LALA

Dieses reizvolle, nostalgische Buch ist das Werk eines sehr jungen Schriftstellers, Dichters und Malers. Er stammt aus einer Familie, die für die polnischen „besseren Schichten“ typisch ist: ihre Wurzeln liegen in der Kultur des Landadels, es gibt viele internationale Verbindungen, ein Teil der Familie kommt aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten, ein Teil aus Zentralpolen. Von Generation zu Generation werden die Gutsbesitzer zu Mitgliedern der Intelligenz: zu Schriftstellern, Künstlern, Ingenieuren oder höheren Beamten. Dies geschieht unter dramatischen Umständen: im Hintergrund Revolution, zwei Weltkriege, Entstehung und Fall des kommunistischen Regimes, Untergang der Landadelskultur. Jacek Dehnel erzählt uns die Geschichte seiner Familie und der ganzen polnischen Gesellschaft, aber zum Haupterzähler macht er seine Großmutter – eine interessante Frau von herausragender Persönlichkeit und großem Temperament. Die Geschichte wird nicht in ihrer Logik und Chronologie rekonstruiert, sondern setzt sich aus unzähligen kleinen Geschichten und Anekdoten zusammen, die die Großmutter ihrem Enkel erzählt hat; die Rekonstruktion ist also nicht nur sein Werk, das des Zuhörers, sondern auch das des Lesers, der immer stärker in dieses typisch polnische Epos hineingezogen wird. Gleichzeitig zieht sich die Großmutter langsam aus dem Leben zurück, sie wird krank, kindisch, zum Schluß ist es eher der Enkel, der ihr die Geschichten erzählt, die er früher von ihr gehört hat. Die allmählich degenerierende Erzählung gelangt schließlich auf eine gemeinsame Ebene, auf der sich gleichzeitig die Ereignisse mehrerer Jahrzehnte abspielen. Das Buch ist ein ungewöhnliches historisches Dokument und zugleich ein Denkmal für Lala – für Helena Bieniecka, die Heldin der Geschehnisse, die Person, die diese Geschehnisse zu einer lebendigen, mit ihr reifenden und alternden Erzählung verwoben hat, zu einem Dialog mit den Angehörigen.

Jerzy Jarzębski

AUSZUG

Abends, bei Dickmilch, unbedingt mit Bröckchen drin (oh, wie ich diese saueren Stücke weiches Porzellan liebte), bei mit Zucker und Zimt bestreuten Backäpfeln oder bei einem Brot mit Zwetschgenmus, zeigte Großmutter mir Europa.
„Oh, in Lisów gab´s andere Pflaumen“ – blendet sich unversehens Großmutters Erzählung ein, die für einen Moment an der Seite kauerte – „die waren besser für Mus, größer und saftiger, nur gingen sie schwerer vom Stein; im Sommer loderte im Garten die Feldküche, da zelebrierte Großmutter Wanda, vom Gesinde umgeben, über einer Feuerstelle aus Ziegelsteinen ihre unglaubliche Alchimie und dirigierte Scharen von kupfernen Kesseln und Pfannen, an Kupfer klebt es nicht so an, weißt du, und später wurde dann eine neue Generation von Marmelade, Konfitüre und Mus in den Keller getragen, eine sorgfältig beschriebene Generation, beklebt mit Etiketten wie die hundertvierundvierzigtausend Geretteten...“
Europa – ja, was war Europa? Wie sah ich es abends – berauscht vom Wind im Garten, müde vom Füttern der Enten und Schwäne im Park, begeistert von den Verdammten, die auf dem Altar Memlings in den Abgrund stürzten, enttäuscht von der ganzen Welt, daß ich bald würde schlafen gehen müssen, obwohl diese Welt sperrangelweit offenstand und Ballen voll schimmernder Geheimnisse vor mir ausbreitete?
Es war ein Dosen-Europa, ein Schatullen-Europa, für ein launisches Kind angefertigt von Handwerkern, die ihre Kunst verstanden, ein Europa mit Intarsien in Mahagoni und Palisander, ein Europa voll komplizierter Maschinerien und Automaten, mit denen ich mir nicht den Kopf schwer machen mußte, obwohl es ganz nett war, ihre raffinierten Kunststückchen zu beobachten; ein mit kleinen Herren in Fräcken und kleinen Damen in Korsetten und Kleidern mit Krinolinen bevölkertes Europa, ein Europa der Geigen und Flügel, ein Europa, in dem jeder Gegenstand durch ein Ornament ergänzt wurde und man überflüssigen Dingen nicht das Existenzrecht absprach – es erschien mir also noch in seiner unangetasteten Form, wie mein Ururgroßvater, der Automobilfahrer, es wohl gesehen hatte, der fest an Sauerstoff, Lumineszenz und Wasserdampf glaubte: ein gläsern-goldenes Europa, ein Europa des Kristalls und der Paläste, feierlich erleuchtet von Gaslaternen, zum Himmel strebend auf unsichtbaren Konstruktionen aus rohem Backstein und Eisen, die erst die zwei großen Kriege unter den Stuckschichten der Putten und der vergoldeten Rosen hervorholen sollten.
Natürlich war da noch die Buchführung – denn wie sollte man Paravents und Bilder, Porzellan und Fotos, Häuser und Wohnungen verbuchen, die existiert hatten und jetzt nicht mehr existierten? Mit den Menschen war es viel einfacher: Sie starben, kamen in den Himmel oder in die Hölle. Die Tanten, die Urgroßmutter, die Ururgroßmutter, Herr und Frau Korytko, all die erschossenen Juden und Golda, auf die eine Kiste mit Eiern gefallen war. Aber die Gegenstände?
Wo waren die Fächer aus schwarzen Federn hingeflogen, die die Kinder von Lisów über die Felder schleiften?
Und die Amati von Misza Sicard? Kann eine Amati unwiederbringlich verbrennen?
Hat der Apfelbaum, von einem russischen Geschoß gespalten, noch irgendwo geblüht, sind seine Äpfel irgendwo in unbekanntes Gras gefallen?
Es mußte doch ein Paradies für die Dinge geben – oder wenigstens das Fegefeuer, einen Ort, wo fast ganz Lisów hingekommen war, zusammen mit den restlichen Putten und dem Kristall meines Europas, um geduldig auf eine rasche Wiederkunft zu warten.
Es war kein geschlossenes Konzept, keine der wunderbaren Ideen, die Kinder ersinnen wie eine mittelalterliche Summa – ich selbst erschuf schließlich die Reiche mit ihren ausgedehnten, erlesenen Kartographien, von mythischen Dynastien regierte Königreiche, verschiedene Rassen von Drachen und Engeln – , sondern eine subkutane Überzeugung, die ich in den hintersten Winkeln meines Geistes sogar vor mir selbst verbarg.
Es tut mir leid, aber ich kann mich nicht erinnern, was bewirkte, daß ich die ganze Verzweiflung der Vergänglichkeit begriff und zugleich die Tatsache, daß dieses Europa, an dessen Existenz ich glaubte, selbst wenn es einmal existiert hatte, nie wiederkehren würde. Ich verstehe, daß es für den Leser vielleicht schön wäre, zu lesen, wie ich die venezianische Vase aus blauem Glas zerschlug und dann.... Oder wie ich im Park eine tote Taube fand, ja, ich schwöre, diese Krallen: was für eine Verzweiflung – und dann... Aber nein. Nein.
Es war ein Moment schmerzlich greller Erleuchtung – die einzige Art und Weise, auf die man wirklich wichtige Dinge erfahren kann. Vielleicht schlug ich mich mit meinem Bruder mit Ahornstöcken, vielleicht malte ich himbeer- und türkisfarbene Flügel eines unheilverkündenden Erzengels, vielleicht schaute ich mir das Leben der Kellerasseln unter einem weggewälzten Stein an. Das ist unwesentlich. Die Götter öffneten den Himmel, richteten einen Lichtstrahl auf mich und zeigten mir – wie jedem – daß wir vergehen. Ich begriff, daß es kein Fegefeuer für die Gegenstände gibt; daß niemand auf verlorene Briefe wartet, niemand verbrannte Bücher liest, daß Schutt sich nicht in Häuser verwandelt und Scherben nicht in die Tassen des Paradeservices der Ururgroßmutter. Verlorene Dinge leben nicht – sie liegen in der Erde und fliegen in der Luft, ohne Grabsteine. Ich wehrte den Schlag nicht ab, der Engel erstarrte auf dem Papier, die Kellerasseln liefen davon. Und ich, das weiß ich noch genau, ich ging durch den Garten, mit großen Schritten, und schrie laut, sehr laut:
„Gebt mir mein Europa zurück!“
Danach hatte ich Fieber, wurde ganz steif und biß die Zähne zusammen, und ein Heilpraktiker legte die Hände auf mich und schüttelte sie, legte sie auf und schüttelte und nahm so immer mehr Striche der Temperatur von mir, wie kleine Insekten aus Quecksilber.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall