DIE MOIREN

Atropos – die Göttin, die den Lebensfaden der Menschen durchtrennt; eine Krankenschwester, die in einer Sterbestation für Kinder arbeitet, von denen keines mehr heimkehren wird; zudem eine Lesbe, die den Tod ihrer Geliebten beweint und in ihrem Tagebuch notiert: „Als ich begann es zu schreiben, wusste ich nicht, dass es mir Rettung, Erneuerung sein würde [...]. Ich veröffentliche es unter Pseudonym, als ein Mann. Es werden drei weibliche Erzählungen, drei Moiren, drei Schicksalsgöttinnen.” Wer also ist der Verfasser dieser geheimnisvollen Trilogie? Es hat den Anschein, Leben, Erinnerung und Tod.Letzteren symbolisiert die Gestalt ebenjener Krankenschwester. Ihre Erfahrung zeigt, dass das Durchtrennen des Daseinsfadens immer zufällig ist (der unerwartete Tod einer liebenden Frau) und unausweichlich (ist unser Leben nicht eine Krankenstation, von der kein Weg mehr zurückführt?). Lachesis – die Göttin, die den Lebensfaden hütet – eine Frau in fortgeschrittenem Alter; eine Jüdin, die das Grauen des Holocaust überlebte, soll die Erinnerung symbolisieren. Es gibt eine Szene, in der während eines Klezmerkonzerts im Krakauer Kazimierz die müde Lachesis mitten in der sich amüsierenden Jugend nackte, verkrümmte Gestalten bemerkt, die aus dem Tor des alten Ghettos heraustreten. Es zeigt sich also, dass die Rolle der Göttin, die unser Leben schützen soll, nicht nur Fürsorge ist, Sorge darum, dass das Fatum uns nicht allzu schnell in die Arme ihrer Schwester Atropos wirft, sondern auch – wenn es eintritt – dass wir in der Erinnerung fortwähren, ein anderes (aber doch ein) Leben führen.Der Ordnung halber: Die Erzählung von Lachesis ist der erste Teil der geheimnisvollen Trilogie, Atropos fiel der zweite Platz zu. Das Ganze schließt mit der Geschichte Klothos – der, die das Leben schenkt. Sie ist Prostituierte, eine tragische Gestalt, wenn auch – paradoxerweise – die glücklichste der Drei. Versöhnt mit dem, was ihr das Dasein schenkt, versucht sie ganz einfach zu leben – Gutes von Bösem zu scheiden, in Demut die Herausforderungen anzunehmen, die ihr das Schicksal bringt, und – was mehr ist – voller Hoffnung in die Zukunft zu schauen..Marek Soból schuf eine lyrische Erzählung über die Zweifel und Erwartungen, die uns alle begleiten. Indem er seinen Protagonistinnen die Namen griechischer Göttinnen gibt, zeigt er, dass wir in der beständigen Spannung zwischen der Zufälligkeit dessen, was uns widerfährt, und der Unvermeidlichkeit dessen, was uns erwartet, leben. Und da wir keinen Einfluss auf die Vektoren unserer Lebenszeit haben, sollten wir das Schicksal für bare Münze nehmen. Anders gesagt – machen wir zu unserem Lebensmotto den schlichten (und schönen) Satz, den Klotho ausspricht: „Und wenn das Wetter schön ist, dann gehen wir spazieren.“ Das wäre es.

Igor Stokfiszewski

AUSZUG

Das ganze Leben ist zusammengeklebt aus Geschichten. Wenn wir sie hören, scheinen sie uns schrecklich oder schön, wir werden neidisch oder freuen uns im Stillen, dass sie nicht uns widerfahren sind. Oder ist es doch wichtig, wer all das erlebt hat, ist es wichtig, was Wahrheit ist und was Erfindung? Übrigens weiß ich es selbst langsam nicht mehr. Ein ganzes Leben schon sammle ich Geschichten und notiere sie auf Zetteln und ordne sie mit meinen eigenen, und jetzt scheint mir, alle sind sie durcheinandergeraten, und am Ende weiß ich nicht, welche zu wem gehört und welche wahr ist und welche erfunden, ich bin schon so alt und kann mich an immer weniger erinnern. Manche habe ich verloren, manche musste ich ganz neu aufschreiben, aber ich kann sie immer noch schön erzählen, und der kleine Michel kann hier dann abendelang sitzen und mir zuhören. Ich kann Ihnen nicht sagen, selbst wenn Sie mich noch so sehr bitten, was wahr ist und was nicht, was ich geträumt habe, was ich gehört habe und was ich wirklich erlebt habe. Ich habe Ihnen auch so ein Geheimnis verraten, das niemand weiß, ich habe keine Ahnung weshalb, wohl deshalb, weil sie so herzensgute Augen haben. Ich habe auch herzensgute Augen, also vertrauen sich mir alle an und kommen immer mit der Fortsetzung wieder her, und Sie reisen auch so morgen oder in einer Woche ab nach Polen, also weshalb sollte ich es Ihnen nicht gestehen.
Henryk hat immer gesagt, dass...
Übrigens gab es vielleicht gar keinen Henryk, weil es ihn gar nicht gegeben haben konnte. Vielleicht habe ich ihn mir einfach erträumt, und das war es schon. Glauben Sie denn, es wäre so leicht, einem solchen Mann zu begegnen? Vielleicht habe ich ihn mir ganz einfach ausgedacht, ihn aus verschiedenen Geschichten zusammengeklebt, am meisten aus den Erzählungen der Frau Greffer, die ich gar nicht ewig kenne, sondern erst seit ein paar Jahren, aber einmal hat sie mir erzählt, als sie einen besseren Tag hatte, dass sie früher Malerin war und dass sie reich war und dass sie einen schönen Wagen hatte, und diese Paprikas auf dem Tresen, die hat sie dorthin gestellt, und das nicht vor langer Zeit, sondern gestern erst, und wie sie da so stehen, sehen sie wirklich sehr hübsch aus. Sie ist wohl eine Grafentochter oder so etwas, aber ihr Vater hatte alles verloren, sie haben es ihm nach dem Krieg weggenommen, weil er Faschist war, ein hoher Beamter, und er hatte viele Menschen auf dem Gewissen, denn die größte Schuld trugen in diesem Krieg eben die Beamten, die Rubriken ausfüllten, in den Formularen die Nummern von Waggons voller Menschen aufschrieben, die nächsten Tausenden von Leichen, die in den Öfen verbrannt worden waren, die nächsten vollzogenen Exekutionen, und selbst wenn nicht sie schossen, selbst wenn nicht sie mich traten, ohne sie hätte die ganze Maschinerie nicht funktioniert, ihre Hand hat nicht gezittert, sie hatten ihre Häuser und schönen Frauen und ihre Scharen von Kindern, und jeden Tag gingen sie zur Arbeit, und sie zogen Schubladen auf, entnahmen ihnen die nächsten Formulare und füllten sie gewissenhaft Zahl für Zahl aus, Name für Name, bis sie Millionen dieser Rubrikchen angesammelt hatten. Danach gingen sie sonntags zur Kirche, und als der Krieg zu Ende war, da sagten sie, sie hätten damals nicht gewusst, was sie tun, oder dass sie es aus Angst getan haben, und manche reden bis heute so, aber ich glaube ihnen kein einziges Wort...
Aber davon wollte ich ja überhaupt nicht reden.
Der Vater von Frau Greffer saß den Rest seines Lebens im Gefängnis ab. Sie floh von Österreich nach Paris, noch als sie sehr jung gewesen war und sie hier gemalt hatte, und es ist ihr wohl gut damit gegangen, aber geblieben ist ihr davon nichts, denn sie hat alles versoffen, vertanzt, und sie hatte wohl auch einen Mann, nicht so einen wie Henryk, aber doch fast so einen. Er lebt schon lange nicht mehr, und ich weiß nicht, wie er gestorben ist, aber ich weiß, dass sie seitdem nichts mehr tut, nur mit diesen Hunden herumstreunt, also hat sie ihn wohl wirklich sehr geliebt. Das ist auch eine schöne Geschichte, aber Sie werden ja wohl zugeben, dass die über Henryk schöner war. Es ist so schön, die paar Stunden lang zu glauben, dass solche Dinge geschehen, dass solche Menschen irgendwo geboren werden. Sie saßen hier so verträumt, und Ihnen ging die Frage durch den Kopf, ob Ihr Mädchen oder Ihre Frau jemals so von Ihnen sprechen würde wie ich über Henry¬k. Sie haben mir zugehört, aber Sie haben sich auch gefragt, ob Sie eine solche Liebe verdient haben, ob Sie für Ihre Frau oder Ihr Mädchen so jemand sind, wie es Henryk für mich war, und ob sie für Sie so jemand ist, wie ich es das für Henryk war. Alles vermischt und verwischt sich, manchmal denke ich, ich habe ihn erfunden, manchmal auch wieder, dass es ihn wirklich gab. So gut kann ich mich an sein Flugzeug erinnern, seine Segel, seinen Duft, seine warmen Hände...
Vor langer Zeit in einem Kabarett oder vielmehr in einem Theater, auf dem Montmartre, stand mitten in der Vorstellung ein Mann aus dem Publikum auf und erschoss eine der Schauspielerinnen, er zog die Pistole und schoss ihr mitten ins Gesicht, und dann schoss er noch ein paar Mal, als sie bereits am Boden lag. Jemand überwältigte ihn, sie nahmen ihm die Pistole ab, schlugen ihn nieder, fesselten ihn, und es stellte sich heraus, dass ein Zuschauer Polizeikommissar war, also riefen sie schnell bei der Gendarmerie an, und keiner durfte den Raum verlassen, und der Kommissar begann auf der Stelle mit den Ermittlungen. Er fragte niemanden irgendetwas, weil ja alles klar war, er schrieb nur die Aussagen auf, damit man diesen Mörder später anklagen konnte, und rauslassen wollte er partout keinen, und alle regten sich furchtbar auf, sagten, das sei Unrecht, schließlich schmiedeten sie gemeinsam eine Plan und wollten mit Gewalt ausbrechen, doch da kamen schon viele Gendarmen angefahren, und alle nahmen sie Aussagen auf, und sie lag dort blutüberströmt, und das sah furchtbar aus, ich weiß, was ich sage, denn Henryk und ich waren dort, und als nach zwei Stunden alle völlig am Ende waren, die Frauen waren verweint, die Männer liefen nervös von Ecke zu Ecke und rauchten eine Zigarette nach der andern, da stellte sich heraus, dass das alles nicht wahr war, niemand hatte irgendwen erschossen, es war nur Spiel. Aber das war für all diese Leute belanglos, denn sie hatten zwei Stunden lang einen echten Mord gesehen, ihn voll und ganz so erlebt und mit jeder Nervenfaser empfunden. Zwei Stunden lang waren sie von der Polizei in einem engen Theater gefangen gesetzt worden, und sie sahen das Blut, und sie wussten, wenn die Leiche weggebracht würde, dann würden sie das nie im Leben vergessen. Für sie war es wirklich geschehen.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier