TRAKTAT ÜBER DAS BOHNENENTHÜLSEN

"Traktat über das Bohnenenthülsen" ist das fünfte Buch des großen Schriftstellers Wiesław Myśliwski, der bäuerliche Wurzeln hat, dessen Werk indes von jeder banalen Folklore weit entfernt ist. Myśliwski publiziert selten, immer aber ist es dann ein Buch von außerordentlicher Tragweite. Er schreibt über den Sinn des Lebens im Zeitalter bedeutender kultureller Umwandlungen, über das Schicksal des Menschen als einem Dokument, das es zu entziffern und zu verstehen gilt.
Held und Narrator in Traktat ist ein alternder Mann, der eine Kolonie von Ferienhäusern bewacht und einem auf der Durchreise vorbeikommenden Fremden – einer dem Leser sich nicht offenbarenden und vielleicht symbolischen Gestalt – die Geschichte seines Lebens erzählt. Schon dieses Erzählen ist ein Thema für sich und kann zu Betrachtungen über die Macht anregen, die das zwischen den Menschen hin und her gehende, gesprochene Wort besitzt. Denn bei Myśliwski verwandelt sich alles: die Ereignisse im Leben des Helden, moralische Bewertungen und Sentenzen in erzählende Rede, die ihren verstehenden Zuhörer sucht.
Alles, was dem Helden im Leben widerfährt: die friedliche Kindheit, die der Krieg abrupt beendet, der Mord an seiner Familie, das Sich-Verstecken vor den Deutschen in einer Kartoffelmiete, die Ausbildung zum Berufselektriker und, zugleich, zum Laienmusiker in der Nachkriegszeit, seine Erfahrungen mit der Politik, der Liebe, den Lehrmeistern seines Lebens, seine Auslandsreisen und schließlich die Beaufsichtigung der Feriensiedlung – das alles nimmt er zum Anlass, allgemeingültige Urteile zu formulieren, die das Schicksal des einzelnen ordnen und ihm einen Sinn verleihen.
Der Mensch bei Myśliwski lebt also inmitten von Menschen, Geschehnissen und Dingen, die zunächst gewöhnlich erscheinen, die aber rasch symbolische Bedeutung erlangen. Die menschliche Existenz beruht darauf, die Zeichen zu entschlüsseln und die Ordnungsmuster zu erkennen. Eben dies verlangt der Autor auch von seinen Lesern und überliefert ihnen die Geschicke seines Helden gleichsam als ein großes Rätsel, hinter dessen Sinn sie kommen werden, sobald sie Tatsachen und Situationen vergleichen und - das Allerwichtigste - die ethische Dimension des Daseins begreifen.

Jerzy Jarzębski

AUSZUG

Einmal, in einem Dorf, wohnten für zu fünft im Quartier, allesamt älter, ich der einzige Junge, und darunter war ein Meister. Sogar wenn er’s nicht hörte, sagten wir „der Meister“. Geh zum Meister, frag den Meister, vielleicht rät dir der Meister. Nur von diesem einen – „der Meister“. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie sonst so über die Meister geredet wird, wenn sie’s nicht hören. Jedenfalls wird niemand „der Meister“ sagen.
Er sprach wenig, nie ließ er sich in ein Gespräch verwickeln, nicht mal beim Schnaps. Für den hatte er was übrig, wieso auch nicht? Aber die Wörter musste man aus ihm herausziehen wie so aus einem ganz tiefen Brunnen. Und nie waren das dann Wörter, die einem was sagten. Ihm vielleicht, den andern nicht. Oder vielleicht doch. Müsste ich drüber nachdenken. Aber nie so richtig was.
Irgendwann, eines Abends, tranken sie mal nicht. Wir waren spät von der Arbeit rein, einer fragte, hat nicht noch wer was? Keiner hatte mehr was, und keiner hatte Lust, noch was zu holen. Gehen wir eben schlafen. Wir legten uns hin, machten das Licht aus, es wurde still, ich war schon fast eingeschlafen. Da seufzte plötzlich einer tief, ein anderer drehte sich schwer auf die andere Seite. Und schon fingen sie in allen Betten an, zu rumoren, sich zu wälzen, sich herumzuwerfen. Das waren ausgediente Pritschen, die knarrten bei der kleinsten Bewegung.
Der Meister hatte das Bett am Fenster. Und immer, wenn das Licht ausgemacht worden war, rauchte er noch eine. Auch nachts rauchte er, wenn er wach wurde. Dann musste er zwei, drei rauchen, um wieder einzuschlafen. Nur vom Schnaps schlief er sofort ein. Obwohl, da kam es auch drauf an, wie viel er trank. Wenn viel, sofort. Wenn wenig, quälte er sich bloß noch mehr. Tja und dann rauchte und rauchte er. Neben ihm, auf dem Fensterbrett, stand eine Geranie, und in dieser Geranie strich er die Zigarette ab, drückte sie aus. Am Morgen las er die Kippen zusammen, und an diesen Kippen war zu ermessen, wie er geschlafen hatte. Und nicht bloß das.
Nicht nur seine Schlaflosigkeit wäre an ihnen zu ermessen gewesen. Aber für uns? Uns Elektriker? Kippen waren für uns Kippen. Außerdem roch es morgens immer nach Rauch, tja und dann schnüffelten wir, oho, der Meister hat gequalmt, mächtig gequalmt hat er wieder. Damals steckte er sich also auch eine an, und einer fragte:
„Sie schlafen nicht, Meister? Ich kann auch irgendwie nicht schlafen.“
Und gleich kam es von allen Betten, auch sie können irgendwie nicht.
„So ist das eben, wenn man vorm Schlafen keinen nimmt“, sagte einer, und einer fluchte. Einem anderen fiel plötzlich ein, dass sie da und da einen stärkeren Fusel brennen als da und da.
Und eine Unterhaltung begann. Der Meister steckte sich die zweite Zigarette an. Er streifte die Asche an der Geranie ab, die Geranie glomm auf. Immer wenn er einen Zug machte, glomm auch sein Gesicht kurz auf. Man sah, dass er mit offenen Augen dalag. Aber er hörte wohl nicht, was sie erzählten, denn er sagte kein Wort. Ich, als der Jüngste, durfte nicht mitreden, ich hörte nur zu. Was hätte ich auch sagen können, wie sie so überlegten, was wer tun würde, wenn er erfährt, dass ihn seine Frau betrügt. Die waren verheiratet, und ich dachte noch nicht mal an so was. Wir wussten bloß nicht, ob der Meister verheiratet war. Er sprach nie darüber. Tja, und wenn Sie sich so ausmalen, dass Sie die Frau betrügt, da machen Sie die ganze Nacht kein Auge zu. Und tagsüber, auf Arbeit, fällt Ihnen alles aus der Hand. Jedenfalls wusste jeder, was er tun würde. Der würde sie umbringen, der würde sie aus dem Haus jagen, der wieder was anderes.
Danach fingen sie an herumzurätseln, ob ein alter Mann noch kann und ab wann ein Mann alt ist, was das betrifft. Sie wissen schon, was ich meine. Und wenn er nicht mehr kann, was ihn noch am Leben hält. Und ob es sich dann lohnt, weiterzuleben? Darauf der eine, Gott bestimmt über das Leben, und der Mensch hat gar nicht das Recht, darüber nachzudenken, ob es sich lohnt. Und so kamen sie auf Gott. Ob man nach so einem Krieg noch an Gott glauben, oder ob man nicht mehr länger an ihn glauben soll. Einer fand, man soll, denn nicht Gott hat den Krieg angefangen, sondern die Menschen. Ein anderer, das stimmt zwar, aber wenn er gewollt hätte, hätte er die Menschen davon abhalten können. Und noch ein anderer, dass es heißt, der Mensch denkt, und Gott lenkt, und er hätte den Krieg ja so lenken können, dass es nicht soviel Unglück, Leid, Tod gegeben hätte. Und sie fingen an, allerhand Sachen zu erzählen, die sie selbst erlebt oder von denen sie gehört hatten. Und der eine geriet derart in Rage, weil sie seinen Bruder erschossen hatten, dass er geradeheraus fragte, ob es Gott überhaupt gibt. Worauf er uns, Bett für Bett, abzufragen begann, wie wir das sehen. Gibt es einen? Ich stellte mich schlafend. Zum Schluss fragte er den Meister:
„Meister, was meinen Sie, gibt es einen Gott?“
Der Meister drückte eben eine Zigarette in der Geranie aus und brannte sich die nächste an. Es war wohl die vierte, seit wir uns aufs Ohr gelegt hatten. Und die ganze Zeit kein einziges Wort, als habe er gar nicht zugehört. Wir warteten gespannt, was er sagen würde, so als hinge es von ihm ab, ob es einen Gott gibt oder nicht. Bis der, der ihn gefragt hatte, noch einmal fragte:
„Na, Meister? Was denken Sie, Meister, gibt es ihn oder gibt es ihn nicht?“
„Wen?“ fragte er schließlich zurück.
„Gott.“
Er antwortete nicht sofort, erst drückte er die Zigarette aus.
„Wieso fragst du mich? Wieso fragst du sie? Darüber kannst du nicht abstimmen. Frag dich selbst. Dort, wo ich gewesen bin, gab es ihn nicht, soviel kann ich dir sagen!“
Und er brannte sich wieder eine Zigarette an. Es wurde still, keiner traute sich mehr, was zu fragen. Und keiner sagte auch nur ein Wort. Und kurz darauf begannen sie einzuschlafen. Von da kam ein Pfeifen, von dort ein etwas lauterer Schnaufer. Ich überlegte, ob der Meister eingeschlafen sei, von seinem Bett her war nichts zu hören. Aber Zigarette brannte er sich auch keine mehr an.
Ich fand keinen Schlaf. Ich hatte den Kopf voller Gedanken, weil alles, worüber sie gesprochen hatten, doch sozusagen außerhalb meines Vorstellungsvermögens lag. Am meisten aber quälte mich, wo der Meister bloß gewesen war, dass es Gott dort nicht gegeben hatte.
Am Tag darauf ging ich zu ihm, um mir Rat zu holen, weil bei mir dauernd die Sicherungen glühten, wenn ich den Wechselstrom einschaltete. Und da fragte ich ihn:
„Und wo sind Sie gewesen, Meister?“
Er sah mich misstrauisch an.
„Dass du nie da hinkommst, das wünsch ich dir.“ Und dann knurrte er: „Marsch, an die Arbeit. Du weißt, was du zu tun hast.“

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann