NEKROPOLIS

Dieses Buch lässt zwei unterschiedliche Lesarten zu. Die erste, vom Autor intendierte, als eine nostalgische Geschichte über das literarische und gesellschaftliche Leben im Polen der Nachkriegszeit, in den Jahren 1956 bis 1989.
Dank des phänomenalen Gedächtnisses des Autors begegnen wir Dutzenden von Menschen – Schriftstellern, Malern, Grafikern und Redakteuren – die Literatur schufen oder an diesem Schöpfungsprozess beteiligt waren. Nowakowskis narratives Prinzip beruht auf der konkreten Verortung der beteiligten Figuren. Gemeinsam mit dem Autor unternehmen wir einen Streifzug durch das alte Warschau, besuchen Restaurants, Hotels und Redaktionsräume, und mit ihnen auch die Menschen, die in ihnen lebten. Nowakowski ordnet jeder seiner Figuren ihren eigenen konkreten Raum zu und lässt sie für einen Moment zu Wort kommen. In den kurzen Szenen werden die einstigen Gespräche, Spirituosen, Lokale und Stimmungen wieder lebendig. Doch jede dieser Erinnerungen ist mit einem nostalgischen – und nekrologischen – Fazit versehen: „Das Bristol von früher gibt es nicht mehr“; „das Café Caracas hörte auf zu existieren und das Aroma frisch gerösteten Kaffees ging unwiderruflich verloren.“; „Diese Menschen gibt es nicht mehr. Nicht einen von ihnen“.
Als Ergebnis entstand eines der traurigsten Bücher Nowakowskis. Gemäß der Intention des Autors sollte diese Traurigkeit das Ergebnis einer einfachen Konstatierung sein: einst gab es in Warschau ein pulsierendes literarisches Leben – heute, da all jene Menschen gestorben und all jene Lokale verschwunden sind, ist die Stadt nur noch eine Nekropole.
Doch das Buch lässt sich auch auf eine vollkommen entgegengesetzte Weise lesen. Nicht als eine Totenklage auf die Gegenwart, sondern auf die Vergangenheit. Denn aus den Erinnerungen des Autors schält sich nach und nach die gespenstische Wirklichkeit eines halb toten literarischen Lebens im Polen der 60er- und 70er-Jahre: Schriftsteller treffen sich in Cafés und Restaurants, führen fruchtlose Diskussionen, trinken Wodka, ziehen ins nächste Lokal, führen fruchtlose Diskussionen, trinken Wodka... Sie sind weder tot noch lebendig. Ihr Halbtod resultiert aus der Tatsache, dass sie den Nachweis ihrer Lebendigkeit in den Trugbildern einer wirklichen Literatur zu finden versuchen: in Kaffeehausgesprächen, im materiellen Erfolg, den ihnen der Staat im Gegenzug für ihre literarische Servilität gewährt, im Abdruck einer ihrer Erzählungen in einer literarischen Zeitschrift und in der Anerkennung durch ihre Kaffeehauskollegen. Ein geschlossener Kreis von Halbtoten, die der Schimäre eines literarischen Lebens nachjagen, das nur eine Ausgeburt ihrer eigenen Phantasie ist, ein Geschenk des Staates für seine Schriftsteller. Der Ausbruch aus diesem unheilvollen Kreis gelang nur denen, die den Nachweis ihrer Lebendigkeit in den Werken selbst suchten.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Der Platz vor dem Großen Theater. Die Rathausattrappe gab es noch nicht. Ebenso wenig wie die Bankgebäude und die zwischen ihnen kauernde kleine Kirche, in der Pfarrer Niewęgłowski die Warschauer Künstler um sich schart und zum Glauben bekehrt. Auch den Glasbunker auf der Gegenseite, ein Werk des weltberühmten Architekten John Forster, gab es noch nicht. Die Bebauung hat sich verändert. Und doch wechselt mein Gedächtnis, sooft ich diesen Ort betrete, augenblicklich die Kulissen. Genau wie im Theater. Und schon ergibt sich ein ganz anderes Bühnenbild.
Damals gab es von der Senatorska-Strasse in Richtung des Sächsischen Gartens gerade einmal zwei Restaurants. Heute steht dort eines neben dem anderen. Das Peking, der China Palace, das El Popo, das Rhabarber, das Barbados. Damals gab es gerade einmal zwei. Eines von ihnen befand sich unweit der Niecała-Strasse. Es war nicht besonders groß und innen mit Holz verkleidet; ein Lokal der Warschauer Gastronomiebetriebe, zum Ende der Ära Gierek nannte man so etwas eine „Agentur“. Zwei wohlbeleibte Frauen hinter der Theke, die typischen Büffetdamen jener Zeit. Wodka und eine ziemlich reichhaltige Auswahl an Speisen: eingelegte Heringe, Bœuf Stroganoff, Kutteln und Bretonische Bohnen. Diese Bohnen! Niemand vermag die Frage zu beantworten, woher dieses Gericht seinen Namen hatte. Bohnen, bevorzugt weiße, mit Speck und Wurststücken in einer dicken Soße, gewürzt mit Tomatenmark. Angeblich entstammte dieser Pamps der französischen Küche. Die Franzosen waren darüber nicht wenig erstaunt. Doch vor allem im Winter, zusammen mit einem Glas Wodka, war es durchaus genießbar. Hier traf ich mich oft mit Leszek Dunin.
Dunin war eine pittoreske Persönlichkeit. Ein Adliger aus einem altem Geschlecht, Kavallerist des Jahres 1939 und Mitglied der Polnischen Heimatarmee sowie der Organisation Freiheit und Unabhängigkeit. Nach dem Krieg hatte er über fünf Jahre im Gefängnis gesessen. Er war Architekt, Kirchenbaumeister und der Liebling des Kardinals Stefan Wyszyński. Mit Vorliebe gab er dessen Eindrücke von seinen Bistumsbesuchen zum Besten: ganz Polen, vom Meer bis zu den Bergen, sei eine einzige große Gefängnissiedlung. Überall, selbst an den malerischsten Orten, stünden größere oder kleinere graue Betonkästen. Nur etwas Stacheldraht fehle noch und ein paar Wachttürmchen. So sprach der polnische Primas. Leszek Dunin wiederum bezeichnete die Zeit der Volksrepublik Polen als böotische Epoche. Die Böotier waren seiner Einschätzung nach der zurückgebliebenste unter den altgriechischen Volksstämmen, ein nachgerade stumpfsinniger Menschenschlag. Vergleichbar mit den Barbaren, den Vandalen, den Langobarden oder den Visigoten. Leszeks Erzählungen über den illegalen Bau von Kirchen klangen wie das Drehbuch für einen Thriller: nächtliche Feldwachen der Gemeindemitglieder, Razzien der Miliz und des Sicherheitsdienstes oder auch der vollständige Abbau und Wiederaufbau der provisorischen Kapellen durch die unverdrossenen Gläubigen. Leszek Dunin war ein groß gewachsener, stattlicher Mann mit dem Kopf eines römischen Patriziers, einer markanten Adlernase und durchdringend blauen Augen. Seine äußere Erscheinung wie auch sein Benehmen hoben ihn von der grauen Masse der Warschauer Passanten ab. Seine kunstvoll drapierte Baskenmütze und die obligate Pfeife zwischen den Zähnen. Er ging langsam, beschwerlich, mit schlurfenden Schritten – ein Andenken an die Arrestzellen des Gefängnisses in Rawicz; oft hatte man ihn dort im Winter bei geöffnetem Fenster bis zu den Knien in eiskaltem Wasser stehen lassen. Auf diese Weise hatte er sich ein chronisches Fußleiden eingehandelt. Dunin war hart im Nehmen und verkündete mit einigem Galgenhumor, sein Leiden gemahne ihn für alle Zeit an die verlorene Unabhängigkeit.
Der gute Leszek war kein Kostverächter, und mehr als einmal trafen wir uns in jener nicht besonders großen, düsteren, braun getäfelten Kneipe. Bisweilen erschien er auch in Begleitung seiner Bauleiter, von denen sich nicht wenige aus gänzlich uneigennützigen Motiven am Bau der polnischen Kirchen beteiligten. Leszek war die Seele einer jeden Gesellschaft, er rezitierte die großen polnischen Dichter, sang zotige Regimentslieder, war ein passionierter Kenner der Warschauer Stadtgeschichte und ein Experte für alte Drucke.
Ich erinnere mich noch gut an seine Schilderung einer Kavallerieattacke vom September 1939, während der er einen deutschen Obersten gefangen genommen hatte, den Schatzmeister seiner Division. An die Unterhaltung mit seinem Gefangenen – einem Absolventen der Universität Heidelberg mit dem charakteristischen Schmiss auf der Wange – in deren Verlauf sich die beiden gegenseitig mit Goethe-Zitaten überboten hatten. Vielleicht ging an dieser Stelle auch seine Fantasie ein wenig mit ihm durch.
(…)
Es kam vor, dass unser Weg uns anschließend noch in eine andere Schenke führte. Einige Male besuchte ich Dunin auch in seiner Wohnung in Konstancin. Ein kleines, zerstörtes Haus mit einer hölzernen Veranda inmitten eines verwilderten Gartens. Seine Wohnung lag im Parterre. Sie war voller alter Bücher, Nippfiguren, Möbelstücke und Porträtbilder – Andenken an ein früheres Leben. Zu Tisch setzten wir uns gemeinsam mit Leszeks Ehefrau, der Tochter eines vor dem Krieg bekannten Inhabers eines Cafés auf dem Drei-Kreuze-Platz, Herrn Galiński, und ihren drei Kindern. Auch Adam Mauersberger nahm an unseren Festmahlen teil, der Direktor des Adam-Mickiewicz-Museums für Literatur in der Altstadt, ein echtes Original, das mit vielen Künstlern der Zwischenkriegszeit noch persönlich befreundet war, ein Historiker und Assistent von Marcel Handelsman an der Warschauer Universität. Mauersberger, der von seinen Freunden Mausi genannt wurde, tauchte zudem unter eigenem Namen als Figur in einem unvollendeten Theaterstück Witold Gombrowiczs auf und war – wie die letzten Überlebenden dieses Kreises zu berichten wussten – für einige der absurden Aussprüche in Ferdydurke verantwortlich.
Leszek Dunin und Adam Mauersberger, zwei nimmermüde Geschichtenerzähler, führten gemeinsam den Vorsitz bei Tisch. Adam ließ die einstigen Warschauer Schönheiten wieder auferstehen: Diana Eiger – die Mutter des Dichters Stefan Napierski und Ehefrau von Wojciech Stpiczyński, eines Publizisten und engen Vertrauten von Marschall Piłsudski – Carlotta Bologna oder auch die Tochter des Rabbis Schorr. Leszek berichtete ausführlich von seinen Vorfahren, den Mundschenken, Kronregimentaren und Burgvogten. Er war kein blinder Apologet der Vergangenheit, sondern wusste sie in all ihrer Komplexität zu schildern. Einmal saß auch eine bekannte Ärztin mit uns zu Tisch, die im Pawiak-Gefängnis arbeitete und an einer Verschwörung der Polnischen Heimatarmee beteiligt war. Sie kannte Leszek noch aus der Besatzungszeit. In einem bestimmten Moment betrachtete sie ihn und sagte voller Rührung: Was wart ihr damals schön! – Es klang wie ein Requiem für die gesamte, unglückselige polnische Kriegsgeneration.
Ich schaue in die dunklen Fenster des ehemaligen Restaurants. Nach 1990 musste es schließen, und an seiner Stelle entstand das Prado mit einem Gipslöwen vor dem Eingang; heute sind die Innenräume völlig tot und kahl – einem Zettel an der Tür lässt sich entnehmen, dass das Lokal bis auf weiteres geschlossen ist. Und während ich so schaue, sehe ich wieder die kleine, braun getäfelte Kneipe, auf deren hölzernen Stühlen all ihre ehemaligen Gäste sitzen. Leszek Dunin war der Wichtigste unter ihnen.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau