PHOTOTAPETE

Zurück in die Vergangenheit? Offensichtlich - denn nach dem Bestseller Lubiewo kehrt Michał Witkowski zu Themen zurück, die bereits in seinem Erzählband Copyright auftauchten, mit dem er debütierte. Im ersten Teil der neuen Sammlung mit dem Titel Phototapete finden sich Erzählungen, in denen der Autor Zeiträume seiner Kindheit beschreibt, die mit dem Ende der sozialistischen Welt zusammenfielen (die Erzählhandlung spielt in der Volksrepublik Polen, aber ebenso in der DDR und der UdSSR), einer Welt, die bereits von Zerfall und grotesk-traurigem Chaos gekennzeichnet war. Der zweite Teil enthält Geschichten, die das neue Polen und seinen wild wuchernden Konsumwahn beleuchten, aber auch die Armut, die nur aufgrund von naiven und kitschigen Vorstellungen eines besseren Lebens ertragen wird. Die in Phototapete wieder aufgenommenen Themen erhalten jedoch noch einen neuen Klang, vornehmlich, weil Witkowski seit seinem Debüt schriftstellerisch gereift ist, einen leicht erkennbaren Stil entwickelt hat und die Fähigkeit beherrscht, Erzählungen zu spinnen, welche die Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln vermögen. Obgleich er im Grunde fortwährend von sich selbst schreibt, die eigene Person ins Zentrum seiner Erzählungen stellt, verliert der Autor von Lubiewo dabei die Welt ringsum keineswegs aus den Augen. Indem er von privaten Mythen erzählt, beschreibt er gleichzeitig einen Raum aus alltäglich entstehenden Fiktionen - der titelgebenden Phototapeten -, mit deren Hilfe die bedrückende Wirklichkeit Farbe annimmt. Da macht es nichts, wenn sie grell und kitschig sind. Wichtig allein ist, dass die mit einer Phototapete verhüllte Welt zu einer erträglicheren wird. Und genau davon handelt das neue Buch von Michał Witkowski.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Das Leben der Thekendame Beata glich dem Kaffee, den sie auf Plastiktabletts mit Bergmotiven herumtrug. Innendrin siedendheißes Wasser, Gluckern, anregendes Koffein, da ist jedes weitere Wort überflüssig, denn in der Kneipe wird sehr starker Kaffee serviert, aber dieses ganze Energiebündel erstickt, weil ihm höchstens ein Zentimeter Raum bis zur Untertasse, die es bedeckt, zur Verfügung steht. Vielleicht goß Beata deshalb im Laufe der Zeit instinktiv immer weniger Wasser in die Gläser, so dass die Gäste schließlich anfingen, sich zu beschweren und ihr übertriebene Sparsamkeit vorzuwerfen. „Wissen Sie denn nicht, dass sich das so gehört?“, wunderte sie sich und dachte nicht daran, nachzuschenken. „Nur Proleten gießen bis obenhin voll“, fügte sie in Gedanken hinzu. „Im Übrigen, das Buch für Anregungen und Beschwerden hängt bei der Theke“. Folgsam erhoben sie sich und lenkten ihre Schritte in Richtung Theke, jedoch keineswegs, um dort eine Klage zu verfassen, sondern um einen weiteren Kaffee zu bestellen. Beata kehrte hinter den Ladentisch zurück, und solange es keine neuen Bestellungen gab, vertiefte sie sich in ihre Gedanken. „Hier bin ich geboren, und hier werde ich enden, völlig sinnlos, sich überhaupt abzustrampeln“, dachte sie gelassen und machte sich ans Lackieren ihrer Fingernägel, aber plötzlich von einem inneren Zittern ergriffen lehnte sie die Stirn an den Zapfhahn für das Piast, kraftlos, und ein trockenes, lautloses Weinen schüttelte sie. Dennoch war sie eine großartige Thekenkraft. Sie eignete sich mehr als die anderen Mädchen aus der Umgebung für diese Arbeit, denn sie liebte das Nachtleben. Wenn das Orchester rührselige Stücke spielte, fühlte Beata, wie ihr Temperament mit ihr durchging, und heimlich zwitscherte sie süße Liköre. In solchen Nächten verspürte sie die Gewißheit, eines Tages, und vielleicht sogar schon heute, jetzt, jeden Augenblick, würde ein Fremder Mann einkehren und bei ihr Champagner bestellen. „Aber was geb' ich dem bloß? Hier gibt's ja nur Kaffee - Tee - Pfannkuchen - Bier“, dachte sie und korrigierte sich sofort, er wird Pfannkuchen bestellen, ja, ganz sicher Pfannkuchen, die spécialité de local.
In dieser Nacht hatte Beata die Abendschicht gehabt, um zwei Uhr ging sie nach Hause.
Die Musiker - ein Blonder, ein Schwarzhaariger und ein dritter von unbestimmter Haarfarbe - schmettern, als wollten sie die Seele wie einen nassen Lappen auswringen, sie schmettern geradewegs in die Kälte und zwirbeln herausfordernd ihre Schnurrbärte. Es war, als ob der Blonde auf den Becken alles mit zarten, glitzernden Schneeflöckchen beträufelte. Und der Schwarze mit dem Akkordeon quetscht wie ein Russe traurige Romanzen. Aber wie erst der letzte, der ohne klar definierbare Haarfarbe, auf der Geige seufzt, in die Nacht hinaus heult und ein Echo losläßt - schon tanzen die Paare vollkommen in sich selbst vertieft, so dass Beata sich kaum noch traut, über das Parkett zu gehen, um niemanden anzurempeln, noch dazu mit der Tomatensuppe auf dem Tablett. Die Zeit, unnötig zu erwähnen, bleibt stehen und - Augenblick, verweile – lass uns ewig so weitertanzen, soll die Erdkugel sich ruhig drehen, möge der Geiger ewig weiterspielen. Möge die Zigarette glimmen in den behende sich bewegenden Fingern, gestützt auf die Schulter des Partners, und die Asche sanft auf's Parkett fallen und sogleich von einem eleganten Schuh mit hohem Absatz zertreten werden, möge alles über das glatte Kleid gleiten, als wäre die Musik ein geübter Masseur, zusammen mit der Asche, dem Streß über den glatten Boden fließen, als hätte man lange, sehr lange geweint, als wäre man wieder ein Kind und die Mutter würde einem über den Kopf streichen, aber es ist eben nicht die Mutter, es sind diese schwungvollen, verschnörkelten Klänge, längst nicht mehr modern, von vor dem Krieg. Dröhnender Applaus. Und schon bekommen der Schwarze, und der Weiße, vor allem jedoch der von undeutlicher Haarfarbe ein einfachen Wodka auf Kosten des Hauses, ach was Haus, auf Kosten der gastronomischen Einrichtung, und kippen ihn runter im Rausch, auf die Gastronomie, kippen ihn in der Überzeugung, dass genau darin die Kunst bestehe, darin, die Leute zu berühren, alles aus ihnen herauszupressen, nicht bloß Geld, und dass dies beinahe etwas wie Metaphysik sei. Oder aber - verdammt nochmal! Das ist Metaphysik, und eine andere gibt es nicht.
Aber bei den jungen Spunden wirkt das nicht, das ist was für deren Eltern, sie bevorzugen andere Musik. Das laute Knallen einer im Park zerschepperten Flasche, die primitiven Geräusche, die man auf dem Bahnhof gehört hat, am Stand mit den Kassetten neben der „Non Stop-Bar“, und die danach im billigen Walkman wiederholt werden, das beruhigende Gluckern des Bieres, das die Speiseröhre hinunter fließt, das beunruhigende Knistern der Streichhölzer. Und schließlich das Aufklatschen der auf den Asphalt fallenden Spucke. Ihre Freundinnen, rot von der Kälte und dem miesen Solarium, ziehen die Reißverschlüsse ihrer pinkfarbenen Jacken bis unters Kinn und setzen die Kapuzen auf. Von einem Bein aufs andere tretend werden die Vorbeikommenden gleichgültig betrachtet. Schließlich ringen sie sich dazu durch, Platz zu machen, rücken jedoch nur ein klein wenig beiseite, so dass die Neuankömmlinge sie zwangsläufig streifen müssen.
Die ganze Gesellschaft, nicht mehr recht so vergnügt bereits, fand sich nun in der Halle mit der Garderobe und der Toilette wieder, wo es ebenfalls einen Ladentisch von unklarer Bestimmung gab, auf dem eine Vase mit künstlichen Blumen stand. In dieser Halle thronten zwei märchenhafte, bunte Automaten.
Auto-Auto-Automaten! Hinter einer riesigen, horizontalen Scheibe aus dickem Glas, tätowiert mit phantastischen Landschaften, wohnt die blaue Prinzessin - eine Sirene, deren gelbe Sternaugen alle Naselang aufflammen. Ein Drache verschlingt die Kugeln, die ihm durch ein elegantes, gotisches Portal in den Rachen rollen, die leicht gewölbte Aufschrift GAME OVER flackert in den Farben eines elektronischen Regenbogens, und all das in einer welligen Landschaft voller rostfarbener und roter Vulkane, in welche die prächtige, silberglänzende, kühle Kugel jederzeit fallen kann. Mehr als einer der immerfort an den Automaten spielenden Halbstarken sah bereits in seinen Träumen die Befreiung der Prinzessin von hinter der dicken Scheibe vor sich, die für gewöhnlich feucht war vom Bier, das dort abgestellt wurde.
Der am Gipfel des Berges hängende Mond, Katzen, die Schatten über die halbe Straße werfen, schwebende Rauchwölkchen aus den Schornsteinen der Häuser, die sich bis zum dichtgemachten „Marienkäfer"-Lädchen hinziehen - das Ganze ließ das Städtchen der Zeichnung eines Kindergartenkindes ähneln, aus der jeder Psychologe schwere Wohnverhältnisse und eine zerrüttete Familie herausgelesen hätte. Es roch nach Koks, Kohle und womit sonst noch geheizt wurde, nach Schneeresten, Katzenpisse und Alkohol, und der Frost verstärkte alle diese Gerüche, er befahl allen ihren Schattierungen streng, sich durch die Nasen Eingang zu verschaffen.
Die Halbstarken zogen zu den Automaten in die Vorhalle um. Einen Augenblick später sahen sich die Musiker aus dem Saal gezwungen, gegen die elektronischen Detonationen und Schießgeräusche aus der neuesten Laserwaffe anzukämpfen. Aber das, was sich in diesen zwei Räumlichkeiten der "Kastanien" abspielte, war immun gegen jeglichen Einfluß von außen. In dem größeren Saal, dort, wo man tanzte und wo auf einem hölzernen Podest das Orchester stand, nahm an dem einzigen freien Tisch eine frisch eingetroffene Gesellschaft Platz. Der zweite, mit Tischen vollgestopft und total verraucht, lag verborgen hinter einer Wand aus Bambusschnüren. Der kleinere Saal zog die schlimmste Art von Säufern an, Frauen mit den Augen alter Huren und einsame Jünglinge auf der Durchreise von der wilden Schönheit eines Raskolnikow. Einer von ihnen, mit schwarzer Lederjacke, ein Dunkelhaariger mit schwarzen Augen, ungefähr sechsundzwanzig, saß vollkommen in die Ecke gezwängt, zwischen dem Kübel mit der riesigen, unberechenbar wuchernden Pflanze und dem mit Holzpaneelen verkleideten Heizkörper. Der Jüngling trank Kaffee, rauchte Zigaretten und notierte etwas in seinem schlichten Schulheftchen mit einem Auto auf dem Umschlag. Der dem Dunkelhaarigen gegenübersitzende, besoffene Fettwanst, sicher vom Ort, fing an, ihm irgendwelche Zeichen zu geben. Sie beruhten auf einem sich nach vorne und nach hinten Beugen, Augenzwinkern und dem Schnipsen mit Daumen und Zeigefinger, so als rufe er den Kellner.

Aus dem Polnischen von Christina Marie Hauptmeier