STEG ÜBER DIE ZEIT

Steg über die Zeit ist der jüngste Band mit Prosaarbeiten des Literaturhistorikers Michał Głowiński, der seit nahezu zehn Jahren auch ein geschätzter Prosaautor ist. Sein Schwarze Saisons [Czarne sezony] (1998), Erinnerungen an die Kriegsjahre, in denen er als jüdisches Kind unter deutscher Besatzung in Warschau versteckt war, wurden für den polnischen Literaturpreis „Nike“ nominiert.Steg über die Zeit enthält Erzählungen über das heimatliche Schtetl Pruszków, einen Ort in der Nähe von Warschau, gelegen an dem „winzigen, schmalen und seichten Flüsschen Utrata“, den Miniaturkosmos der Kindheit und der frühen Jugendjahre nach dem Krieg. Es sind Erzählungen über Angehörige und Nachbarn, über Orte der Herzensgeografie, über Ereignisse. Der Autor unternimmt wie ein Asmodäus seine sentimentalen Spaziergänge, schaut unter die Dächer der Häuser, um in den Brunnen der Zeit zu schauen und Bilder vom früheren Leben der polnischen und jüdischen Bewohner des Schtetl aus der Erinnerung heraufzubeschwören. Doch liegt über dem idyllischen Land der Kindheit der Schatten der Katastrophe: Die Schicksale der Ermordeten und derer, die, der Vernichtung entronnen, das Schtetl verließen, bilden hier häufig den Stoff der Erzählung. Głowiński greift auf persönliche Motive zurück. „Die sich hindurchziehenden autobiografischen Motive und alle aus der Geschichte meiner Familie geschöpften Ereignisse entsprechen vollkommen der Wahrheit“, betont er. Gern verbindet er aber auch, wie er zugibt, das Wirkliche mit dem Unwirklichen, das Fiktive mit dem Nichtfiktiven, und häufig stilisiert er seine Erzählung dem Thema entsprechend, spielt er mit literarischen Anspielungen, liefert er ebensosehr ein Dokument wie ein fast romanhaft gestaltetes Bild vom Leben eines Schtetl, das es nicht mehr gibt. Der erste Teil der Erzählung über das Schtetl, Geschichte einer Pappel [Historia jednej topoli], ist 2003 erschienen.

Marek Zaleski

AUSZUG

Es war ein Winterabend, klirrender Frost, wie es ihn in Polen lange nicht gegeben hatte (weit unter zwanzig Grad), die jüngeren Generationen kannten ihn nur noch aus Legenden und den Erzählungen der älteren Leute. Er erfasste nicht nur den Menschen und drang durch Mark und Bein, sondern er brachte auch Töne hervor, hatte seine Musik, auch wenn es vielleicht die Musik der Stille war, man nahm ihn also paradoxerweise auch mit dem Gehör wahr. Was da vor sich ging, ist mir nicht klar, ein Echo war es jedenfalls nicht, aber es geschah etwas in der klanglichen Umgebung, dessen bin ich mir sicher, vielleicht ist die unbarmherzig frostige Luft ein guter Leiter für die Sphärenmusik, jene selbst den größten Komponisten unzugänglichen Harmonien, die schweigen und zugleich erklingen. Zum vereinbarten Zeitpunkt kam die Droschke, ich weiß nicht mehr, ob sie mit einem oder zwei Pferden bespannt war, erinnere mich aber, dass sich mir damals der Klang der Pferdehufe auf der Straßendecke einprägte, die in jener Zeit im Schtetl aus Kopfsteinpflaster bestand, mir scheint jedoch, dass der Charakter und die Qualität des Tons sich nicht grundlegend ändert, wenn Pferde nicht über die heute schon altertümlichen Steinpflaster laufen, sondern über Asphalt. Der Poesie jener von Pferdehufen erzeugten konkreten Musik kommt nichts gleich, andere Fortbewegungsmittel können nicht mit ihr konkurrieren, Züge und Autos (von Flugzeugen gar nicht zu reden) können lediglich Lärm erzeugen, ich schließe übrigens nicht aus, dass auch sie die Chance haben, ihre Anhänger zu finden. Mich jedenfalls faszinierten unter den mit dem Reisen oder überhaupt der Fortbewegung verbundenen Klängen jene Töne, auch heute noch bereiten sie mir, wenn ich sie – nur selten noch – im Lärm der Stadt vernehme, Vergnügen und rufen die Erinnerung an die mittlerweile so ferne Zeit meiner Anfänge wach. Die Droschke war mit einem Verdeck versehen, obwohl es weder windig war noch schneite, so dass es nötig gewesen wäre, uns davor zu schützen, es herrschte im Gegenteil vollkommene Stille, die Luft, durchsichtig wie ein Kristall, verharrte im Zustand der Reglosigkeit, das Verdeck sollte nur verhindern, dass die Wärme, die wir in uns tragen, sich in der Ferne verflüchtigt. Ich saß zwischen den Eltern und fühlte mich daher wie jedes Kind in dieser Situation vollkommen sicher. Ich war eingemummelt in einen Schafpelz, hatte einen Schal um den Hals und eine Wollmütze auf, mit der sich auch noch spätere Erinnerungen verbinden, weil sie zu jener Sorte von Dingen gehörte, die ihre Besitzer wider Erwarten durch lange Jahre begleiten, sich mit allerlei Inhalten und Bedeutungen vollsaugen. Es war eine Fliegerhaube, so wurde sie jedenfalls genannt, sie bedeckte die Ohren und einen Großteil der Wangen und wurde unter dem Kinn zugeschnallt. Manchmal bleiben einem unbedeutende, völlig nichtssagende Informationen jahrelang haften; ich weiß noch, dass Mutter mir viele Jahre nach dem Krieg bei irgendeiner Gelegenheit erzählte, diese meine Fliegerhaube habe sie in der Nalewki-Straße in einem Laden mit Kinderkonfektion namens „U Franciszki“ gekauft. Ich lasse mich über diese im Grunde unbedeutende Kopfbedeckung deshalb so umfassend aus, weil sie mich in den folgenden Jahren begleitet hat, zusammen mit mir die Zeit der Vernichtung überstanden hat und sich so dehnte, als wolle sie mir so lange wie möglich dienen. Als wir Anfang 1943 aus dem Ghetto flüchteten, hatte ich sie gerade auf, und damals hatte sie einen zusätzlichen Vorzug: sie schützte das Gesicht nicht nur gegen den Frost, sondern auch gegen unerwünschte Blicke. In ebendieser Fliegerhaube fuhr ich ein Jahr später, ebenfalls bei durchdringendem Frost, nach Turkowice, und dort hat sie mich weiter begleitet. Mir ist klar, dass die Geschichte von der für harte Winter geeigneten, auf der Nalewki-Straße erworbenen Mütze zur Erzählung über meine Kindheit und deren so dramatisch unterschiedliche Etappen wird.
Als wir an jenem Abend – einige Monate oder auch ein Jahr vor Kriegsausbruch – heimkehrten, konnten die Eltern nicht wissen, was für ein hervorragender Kauf jene Kindermütze war, und sie konnten nicht ahnen, wie lange sie existieren würde. Unter welchen Umständen sie ihre Existenz beendete, weiß ich nicht. Trotz der durchdringenden Kälte war ich glänzender Laune, ich fand alles lustig und fröhlich. Sowohl die Fahrt als auch die Welt ringsum. Sie kam mir in jener klaren Nacht sicher ungewöhnlich schön vor, mit dem Schnee, der alles bedeckte, dem bestirnten Himmel und dem Mond, der, ob er nun voll war oder nicht, jedenfalls die ganze Zeit zu sehen war. Besonders freute ich mich, als ich Vater sagen hörte: „jazda, panie Gwiazda!“ [wörtlich: Los, Herr Stern!, aber gereimt. Anm. d. Üb.] Natürlich wusste ich nicht, dass das eine stehende Wendung war, derer man sich in den unterschiedlichsten Situationen bediente, die aber aber keine klar definierte Bedeutung hatte. Es war vielleicht der bloße Klang, der mich verblüffte, erinnerte er mich doch an Kinderreime, derer ich bestimmt einige kannte. Vielleicht dachte ich aber auch, der Kutscher heiße Gwiazda, und Vater habe ihn auffordern wollen, schneller zu fahren. Ich griff die Redensart jedenfalls auf und begann, sie mit unterschiedlicher Stimmkraft zu wiederholen, bis ich endlich rief: „jazda, panie Gwiazda!“, „jazda, panie Gwiazda!“… Hatte ich bis dahin stillgesessen, so begann ich nun zu zappeln, spürte ich das Bedürfnis, mich zu bewegen, fuchtelte mit den Armen. Möglicherweise habe ich noch einmal hinaufgeblickt, um den schön mit Sternen übersäten Himmel zu erblicken.
Ich wusste, dass der Sternenhimmel über mir ist, in der Hinsicht konnte ich keinen Zweifel haben, nur war ich mir noch nicht dessen bewusst, was in mir ist oder doch sein sollte. Ich beobachtete ihn, vermutlich hat er mich veranlasst zu fragen, wie es kommt, dass uns die kleinen blinkenden Sternchen nicht auf den Kopf fallen, wie sie sich dort oben halten und warum man sie so gut sieht, obwohl sie so klein sind, ich schließe nicht aus, dass ich wünschte, Herr Stern möge uns dorthin bringen, von wo die ersten Sterne am Himmel erstrahlen. Sicher ist, dass das alles mich in jener kalten Nacht interessierte, mir merkwürdig und unbegreiflich erschien. Wir kehrten in das von Stille und Wärme erfüllte Haus zurück, fuhren an den Rand des Schtetl. Ich kann nicht sagen, wie lange dieser nächtliche Ausflug im Zeichen des Herrn Stern und unter dem bestirnten Himmel dauerte, vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht etwas länger, vielleicht etwas kürzer. Ich verspüre kein Bedürfnis, jene Zeit mit den Zeigern der Uhr auszumessen, für mich ist sie wichtig unabhängig davon, worüber jene Auskunft gaben, weil das einer jener Momente war, in denen die Welt sich öffnet.

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese