DAS MÄDCHEN VON DER VERANDA

Die sieben Erzählungen, die der neue Band von Kazimierz Orłoś enthält, spielen alle in der gleichen Szenerie – in Masuren. In einem Landstrich, der sowohl zur Geschichte Deutschlands wie Polens gehört. Einer trotz aller gemeinsamen Berührungspunkte so grundverschiedenen Geschichte, dass die eine die andere häufig ausschließt. Symbolisch in dieser Hinsicht ist die Erzählung Die schönste Jahreszeit, deren Helden, ein Pole und eine Deutsche, einander an einem See in Masuren begegnen und sich nicht verständigen können, vor allem, weil sie die Sprache des anderen nicht verstehen. Dabei verbindet sie die Liebe zu demselben Ort und zu derselben Natur, die – auch wenn das Rad der Geschichte mehrfach über sie hinweggerollt ist – unverändert schön bleibt. Der Autor selbst, der Das Mädchen von der Veranda und Das Tal der Mauersegler, die beiden umfangreichsten und, nicht nur deshalb, wichtigsten Erzählungen des Bandes zur Vorstellung auswählte, behauptet, ihn habe die von vornherein zum Scheitern verurteilte Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann als Thema fasziniert. Er erklärt, ihm ginge es sowohl um die emotionale als um die körperliche Beziehung zweier Menschen, die die Chance, die ihnen das Leben bietet, nicht nutzen wollen oder können und die einander deshalb verfehlen. Das ist richtig, doch Kazimierz Orłoś zeigt zugleich – wenigstens in der Titelgeschichte – die Geschicke der Region Masuren und ihrer Bewohner, die von der Geschichte und der Politik mehr als einmal benachteiligt wurden. Beeindruckend ist die Hauptgestalt dieser Erzählung, Anna Golembiowski, die die Veränderungen, die hier - vor dem Krieg, während des Krieges und in den Nachkriegsjahren – vor sich gingen, sämtlich am eigenen Leib erfahren hat. Als die Mehrzahl ihrer Nachbarn nach Deutschland ausreist, bleibt sie am Ort. Sie klagt nicht über ihr Schicksal und hält durch: an demselben Platz, unverrückbar und verzweifelt entschlossen, weil es ihr eigener ist. Doch eben dieses Recht auf ihren Besitz, den geistigen Besitz, sprechen ihr die jeweiligen Verwalter der Gegend immer wieder ab.
In Orłoś’ Band Das Mädchen von der Veranda tritt eine ganz bestimmte Eigenheit dieser Prosa zutage. Vielleicht ist es das unterschwellig Lapidare in der Sprache des Autors - jedenfalls vermag er das Verstreichen der Zeit anzuhalten. So geschieht es, dass der Leser seiner Geschichten, ob sie nun in der Gegenwart oder vor langer Zeit spielen, gleichsam ohne es zu merken, hineingerät in ihre Fabel und zum Zeugen der geschilderten Geschehnisse wird. Masuren aber, das so viele glänzende Schriftsteller zu seinen Liebhabern zählt, wachsen in den Lesern dieses Bandes weitere Bewunderer zu. Denn wer machte sich nicht gern auf die Reise in ein Land, wo die Zeit in ihrem Lauf innehält?

-Krzysztof Masłoń.

AUSZUG

Es war das Jahr fünfzig. Jeden zweiten Sonntag fuhren sie zum Gottesdienst, wie vor dem Krieg. Der Pastor kam aus Nida angefahren. Aus den entlegensten Dörfern kamen die Masuren: aus Gałkowo, Krutynia, Zgon, Gierzpięty, Iznota, Dobry Lasek. Die polnischen Ortsnamen, die sie hatten lernen müssen – angeblich alte, masurische - brachten Anna zum Lachen. Sie klangen wie das Masurisch, das sie zu Hause sprachen. Leicht, luftig. Auch die Familiennamen schrieben die anders – alles mit diesem „ą“, „ę“, „ć“, „sz“, „ł“. Das raschelte und zischelte im Mund.
In der Kirche, nach dem Gottesdienst, stellte sie immer eine Kerze vor der Figur des Apostels Johannes auf. Mit der Bitte um Heimkehr ihres Sohnes. Sie betete inbrünstig aus dem alten Gesangbuch von achtzehnhundertfünfzehn, dem aus der Königsberger Druckerei. Dieses Preußische Gesangbuch hatte sie von der Mutter bekommen, als sie fünfzehn geworden war, am Tag ihrer Konfirmation. Und Erna hatte es von Großmutter Maria bekommen, und die Großmutter von der Urgroßmutter – von Augusta. Der schwarze Einband roch nach der Kredenz. Die Buchstaben waren deutsch, aber die Wörter waren polnisch. Manche Seiten waren an den Rändern ausgefranst. Manchmal fiel ein Heiligenbildchen heraus, das zwischen den Seiten lag.
„Wer glaubt, dem stellst Du allezeit Dein Rat und Freude gern bereit, schenkst, o Herr, dem Dein Vertrauen, der will allzeit auf dich bauen...“ Anna bewegte lesend die Lippen. „Gibt kein schwere Gram und Leiden, die Du nicht verkehrst in Freuden. Jesu, der süße Name Dein versüßt mir all mein bittre Pein...“
Sie kniete so lange vor der Figur, bis der Kirchendiener an der Tür mit den Schlüsseln rasselte.
Die Eltern warteten beim Wagen.
Mitunter, bei schlechtem Wetter – besonders im Spätherbst oder im Winter -, luden die Gołębiowskis die Nachbarn zum gemeinsamen Singen und Beten ein. In der Stube hinter der Küche, unterm Bildnis des Herrn Jesu, der aus den Wolken herabstieg, wurde der mit einem weißen Tuch bedeckte Tisch aufgestellt. Auf ihm, in der Mitte, zwei Kerzen und ein metallenes Kruzifix. Aus der Küche holten sie die Stühle, die für die Gäste bestimmt waren: für die Dąbrowskis, Cieśliks, Olszewskis. Manchmal kamen ein paar Masuren aus Lipowo – Sitek mit seiner Frau, der alte Kopka, Fischer. Die Männer im Anzug und weißen Hemd, die Frauen im schwarzen Pullover, wenn sie sich im Winter trafen. Im Plisseerock, ein Tuch um die Schultern.
Sie sangen einträchtig aus den Gesangbüchern, die sie mitgebracht hatten. Später hielt Horst die „Belehrung“, dem Tag und der Jahreszeit angemessen. Er sprach vom Ausharren im Glauben, von den Leiden Christi, des Erlösers, von dem Vertrauen, das wir in Gott setzen. Die Versammelten lauschten still und gesammelt. Am Schluss sprachen sie das Gebet des Herrn – das „Ojcze nasz...“, manche auch auf deutsch: das „Vater unser, der Du bist im Himmel...“
Die Kerzen waren heruntergebrannt, es roch nach Stearin. Erna und Anna reichten Pfefferminztee in gepunkteten Bechern herum. Die Gäste gingen spät auseinander – unter den Sternen an frostkalten Nächten oder im Regen, im Herbst.
Diese Zusammenkünfte fand umso häufiger statt, je seltener sie zu den Sonntagsgottesdiensten fuhren. Schließlich stellten sie die Fahrten ganz ein – vierundfünfzig oder fünfundfünfzig, als die Katholiken den Lutheranern die Kirche wegnahmen.
Danach ging Anna allein in die Kirche – vier Kilometer durch den Wald. Nach der Messe betete sie immer um die Heimkehr des Sohnes, in dem leeren Gotteshaus. Im Seitenschiff, an dem alten Platz, stand nicht mehr die Figur des Apostels Johannes. Sie betete zu der Muttergottes mit der goldenen Krone, mit dem kleinen Herrn Jesus auf dem Arm.
Sie lebten die ganzen Nachkriegsjahre auf ihrem Besitz, so wie früher. Vielleicht sogar besser, dachten sie manchmal – besonders als Strom im Dorf gelegt wurde. Über Krutynia hingen jetzt Drähte – sie reichten bis zum Hof der Gołębiowskis. An den Abenden brannte nun nicht mehr die Petroleumlampe. In der Küche, über dem Tisch, leuchtete hell eine Glühbirne. Auf der Straße in Zielony Lasek legten sie Asphalt. Zweimal am Tag fuhren Busse – nach Nida, nach Mrągowo.
In jenen Jahren begann der Fryc Grodecki sie zu besuchen, der Sohn des Müllers aus Chostka. Er fuhr mit dem Fuhrwerk vor, vor das zwei Pferde gespannt waren, brachte Mehl, versuchte mit Anna zu plauschen. Ein großer, massiger Mann. „Der sieht selbst aus wie ein Mehlsack“, sagte die Tochter der Gołębiowskis lachend. „Was den hierher treibt?“
Erst als Erna anfing, sie zu tadeln, wie unhöflich sie sei, einen Gast müsse man freundlich behandeln, begriff Anna, dass dieser Mensch ihretwegen kam. „Kann ich noch jemandem gefallen?“ fragte sie. Jetzt fing die Mutter an zu lachen. „Du bist noch nicht mal fünfzig! Der ist nicht viel älter. Das kann ein halbes Leben sein, Tochter.“
Ein andermal sagte sie: „Wir werden bald sterben, du bleibst allein. Es lebt sich besser, wenn man einen Menschen hat.“
Anna zuckte die Achseln. „Mutter, er gefällt mir gar nicht.“
Der Fryc Grodecki kam noch ein paar Mal. Er bemühte sich um Anna, wollte sie zum Tanz ins Wirtshaus nach Lipowo bitten. Aber sie lachte nur. Versetzte ihm einen kräftigen Stoß, als er die Arme um sie legte.
„Irgendwie lässt sich dein Fryc gar nicht mehr blicken“, sagte Erna einen Monat später.
„Nur gut. Ich warte auch nicht auf ihn“, gab Anna zur Antwort.
Grodecki kam wirklich nicht mehr. Es wurde geredet, man habe dem Alten die Mühle weggenommen – vielleicht hatte er deshalb die Hoffnung aufgegeben, Anna werde noch einwilligen, mit ihm zum Tanz gehen?
Der Vater bestellte, solange er konnte, das Feld. Sie pflanzten Kartoffeln, säten Hafer und Buchweizen. Sie hielten, wie früher, ein Pferd, eine Kuh, Hühner, Enten. Die Gänseherde zog am Morgen zum Fluss – im Gänsemarsch, eine hinter der anderen, wie früher. Zu Mittag trat Anna auf die Veranda. Blickte zu den Gänsen – die waren wie weiße Kugeln auf dem grünen Fluss.
Es lasteten immer mehr Pflichten auf ihr. Sie sah in all den Jahren mit an, wie die Eltern alt wurden, ihre Kraft nachließ. Den Vater packten Wadenkrämpfe, die Gelenke taten ihm weh – er ging jetzt am Stock. Erna war herzkrank. Das polnische Geld reichte nicht für die Medikamente. Manchmal, im Herbst, fuhr Anna zum Basar nach Nida – sie bot Äpfel, Pflaumen, Preiselbeeren zum Kauf an. Sie brachte ein paar Złoty heim. Zu wenig für die Medizin.
Fünfundfünfzig hatten sie zum ersten Mal Sommerfrischler aus Warschau. Ältere Leute mit einem Jungen, der Anna an den eigenen Sohn erinnerte, sie wohnten „im Obergeschoss“ – in Willis Zimmer. Anna kochte das Mittagessen. Mit den Sommerfrischlern wollte sie nicht polnisch sprechen. Sie sprachen deutsch. Vielleicht schämte sie sich ihrer alten masurischen Redeweise – dieser Wörter, die leicht waren wie die Samen der Pusteblume? Die Polen sprachen ein anderes Polnisch. Anna erinnerte es an den Gesang der Nachtigall: das gleiche Schnalzen, Hämmern und Klopfen, Pfeifen. Wispern und Flüstern. Die deutsche Rede war hart: gleichmäßig, laut, wie ein Marsch, den das Orchester bei der Parade spielt.

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann.