch seiner selbst trat Don Juan einen Schritt auf den offenen Sarg zu und sagte laut:
„Stets hattest du großen Erfolg bei Frauen, Durchlaucht, doch auch wenn die Umstände anders scheinen mögen, so weiß ich doch gewiss, dass du die gebotene Distanz stets zu wahren wusstest. Ich weiß jedoch auch, dass deine angeborene Güte mancher der ihren allzu große Hoffnungen machte...”
Johanna beruhigte sich zusehends.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier