FESTUNG BRESLAU

Wird Marek Krajewski noch einmal eine so spannende literarische Figur wie den faszinierenden, vielseitigen Polizisten Eberhard Mock schaffen können? Den – neben der Stadt Breslau – Protagonisten der Krimi-Tetralogie? Schwer zu sagen. Eines ist jedoch sicher: nach der Lektüre des letzten Bandes der Reihe, Festung Breslau, werden viele Leser Kommisar Mock vermissen.
Das neueste Buch von Krajewski spielt im Frühling 1945, als die Heimatstadt des Kriminalrats – nunmehr eine Festung – von der russischen Armee belagert wird. Mock ist mittlerweile 62 Jahre alt, er spürt die Last des Alters immer mehr, die entstellenden Narben in seinem Gesicht quälen ihn – und dennoch ist er immer noch der alte, elegante, geistreiche Mock; auch wenn seine Welt buchstäblich in Trümmern liegt, setzt er alles daran, dass die Gerechtigkeit am Ende doch triumphiert.
Die letzte Morduntersuchung beginnt, als Mock eine verletzte, brutal vergewaltigte junge Frau findet, die in seinen Armen stirbt. Während der komplizierten, durch den Krieg zusätzlich erschwerten Ermittlungen, muss Mock entscheiden: wer ist hier der Henker, wer das Opfer, wer das Werkzeug, und wer die Hand, die es führt. Ist es die von religiösem Wahn getriebene antifaschistische Aristokratin, die in einem Konzentrationslager festgehalten wird – oder der grausame SS-Mann, der Befehlshaber des Lagers?
Natürlich wird der Kriminalrat weder rasten noch ruhen, bis er die Schuldigen gefunden und bestraft hat. Und das wird ihn teuer zu stehen kommen, denn er wird wieder in seine persönliche Unterwelt hinabsteigen, und immer tiefer in die Kreise der Kriegshölle eintauchen müssen, auf der Suche nach dem Bösen.
Festung Breslau ist – ähnlich wie die vorangegangenen drei Bücher des Zyklus` – ein perfekt konstruierter Roman, in dem alle Elemente des kriminalistischen Puzzles exakt aufeinander abgestimmt sind. Krajewski ist es auch gelungen, in Momentaufnahmen die Agonie der Stadt Breslau zu beschreiben, die sowohl von den Aggressoren wie auch von ihren Verteidigern zerstört wird.
In der Tat – es ist schade, dass es die letzte Begegnung mit dem Kriminalrat Eberhard Mock ist.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Breslau, Donnerstag, den 15. März 1945, zehn Uhr früh

Die Frau wäre für die beiden Brüder Mock leicht gewesen – wären sie zwanzig Jahre jünger. Doch weil sie in jenem Alter waren, das üblicherweise als der Lebensabend bezeichnet wird, kam sie ihnen unerträglich schwer vor. Die provisorische Trage erleichterte den Transport nur wenig. Die beiden Männer hatten sie aus Vorhängen, die im anderen Zimmer hingen, eilig gemacht, indem sie diese miteinander verknotet hatten. Die gewaltigen Knoten an den Enden drückten nun gegen ihre Schlüsselbeine, als sie mit Mühe die Frau hinausschleppten; sie konnten diese Trage an nichts festmachen, an keinem Stock oder Stange, denn in der Wohnung befand sich außer Vorhängen, Gardinen und Tapeten gar nichts mehr. Sogar die Toilettenschüssel war geklaut worden.
Franz ging voran, sein Bruder hinter ihm her, und zwischen ihnen schaukelte die blutende Frau wie in einer Wiege. Eberhard fiel auf, dass schon der nächste Blutstropfen durch den Stoff sickerte. Wie es schien, erfüllte die Seidenkrawatte von Amelung, die er fest über das Handgelenk der jungen Frau gebunden hatte, damit sie nicht ausblutete, ihren Zweck nicht. Als sie die Kellertreppe erreichten, legte Eberhard den Körper vor der Tür ab und sog mühevoll, mit einem leisen Zischen die Luft in seine Lungen ein, die er seit beinahe fünfzig Jahren mit Tabak perforierte. Immer noch schnaufend und zischend schleppte er sich wieder die Treppe hoch und ignorierte das aufgeregte Flüstern seines Bruders, der nicht verstehen konnte, warum Eberhard zurück ging.
Als er sich im Erdgeschoß des Mietshauses befand, drückte er die Flügeltür auf, die zum Haupteingang führte. Beide Türflügel schwangen vor und zurück und Eberhard bemerkte in dem Spalt, der in immer kürzeren Intervallen entstand, lediglich das Tor, das auf die Straße hinausging – und ein kunstvolles Mosaik, das nach dem Vorbild altrömischer Häuser einen aufgeregten Hund an der Leine darstellte, mit der Aufschrift Cave canem. Mock betrat den Windfang und studierte aufmerksam die Liste der Hausbewohner; dann flüsterte er immer wieder den einen Namen.
Plötzlich vernahm er die weichen Laute der russischen Sprache und das Klopfen von Stiefeln auf dem Bürgersteig. Er warf sich auf die kalten Bodenfliesen – genau in dem Moment, als eine russische Patrouille in der Tür erschien. Eberhard betete, dass Franz schweigen möge und spürte unter seiner Wange etwas feuchtes und schmieriges. Er hielt die Augen fest geschlossen und versuchte, alle seine Muskeln anzuspannen, um den rigor mortis vorzutäuschen. Die russischen Soldaten gingen am Tor des Hauses vorbei und klopften mit ihren Stiefeln einen immer leiser werdenden Marsch. Eberhard erhob sich aus der Ölpfütze und bemerkte mit Entsetzen die dunklen fettigen Flecke, die auf seinem Jackett und dem gestreiften Popeline-Hemd prangten.
Leise ging er wieder durch die Flügeltür und hielt abrupt inne. Die Tür einer der Wohnungen öffnete sich durch den Luftzug. Mock schritt darauf zu und betrachtete eine Weile den mit Tischdecken, die aus dem weit geöffneten Schrank hingen, und mit herumstehenden Stühlen vollgestopften Flur. In der Mitte des Raumes prangte eine Nähmaschine der Marke „Singer”. Als er die Tür hinter sich schloß, bemerkte er das Messingschild mit der Aufschrift „Änderungsschneiderei Alfred Uber”. Dann ging er wieder die Kellertreppe hinunter.
Wieder unten sah er Franz, wie er sich über die Frau beugte und ihr in einem drängenden Ton eine Frage stellte:
„Was weißt du über meinen Sohn Erwin Mock? Sag mir alles, was du weißt, du Nutte!”
Eberhard beugte sich über seinen Bruder und stellte entsetzt fest, dass dieser die Wangen der Frau zwischen seinen knorrigen Fingern zerquetschte. Sie war noch so jung ... Aus ihrem wunden Mund, den Franz zu einem Schweinerüssel zusammendrückte, kam nichts ausser Blut und Speichel. Kein Wort.
Eberhard wich ein paar Schritte zurück an die Wand und vollführte einen Tritt von oben. Sein mit Metall beschlagener Absatz landete direkt mitten auf der Eisenbahnermütze. Franz stürzte, fiel einige Stufen hinunter und schlug mit dem Kopf gegen die Wand. Eberhard ging auf seinen Bruder zu, hob ihn hoch und flüsterte ihm etwas ins Ohr, in einem so süßen Ton, als ob er Liebesschwüre hauchte:
„Diese Frau wurde von den Russen vergewaltigt. Sie hatten ihr eine kaputte Flasche in den Mund geschoben. Nenne sie nie wieder Nutte, sonst schlage ich dich tot. Kommst du nun mit, du Mistkerl?”
„Ich komme ...”, flüsterte Franz und griff nach seinem Knoten der Trage.

Breslau, Donnerstag, den 15. März 1945, elf Uhr vormittags

Bis zur Gefechtsstation von Oberleutnant Lehnert trafen sie unterwegs keinen einzigen Sanitäter, obwohl sie schon vom Wachpunkt des Unteroffiziers Hellmig aus durch Funk Hilfe angefordert hatten. Eberhard lenkte das Motorrad sehr langsam durch die Straßen und schaute sich um. Hinter ihm saß Franz, in dem Beiwagen lag das in einen schmierigen stinkenden Armeemantel eingewickelte Mädchen.
In der unterirdischen Stadt glommen an den Wänden schmutziggelbe Laternen und Azetylenbrenner. In ihrem Schein bemerkte Eberhard an dem Gesichtsausdruck der jungen Frau, dass sie zu krampfen begann. Er drückte aufs Gas und überlegte, wie schlimm wohl die Spitze seines eleganten italienischen Schuhs mittlerweile abgewetzt war – dann schaltete er in den dritten Gang. Ohne darauf zu achten, dass rechts Vorfahrt hatte (welche Regel wohl als einzige im Verkehr der unterirdischen Stadt funktionierte), eilte er durch die Sadowastraße zur Station von Oberleutnant Lehnert, wo er vor einer Stunde Sanitäter gesehen hatte. Doch nun war dort niemand ausser dem Wachtposten.
Eberhard hielt seine Maschine an; unter den Rädern stoben Staubwolken hervor.
„Hol einen Arzt!”, brüllte er den Wachmann an. ”Es ist ein Befehl!”, schrie er, als er dessen unkoordinierte Bewegungen bemerkte.
Die Brüder holten das in der Trage liegende Mädchen aus dem Seitenwagen und legten sie auf den Rücken, wobei sie ihre Scham mit dem Vorhang bedeckten. Der Druckverband aus der Krawatte war klebrig vor Blut. Die junge Frau stöhnte leise und hob die Lider. Eine Weile starrte sie Eberhard in die Augen. Über ihre zarte, dünne Haut verlief wieder ein Schauer. Die Pupillen weiteten sich plötzlich. Die Lungen arbeiteten schwer, pumpten blutige Bläschen in ihren Mund. Das Blut floss in einem immer schwächer werdenden Rinnsal durch ihre Adern. Der Schließmuskel öffnete sich. Die gesunde Hand des Mädchens wollte nach Eberhards Ellbogen greifen, doch er spürte nur eine sanfte Berührung – wie eine Liebkosung. Die Blutbläschen platzten auf den trockenen, rauhen Lippen der Frau auf. Das Herz hörte auf zu schlagen.
Eberhard Mock beugte sich über das sterbende Mädchen. Aus seinem glupschigen Auge floß eine Träne. Als sie starb, dachte er zum ersten Mal an heutigem Tag nicht über seine zerstörte Bekleidung nach.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz