GESCHMECKTES UND BERÜHRTES

"Geschmecktes und berührtes" ist eine Sammlung von 22 Erzählungen hohen künstlerischen Ranges. Hauptfigur ist immer eine Frau, im allgemeinen eine reife Frau, hinter der mehr oder weniger schmerzhafte Erfahrungen liegen. Die Figurengalerie präsentiert sich imposant: Neben Frauen, die völlig im grauen Alltag versunken sind, Hausfrauen und den typischen Mädchen aus der Nachbarschaft, finden sich Intellektuelle, Prostituierte und Alkoholikerinnen. Auch wenn verschiedene Frauenfiguren (Anna, Małgorzata) in mehreren Erzählungen auftreten, besitzt Inga Iwasióws Prosaband keine durchgehende Erzählhandlung oder Problemstruktur. Die Hauptfiguren sind nicht ausschließlich Polinnen; die Handlung mancher Erzählungen spielt auf dem Balkan (Bosnien und Kroatien) oder in Westeuropa (Österreich, Deutschland, die Niederlande). Der konkrete Ort und die konkrete Zeit haben keine besondere Bedeutung. Die soziale Herkunft der Protagonistinnen ist belanglos, die Kreise, denen sie angehören, spielen keine wesentliche Rolle. Iwasiów konzentriert sich auf Psychogramme ihrer Hauptfiguren. Die Autorin möchte das Eigene weiblichen Erlebens zum Ausdruck bringen, das besondere Empfinden und Bewusstsein. Im Zentrum stehen die Nuance, das sinnliche Detail, was schon der Titel andeutet. Denn weibliches Erleben – legt Iwasiów nahe – summiert sich aus scheinbar banalen und flüchtigen Erfahrungen, eben jenem „Geschmeckten und Berührten”. Ein weiterer Vorzug des Buches ist es, dass die Autorin versucht, die erotische Sprache zu erneuern. Oder gar – auf der Basis der polnischen literarischen Tradition – einen neuen Benennungscode für sinnliches Lieben festzulegen (das Thema lesbischer Liebe wird hier besonders exponiert).

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Das Wachen bei der Mutter quälte sie deshalb, weil jene, wenn sie sie erkannte, zu verstehen gab, dass sie ihre Lage als Buße betrachtete, auf die eine Phase der Vergebung folgen müsse. Wenn ihr Bewusstsein kurz aufflackerte, gab sie zu verstehen, dass sie ihre Gegenwart aufgrund ihres Mutterseins als ihr gutes Recht ansah, als normalen Lauf der Dinge. Dass sie, wenn sie sich entschiede zu sterben, es in Gegenwart ihrer älteren Tochter tun werde, dass dieser Tod unter ihnen bleibe. Aber sie wollte es nicht, sie traf nicht die Entscheidung dahinzugehen, also erwies sich das Wachen als Band, das sie mit dem Leben verknüpfte. Das Sitzen der Tochter am Bett sollte die Bindung der Mutter ans Leben aufrechterhalten, es gab ihr Gelegenheit Buße zu tun, war zugleich ein schweres Kreuz wie auch eine zusätzliche Strafe, die der Tochter auferlegt wurde. Im Sterben, ohne sterben zu wollen, hatte sie über ihre Erstgeborene noch größere Macht als damals, als sie ihre eigenen Kinder vor die Tür setzte oder als man die Bewusstlose ins Bett zurücktragen musste. Niemand kannte diese Kindheitsgeschichten, denn die Fortsetzung war eine ganz andere Geschichte gewesen, beide „waren ihren Weg gegangen“, was doch bei zerbrochenen, vom Alkohol zugeschütteten Familien selten vorkam, aber mit der Mutter hatten sie lange Jahre den Kontakt verloren, bis es galt, ihr in der Todesstunde beizustehen. Beide hatten sie studiert, Karriere gemacht, waren aufgestiegen, ihrem Erbe zum Trotz.
Als sie ihrem Mann davon erzählte, an jenem Nachmittag nach dem Anruf, starrte er sie ungläubig an. Er hatte nicht gewusst, nicht vermutet, dass ihre Vergangenheit, ihre Kindheit, so schlimm ausgesehen hatte. Er hatte nicht gewusst, dass es sie so viel gekostet hatte, heute glücklich zu sein, dass sie einen solchen Weg zu ihm zurückgelegt hatte. Dass sie einen solchen Schmerz in sich trug – das Sterben der Schwiegermutter war ihm zuvor als Sterben einer Mutter erschienen, mit der seine Frau sich nicht sonderlich verstand. Ein Sterben, das sie nicht miterleben wollte. Sie sagte ihm auch, was er überhaupt nicht verstand und auch nicht kommentierte, dass es nicht so sei. Ihrem Erbe zum Trotz war alles, auch das Krankenhaus und Mutter, ein einziger Weg. Sie konnte darauf nicht innehalten, davon sprechen, sich zurückerinnern. Sie musste es in sich tragen und ihm täglich ausweichen. Und es machte ihr Sorgen, dass Janka sich schon lange von diesem Bewusstsein des Vergangenen befreite, auch wenn sie gleichzeitig zufrieden war, dass ihrer Schwester dieses Bewusstsein fehlte, dass sie ganz einfach zu leben schien, nicht zum Trotz.
Ja, das Schlimmste an dieser aufgelebten Erinnerung war, dass sie zuvor niemandem davon erzählt hatte, in gewissem Sinne hatte sie es nicht einmal sich selbst gesagt. Am schlimmsten war, dass sie es immer für notwendig und am besten gehalten hatte. Ganz zu schweigen davon, dass sie ein Ende wollte. Und die Mutter erklärte an einem Nachmittag relativer Klarheit: „Jetzt werde ich dich schon mehr lieben.“ „Mama“, sagte sie in Gedanken zu ihr, „du musst mich nicht lieben, lass mich zu meinem Zuhanse, in mein Leben zurück.“ Und sie hatte sie auch dort, in jeder Minute ihres glücklichen Lebens, das glücklich sein musste, damit man vergessen konnte. Das Glück hatte also seine ungenannte Ursache im Hintergrund – das große Unglück. Beide Zustände waren einander wert.
Vielleicht beruhte also die Unerfreulichkeit jener Erinnerung darauf, dass sich so etwas wiederholen könnte. Wenn Janka, Gott behüte, ... Wenn etwas falsch gelaufen wäre, hätte sie dann nicht den Vorwurf erhoben, dass sie ihr wieder „ihr Leben“ wegnahm? Besonders jetzt, in diesem Augenblick, als sie beschlossen hatten, es an ein Kind weiterzugeben. Nein, so dachte sie überhaupt nicht darüber. Bilder, Sätze, Empfindungen strömten ihr unter dem Einfluss des Krankenhausgeruchs ungeordnet durch den Kopf, doch dieses Mal waren hier andere Menschen, Janka hatte keine Übung mit dem Tod, Janka rannte in gestrecktem Galopp vor dem Tod davon. In die Richtung, wo ihre Lieben standen, ihre Familie, die keine düsteren Geheimnisse mit ihr hatte, in der niemand zur Geisel taugte, denn alle kamen sie ganz einfach hierher, aus einem Herzensbedürfnis heraus. Also war schon allein der Vergleich dieser Tode, der Tode so eng verwandter Frauen, eigentlich ohne Sinn. Ihr Bindeglied war sie, die sie in ihrem Leben und dem der Schwester das Erbe der Mutter sah.
Am Abend sagte sie ihrem Mann, dass es vielleicht einen tieferen Sinn habe, ein Kind genau in diesem Augenblick, wenn Janka... Doch er lachte sie aus: „Janka stirbt nicht“, sagte er, „hast du gesehen, wie gut es ihr heute ging?“ Außerdem war das ein dummes, so primitives und sentimentales Denken, ein Filmabklatsch, dass jemand in dem Augenblick geboren würde, in dem jemand von der Familie starb. Fortdauer und Staffellauf. Auf der anderen Seite war es eigentlich doch so, statistisch gesehen. Immer, in jedem Augenblick, wird jemand geboren, und jemand stirbt. Nicht immer derjenige, der es sollte. Sie ging in ihren Betrachtungen viel zu weit, denn Janka fühlte sich wirklich gut. Nach allem ausgefragt bestätigte der Arzt, dass keine andere Therapie notwendig war, er lobte die Entscheidung der Patientin sehr, sagte, dass zwar in letzter Zeit schonende Eingriffe Mode (Mode? Was hieß das?) seien, das Herausschneiden eines kleinen Fragments, die Rehabilitation nach der Amputation sei bisweilen langwierig, aber sie sei die beste Garantie, dass es zu keiner Neubildung und zu keinen Metastasen komme, die dann außer Kontrolle gerieten. Und ein „Ihre Schwester ist eine kluge Frau.“ Also sagte sie abends ihrem Mann, dass sie es dennoch nicht verstehe, dass sie böse auf ihre Schwester sei, denn schließlich müsste sie sich nicht verstümmeln lassen und vor allem ihnen keine solche, keine solche Angst einjagen, schließlich blieb Amputation Amputation, eine letzte Lösung, alle dachten an das Schlimmste, während der Arzt etwas anderes sagte, es schien, als sei dort sogar das Wort „prophylaktisch“ gefallen, „Prophylaxe“. Sie war so böse, verbittert, bis er ihr Recht geben musste, er verstand das auch nicht.
Zuvor hatte sie ihn, als sie sich ein wenig für ihren Egoismus schämte, schon in ein Gespräch verstrickt, was er tun würde, wenn ihr das widerführe. Es war wahrscheinlich, Mutter und Janka, Vaters Schwester, vorher Oma, einige Frauen in der Familie waren an Krebs gestorben. „Sieh doch mal, eure Mutter, klar, sie hat alles dafür getan, bei Oma war es das Alter, alte Leute müssen an irgendetwas sterben, und Vaters Schwester war eine entfernte Verwandte. Da ist keine Risikogruppe, du siehst es selbst.“ Es wäre dumm gewesen weiterzumachen, schließlich sorgten sie sich beide um die wirklich Kranke, nicht um ein imaginiertes Krebserbe, trotzdem musste sie wissen, was er täte, wenn sie ihr die Brüste abschnitten, würde er sie lieben? Er musste bejahen, was sie aber nicht im geringsten beruhigte. Vor dem Spiegel im Bad versteckte sie ihre Brüste mit den Händen, schob sie zur Seite, um ihren nackten Rumpf zu sehen, und sie dachte an das Stillen ihres geplanten Kindes. Janka hatte schon einen fünfjährigen Sohn, wenigstens darüber musste sie keine Entscheidung mehr fällen – über das Nichtstillen, nicht ein einziges Mal. Als sie so da stand, erlebte sie den Anblick ihres Brustkorbs als Ödland, an das sich kein Kind schmiegen würde, als wäre das irgendwo bestimmt worden. Und sie dachte an die Männer, ihren und Jankas, an die Narben, an die männliche Neigung, sich zwischen Brüste zu legen, dorthin den Kopf zu schmiegen, daran, wie sie ihm dann das Haar zerzauste, ihre gepflegten Fingernägel betrachtete, wie vertraut das war, wie unschuldig, einladend oder ganz im Gegenteil – heiß und lustvoll. Immer intim.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier