VOR DER AGONIE

Der Ende der Achtzigerjahre begonnene monumentale Romanzyklus von Janusz Krasiński ist ein in der zeitgenössischen polnischen Prosa beispielloses Werk. Sein Autor, der selbst zwei unmenschliche Systeme erlebte, den Nationalsozialismus und den Kommunismus, schuf damit ein in zeitlicher Hinsicht breit angelegtes literarisches Dokument. Dabei bediente er sich einer Konvention, die der Form literarisch verarbeiteter Erinnerungen nahe steht. Denn nicht zuletzt um sein Werk glaubhaft zu machen, lieh er dem Protagonisten Szymon Bolesta seine eigene Biografie. Vor der Agonie ist der vierte Teil dieses Zyklus und behandelt die Jahre 1968 bis 1984: von den Unruhen, die den März-Ereignissen des Jahres 1968 vorausgingen (die brutal niedergeschlagenen Studentenproteste), bis zum politischen Mord am Priester Jerzy Popiełuszko. Die Hauptfigur ist Schriftsteller und im Polnischen Schriftstellerverband aktiv. Über diese beiden Tätigkeitsbereiche Szymon Bolestas erfahren wir am meisten. Von seinen literarischen Aktivitäten werden die Episoden um die polnisch-sowjetische Koproduktion Pomni imja svojë (1974, Regie: Sergej Kolosov) besonders ausführlich dargestellt. Hier finden sich Berichte von mehreren Besuchen des Protagonisten in Moskau, die sich mit Erzählungen über seine russischen Freunde verbinden. Doch Bolestas Episoden sind auch, vielleicht sogar vor allem, die Darstellung eines kollektiven Schicksals. Denn über das Privatleben des Protagonisten erfahren wir wenig, steht es doch ganz im Schatten seines „Lebens als Bürger“. Daher dreht sich der Großteil der Episoden um brennende polnische Fragen, die Proteste der Arbeiter und Intellektuellen der Siebzigerjahre, den Ausbruch der Solidarność, den Kriegszustand und dessen Folgeerscheinungen.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Er geriet in die Disteln und wich zurück. Dieser große Tod, er dachte an Stalin, hatte nicht allzu viel gebracht, das verbrecherische System dauerte an. Und sogar diese Kugeln in der Kohlengrube Wujek, diese getöteten Bergarbeiter hatte es gebraucht, damit er, was er durchgemacht hat, erkennen konnte wie im blutbespritzten Spiegel des Kriegszustandes. Es war also höchste Zeit, alles zu beschreiben! Man musste nur Vorsicht walten lassen, sich vor niemandem verraten, mindestens drei Kopien anfertigen und jede anderswo verstecken!

Er kam zum Horn der Insel. Sie entblößte an dieser Stelle die von der Strömung angetriebene Zunge einer Sandbank. Hier hatten sich Seeschwalben niedergelassen. Als sie Szymon bemerkten, flogen sie mit einem Schilpen auf. Kleine silberne Sicheln standen am azurblauen Himmel. Ihm schoss der Gedanke durch den Kopf, dass dies nur eine jener Tausende Generationen von Vögeln wäre, die es hier gegeben hatte, Hunderttausende, und er fühlte vom Wasser her den Atem des Dämons der Geschichte. Dieses Flussbett, das es seit ewigen Zeiten gab, diese Insel, die eine Viertelmillion Jahre alt war, und weit hinter dem Wasser der Kirchturm von Popow: schlank und hochaufgeschossen ragte er kühn dem Himmel entgegen. Ganz unvermutet war er, bedeckt mit den roten Schuppen der Dachziegel, hinter dem am Horizont wogenden Grün hervorgetreten. Er stellte eine grobe Nachahmung der Gotik dar, wie sie an der Weichsel zu finden war, doch jedes Mal, wenn er ihn von dieser Stelle aus erblickte, wurde er in Gedanken um Hunderte von Jahren zurück in die Vergangenheit versetzt. Die Republik … Einst war das eine Großmacht gewesen. Die Federbüsche großer Zaren und mächtiger Sultane hatten vor ihr den Boden gefegt. Ihre Toleranz hatte Tyrannen und Monarchen nicht ruhig schlafen lassen. Nachdem sie durch den Einfall der Schweden geschwächt war, wurde sie zerstückelt und aufgeteilt. Nach langen Jahren der Knechtschaft erstand sie für kurze Zeit neu. Nur für kurze Zeit, denn jetzt war sie ein erbärmlicher Vasall der Sowjetunion. Es war nicht auszuhalten! Im Sand fand er einen knorrigen Stock, hob ihn auf, schwang ihn in einer Geste der Verzweiflung, schleuderte ihn ins Wasser und machte kehrt.
Er ging zur Brücke zurück und bog vom Fluss ab in Richtung Wald. Jedesmal wenn es sich seinem Besitz näherte, freute ihn der Blick auf die unlängst zusammengezimmerte Hütte, ihr steiles Dach, die bunten Fensterläden. Er ahnte nicht einmal, dass dieser Ort schon bald seine Zuflucht würde. Bislang dachte er an ihn als an seinen Schlupfwinkel, wo er einen von den Kommunisten verbotenen Roman schreiben wollte. Jetzt, nach der Niederlage des Volkes, suchte er hier vor allem Ruhe. Hinter dem Drahtnetz, auf dem ein Busch wilder Rosen gepflanzt war, lugten die glatten Felsblöcke eines Steingartens hervor. Etwas wie grüne Ruten staken in den Ritzen dazwischen. Er kam an das schmiedeiserne Tor, nahm den Schlüssel heraus und öffnete das Gatter. Der Hund schoss an seinen Beinen vorbei und sprang mit wütendem Gebell an den gegenüberliegenden Zaun. Auf der anderen Seite, unter den fast kahlen Ästen einer Eiche, stampfte ein Pferd mit hängendem Schädel. Hinter ihm ging ein Bauer in einer wattierten Jacke. Von ihm hatte er damals diesen Teil des Grundstücks gekauft. Jagielski war ein sparsamer Bauer, in seinen Händen hielt er die Sterzen des Pflugs. Die Pflugschar durchschnitt hier nicht gerade den fettesten Boden. Ein Klumpen Erde löste sich und fiel hinter die Stoppeln der Schneide. Szymon trat an das Drahtnetz und beruhigte den Hund, Jagielski hielt das Pferd an.
„Prrr!“
Einen Augenblick lang standen beide schweigend. Sie hatten sich seit dem letzten Herbst nicht mehr gesehen. So vieles war in dieser Zeit geschehen. Der Bauer wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.
„Was gibt´s bei Ihnen Neues, Herr Bolesta?“
Diese Frage hatte Dornen. Was hätte er denn antworten sollen? Dass er der Verhaftung entronnen, dass er trotz Kriegszustand in Freiheit war. Und dass trotz allem über diese Felder keine sowjetischen Panzer gerollt waren, sondern die eigenen Stiefel genügt hatten, um das Aufbegehren des Volkes nach Freiheit zu zertreten. Gütiger Heiland! Er spürte die scharfen Kanten eines Eisbrockens an seinem Kehlkopf. Eine unheilbare Krankheit, die auf seiner Brust lastete. Noch immer stand er da, sah in das ihm zugewandte erschöpfte Gesicht des Bauern, das auf der Stelle stampfende Pferd, die aufgeworfenen Klumpen Erde und brachte keinen Ton heraus.
„Wie geht’s Ihnen?“, wiederholte Jagielski seine Frage mürrisch, mit hängenden Mundwinkeln.
Wie sollte es ihm schon gehen? Ein Vierteljahrhundert nach seiner Entlassung aus der Haft wütete abermals der Sicherheitsdienst, steckte Leute ins Lager und ins Gefängnis. Er hatte Stalins Tod erleben dürfen, doch das Ende dieses Verbrecherregimes würde er nicht mehr erleben. Er würde sein Zucken im Todeskampf nicht mehr sehen. Den Rest seines Lebens und bis zu seinem Grab würde ihn der Schatten des schwarzen „Rabens“ begleiten. Dieser Gedanke war nicht auszuhalten! Er war hierher gekommen, um ihm zu entgehen, und nicht um sich hier unter dieser Eiche von ihm überfallen zu lassen. Seine Augenlider brannten, die Sonne schien ihm direkt in die Augen, er blinzelte. Wie im Traum sah er den zur Hälfte gepflügten Acker hinter dem Drahtnetz und dieses widersinnige, unwirkliche Gespann: den Bauer mit seinem Pflug, sein dampfendes Pferd und die in der Luft schwebende Frage: „Und wie geht´s Ihnen? Wie lebt´s sich hier jetzt?“ Noch immer stak ein Eiszapfen in seinem Hals, er brachte kein Wort heraus. Jagielski stand da, wartete, dass er etwas sagen würde. Doch der Bauer hatte nicht Zeit, müßig herumzustehen, die Erde durfte ja nicht brachliegen… an den Pflug! Szymon schluckte schwer, seine Lippen verzogen sich in einem verzweifelten Krampf, er biss die Zähne zusammen, um sich zu beherrschen. Jagielski machte eine Kopfbewegung, als ob er sein Schweigen verstünde, holte weit aus und knallte mit der Peitsche.
„Hü!“
Die Gurten des Geschirrs spannten, das Pferdegespann setzte sich in Bewegung, feucht glänzte bäuchlings der Klumpen Erde, der sich gelöst hatte, von der Eiche flogen Krähen auf und sanken schwirrend wie schwarzer Aschenregen zur Erde. Auf dem Fluss, der von hier aus nicht zu sehen war, weit hinter dem gepflügten Acker, ritzte die weiße Spitze eines Segels den Himmel.

Aus dem Polnischen von Marlis Lami