JA, DAS IST ER

Jerzy Sosnowskis Hauptfigur des Romans "Ja, das ist er", ein Radiojournalist, stößt auf eine geheimnisvolle Geschichte um das Kriegsschicksal der Stadt Kolberg und der dort befindlichen deutschen Institution für Eugenik. Die Erfolge der hier forschenden Gelehrten sollen die blinde Wut erklären, mit der die Sowjettruppen die Stadt nach ihrer Eroberung dem Erdboden gleich machten.
Das Buch ist jedoch nur dem Anschein nach ein „Thriller der Geheimnisse”. Es ist ein psychoanalytischer Roman; das Pendant der allseits bekannten Couch ist hier das Nachtradio. Deshalb hat das Werk abenteuerlich-detektivistische, erotische und manische Handlungszüge – als entspringen sie den verschiedenen Nachtzeiten, zu denen bestimmte Typen von Gesprächspartnern der Hauptfigur in Aktion treten. Der Autor entwirft ein Ensemble charakteristischer Typen von Obsessionen und Stereotypen, an denen Polen sich heute beim Versuch, die Welt zu begreifen, orientieren. Es gibt hier – wie im politischen und gesellschaftlichen Leben Polens – manchen Hass auf die Erfolgreichen, manche Träume vom besseren Leben in einer besseren Welt, manche Kanten, manch Naivität und Wunderglauben – und zugleich ein tiefes Misstrauen gegen jegliche offizielle Version historischer Ereignisse. Dieses Gewirr lässt sich nicht entwirren, indem man dem Leser sagt, „wie es wirklich war”, ganz einfach deshalb, weil es kein „wirklich” gibt, d.h. jede Version des Geschehens in Abrede gestellt werden kann. So können vielfältige Mythen entstehen, aber ganz sicher keine glaubwürdige Version des Geschehens.
Die Geschichte der Stadt besteht bei Sosnowski nicht in einer verborgenen historischen Wahrheit, sondern in einem Knäuel von Fakten, privaten und kollektiven Mythen, Eingeredetem und Ressentiments, aus denen jeder seinen Handlungsfaden spinnt. Das Buch kann also gar kein sinnstiftendes krönendes Ende finden, das Leser zufrieden stellen würde, die auf eine Lösung aller Rätsel aus sind. Die Handlungsfäden bleiben letztlich Eigentum der Hauptfigur und des Erzählers der ganzen Geschichte, der in der Darstellung der Ereignisse und Texte eine persönliche Note offenbart.
Das Ganze ist überaus kunstvoll geschrieben, unter Verwendung einer breiten Palette von Stilen, plastisch und sinnlich. Eindrucksvoll ist auch das Portrait der Stadt, die in der Person Sosnowskis ihren Sänger gefunden hat, wie zuvor Danzig in der Person Stefan Chwins oder Paweł Huelles.

- Jerzy Jarzębski

AUSZUG

„Ich muss Sie doch fragen, ob Sie mir glauben.”
„Ich weiß es nicht.” Jodłowski bemühte sich, höflich zu sein, im Grunde war der ältere Herr die interessanteste Person, die er in Kołobrzeg bislang kennenlernen konnte, zumindest die schillerndste. „Ich weiß nicht, auf welches Ende Ihre Geschichte hinausläuft.”
„Sie ist schon fast am Ende. Wir setzten uns hierher, sie in sich zusammengekauert, auf meine Fragen reagierte sie nicht, bis sie plötzlich jemanden sah, hell auflachte und aufsprang. ”Haben Sie vielen Dank”, sagte sie und ging fort. Nur schien mir merkwürdig, dass…”
„Dass…?”
„Dass ich ringsum niemanden bemerkte. Zumindest damals nicht. Ich hatte den Eindruck, dass sie in ein Selbstgespräch versunken fortging, wild gestikulierend, wie jemand, der den Verstand verliert. So verblasste sie in der Perspektive des Gässchen. Bis sie völlig verschwunden war.”
Hubert Radwan verstummte ganz. Grzegorz sagte auch nichts mehr. Mehr noch: Er bemühte sich nichts zu denken, da es der Greis vielleicht wie ein laut ausgesprochenes Wort hätte hören können. Sie saßen eine Weile in der warmen Nachmittagssonne.
„Grzegorz… Wissen Sie, was das ist, das hier vor uns?”
„Was?”
„Ein Spalier. Ein kleines Dach aus Bäumen und Metallnetzen über einer schmalen Allee. Lange, lange vor dem Krieg entstanden. Vielleicht pflanzte es sogar noch Gartenbaumeister Martens. Das Netz ist weg, ein Teil der Bäumchen auch. Der Rest wächst völlig verdreht, denn früher wurden sie so geschnitten und festgebunden, dass sie sich über den Bogengang neigten. Vor einem halben Jahrhundert, vielleicht noch früher, flanierten hier elegante Kolberger Kurgäste. Mit einem von ihnen ging sie fort.”
Grzegorz lächelte träge.
„Hübsch”, brummte er, ohne die Augen zu öffnen.
„Wollen Sie sie sehen?”
„Wen?” Eine Weile maßen sie sich wie zwei Verschwörer, wie Versucher und Opfer.
„Sehen Sie”, ergriff schließlich Hubert das Wort und drehte sein Gesicht wieder in die Sonne. Er senkte die Lider. „Es geht um eine bestimmte Technik, im Augenblick zu leben. Sie halten sich, verzeihen Sie, immer an der Oberfläche auf. Sie gleiten nicht mehr – wie die meisten Menschen – über ihn weg, Sie sind schon in ihn eingetaucht, das ist lobenswert, aber doch nur ein, zwei Grad. Also reißt sie der Strom immer noch mit. Wenn Sie jedoch tiefer vordringen werden, fühlen Sie sich ganz Sie selbst, fühlen Sie sich ganz, genau hier, auf dieser Bank, Sie füllen sich ganz mit diesem Augenblick, auf allen seinen Ebenen, und Sie widmen nichts von sich dem Erinnern oder Planen von etwas... Dem Phantasieren…”
Wieder trat Stille ein. Grzegorz Jodłowski dachte flüchtig an die neue kommende Nacht im Studio und verspürte plötzlich eine lustvolle Ruhe. Früher hatte er wirklich versucht, Karriere zu machen, noch als er nach Kołobrzeg pendelte, trug er in Gedanken einen weiteren Punkt in seinem Lebenslauf ein, dann rüttelte es ihn wie einen Motor bei hohen Drehzahlen, der plötzlich ausgekuppelt wird, er regte sich auf, dass er hier hängenblieb. Herrn Huberts Spintisierereien gestatteten es, den kargen Lauf des Lebens als außergewöhnliche Möglichkeit zu sehen, die er bislang geringgeschätzt hatte. Er spürte verwundert, wie seine Muskeln sich lösten, auch wenn sie ihm zuvor nicht angespannt erschienen waren. Also setzte er nicht fragend nach „Was wäre dann?”, sondern saß nur ruhig da. Er wartete.
„Oh genau so, fast schon ganz richtig”, hörte er das Lob. „Und wenn jetzt nicht mehr der Gedanke an Ihnen nagen würde, dass Sie sich dem Rentner, der neben Ihnen sitzt, zu sehr angleichen, wäre es für den Anfang wirklich ausgezeichnet. Es gibt genügend Menschen, die den gegenwärtigen Augenblick im Sein aufrechterhalten. Sie strengen sich für etwas an, wollen etwas erreichen, erfüllen ihre Rolle mit Engagement, ohne ein Wort. Doch Ihre Berufung, wenn ich dieses altmodische Wort gebrauchen darf, ist eine andere.”
Vom Hafen her näherte sich ihnen ein Ehepaar mit einem Kinderwagen. Grzegorz’ Augen begleiteten sie unter den leicht gesenkten Lidern.
„Also spüren Sie diesen Augenblick mit dem ganzen Körper, Sie entsagen den aus Ihnen wie aus einem Ektoplasma, d.h. wie Scheinfüßchen einer Amöbe der Vergangenheit und der Zukunft zuströmenden Gedanken... Dann öffnet sich paradoxerweise der gesamte von Ihnen erfüllte Raum für alles, was hier jemals geschah oder noch geschehen wird. Und dann kann man sie betrachten. Den tollkühnen Nettelbeck, der nebenbei gesagt einmal direkt hinter unseren Rücken sein Grab hatte. Die ersten Kurgäste. Die Sommerfrischler der Vorkriegszeit. Am Anfang sehen Sie nur verschwommene Umrisse. Etwas in Art überbelichteter Fotografien. Luftverdichtungen, die leicht übersehen werden können. Nebenfetzen. Eine Gegenwart.”
„Und Sie können sie sehen?” Grzegorz wurde bewusst, dass in seiner Stimmmelodie eher Neugier als Unglauben lag. Herr Hubert hatte das wohl auch gehört, denn er lächelte breiter als bisher und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Sie könnten mein Sohn sein. Darf ich Sie duzen?” Und als der Journalist zögernd dachte „Warum eigentlich nicht?”, nickte er. „Ja, Grzegorz, lieber Gärtner, ich kann sie sehen. Das ist eine Sache der Übung. Aber da du sie ohne jedes Training gehört hast, warum solltest du sie dann nicht nach einer gewissen Zeit auch sehen können?”
Jodłowski öffnete die Augen und starrte in den Bogengang zwischen den Bäumen. Natürlich war er leer.
„Woher wissen Sie das alles?”, fragte er.
Herr Hubert stemmte die Hände auf seinen Stock und wiegte den ganzen Körper, als wollte er überprüfen, ob alle Knochen an Ort und Stelle sind. Es schien, als überlegte er sich eine Antwort, doch Grzegorz konnte seine Gedanken nicht hören.
„Ist dir wirklich nichts Außergewöhnliches in einem früheren Leben widerfahren?”, sagte er schließlich und stand auf. „Ich gehe jetzt. Wir treffen uns in ein paar Tagen wieder. Danke für deinen Besuch.”

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier