HERZ KÖNIG WIEDER BEIM AUFBRUCH

Die Zahl der Absurditäten, der Zufälle, der glücklichen und unglücklichen Fügungen, die der Heldin von Hanna Kralls neuem Buch Izolda Regensberg, einer während des Krieges in Warschau lebenden Jüdin, zustoßen, übersteigt jedes normale Maß. Man verhaftet ihren Mann. Weil sie an die romantische Liebe glaubt, beschließt sie, ihn zu retten. Von diesem Moment an ordnet sie ihr ganzes Leben dem Leben ihres Manns unter und den Versuchen, ihn zu retten.
Sie entkommt vom Umschlagplatz, mit polnischer Identität sitzt sie im Pawiak-Gefängnis, als Polin kommt sie nach Deutschland zur Zwangsarbeit, sie flüchtet von dort, schmuggelt Tabak nach Wien, wird von der Wiener Gestapo wegen angeblicher Zusammenarbeit mit dem polnischen Untergrund verhört (und gefoltert) und wird als Jüdin nach Auschwitz transportiert. Von Dr. Mengele selektiert, landet sie im Lager Guben. Sie flüchtet aus dem Lager, geht, um ihre „polnische Identität” wiederzubekommen, „zur Arbeit“ nach Deutschland zurück und bekennt sich zu ihrer früheren Flucht. Als Flüchtling wird sie nach Auschwitz zurückgeschickt... Der Zug, der sie in die Gaskammern bringen soll, hält unmittelbar nach der Abfahrt an. Gerade wurde Auschwitz befreit...
Sie war als Jüdin, Polin und Frau Opfer. Sie überlebte, weil sie liebte. Weil sie sich in den Zeiten der Vernichtung über keine Grausamkeit wunderte. So hätte sich sicherlich Candide verhalten, wenn er während des Zweiten Weltkriegs Jüdin gewesen wäre: Er hätte die Notwendigkeit dessen, was passiert, zu erklären versucht. Ähnlich Frau Izolda: Gleich einem Candide mit gelber Binde verteidigt sie die Klugheit des Schicksals und beharrt darauf, dass alles, was geschehen ist, geschehen musste, damit sie ihren Geliebten wiederfinden konnte.
Sie hatte also guten Grund, auf der ganzen Welt nach einem Schriftsteller zu suchen, der in der Lage gewesen wäre, einen Roman zu schaffen, der ihrer Lebensgeschichte gerecht würde. Sie erwartete eine Geschichte voller „Herz, Schmerz, Einsamkeit und Tränen”. Hanna Krall wollte jedoch – wie üblich – „über mehr” schreiben.
Die endgültige Version ist ein Kompromiss: Die Heldin erzählt von ihrem Gefühl, vom wahnsinnigen Wettlauf mit dem Krieg und der Vernichtung, während Krall uns mitten in die unbegreifliche Geschichte führt, wobei sie abwechselnd die Geschichte der Heldin verdichtet und dann wieder wortgetreu ganze Gespräche wiedergibt. Für die Heldin existiert nur ihr geliebter Mann – Hanna Krall zeigt uns, warum diese Liebe so ungewöhnlich ist.
Wenn wir Frau Izolda treu bleiben wollen, sollten wir, so wie sie, die Lager, Denunziationen und Grausamkeiten als das banale Böse und ihre Liebe als das einzige Unbegreifliche betrachten. Der Holocaust kann dadurch zwar nicht ungeschehen gemacht werden, erweist sich aber als eine Spur weniger mächtig.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

SCHNÜRSENKEL

Sie kauft Schnürsenkel für Herrenschuhe.
Als sie diesen so gewöhnlichen Einkauf tätigt, glaubt sie noch, dass sie Jurek Szwarcwald liebt. Alle glauben das, am meisten die Szwarcwalds. Jurek ist nicht hässlich und nicht langweilig. Er ist auch nicht arm. Sie leiht sich von ihm Schuhe, denn eine Bombe hat das Haus in der Ogrodowastraße zerstört, und man kommt weder an den Schrank noch zur Wohnung.
In den geliehenen Schuhen schaut sie bei ihrer Freundin Basia Maliniak vorbei. Nur kurz, um die Schnürsenkel in die Schuhe zu ziehen.
Bei Basia ist ein junger Mann. Er steht am Ofen, mit beiden Händen gegen die warmen Kacheln gelehnt. Er ist groß, schlank und hat glattes, goldenes Haar. Die Hände auf den Kacheln sind goldfarben. Im Sitzen schiebt er die Knie auseinander und lässt die Hände herunterhängen – etwas achtlos, wie abwesend. Sie sehen dann hilflos und noch schöner aus. Wie sich herausstellt hat er zwei Vornamen, Jeszajachu Wolf, Basia nennt ihn Szajek. Das Schuheschnüren zieht sich in die Länge. Du hast die Augen der Tochter eines Rabbiners, sagt Szajek nach einer Stunde. Der Tochter eines zweifelnden Rabbiners, fügt er zwei Stunden später hinzu. Basia bringt sie zur Tür und flüstert hasserfüllt: Umbringen sollte ich dich jetzt. BEGEGNUNG Sie geht einen steilen Bergpfad hinauf. Sie betrachtet die Wiesen im Tal, die Rosen in den Gärten, die grünen Fensterläden, den weißen Kirchturm und das Blau des Himmels.
Hinter der Biegung sitzen Männer in Sträflingsanzügen auf Steinen. Sie halten ihre Gesichter in die Sonne, rauchen Zigaretten und rufen ihr etwas zu, kim meidele, rufen sie, kim zu mir...
Was sprechen sie für eine Sprache?
Etwa Jiddisch?!
Komm Mädchen, kim zu mir...
So laut? Und das auf Jiddisch?!
Sie beschleunigt ihren Schritt, in der Hoffnung, dass sie ihr nicht folgen. Dass niemand sie gehört hat. Der Schweiß rinnt ihr in Strömen über das Gesicht, sie fühlt ihr Herz hämmern („Wie oft schlägt das Herz in der Minute? Je nachdem, ob man Angst hat...”). Den Berg herunter kommen Frauen in dicken Wollröcken und bestickten Westen. Grüß Gott, lächeln sie freundlich, Grüß Gott, antwortet sie und kommt wieder zu sich. Sie bringt die auf dem Rücken und unter den Achseln nasse Bluse in Ordnung. Sie zieht die weißen Zwirnhandschuhe zurecht, die sie im Zug angezogen hat, damit ihre Hände nicht schmutzig werden. Der Krieg ist zu Ende, denkt sie. Ich gehe zu meinem Mann. Das ist der letzte Abschnitt meines Weges, und es wäre dumm, jetzt verrückt zu werden.
Der Pfad wird immer schmaler, an den Berghängen tauchen Latschenkiefern auf.
Irgendwelche Baracken oder Gebäude sind da.Eine Stimme fragt sie, wen sie suche.
Ich bringe Sie hin, sagt die Stimme. Sie sieht ihre verstaubten Turnschuhe und Steine und Kies unter den Füßen vorbeigleiten. Sie sitzt auf der Querstange des Fahrrads. Das Rad hält vor dem Tor der Baracke. Drinnen ist ein langer Flur. Sie geht den Flur entlang. Jemand drückt die Klinke herunter, die Tür geht auf, sie steht auf der Schwelle. Auf dem Bett liegt ein hellhaariger Junge mit geröteten Wangen, wahrscheinlich hat er Fieber, bei ihm stehen Männer, am Fußende des Bettes sitzt ihr Mann. Mit freiem Oberkörper, in kurzen Hosen. Die sonnengebräunten Hände auf die Knie gestützt. Er schaut auf... Blickt sie an... Der Mensch, der sie hergebracht hat, macht ein Zeichen, und die Männer verlassen das Zimmer, der kranke Junge schließt hinter sich die Tür. Ihr Mann tritt auf sie zu. Umarmt sie – langsam, sehr vorsichtig...
Sie wartet.
Gleich werde ich eine ungeheure Freude empfinden, vermutet sie. Bestimmt werde ich sehr glücklich sein.
Sie empfindet keine Freude.
Sie ist nicht glücklich.
Sie fühlt nichts, rein gar nichts.
Das wird an den Handschuhen liegen, vermutet sie.
Sie zieht die Handschuhe hinter seinem Rücken aus und wirft sie auf den Boden. Sie streichelt ihn. Er ist warm. Das ist alles? Bitterkeit überkommt sie. Das ist nicht gerecht: Sie hat ihren Mann gefunden, freut sich aber kein bisschen.
Ihr Mann löst sich aus der Umarmung.
Ich muss kurz weg, sagt er. Ich bin gleich wieder da, warte hier.
Gehorsam setzt sie sich auf das Bett.
Im Hinausgehen dreht sich ihr Mann zu ihr um: Ich sage nur, dass du gekommen bist.
Wem?, fragt sie.
Liesl, sagt ihr Mann. Ich laufe nach unten... Das dauert nicht lange, warte.
Die Männer kommen in die Baracke zurück.
Wissen Sie, wohin er gelaufen ist?, fragt einer von ihnen.
Ja. Zu Liesl.
Und macht Ihnen das nichts aus?
Nein, warum?
Diese Liesl ist ziemlich hübsch, erzählt der Mann. Eine junge Kriegswitwe. Sie hat Ihren Mann aufgepäppelt, ihn von seiner Lungenentzündung geheilt.
Das ist sehr anständig. Ich bin... Frau Liesl sehr dankbar. Wissen Sie, dass man unser Gefängnis in Wien so genannt hat? Zärtlich. Liesl.
Sie sind eine kluge Frau, stellt der Mann anerkennend fest. Er schaut durch die angelehnte Tür. Da kommt er schon wieder... Er scheint ein Geschenk für Sie zu haben.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk