WILDE ENGEL UND ANDERE ERZÄHLUNGEN

Henryk Bardijewski, Prosaschriftsteller und Dramatiker der älteren Generation, schreibt, so wie die Mehrheit der polnischen Verfasser von Prosa, über Fragen der Gegenwart. Aber er tut es auf seine Weise. Wie? Er meidet Wörtlichkeit, realistische Beschreibungen, Anhäufungen von Details, bedient sich hingegen gern der Parabel, der Groteske oder Ironie, der ein menschenfreundlicher Humor die Schärfe nimmt. Der jüngste Erzählungsband dieses Autors, Wilde Engel und andere Erzählungen, enthält an die vierzig nicht sehr umfängliche Geschichten, die man als Gleichnisse in Prosa bezeichnen kann. Bardijewski setzt auf zwei Tonlagen: die humoristische und die ernste. In einem Teil der Geschichten überwiegt die satirische Sicht auf die Wirklichkeit. So beispielsweise in Der Ausländer, wo ein Pole den Ausländer spielt, um die Achtung seiner Landsleute zu gewinnen, in Der Kleine und der Große und in dem Text Die Zeitung, in dem die drei Helden eine Zeitung gründen, darin aus den Fingern gesaugte Nachrichten veröffentlichen und zu ihrem Erstaunen umwerfenden Erfolg damit haben. Die anderen im Band enthaltenen Stücke hingegen liegen näher am philosophischen Gleichnis. Der Autor nimmt sich in ihnen traditioneller humanistischer Themen an, behandelt Probleme, die der Mensch mit dem Aufbau einer eigenen Identität (Curriculum vitae), mit der Vergänglichkeit (Vorvergangenheit), mit Alter und Tod (Der Wohlfahrtssalon) haben kann. Bardijewski beschreibt die Welt aus der Distanz, in seiner Prosa gibt es weder Hass auf die Gegenwart noch die Leidenschaft, das Böse zu entlarven, mit dem wir es tagtäglich zu tun haben. Keinerlei heftige Emotionen, statt dessen ruhige Meditation über die - manchmal komischen, manchmal tragischen - Angelegenheiten der Menschen, die den Leser zum Nachdenken anregt.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Der Teufel hatte uns geritten, eine Zeitung herauszugeben. Keine besonders wichtige – bloß eine, die man kostenlos verteilt, an die Haustüren hängt, den Leuten in die Hand drückt. Am Anfang war das ein Spaß gewesen, und jetzt war es schwer, wieder aufzuhören, weil wir plötzlich Gewinn machten. Die Zeitung unerheblich, der Gewinn erheblich.
„Tja, wer hätte das gedacht“, sprach Kamil, unser Chefredakteur. „Die Welt ist unberechenbar geworden. Und das ist sie nicht gewesen, wahrlich nicht gewesen.“
Gewesen oder nicht, wir waren auch nicht ohne Schuld. Paweł hatte zwar gewarnt, sich nicht mit der Presse einzulassen, aber wir hatten gefunden, er übertreibe wieder mal. „Es erscheinen so viele Zeitungen“, lenkte er ein, „wir gehen in der Masse unter, und aus der Traum.“ Wir waren nicht untergegangen. Ganz im Gegenteil. Und das alles durch Kamil. Er hatte uns die Konzeption und das Profil des Blattes aufgedrängt. „Keinerlei Feuilleton“, hatte er erklärt, „Feuilletons widern mich an. Nachrichten pur. Dafür alles erfundene. Null Wahrheit.“
Dieses „Null Wahrheit“ existierte gar nicht, wie sich zeigte, alles lässt sich nicht zusammenlügen. Jeder Lüge liegt ein Körnchen Wahrheit zugrunde. Und falls das Körnchen etwas größer, womöglich gar ein großes Korn ist, ergibt das eine explosive Mischung. Das hatte keiner von uns bedacht.
Und jetzt saßen wir, die drei Redakteure, auf einer Bank im kühlen Park, und die Welt um uns herum spielte verrückt, und mit ihr unsere Zeitung. Doch nicht alles war außer Rand und Band geraten. Die Eichhörnchen sprangen in den Bäumen herum, als wäre nichts; ihre roten Schwänze leuchteten im Geäst, und am Boden, zwischen den Eicheln der Eichen, gingen die zweifarbigen Elstern spazieren.
„Da, die Natur bewahrt Haltung“, sprach Kamil, um uns zu aufzumuntern.
„Der letzte Rest von Unabhängigkeit“, entgegnete Paweł. „Der Anschein von Selbstständigkeit. Die hat kaum noch was zu vermelden.“
„Kaum noch was?“ Kamil opponierte. „Wenn sie will, kann sie uns alle vernichten. Sie braucht bloß Selbstmord zu begehen. (...) Sie knallt mit einem anderen blauen Frustrierten zusammen. Und Schluss. Schluss mit dem Menschen, Schluss mit der Wissenschaft, Schluss mit jeder Religion. Vielleicht sollten wir das Thema mal in unseren Spalten abhandeln?“
Ganz was Neues! Der Katastrophismus war alt wie die Welt, die ältesten Bücher strotzten vor frommen bösen Vorahnungen, und was die Prophezeiungen der Propheten und Hellseher betraf – eine war schlimmer als die andere. Etwas Neues zu bringen, war schwierig, besonders in einer Zeitung, die sich an alle richten wollte. Aber der Selbstmord der Erde, das klang als Meldung nicht schlecht. Nur müsste man sich auf eine Quelle beziehen.
Die Quelle waren natürlich wir selbst, doch in dem Fall würden wir uns nicht auf unseren eigenen Korrespondenten berufen können, denn von wo hätte er diese seine Korrespondenz denn senden sollen? Von außerhalb der Erde? Es gibt noch immer wenige von uns, das heißt uns Menschen, außerhalb der Erde, und falls mal einer den Sprung wagt, kommt er rasch zurück. Doch bange machen galt nicht. Wir hatten schon ganz andere Sachen frei erfunden. Um jedoch nicht nur das Blaue vom Himmel herunter zu lügen, begann ich einen Artikel über ein superempfindliches Teleskop zu schreiben, das man insgeheim und ohne die Welt - sowie das Weltall - einzuweihen, in den Peruanischen Anden gebaut hatte. Durch dieses Teleskop wollte ich Dinge gesehen haben, die eines Menschen Auge nie zuvor erblickt hatte und die es nie erblicken würde.
Kamil war begeistert und versprach, mein Material auf der Titelseite zu bringen. (...)
Nach den Meldungen über das Superteleskop gewannen wir viele neue Werbegeber; plötzlich wollten alle bei uns werben. Ob wir wollten oder nicht, wir mussten ein gesondertes Büro aufmachen, eher eine Kette von Büros, und dann einen Buchhalter oder vielmehr einen Direktor für Marketing einstellen, den Doktor Mara, der im Handumdrehen eine glänzend funktionierende Finanzabteilung aufbaute. Unsere Zeitung war nicht mehr kostenlos, sie kostete, und gar nicht wenig, und dennoch kauften sie die Leute, die Auflage stieg ständig, bis sie ein Niveau erreichte, das für etliche bekannte Tageszeitungen bedrohlich wurde, darunter eine, die als das führende Blatt galt. Wir waren darüber nicht entzückt, und Kamil, der Boss, war regelrecht besorgt.
„Lasst uns mit der Erfinderei aufhören“, sprach er. „Das dürfte unseren Erfolg, den keiner von uns braucht, herunterschrauben.“
Leider unterschieden sich die wahren Meldungen nicht von den erfundenen. Wir konnten sie nicht auseinanderhalten – weder wir, die Fachleute immerhin, noch die Leser. Deren Zahl aber wuchs unaufhörlich. Wir begannen etwas wie Verantwortung zu spüren, und das war nichts Angenehmes.
„Haben die Leute nichts Besseres zu tun als Zeitung zu lesen?“ barmte Paweł.
So sahen die Etappen unseres Erfolgs aus. Aber das alles war Vergangenheit, die Gegenwart, das war der Park, die Bank, und auf dieser Bank wir drei, bekümmert. Wir hatten unsere Zeitung gründlich satt, alle Zeitungen. Wenn wir etwas zur Hand nahmen, dann nur noch dicke Bücher.
„Und wenn wir nun mit Doktor Mara sprechen?“ sagte ich. „Vielleicht fällt ihm was ein?“
(...)
„Herr Mara“, sprach Kamil und sah ihm in die Augen, „wir sind unzufrieden mit unserer Zeitung. Wir mögen sie nicht. Wir fragen uns, ob sie nicht der Verdummung dient. Können Sie uns in die Pleite führen?“
Mara kratzte sich den Kopf. Die Frage erstaunte ihn nicht im mindesten.
„Das wird schwierig. Aber versuchen kann man es. Wäre es nicht besser, das Blatt einfach zu verkaufen? Die ausländischen Konzerne warten nur darauf.“ (...)
„Nicht mehr lange, und nichts im Land wird mehr uns gehören. Uns interessiert die Pleite.“
„Der Bankrott?“ vergewisserte sich Mara. „Das ist nicht so einfach. Die werden uns irgendeines großen Schwindels verdächtigen. Wir werden, nolens volens, schwer daran verdienen.“
Er mühte sich sichtlich, uns davon abzubringen. Vielleicht verstand er nichts vom Pleitemachen. Wir freilich auch nicht, aber er war der Fachmann und hätte sich darin auskennen müssen. (...)
„Oder man bringt eine wissenschaftliche Zeitschrift heraus?“ sprach unser Direktor. „Dann bestünde eine gewisse Chance, dass wir Konkurs machen. Aber eine Garantie ist das nicht.“
„Dann schon lieber radikal das Profil ändern und sich auf die reine Politik verlegen“, sprach Paweł. „Eine rechtsorientierte, versteht sich.“
„Es gibt nichts Langweiligeres als Politik“, warf ich ein.
„Eben! Wir machen sofort pleite.“
„Oder wir machen eine politische Karriere“, sprach Mara. „Meine Herren, wollen Sie Minister werden? Das Risiko geht man besser nicht ein.“
Ich sah genervt zu ihm. Wir hatten den Direktor in den Park gebeten, damit er uns beriet, er aber vermehrte nur die Zweifel. Stellt man zu was einen Fachmann an?
„Dann werden wir Sie wohl entlassen“, sagte ich.
„Das ist möglich“, erwiderte er. „Für das Ergebnis kann ich mich allerdings nicht verbürgen. Die Leser haben sich an die Zeitung gewöhnt. Der Titel zählt, nicht die Menschen.“
„Wenn das so ist, lasst uns doch den Titel ändern“, rief Kamil. „Der Titel muss unbedingt geändert werden!“
Wir fassten neuen Mut, selbst Mara wirkte nun lockerer und aufgeräumter. Wir würden den Titel ändern und Konkurs machen, anders konnte es gar nicht sein.
Die folgenden drei Wochen arbeiteten wir an dem neuen Titel. Als die Ausgabe schließlich erschien, erwies sich, dass sie besser war als die davor.
„Es muss eine Art Fatum sein“, sprach Kamil. „Die Leute verstehen nicht mehr, was sie lesen.“
„Und wir, verstehen wir, was wir schreiben?“ fragte ich zurück. „Keiner versteht mehr was, daher die Erfolge. Anders verhält es sich mit den Niederlagen – nur sie sind rational. Leider ist Rationalität nicht mehr in. Und daher, was schlimmer ist, auch nicht mehr in den Köpfen.“
Meine Freunde sahen mich von der Seite an. Aus alledem folgte das eine: von uns dreien war ich der einzige Rationale.
„Tja dann...“, sagte Kamil bedächtig, „dann ändern wir eben den Chefredakteur.“
Auf die Art wurde ich Chef. Leider blüht und gedeiht das Blatt weiter. Und das wird, fürchte ich, so bleiben, solange wir nicht die Leser ändern.

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann