DIE GOLDENEN ZWÖLF

"Die goldenen Zwölf" ist eine Auswahl von siebzehn Erzählungen, die in den letzten Jahrzehnten von zwölf herausragenden polnischen Schriftstellern verfaßt worden sind. Die Auswahl der Autoren und Texte stammt von Antoni Libera, das Anliegen der Sammlung scheint zu sein, in den Erzählungen das polnische Schicksal der Nachkriegszeit zu spiegeln. Es gibt Geschichten über die Besiedlung der Westgebiete, d.h. der ehemaligen deutschen Gebiete (Chwin, Huelle), und die damit verbundenen Versuche, sich an Zufall und Fremdheit zu gewöhnen, was auch bedeutet, das deutsche Erbe als Element der eigenen Tradition anzunehmen (Kowalewski, Tokarczuk) und die Geschichte Danzigs und des ehemaligen Ostpreußens aufzugreifen. Am meisten erfahren wir aus diesen Erzählungen über die kommunistische Wirklichkeit – sowohl von ihrer düsteren als auch ihrer grotesk-komischen Seite betrachtet: Barańczak erzählt von der Angst und Niedertracht der kleinstädtischen „Arrangements“ mit der Macht, Huelle vom heiteren Heroismus eines Fachmanns, der angesichts einer Pfuscherei nicht die Augen verschließen will, Libera von Absurditäten, die aus der wirtschaftlichen Situation der Polen resultieren, Maj von einem Auftritt der Rockband „Animals“ in der Arbeiterstadt Lodz, Tokarczuk vom Beginn des Kriegszustands aus der Sicht eines nichts begreifenden englischen Psychologieprofessors. Die Verfasser der Erzählungen versuchen zu verstehen, was der das Alltagsleben und das Wertesystem bestimmende Kommunismus in seinem Kern eigentlich ist (Mentzel, Weiss).
Die historisch-politischen Themen dominieren das Buch jedoch nicht vollständig, ebenso wichtig sind philosophische Aspekte, Reflexionen über den Sinn unserer Existenz. Sie sind es, die in den Erzählungen von Chwin, Kowalewski, Rylski, Tokarczuk und Zagajewski in den Vordergrund treten. Die Alternative zum politischen Engagement ist der Kampf gegen die Leere, die Entblößung der Absurdität des Lebens, wie sie in den Erzählungen Rylskis oder Zagajewskis so schön zum Ausdruck kommen. Das ist eng verbunden mit (bisweilen selbstironischen) Überlegungen zum Elend des Schriftstellerberufs, wie wir sie bei Pilch oder Zagajewski finden, aber auch in der ungewöhnlichen Begegnung zweier Autorenlesungen, von Kowalewski und Tokarczuk, die dasselbe Treffen Thomas Manns mit seiner Geliebten im Jahre 1929 in Allenstein zeigen – einmal aus männlicher und einmal aus weiblicher Sicht.

Jerzy Jarzębski

AUSZUG

Stalin lernte ich außerhalb des Hauses kennen.
Eigentlich hätte ich ihn zu Hause kennen lernen müssen, denn Vater wusste sehr viel über ihn, aber irgendwie sprach man zu Hause nicht über Stalin. Man sprach über alle möglichen Personen. Über Stalin schwieg man. Wenn dieses Schweigen auch ein ganz besonderes war, völlig anders als das Schweigen, das sich beispielsweise auf die Nachbarn von oben oder von gegenüber bezog.
Was aber das Sprechen betrifft, so sprach mein Vater anders als zum Beispiel Frau Janiakowa oder die Smucińskis, und einige meiner Kameraden versuchten auf dem Heimweg von der Schule diesbezüglich Scham in mir zu wecken, obwohl ich nicht so recht wusste, wofür ich mich eigentlich schämen sollte, denn Vater sprach genau wie Herr Litewka oder Herr Jaśniewicz, die ebenfalls von weither nach Oliwa gekommen waren.
Denn Vater zog die Laute in die Länge. Vielleicht nicht extrem, aber immerhin, und Oma nannte ihn (wenn er es nicht hörte) den „Wilnaer“, denn sie fühlte sich als Warschauerin denen aus den Ostgebieten immer etwas überlegen. Aber über Wilna sagte Vater genauso viel wie über Stalin, nämlich gar nichts. Das erstaunte mich schon sehr früh. Schließlich war er dort geboren und hatte sein halbes Leben dort verbracht – und jetzt kein Wort darüber? Warum? Wie kam das? Das konnte ja sehr interessant sein. Ich lauschte immer aufmerksam seiner Stimme, wenn ich glaubte, jetzt würde er anfangen, weil sich die Gelegenheit ergab.
Gelegenheiten waren die Treffen bei der Tante (Vaters Schwester), in dem Zimmer in der Waryńskiego-Straße in Wrzeszcz, wo es gelungen war, „vorläufig”, wie man sagte, unterzukommen, aber dieses „vorläufig” erwies sich natürlich als recht lange. Ich saß im Zimmer der Tante am Fenster, betrachtete bald die Kastanie, die auf unserer Straßenseite blühte, bald Vater, den Onkel und die Tante, und manchmal war mir zum Weinen, obwohl ich gar nicht wusste warum, denn der Onkel spielte recht fröhlich auf der Gitarre (einer seltsamen Gitarre: lang, mit sieben Saiten), behutsam legte er die Finger auf den Griff und brachte sie dann plötzlich, mit einer lustigen Bewegung, in eine andere Position, wobei er den Ellbogen herumwarf und den Kopf schief hielt; und alle sangen Lieder, über die man eher hätte lachen sollen, weil sie lebendig und voller Schwung waren, aber niemand lachte, alle achteten sehr darauf, dass ihre Stimmen einen hübschen Akkord bildeten und zogen das Ende des Refrains laut in die Länge. Die Gitarre klang silbern, denn der Onkel schlug mit den Fingernägeln die Saiten an, die mit einem Kupferdraht umwickelt waren und bei Berührung ein bißchen klirrten; Vater stellte auf dem Boden einer mit einem weiß-braunen Schachbrett bedeckten Holzkiste Figuren auf und bereitete sich auf das „Spielchen“ vor, das nach dem Singen folgen sollte. Die Tante rührte in einem Topf auf dem kleinen Herd, der in der Ecke bei der Tür stand – und alle sangen, als wäre ich gar nicht da. Ich spürte, dass sie mir das, was sie sangen, keineswegs beibringen wollten; sie sahen beim Singen weder mich noch einander an. Jeder schaute in eine andere Richtung: die Tante in die Flamme auf dem Herd, Vater auf die Schachfiguren, die er aufstellte, und der Onkel anscheinend auf das Tapetenmuster über dem Bett.
Ich saß neben dem Fenster, lauschte aufmerksam jedem Wort und verstand sogar ein bisschen von dem, was da gesungen wurde. Die Lieder erzählten vom Wegfahren, von Begrüßung und von dem Baum, der den Frauennamen „Kalina“ trug, aber der Gesang nutzte gar nicht die Möglichkeiten, die sich in der Bedeutung und den Nuancen der Wörter verbargen (denn die Worte waren, das spürte ich, manchmal ein wenig unanständig, ein wenig). Die Stimme folgte rhythmisch den Schlägen der Gitarre, ließ sozusagen den frivolen Sinn links liegen und hielt sich nur an die Melodie, und als der Onkel zu spielen aufhörte, wurde es ganz still, und nur die blaue Flamme unter dem Topf zischte.
Eben in solchen Momenten lag eine Gelegenheit. Ich spürte, dass sie gleich etwas sagen würden und ich etwas mehr von dem verstehen könnte, was ich gehört hatte – aber nein, der Onkel fuhr nur mit dem Finger über die Saiten, von der dicksten bis zur dünnsten, und begann dann, ohne etwas zu sagen, mit dem Daumen auf den Resonanzkörper zu klopfen; er tat das ganz unbewusst, wie im Schlaf, ein leises Klopfen, alles andere als im Rhythmus, nur: klopf, klopf... klopf, klopf...
Und dann begann er wieder zu spielen. Im Zimmer wurde es dunkel, und das am Rande des Wandbehangs mit dem Sonnenuntergang und dem Reh befestigte Bildchen mit der Mutter Gottes vom Spitzen Tor schimmerte silbern – ein rätselhafter Name, aber sehr passend für das leicht geneigte Antlitz, das von spitzen silbernen Strahlen umgeben war, die glänzten wie die Strahlen des Mondes.
Ein wenig später erfuhr ich, dass alles hätte anders sein können, das heißt: der Ort und auch ich. Ich war entsetzt. Es stellte sich nämlich heraus, dass ich gar nicht Polnisch sprechen würde, wenn Vater und der Onkel es nicht „in letzter Sekunde“ geschafft hätten. Darin lag für mich eine Inkonsequenz, man hätte eher sagen müssen, dass es mich dann überhaupt nicht gäbe, aber es ging darum, dass ich dann alles anders genannt hätte, und eben das – dass ich anders gesagt hätte zu Baum, Katze oder Kathedrale – war wesentlich schwerer zu verstehen als die Möglichkeit, dass ich einfach nie auf die Welt gekommen wäre.
Vater und der Onkel waren „in letzter Sekunde“ in den Zug gestiegen, der „auf Olsztyn“ fuhr. Später erfuhr ich, dass sie sehr lange gefahren waren, bis sie in Nowy Dwór ankamen. In Nowy Dwór hielt der Zug an, weil ihm das Wasser ausgegangen war. Also stiegen sie aus, blieben neben den Gleisen stehen, betrachteten eine Weile die Häuser und Bäume und gingen Richtung Bahnhofsgebäude, und hinter ihnen keuchte der Zug unter der Pumpe, während er Wasser in den Tender tankte. Das gleichmäßige Keuchen entfernte sich, denn sie machten sich auf den Weg zum Bahnhof, weil sie schon genug hatten vom Fahren und sich dachten, es sei ja eigentlich egal, der Ort sei ganz nett, man könne ja auch hier leben. Und als sie so gingen – mein Herz schlug mächtig, denn sie entfernten sich immer weiter von den Waggons – dachten sie sicher, es sei gar nicht so schlecht hier, sie würden schon was finden, und mein Herz schlug jetzt ganz laut, denn der Eisenbahner drehte schon den Schieber zu, wusch sich die Hände in dem restlichen Wasser, das von oben heruntertropfte, wischte die Hände an der Hose ab und begann die Stufen zur Lokomotive hochzusteigen, und sie sahen das gar nicht, weil sie ganz woanders hinschauten, geradeaus, Richtung Bahnhofsgebäude, wo sie schon fast angekommen waren. Der Eisenbahner stieg in die Lokomotive, machte irgendwas am Kessel, Dampf zischte, Rauch brach aus, es pfiff, die Räder drehten sich, langsam fuhr der Zug an, und da blieb Vater stehen, sah sich noch einmal um und sagte dann zum Onkel: „Ach nein...“ Der Zug fuhr jetzt schon recht schnell, also rannten sie plötzlich los, auf die Gleise zu, denn plötzlich wollten sie doch wieder einsteigen, also liefen sie über die Weichen, an den Ampeln vorbei, sprangen über Drähte und Signallampen, stolperten über Schienen. Aber sie schafften es! Sie erwischten den vorletzten Waggon, und hopp! Schon waren sie drin.
Und so wurde ich in Gdańsk geboren, genauer gesagt, in der Poznańska-Straße Nummer 18, in Oliwa hinter den Gleisen, in einem Haus, das vor dem Krieg für die Arbeiter von Schichau gebaut worden war – obwohl ich auch in Nowa Wilejka oder im schönen Nowy Dwór hätte geboren werden können. Ich sollte nie erfahren, was an dieser Stadt Vater abgeschreckt hatte. Der Moment, als er „Ach nein“ sagte, blieb für immer ein Geheimnis.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall (Kurze Geschichte eines Scherzes [Krótka historia pewnego żartu], Gdańsk: słowo/obraz terytoria, 1999)