Doktor Josefs Tausendschönchen

Die Handlung von Zyta Rudzkas neuem Roman spielt in einer arkadischen Landschaft: die Terrasse einer (einst) eleganten Pension, ein Rosengarten, Sommer. Ihre Hauptfiguren sind jedoch doppelt gefangen: in einem Altersheim und in ihren kränkelnden Körpern. Zudem sind die wichtigsten von ihnen – Frau Czechna (Czesława), ihre Schwester Leokadia, Herr Leon – von den hitlerschen Konzentrationslagern gezeichnet, in die sie als Kinder gerieten. Zyta Rudzka, die sich erzählerisch auf die „Martyrologie des Alters” konzentriert, zeigt suggestiv, dass die Situation ihrer Figuren in vielerlei Hinsicht eine Rückkehrsituation ist – in die Kindheit wie auch in die mit ihr verbundenen Traumata (nicht ohne Grund fällt in regelmäßigen Abständen der Satz: „Ich will zurück ins Lager!”). Im Falle der Titelfigur ist das Problem noch komplexer, sie war nämlich „Patientin” des berühmt-berüchtigten Dr. Josef Mengele und geht mit ihren Lagererlebnissen mit einer Mischung aus Stolz und Scham um – denn sie erwiesen sich als zentrale Episode ihres langen Lebens, das emotionale Band mit dem perversen Folterknecht ist für sie der einzige „Kontakt mit einer berühmten Person”, sie überhöht ihn auf spezifische Weise, er wird zugleich Quelle ihrer immer noch lebhaften (immer lebhafteren) erotischen Phantasien. Die Autorin spielt hier natürlich auf Lilian Cavanas seinerzeit berühmten Film Nachtportier an, dessen provokative Effekthascherei sie durch eine fürwahr konzentrierte Reflexion über das Schicksal ihrer Personen ersetzt, deren Rolle in wenigen Jahren dieselbe Charlotte Rampling mit großem Erfolg spielen könnte.
Von der stilistischen Seite her ist das Werk in dem für Rudzka typischen „Rechenschaftston” gehalten, wenn auch die Autorin die Form des Werks dem „dementen” Gedankenfluss ihrer Figuren kunstvoll nachgestaltet und zugleich zahlreiche Anspielungen auf die große Tradition der polnischen Prosaavantgarde einflicht. Besonders ihre Bezüge auf das Werk Marian Pankowskis (die Szene, in der sie die eintätowierte Lagernummer mit dem Schmetterling der Chaostheorie vergleicht) sind trotz ihres sekundären Charakters eindrucksvoll, vielleicht deshalb, weil Rudzka ihre Geschichte aus der weiblichen Perspektive erzählt, hier bedeutet „Tätowierung” etwas anderes, sie ist so sehr Mal wie Unterstreichung der Schönheit, der Gefallsucht, letztlich auch der Jugendlichkeit. Und all dem – das muss man zugeben – mangelt es Frau Czechna nicht.

Adam Wiedemann

AUSZUG

Als sie zum ersten Mal vor Doktor Josef stand, zwölfjährig und nackt, spürte sie seine Begeisterung.
Den starken, den aufmerksamen Blick. Die geballte Faust im weißen Handschuh. Den gleichmäßigen Schlag der Gerte gegen die gewienerten Stiefelschäfte.
Er hatte sie sofort für sich ausersehen. Knochig. Feinädrig. Kapillar. Ein Gesicht, das dichte Locken in Schatten hüllten. Mit Reif auf dem Unterbauch. Krummen Waden. Schenkeln, zwischen die sich ein Bläschen kalter Luft presste.
Sie stand in einer Schar von Zwillingen, Buckligen, Lahmen und Zwergen. Zwischen Kindern mit deformierten Gliedmaßen, die schon in wenigen Wochen im Biologiemuseum ausgestellt werden würden. Daneben quengelten ausgesucht schön gewachsene Wickelkinderchen. Noch warm von den Armen ihrer Mütter. Sie zeigten ihm auch Zigeunerknirpse mit schönen Zähnen und schönen Schädeln, die nach dem Auskochen viele Schreibtische zieren würden. Sie würden in die Stille der Berliner Arbeitszimmer und Bibliotheken passen.
Er hatte nur Augen für sie. Man schob ihre Zwillingsschwester auf ihn zu. Er maß sie kurz. Sie war anders. Er nickte gerademal. Mit dem Zeigefinger sandte er sie nach rechts, weihte sie so zum Forschungsmaterial.
Wieder hatte er nur Augen für sie. Er schenkte ihr keine Worte, keine Berührung, seine Bewunderung blieb stumm. Er betastete sie mit den Augen. Rührte in Gedanken an ihr. Glitt mit dem Blick über ihre Brüste. Kinderbrüste. Gerundet. Mit zierlichen Knospen. Brustwarzen, die an die blassrosa Erdbeeren des Frühsommers erinnerten.
Plötzlich kam er näher. Einen Schritt. Zwei. Er blieb nahe bei ihr stehen. Streckte die Hand aus. Berührte sie mit der Gerte. Der Körper verbog sich. Die Haut versank zu einem schmalen Trichter. Er stieß zu. Es tat weh. Sie rührte sich nicht. Ja, gut. Sie gefiel ihm.
Er nahm die Gerte weg. Sie war anders. Sie weinte nicht. Als empfände sie die Kälte nicht. Den Gestank. Den Brandgeruch verbrannten Menschenfleischs. Sie hielt gelangweilt aus. Trat von einem Fuß auf den andern. Mit drohendem Gesicht. Voller Anspannung. Sie führte die Befehle aus. Ging in die Hocke. Stellte sich auf die Zehen. Hob die Hände hoch. Drehte sich um. Blieb seitwärts stehen. Rückwärts. Beugte sich. Reckte sich. Stand gerade. Blickte ihm unverwandt in die Augen. Es wunderte, aber es amüsierte ihn. Das Haar klebte ihr am Mund, sie strich es ohne Hast weg. Sie legte dabei den Finger auf die Lippen, als geböte sie ihm zu schweigen.
Er war zufrieden. Ein wahres Vergnügen, dass sie ihm so etwas gebracht hatten.
Er wollte sie wegdrücken. Sie fliegen sehen.. In den Sand. Er stieß sie mit ganzer Kraft. Sie fiel. Lag da. Mit ausgebreiteten Armen. Gebogenen Beinen. In den Kies geschlagen. Aber noch war sie nicht krepiert. Sie zuckte. Rührte sich. Stand auf. Streckte sich. Rieb sich den Speichel aus dem Gesicht, den sie im Fallen ausgespien hatte. *** Alle fürchteten den Sommer, doch niemand sprach darüber.
Und er kam gerade. Allmählich. Ohne Hast. Ohne Erbarmen. Zuerst fiel ein kurzer, kühler Regen, nach dem das Gras den Tau verblüffend schnell abschüttelte. Und dann brannte die Sonne immer stärker und stärker. Das flutende helle Licht breitete sich aus, eroberte immer mehr Schattenplätze des Gartens.
Die Nager zogen auf die Felder ab. Der scharfe Geruch des Mäuseharns ließ sich nur schwer aus dem Speisesaal lüften. Geweißte Tische wurden nach draußen gestellt. Dort aß man jetzt, ruhte man und wartete auf Familienbesuche. Die Terrasse war mit Steinplatten gepflastert. Schartigen. Mürben. Zwischen ihnen reckten sich einzelne Grashalme hervor.
Czechna machte den ersten Schritt. Sie bewegte sich vorsichtig, als läge sie im Innern völlig in Trümmern. Der Kopf schnellte gefährlich empor, passte nicht zum Rumpf, schien mit Gewalt auf einen welken Hals gepfropft worden zu sein. Im Gehen betrachtete sie verstohlen die Pensionsgäste. Sie saßen auf der Terrasse. Starrten vor sich hin. Genossen die Sonne nach dem Bilde zwischen Felsen erstarrter Eidechsen. Sie setzten sich der Wärmesalbung aus. Schädel, auf denen trockene, einzelne Haare wuchsen. Gesichter, als wären sie aus mehreren Stücken Haut zusammengeflickt. Auf den Wangen blaue Flecken, Wunden, eiternde Kratzer. Lider aus Seidenpapier. Von Krankheit aufgedunsene Bäuche. Faltendurchfurchte Hände. Knorrige Finger. Waden wie Jabots. Lose herabhängend. Bei jeder Körperbewegung flatternd. Von Schnürstiefeln und Pumps gelöste Füße. Krumme Finger. Auswüchse. Geschwülstchen. Wässrige Knötchen.
Es hatte den Anschein, als warteten sie auf etwas. Stundenlang starrten sie zum Tor. Mittags war es kaum noch erkennbar, verschwomm in der Gluthitze der Sonne, verwackelte zwischen den rostigen Zaunstäben. Die rostüberzogene Gartenpforte schien ewig verschlossen. Als wäre sie eine Attrappe, durch die es niemandem gelingen würde hinauszugehen. Jenseits derer nichts existierte.
Czechna hielt inne. Sie ertastete das Gefäß mit warmer Flüssigkeit. Ihre Finger umflochten das Glas. Sie drückte es, wie sich jemand bei Schwindelgefühlen gegen die Wand presst. Ihre klebrigen Augen blinzelten.
In die Kisten hatte man einjährige Pflanzen gesetzt. In Tontöpfen gefangene Fikusse wurden nach draußen an die frische Luft gebracht. Ihre vollen, fleischigen Blätter thronten über dem Rasen. Die alten Weintriebe wichen jungen, grünen, die rasch den hohen Zaun, der das Anwesen umschloss, einhüllten. Die Vorjahresschirme wurden abgestaubt. Auf die Terrasse wurden Liegen, Plastikstühle und Campingtische hinausgestellt.
Aha, also kommt bald ein neuer Juni.
Sie sagte es leise, zu sich selbst.
Sie setzte sich einen Augenblick hin. Nahm die Puderdose heraus. Richtete die Locke über dem Ohr. Lange betrachtete sie sich in dem kleinen, ovalen Spiegel. Sie war stolz auf ihre glatte Haut. Hätte sie sich entschieden, Brille zu tragen, hätte sie ein dichtes Netz dünner Einschnitte auf ihren Wangen bemerkt, die den Verletzungen an einer Blattkante glichen. Sie erinnerte an eine Puppe mit einem Porzellangesicht aus einem Antiquitätenladen.
Ich habe vergessen, es euch zu sagen.
Ergriff ihre Zwillingsschwester das Wort, Leokadia. Sie hatte ein Kinderstimmchen.
Hört zu, gestern setzte sich mir ein Marienkäfer auf den Rock. Ein wundervolles, kleines Marienkäferchen... Und im Radio haben sie gesagt, dass es Wiesen gibt, auf denen man achtunddreißig verschiedene Sorten wilder Orchideen und zwanzig Bienenarten findet. Ist das nicht wundervoll?
Sie seufzte. Lächelte, entblößte ihr braunes Zahnfleisch.
Nach einer Weile sprach sie wieder:
Spürt ihr das? Es ist schon Sommer, nicht wahr? Wir sollten aufs Land hinaus fahren. Was lebt, rührt sich, regt sich, blüht auf. Mütterchen Natur putzt sich für uns fein raus. Als sollte sie morgen, übermorgen einen wichtigen Tag begehen. Ein wundervolles Ereignis. Schaut nur, wir haben es hier aber schön... Siehst du das, Czechna...? Du freust dich, nicht wahr? Gestern waren es zwei Jahre, dass wir hier sind, wir haben etwas geweint, und heute können wir wieder glücklich sein. Wundervoll... Der Frühling ist vorüber, und hier ist es immer noch schön.
Sie sah sich überall um. Beseligt. Ihr Kinn zitterte.
Ich teile Ihre Ansicht voll und ganz, Leokadia. Wir können uns glücklich schätzen.
Nickte Herr Henoch.
Er war fast achtzig Jahre alt. Aufgeschwollen, verquollen, mit Restchen von Haar auf dem eierförmigen Schädel, durch das man Leberflecken durchscheinen sah.Wir können uns Erholung angedeihen lassen. Frische Luft schnappen. Nach Belieben Urlaub machen.Begeisterte er sich.Er warf einen Blick auf den Wärter, der beim Schuppen für das Gartengerät stand. Seine Silhouette erschien schwer und reglos wie ein Obelisk. Danach sah er Czechna an. Sie präsentierte ihre schlanken Beine in ihrem dunkelroten Hosenanzug.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier