NICHT DER HIT

Eins ist sicher: Derart kompromisslose, verrückte Erstlinge wie Ignacy Karpowicz’ Roman gibt es selten. Und das obwohl der erste Teil des Buches keineswegs ein Lesevergnügen voller Überraschungen verspricht. Karpowicz beschreibt anfangs einen Tag aus dem Leben von Maciek, einem in der Provinzstadt Białystok lebenden Polonistikstudenten. Es ist Montag und Maciek mag Montage nicht; genauso wenig wie er seine mies bezahlte Arbeit, seine Familie und Freunde, den Nullachtfünfzehnsex mit der Verlobten, die er nicht liebt, das heutige Polen, ein Leben ohne jegliche Erfolgsaussichten und nicht zuletzt sich selbst leiden kann. Ist das etwa noch ein Roman über einen frustrierten jungen Polen, der keine Eintrittskarte ins Kaufparadies erwischt hat? Eben nicht. Nach etwa der Hälfte des Buches gibt Karpowicz das realistische Erzählen auf und beginnt, ein wahres Feuerwerk der Phantasie abzubrennen. Der Romanheld „löst sich von der Wirklichkeit” und gerät in einen Strudel von Sinnestäuschungen, Trugbildern und grotesken Situationen, während er versucht, sowohl mit den eigenen als auch den kollektiven Ängsten fertig zu werden. Karpowicz kreiert eine fantastische Welt, in der Maciek mit den Statuen von Piłsudski und dem Priester Popiełuszko, die von ihren Sockeln heruntergestiegen sind, durch Białystok spaziert und in mafiose Abrechnungen sowie Kämpfe zwischen „Henkerpolen” und Euroenthusiasten verwickelt wird. In der Schlussszene, die von Witkiewicz stammen könnte, kommt es zu Straßenkämpfen zwischen „echten” Polen und Demokraten. Nicht der Hit ist ein mutiges, bilderstürmerisches und darüber hinaus furchtbar lustiges Buch. Ja, das Wort „furchtbar” ist hier passend, denn Karpowicz ist ein Meister des schwarzen Humors.

- Robert Ostaszewski

AUSZUG

An diesem Tag wachte ich früher auf. Trotz des Herbstwetters, schien die Sonne und warf durchsichtige Strahlen auf die karierte Bettdecke, die meine Oma selbst genäht hatte. Dank der Kraftanstrengung der Frauen, die mir nahe standen, wirbelte kein Staubkörnchen auf.
Ich dachte an meine Eltern, vor allem an den Vater, der bestimmt seit mindestens einer Stunde sich anschickte, die Wohnung zu verlassen, und dabei unseren Hund unterhielt. Mein Vater arbeitete im städtischen Reinigungsunternehmen. Die Sauberkeit unserer Stadt ist das Verdienst gerade solcher stillen, gutmütigen, tierlieben und lebensfrohen Menschen wie ihm.
Einen Moment lang überlegte ich mir, woher meine wider Erwarten gute Laune kam. Aber natürlich! Heute war Montag.
Nach dem Sonntag, der mit angenehmen Nichtstun ausgefüllt war, und dem Mittagessen bei entfernten Verwandten, nach einem Spaziergang mit meiner Zukünftigen auf den kleinen romantischen Alleen, die sich zwischen den denkmalgeschützten Hochhäusern in Plattenbauweise durchschlängelten (sie erlaubte mir, sie zu küssen!), begebe ich mich endlich zum „Podlachien-Anzeiger”, wo ich, wie ihr ja wisst, arbeite.
Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, die Menschen vorzustellen, die mir beibringen, ein guter Bürger zu sein. Ich weiß, dass ihre angeborene Bescheidenheit mich dazu zwingt, den Text noch einmal zu überdenken, aber ich hoffe, dass meine arg strapazierte Hand zögern und die ihnen gewidmeten Absätze nicht streichen wird. Da ist vor allem der Chef, unser guter Geist. Die Tür zu seinem Büro steht Tag und Nacht offen. Trotz der feinen Stirnfalten, ist er im Herzen jung und weltoffen geblieben und hat sich seinen Arbeitseifer bewahrt. Bisweilen ist sein perlendes Lachen zu hören – ein Zeichen, dass er mit der verehrten Frau Gemahlin spricht, die ihn mit einer Erzählung von einem Wohltätigkeitsball unterhält.
Erwähnt werden muss auch Frau Stanisława, die mir fast gegenüber sitzt. Immer eifrig beschäftigt, dem Anschein nach etwas verloren in der Flut von Informationen, die tagtäglich unsere Redaktion erreichen, fischt sie zielsicher die wichtigsten Fragen heraus. Die ausgezeichneten Interviews in unserer Zeitung sind ihr zu verdanken.
Um unser Image kümmert sich Frau Zosia. Immer mit tadelloser Frisur und im Jackett, das an ihrer vorzüglichen Figur eng anliegt. Sie hat etwas von der Majestät einer ägyptischen Skulptur und eine Intelligenz, die eines Staatsmanns oder vielmehr – ha, ha, ha – einer Staatsfrau würdig ist.
Alles über Sport weiß Herr Sławek, einst selbst ein ausgezeichneter Sportler (erster Platz im Kugelstoßen bei den Woiwodschaftsmeisterschaften 1973), dessen kraftvolle Gestalt und nüchterner Blick bis auf den heutigen Tag bezaubern.
Beim Gedanken an diese Menschen schlage ich bereitwillig die Decke zurück und mache mich auf den Weg ins Badezimmer, das sehr gut möglich von meinem jüngeren Bruder okkupiert wird. Einem unerträglichen Bengel, der dennoch alles in allem ein guter Junge ist. In seinem Alter habe ich mich auch unschicklich benommen, weshalb ich mir wegen ihm keine Sorgen mache. Ich weiß, dass seine Lehrer Acht geben, dass ein Mensch aus ihm wird.
Ich habe einfach Glück.

Auf der Habenseite erlaube ich mir festzuhalten: 24 Jahre, Magisterarbeit (in Arbeit), Agnieszka als Weib (Zerfall der Beziehung ebenfalls in Arbeit), 3 Trainingsanzüge, fluoreszierende Turnschuhe und eine schwarze Fila-Lederjacke, Tage, einer wie der andere. Außerdem eine Arbeit, obwohl wenn ich darüber nachdenke, beginne ich zu denken und bin mir sogar sicher – obwohl ich eher ein unsicherer Mensch bin – dass ich lieber nicht an sie denke. Sowie ein quasi eigenes Zimmer, aber wohnen tue ich zusammen mit den Eltern (sagen wir mal), Brüdern (eigentlich), der Großmutter, dem Hund und dem Aquarium, von denen ich auch nicht weiß, was ich denken soll, weil ich nicht weiß, wie wir alle Platz haben auf 60 Metern. Dass das Quadratmeter sind, ist auch kein Trost. Sowie, so sicher wie die Bank von England, eine ordentlich verzinste und vermutlich jedes Jahr Zinsen abwerfende fehlende Perspektive. Sowie ein paar Kumpels, die ich mag und mehr als ein paar, die ich nicht mag. Nur zu gerne würde ich sie verprügeln, aber ich befürchte, dass wenn es hart auf hart kommt, sie eher mich als ich sie verprügle.
Sowie meine Routen durch die Wohnblocksiedlung, um den Banden von Hooligans und Assis auszuweichen, die auch ihre Routen haben: manche aus Amphetamin, manche aus Asphalt.
Sowie irgendein Modellbauhobby. „Hauptsache deine Spinnereien nehmen nicht viel Platz weg!”, brüllte Vater. Hierbei sollte ich die Vergangenheitsform „ich hatte“ benutzen.
Ich hatte ein Hobby, ein eher bescheidenes und reduziertes. Ich klebte Modelle zusammen, zunächst große Bomber im Maßstab 1:32, Fliegende Festungen, ihre sowjetischen Nachbauten, also Tupolew Tu-4, die Junker Ju 290 der Krauts, alle waren riesig, fantastisch, besonders nachdem ich sie (mit der Angelschnur) an der Decke befestigt hatte. „Affengeil!”, brüllt mein debiler Bruder beim Anblick unseres Dackels, der mit den Autoschlüsseln vom kleinen Fiat im Maul durch die Wohnung flitzt. Und hinter ihm flitzt der wütende Vater her. Hinter dem Mutter herflitzen würde.

Nur Oma sitzt da und rafft nichts.
In ihren Hirnhälften verschwand jegliche elektrische Aktivität, als sie Jaruzelski im Anzug sah. Damals hörte sie auf, an die Kraft des Verstandes zu glauben.
Die Uniform hatte ihm so gut gestanden, und jetzt sah er aus wie ein Clochard. Und hatte sogar eine Glatze bekommen. Das waren ungefähr ihre letzten sinnvollen Sätze.
Später log sie nur noch, lügen ist aber kein Beweis für ein richtig funktionierendes Gehirn. Deshalb bin ich mir sicher, trotz meiner Unsicherheit, die mir zusammen mit dem Respekt gegenüber älteren Menschen eingeimpft wurde, dass, wenn man Oma ein Enzephalogramm machen würde, dabei eine schöne gerade, ins Nichts führende Linie herauskommen würde. Diese Linie ist keine medizinische, sondern eine mathematische.
Als Oma bei uns einzog, musste ich die strategischen Bomber im Maßstab 1:32 aufgeben. Es wurde eng. Viele Dinge wurden damals weggespült, manche zerstört (die Bomber wurden vom Luftabwehrfeuer des Besens abgeschossen), während andere auf irgendeine Weise, ich weiß selbst nicht wie, für ungültig erklärt wurden.
Ich begann einmotorige Jagdflugzeuge im Maßstab 1:72 zu kleben. „Anetka!”, lügt Oma.

Jetzt ist aber der absolute Tiefpunkt erreicht. Mein debiler Bruder bekam zum Geburtstag ein Aquarium. Im Aquarium lebt ein Goldfisch. Der Goldfisch ist ein genmutierter Schleierschwanz mit einem Marilyn-Monroe-Lächeln. Er erfüllt weder Wünsche noch macht er Eis. Er nimmt nur Platz weg. Und verbraucht elektrische Energie.
„Rysiek“, würde Mutter brüllen, „jag den Hund nicht, sonst fängt er an zu hecheln!“ Ich begann irgendwelchen Dreck im Maßstab 1:144 zu kleben. Kleinscheiß. Details. Tüftelei. Sicherlich haben deswegen meine Augen den Geist aufgegeben. Sicherlich zittern deswegen meine Hände verdächtig oft. Als würde ich viel trinken. Was nicht verwundert, nicht verwundern darf, denn ich trinke ein bisschen, zumindest gebe ich mir Mühe.
Immer größere Maßstäbe, immer kleinere Modelle, es fällt immer schwerer in groben Umrissen, eine reduzierten Echtheit oder zumindest Korrektheit dieses Plastikmodells vorzutäuschen.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk