Anna In in den Grüften der Welt

Olga Tokarczuks jüngstes Buch ist im Rahmen eines internationalen verlegerischen Projekts entstanden, in dem zeitgenössische Schriftsteller Mythen der Antike neu erzählen. Olga Tokarczuk nimmt sich in ihrem Beitrag eines Mythos an, der zum ersten Mal vor über vier Jahrtausenden bei den Sumerern belegt ist und damit zu den ältesten Mythen der Welt gehört. Es ist die Geschichte der Mondgöttin Inanna, die in die Unterwelt hinabsteigt, wo ihre Schwester Ereshkigal herrscht. Inanna wird von einer anderen Gottheit vor dem Tod bewahrt, doch Ereshkigal verlangt ein anderes Opfer an ihrer Stelle. In unterschiedlichen Versionen des Mythos ist es entweder Inannas Ehemann, der an ihrer Stelle sterben muß, oder dessen Schwester, die sich anbietet, an seiner Statt in den Tod zu gehen. In Tokarczuks Wiedergabe der Geschichte finden sich Elemente verschiedener Versionen, und sie setzt Nebenfiguren der mythischen Handlung, insbesondere die treuen Diener der Göttinnen, als Erzähler ein. Ihre Geschichte betont Anklänge, die sich auch in anderen Kulturen finden: viele Mythen handeln von einem Abstieg in die Unterwelt und der anschließenden Rückkehr im Austausch gegen ein Opfer als Parallele zum Jahreskreislauf der Natur oder dem Kreislauf des menschlichen Lebens.
In ihrer kundigen Einführung stellt Olga Tokarczuk das Recherchieren und Schreiben der Geschichte als “eine Art literarischer Archäologie” dar. “Eine ganze Sage mußte aus Bruchstücken zusammengefügt und überdies dem modernen Leser so nahe wie möglich gebracht werden. Das war ein ähnlicher Vorgang wie beim Ausgraben eines alten Gefäßes, das einst einem Zweck diente und zu diesem Zweck auch ausgiebig genutzt wurde. Heute ist dieses ausgegrabene Gefäß nicht nur unvollständig,seine Bestimmung ist auch nicht mehr eindeutig.” In gewisser Weise ist die Bedeutung des erzählten Mytos verlorengegangen, und Tokarczuk überläßt es uns, aus ihrer Neuinterpretationen einen für uns relevanten Sinn herauszulesen. Zwar macht sie die Geschichte mit Verweisen auf Schauplätze der Gegenwart dem zeitgenössischen Leser zugänglich (Im Stil der Inszenierung eines antiken Dramas in modernem Bühnenbild und Kostüm), doch gleichzeitig bewahrt sie das Mysterium und eine Ehrfurcht, wie sie dem Menschen beim Betreten der Götterwelt geboten ist. Zu diesem Zweck bedient sie sich eines poetischen Stils und Rhythmus, die an antike Epen erinnern.
In diesem Auszug wird Inanna – von Tokarczuk umbenannt in Anna In – vom Diener der Göttin der Unterwelt in den bösen Wirkungskreis seiner Herrin geführt.

-Antonia Lloyd Jones.

AUSZUG

Der Abstieg Es ist nicht angenehm, meiner Herrin Nachrichten zu überbringen. Es ist nicht angenehm, vor ihr zu stehen und kaum einen Ton herauszubringen. Ich, Neti, ein Haufen Knochen von fadenscheinigem Gewebe zusammengehalten, ich Jedermann, der Erzähler, ich zittere, wenn ich mich ihr nähere. In ihrer Umgebung ist es immer ein paar Grade kälter. Ich habe das nachgeprüft. Die Sprache ihrer zischelnden, elektrisch geladenen Haare habe ich gelernt, sie kämmt sie voll Ingrimm, unaufhörlich. Ich muss den Blick abwenden. Sie bietet keinen schönen Anblick, meine Herrin.
„Eine Person ist gekommen, sie behauptet, deine Schwester zu sein”, sage ich gleichgültig, bemüht keinerlei Gefühl zum Ausdruck zu bringen.
Der Kamm hält inne. Die Haare beruhigen sich einen Augenblick lang. Doch die Lippen werden dunkel, schwarz wie Pech. Das ist ein schlechtes Zeichen für mich.
„Wie sieht sie aus?”, höre ich ihre Stimme.
Ich versuche mich genau auf das zu besinnen, was ich eben durch den Türspalt gesehen habe. Mein Gedächtnis ist nicht gut, es ist an den Dämmer gewöhnt, an Schattenflecken, es nimmt pauschal wahr, nicht im Einzelnen. Wie sieht sie aus? Es war ein guter Anblick, warm, trocken, hell. Genau das Richtige für mein Rheuma.
„Auf dem Kopf trägt sie eine wunderliche Kappe, eine Zipfelmütze, die ihr Haar bedeckt, das in unzählige Zöpfchen geflochten ist, sie trägt eine Halskette aus hellblauen Steinen…” – was noch, was noch, denke ich, ich Armer. So kleidet sich hier niemand. Was soll ich sonst noch sagen, nie im Leben kann ich einen Rock von einem Kleid unterscheiden. „Auf der Brust trägt sie glänzenden Schmuck, am Finger einen großen Ring, wohl aus Gold, reinstem Gold, so groß, dass sie einen damit erschlagen könnte. Über ihrem bunten Kleid hat sie ein silbernes Korsett oder vielleicht eine Weste.”
Ich suche im Kopf nach den passenden Worten, nie gelingt es mir, Kleidungsstücke richtig zu benennen. Kleid, Rock, Korsett, Leibchen, Überrock, Frack… der Erfindungsreichtum der Stadtwesen ist unerschöpflich. Es würde doch reichen, wenn die gesamte menschliche Bekleidung einfach nur „Pullover” hieße. „In der Hand hat sie glaube ich einen Kompaß und eine Landkarte mit Bildern, ihre Hände sind über und über mit Tätowierungen bedeckt.” Ich überlege einen Augenblick. „Nicht sehr weiblich…”, setze ich hinzu. “Die Augen hat sie graphitgrau geschminkt, nach der Mode. Eine hübsche Frau, jung und gesund”, sage ich und denke im selben Augenblick, dass genau das zu Problemen Anlaß geben wird.
Ich höre, dass der Kamm wieder in Bewegung kommt, die Haare knistern zornig. Doch die Stimme, ihre Stimme ist seltsam ruhig:
„Geh zurück und laß sie herein, öffne die Riegel, soll sie kommen, wenn ihr so daran liegt.”
Nichts hätte mich mehr erstaunen können als diese Antwort. Ich hatte eher einen Wutausbruch erwartet, einen unterirdischen Sturm, ein Erdbeben. Ihr Brüllen, wenn sie in Zorn gerät, ihre scharfen Fingernägel. Einen kurzen Augenblick lang, einen Lidschlag lang hebe ich den Blick, doch senke ihn gleich wieder – es ist kein angenehmer Anblick. Habe ich mich verhört?
Nein, ganz und gar nicht. Sie wiederholt es klar und deutlich:
„Soll sie hereinkommen, doch den Koffer soll sie draußen stehen lassen, sag ihr das, und nimm ihr alle Ketten ab, eine nach der anderen, die Schminke soll sie abwaschen, diesen ganzen Schund ablegen. Hier ist weder ein Ball noch eine Modenschau. Nackt soll sie hier stehen. So wie ich sie kenne.”
„Kalt”, sage ich, dieses Wort ist mir lieber als andere. Ich benutze es wie ein „ja”. Ich kommentiere nichts, habe nie ein Meinung. Die Füße plantschen durch das seichte kalte Wasser, stoßen an die steinernen Fußbodenplatten, die nie die Sonne gesehen haben, Moos und Flechten ansetzen vor Sehnsucht nach ihr. Wie ich, Doch was brauchen meine Knochen die Sonne? Sie werden ja keine Blüten treiben.
Ich öffne das Tor einen Spalt weit, ein wenig Licht fällt herein. Es tut mir in den Augen weh. Dort steht das Fräulein, wartet. Ich wiederhole die Worte meiner Herrin, haargenau, mechanisch, ich bin der automatische Türhüter mit den schmerzenden Knochen, mir ist alles gleichgültig. Ich habe kein Herz, kein Erbarmen. In den Knochen ist kein Mitleid. Ich werde mich für nichts engagieren.
„Hat sie sich gefreut, dass ich komme?” fragt Anna In. Aber ich habe nicht die Absicht ihr zu antworten. Was sollte ich ihr auch sagen? Hat sie sich gefreut? Das ist gut!
Als sie den Fuß über die Schwelle setzt, ins Dunkel schlüpft wie in einen schwarzen Strumpf, überkommt mich ganz kurz der Wunsch, das Mädchen zu packen, ihr die Arme umzudrehen und sie hinauszuwerfen. „Raus” zu schreien, „hau ab!”. Aber ich kann mich beherrschen, ich bin nicht mehr jung.
Ich frage nur, eigentlich ohne eine Antwort zu erwarten:
„Weißt du, was du tust?”
„Ja, das weiß ich”, sagt sie.
Das gefällt mir. Manchmal kommen sie hier so erschöpft an, sterbensmüde, apathisch. Sie stehen vor dem Tor und denken, es ist ein Sanatorium. Wir haben hier ein kleines Zwischengeschoß für sie, eine süße Quarantäne, wo sie zu sich kommen können. Ich habe genug von den Querelen. Ich bin Beamter, führe Befehle aus, arbeite hier, angestellt auf Ewigkeit.
„Hat sie sich gefreut, dass ich gekommen bin?” fragt die Frau wieder, als wir hinabsteigen.
„Hier darf man nicht reden, vergiß die Worte” weise ich sie flüsternd zurecht.
„Von jetzt an darfst du kein Wort mehr sagen, das Geplapper nützt hier ohnehin nichts mehr. Es wird nur als Echo von den Wänden widerhallen. Die Worte werden verstümmelt zurückkehren, wie aus dem Krieg, Wort-Invaliden. Wenn wir hier so ungehemmt reden könnten wie ihr dort oben, dann wäre alles anders.”
Ich führe das Mädchen einen breiten Korridor entlang, durch den rostige Schienen velaufen. Die Füße stecken knöcheltief im Wasser, daher kommen auch meine Schmerzen. Anna In sieht mich verstohlen an, ihr fühle ihren Blick. Er ist warm, soll sie ruhig schauen. Ich schäme mich nicht, dass ich ein Haufen rheumazerfressener Knochen bin, die nur von Häkelpullovern zusammengehalten werden. Ein Sturz könnte bedeuten, dass sie völlig zerfallen, deshalb setze ich die bloßen Füße vorsichtig auf den schlüpfrigen Boden.
An einer quietschenden Eisentür heiße ich sie, die Kappe abnehmen, die ich sofort ins Wasser werfe. Ohne Kappe sieht sie auch besser aus. Sie macht Anstalten zu protestieren, doch schweigt dann im letzten Augenblick – das ist gut, sie hat begriffen: hier wird nicht gesprochen. Wir steigen weiter in die Tiefe, bis wir eine halbverfaulte Holztür erreichen. Hier lasse ich sie die Halskette abnehmen. Ich mustere die Kette kurz, bevor ich sie ins Wasser werfe, mit ihr läßt sich hier kein Eindruck machen. Der Stein wird sofort ausbleichen, die Schnur wird verrotten. Stadtschmuck! Ebenso diese großen funkelnden Steine – was für ein Licht soll sich hier darin spiegeln, wovon sollen sie glitzern? Sie passen nicht hierhin, meine Herrin liebt keinen Schmuck. Kein Rot, keine Rosentöne, sie verabscheut Blau. Was sie liebt ist schwarz, grau, fauliggrün. Skulpturen interessieren sie – sie hat eine Vorliebe für Stalagmiten. Sie liebt Musik, insbesondere die monophonische Musik, die auf einem Ton beruht, der monoton gehalten wird, mal leiser, mal lauter, ein ganzes Konzert, mehrere Tage, manchmal drei Monate lang. Das besänftigt sie. In der Malerei gefällt ihr nur das Schwarz, mit Kennerschaft vertieft sie sich in seine Schattierungen. Nein, nichts, was glänzt und schimmert.
Ist es noch weit? würde Anna In sicher gerne fragen. Aber ich werde ihr nicht antworten. Was sollte ich ihr auch sagen?

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky.