Die Engel und die Schweine in Berlin

Brygida Helbigs Die Engel und die Schweine in Berlin gehört zu den interessantesten Emigrantenromanen innerhalb der polnischen Literatur der letzten zehn Jahre. Dabei gab es einen ganzen Schwung solcher Romane. Das Problem ist nämlich, dass eine Million Polen, die ihr Land verlassen und sich über den ganzen Erdball verstreut hatten, sich zumeist in schematischen Beschreibungen wiederfinden mussten. Welche besagten, wer sein Geld im Westen verdient, ist entweder ein Sklave des illegalen Arbeitsmarktes oder ein Verbrecher, oder aber er bietet den eigenen Körper feil.
Engel und Schweine ist, in diesem Zusammenhang betrachtet, eine erfrischende Variante. Abwechselnd ironisch und zärtlich, bissig und sentimental, erzählt das Buch eine Geschichte, die in Stil und Ausdruck an eine individuelle Biografie erinnert. Hier fehlt alles Schematische, selbst in den ganz schlichten Episoden. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das aus Polen nach Deutschland kommt: Sprachunterricht im Aussiedlerlager, Studium. Und dann der bescheidene und zugleich große Erfolg - eine Stelle an der Universität. Und weiter: Heirat, Adoption eines Kindes, erste literarische Versuche. Jedes dieser drei Dinge bedeutet die Überwindung von - kultureller, sozialer, sprachlicher -Fremdheit. Die Heldin bringt Schwierigstes zuwege: Sie meistert ihren Alltag im fremden Land, sie knüpft vertraute Beziehungen zu anderen Menschen, und sie erarbeitet sich ihre eigene Form des Ausdrucks.
Dennoch geht die Geschichte nicht glücklich aus. Ganz im Gegenteil: Die Ehe scheitert, die Fakultät der Uni wird geschlossen, der Literaturklub gerät zur Posse. Trotz allen Missgeschicks schreitet Gisela Stopa, die Hauptgestalt, forsch durch die Straßen von Berlin. Zeitweilig ist sie ohne Arbeit und ohne Mann, aber sie hat das Wichtigste erreicht: Sie weiß, sie wird es schaffen.
Dank ihrer literarischen Sensibilität weiß sie auch, welch entscheidende Rolle die Sprache spielt. Und so bedient sich die Autorin fataler Metaphern - „die polnischen Schweine“, „die deutsche Gründlichkeit“ -, denn einer der Helden in ihrem Roman ist die Sprache. Zutage gefördert, gegen das Licht betrachtet, lässt sie erkennen, dass eine Gesellschaft nach Metaphern lebt, mit denen sie die Welt benennt. Zu Beginn der achtziger Jahre hungerten die Deutschen nach Andersartigkeit - deshalb nahmen sie Ausländer auf, gaben ihnen Stipendien, schickten sie an die Universitäten. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist ihr Hunger gestillt.
Sollten sie nicht die Kost wechseln? Ihren Fremden lieber „auf den Geschmack kommen“, statt sie zu „verschlingen“? Brygida Helbigs Erzählung plädiert mehr dafür, dass sie ihre Metaphern entrümpeln. Und dazu wird die Literatur gebraucht.

Przemyslaw Czaplinski

AUSZUG

Anrath bei Krefeld

Anfang der achtziger Jahre importierte die Bundesrepublik mehrere Züge voller auf Abenteuer und Wohlstand erpichter junger Leute aus Polen. Man brachte sie in den kleinen Ort Anrath bei Krefeld, wo sie für die des Wohlstands und der Langeweile überdrüssige, nach frischen Eindrücken lechzende deutsche Bevölkerung nutzbar gemacht werden sollten. Die dorthin Gebrachten - unter denen sich mindestens ein weiblicher und ein männlicher Wurstmensch befand – erhielten den Status von Spätaussiedlern und begannen, Tag für Tag Deutschunterricht und Monat für Monat fünfhundert Mark von der Bank beziehend, das relativ sorgenfreie Leben von Stipendiaten der Otto-Bennecke-Stiftung. Sie wurden im ehemaligen Krankenhaus sowie im Schwesternheim einquartiert. In beiden Gebäuden, die nicht instand gesetzt worden waren, worin das ambivalente Verhältnis der deutschen Behörden zu dem importierten Menschenmaterial seinen Ausdruck fand, spukte es, die Aussiedler fürchteten sich also sehr. Geduckt in ihren obskuren Zimmerchen hockend, machten sie sich Mut, indem sie sich jeden Dienstag den „Denver-Clan“ und jeden Donnerstag die Serie „Dallas“ mit der skrupellosen Hauptheldin Alexis ansahen. Dieser Brauch hat es nicht verdient, verachtet oder verhöhnt zu werden, alldieweil das Fernsehen die einzige Gelegenheit war, sich gewisse Mindestkenntnisse, die deutsche Sprache und Kultur betreffend, anzueignen, obwohl wiederum eingeräumt werden muss, dass die Stipendiaten auch blendend ohne dieses Wissen auskamen. Dennoch schafften sich die meisten von ihrem ersten Lohn einen Minifarbfernseher an, wo Rudi Carell jovial lächelte, die Hitparaden dröhnten und Frauen in bunten Leggins flott die Beine schwangen.
Desweiteren erfreuten sich unter den in Armut und Not aufgewachsenen polnischen Jugendlichen Fotoapparate der gesteigerten Nachfrage. Aus Sehnsucht nach der in der Heimat zurückgebliebenen Familie krochen sich die Stipendiaten gegenseitig auf den Schoß und knipsten einander bis zum Umfallen. Es gab auch welche, die sich schon damals den Erwerb eines Manta leisten konnten, um, eine kreischende achtköpfige Besatzung an Bord, damit durch die Straßen des Städtchens zu rasen. Aus diesem Grund kam es zuweilen zu Zusammenstößen und Händeln mit der Polizei der Stadt Anrath bei Krefeld, welche die Ankömmlinge aus Polen, wie übrigens beinahe alle Ausländer, mit „Du“ ansprach, was sich Alois von Wysocki, der Mutigste der Gruppe und wahrscheinlich ein Wurstmensch, eines Tages energisch verbat. Damit löste er bei den, derartige Interaktionen nicht gewohnten Vertretern des deutschen Staates, die das Wort „Ausländer“ nicht selten als Schimpfwort gebrauchten, tiefe Verwirrung aus. Alois stand, nebenbei bemerkt, mit Beamten generell aufs Kriegsfuß. Als er einmal an der Grenze angesprochen wurde, ob er Waffen transportiere, knurrte er „Ja“, weil er auf die Frage nach dem Pass eingestellt gewesen war und den Satz des Beamten dahingehend verstanden hatte. Aus dem Manta gezerrt, spuckte er dem Deutschen kühn ins Gesicht, worauf er in Handschellen abgeführt ward. Wütend sagte er in einem fort, ich bring den Idioten um, und rief mit den Worten „tlumacz, tlumacz “ um Hilfe, was man als Versuch, sich auf Englisch verständigen und die Menge der ihm gegenüber angewandten Repressalien (too much) kritisieren zu wollen, missdeutete. Ähnlich anstößig pflegte Alois sich über so manchen deutschen Verwaltungsangestellten vom Typ „Hausmeister“ auszudrücken, der die ihm obliegende Arbeit mit dem dieser Berufsgruppe eigenen Übereifer verrichtete. Einem von ihnen schleuderte er sogar ins Gesicht, er sei unmenschlich, was der deutsche Mann lange Zeit im Gedächtnis behielt.

Gisela Stopa Zu den Stipendiatinnen der Otto-Bennecke-Stiftung gehörte das Wurstwesen Gisela Stopa, das sich auf eine deutsche Abstammung berief, die ihr anhand falscher Zeugenaussagen anerkannt worden war. Gisela behauptete steif und fest, ihr Vater sei Deutschschlesier, habe als kleiner Junge im Krieg auf der Trommel gespielt und einem Faschisten die Hand gedrückt. Das war eine auf ihren Wunsch, sich in die Gunst der ihr zutiefst fremden Bevölkerung einzuschleichen und von den tatsächlichen Umständen abzulenken, zurückzuführende offenkundige Einbildung oder Erfindung. Dabei übertrieb das Mädchen ein bisschen, denn der Wurststatus stand ihr, ehrlich gesagt, weder auf der Stirn geschrieben noch machte er sie zum außergewöhnlichen Geschöpf, verglichen mit den anderen Frauen aus Polen, die von den unaufhörlich nach einem schmackhaften Bissen gierenden polnischen Kameraden generell als „Fleisch“ bezeichnet wurden.
Von Misstrauen geleitet, ließ Gisela die Kameraden nicht in ihr Bett. In ihm gewährte sie lediglich ihrer vom Teufel besessenen und traumatisch verstörten Freundin Edith Jeziersky-Sturm Asyl, die nächtens ein konkretes leibliches Gegengewicht zu den eigenen, sie überfordernden seelischen Anwandlungen suchte, welche mitunter an Satanismus grenzten. In Anrath brauchte es nicht viel, um nicht ganz rund zu laufen. Diese Einöde mit den verdorrten Baumstümpfen und den Gräbern der von der Zensur versiegelten, im Hof des Krankenhauses beerdigten Briefe aus Polen beförderte auf seltsame Weise die Entstehung esoterischer Verbiegungen und Verwandlungen, zumal bei den für den Ruf aus der anderen Welt stets empfänglichen polnischen Frauen. Viele von ihnen erlagen den magischen Einflüsterungen dieses Orts, wo ganze Aussiedlerjahrgänge in den Nächten vor Sehnsucht nach der Heimat wimmerten, mit den Gespenstern der Vergangenheit rangen und ihren späten Ausreiseentschluss bereuten. Gisela rettete der Deutschlehrer, Alexander Düppel, vor Ediths verderblichem Einfluss. In der ersten Stunde stellte er ihr die folgenden Fragen: „Kennen Sie den Konjunktiv Nummer I?“ und „Kennen Sie den Konjunktiv Nummer II?“. Beide beantwortete Gisela mit ja. Als er jedoch die dritte, verfängliche Frage „Kennen Sie den Konjunktiv Nummer III?“ stellte (den es im Deutschen nicht gibt), zögerte das Mädchen, blickte ihn fragend an und schwieg, in einem Maße verschüchtert, verschämt und verhemmt, dass sich der Deutsche augenblicklich in sie verliebte.

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann