DIE ERSTE NACHT BEI SATAN

Der Autor, ein bedeutender Jerusalemer Fotokünstler, stammt aus Drohobycz, sein Vater war mit Bruno Schulz befreundet. Erwin Schenkelbach hat ein Buch geschrieben, dessen erste Erzählung eine sehr seltsame, phantasmagorische Vision von der Vernichtung der Juden in seiner Vaterstadt ist; die zweite beschreibt die Reise eines jüdischen Jungen nach Warschau; er irrt in der Stadt umher, entgeht wie durch ein Wunder dem Tod und gerät dann in die unterschiedlichsten Hände; die dritte erzählt, wie ein reifer Mann nach Jahrzehnten in die Stadt seiner Kindheit zurückkommt und versucht, die Stimmungen und Landschaften seiner frühen Jahre wiederzufinden. Die Sprache dieser traumwandlerischen Geschichten, insbesondere die der ersten, ist geprägt von der metapher-, symbol- und bilderreichen Prosa Schulzes, die zugleich in der Schwebe zwischen Autobiografie und literarischer Fiktion verharrt).
Am stärksten beeindruckt die mittlere Erzählung: die Geschichte des jüdischen Jungen, den man, um ihn vor der Shoah zu retten, auf den Weg nach Warschau schickt. Das Bild der Stadt, dargestellt aus der Sicht des verstörten Kindes, die Beschreibung einer nächtlichen Eskapade in einem Laden, wo der Junge Schnaps für seinen neuen Beschützer holt und seine Begegnung mit zwei Leichenträgern aus dem Ghetto - all das sind außergewöhnliche Zeugnisse des Krieges. Das Fotografenauge des Autors erhascht auch noch das kleinste Detail an Orten und Menschen, alles tritt in der scharfen Deutlichkeit der erstmals geschauten Dinge zutage. Mit den Augen des ständig vom Tode bedrohten jüdischen Kindes betrachtet, sind die Fremdheit und das Grauen, aber auch das Banale jener Welt der Okkupation am besten beschreibbar. Denn der Junge versucht nicht, etwas zu beurteilen und mit früheren Erfahrungen zu vergleichen; er sieht einfach nur und nimmt so Alltäglichkeit und Alptraum auf einundderselben Ebene wahr.

Jerzy Jarzębski

AUSZUG

Der Flug, die mehrstündige Fahrt im Auto, die Formalitäten und die schlaflose Nacht davor. Ich lege den Koffer auf den Tisch und werfe mich, so wie ich stehe, in Kleidern und Schuhen, aufs Bett, sinke ins bodenlose Nichts. Als ich aufwache, weiß ich nicht, wo ich bin. Ich taste mich, fast wie ein Blinder, ins Bad, drehe den Wasserhahn auf und halte den Kopf unter den kalten Strahl. Ich trockne mich ab und öffne weit das Fenster. Ein Schwall warmer Luft dringt ins Zimmer und mit ihm eine wahnwitzige Komposition von Düften blühender Blumen und Bäume. Der Tag geht zu Ende. Die letzten Strahlen der Sonne lassen die Fenster der nahe gelegenen Häuser in blutigem Purpur lodern. Ich sehe mich aufmerksamer um. Vor dem Hotel ein riesiges, wohl bis an den zweiten Stock hinaufreichendes Bronzedenkmal, einen Mann darstellend, der ein Buch in der Hand hält. Dahinter ein Straßennetz aus Häusern, die noch vor dem Krieg gebaut wurden. Auf den Straßen nur wenige Fahrzeuge. Ich beschließe, einen Bummel durch die Stadt zu machen. Ich durchquere die Anlage vor dem Hotel und lenke meine Schritte zu einer breiten Straße in der Nähe. Drüben, auf der anderen Seite, windet sich ein schmales Gässchen eine Anhöhe hinauf.
Die abgründige dunkle Perspektive zieht mich irgendwie magisch an. Zweigeschossige Häuser zu beiden Seiten, davor gepflegte kleine Gärten mit gleichmäßig umgegrabenen Beeten. Die frisch umgewälzte Erde ist fett und schwarz. Ringsum blühen Apfelbäume, Kirschbäume und Faulbeerbäume. Ich steige das Gässchen höher hinauf, betäubt von der Explosion des Mais, seinen Farben und Düften, da überkommt mich plötzlich das beunruhigende Gefühl, dass ich das Gässchen kenne, dass ich schon einmal hier war.
Ein paar Schritt weiter, unvermutet, stehe ich vor dem Haus, in dem ich eines Morgens, von meiner Mutter intuitiv in einer mit altem Papier und Zeitungen voll gestopften Nische unter der Treppe versteckt, Zeuge wurde, wie unformierte Männer meine Eltern abholen zu ihrer letzten Reise ins Nirgendwohin.
Langsam, Schicht um Schicht, fallen die Hüllen der Zeit. Wie im Trancezustand berühre ich die rissige Wand des Hauses und streichle das Geländer der Treppe, die damals zu unserer Wohnung führte.
Die Welt um mich herum beginnt zu rotieren... die Uhrzeiger drehen sich in rasender Geschwindigkeit rückwärts... ich erstarre, reglos, an der Grenze zwischen Traum und Wachen... gehe jetzt durch die Gassen meiner Kindheit... in ihrem Kasten die Diapositive der Erinnerungen... auf dem Bildschirm meines Gedächtnisses erscheinen immer andere Bilder aus jenen toten Tagen... ein großer sportlicher Mann mit einem prachtvollen schwarzen, gleichmäßig gestutzten assyrischen Bart und neben ihm ein kleiner Junge mit blonden Haaren... mein Vater und ich... gleich werden wir auf Skiern den Steilhang eines Gipfels in den Karpaten hinunter schießen... im Tal ballt sich violetter Nebel... richtig, bei einem meiner unzähligen chemischen Experimente flog ja ein Tiegel mit den verschiedensten Reagenzien in die Luft... das Material zu diesen gefährlichen Versuchen barg ein mit einer Holzjalousie verschlossenes Schränkchen, in dem mein Vater Unmengen von Gläschen, Fläschchen und Retorten mit bunten Substanzen und Flüssigkeiten aufbewahrte, die er für die Arbeit in der Dunkelkammer brauchte... die Eltern sind nicht zu Hause... ich öffne das Schränkchen... von einem der Gläschen geht ein geheimnisvolles Funkeln und Leuchten aus... gebannt starre ich auf den aus dem Dunkel dringenden grünlich schillernden Schein... ich renne zwischen Weizenähren, mit einem kleinen Mädchen, das Ania heißt... Ania überholt mich... ihr blondes Haar ist zu einem dicken Zopf geflochten, der vor mir hin und her schwingt wie ein Pendel... ein Windhauch trägt den Geruch eben geernteten frischen Honigs heran... es klingelt an der Tür... es ist ein Freund, der zu meinem Vater kommt, unser Nachbar von nebenan mit dem merkwürdigen, schräg vorgewölbten Gesicht, das an einen Vogel denken lässt, der sich zum Abflug anschickt... der Vater hält wie immer eine Pappschachtel mit benutzten Glasplatten für ihn bereit... auf den schwarzen Emulsionsschichten der belichteten Negative wird der Vogelmensch mit einem Stahlgriffel die Illustrationen zu seinen phantasmagorischen Erzählungen einritzen... die Erinnerungen bewegen sich weiter wie die Zeiger einer Uhr... gerade gibt unser Nachbar meiner Mutter ein Buch... über seine eingefallenen Wangen huscht ein schüchternes Lächeln... die Mutter klappt es auf... auf der ersten Seite steht: Bruno Schulz, Sanatorium zur Todesanzeige und darunter eine mit dunkelgrüner Tinte geschriebene Widmung... die Mutter lächelt, bedankt sich und streckt die Hand aus, die er mit einer tiefen Verbeugung küsst...
Als ich ins Hotel zurückkomme, ist es längst tiefe Nacht. Am nächsten Tag gehe ich auf einen Markt in der Nähe. An den Ständen Berge von frischem Obst, Gemüse, Käse, rechteckige, mit Möhrensaft gefärbte Butterstücke, Blechkannen. In ein Glas, das ich mitgebracht habe, lasse ich mir aus so einer Kanne etwas Sahne abfüllen, und dann bezahle ich mit ein paar hellbraunen Geldscheinen, die den seltsamen Namen „Coupons“ tragen, einen Laib Schwarzbrot, von dem ich mir in meinem Hotelzimmer eine dicke Scheibe abschneide.
Das Brot und die Sahne haben den Geschmack meiner Kindheit.
Es ist schon fast Mittag. Ich gehe einen breiten Boulevard entlang, auf dem es von vornehm gekleideten jungen Leuten wimmelt. Hier, auf dem sogenannten Corso, trifft sich täglich die Elite des Städtchens. Man lüpft die eleganten Hüte, schleudert herausfordernde, stolze Blicke, schlägt die Augen nieder, Lächeln, Gesten des Einvernehmens. Zwischen alledem treibt sich ein kleiner Junge herum, der so gern alle Geheimnisse der Erwachsenen erriete. Aber mit einem Schlag leert sich der Corso. Nur das Spalier der längs der Gehwege aufgestellten weißen Marmorvasen, die einst vor Blumen überquollen, ist noch da, und das Spalier derselben, jetzt jedoch höheren Bäume. Die durch ihre Laubfenster fallenden Sonnenstrahlen breiten goldene Streifen über das Trottoir. Ich nähere mich dem Haus meiner Kindheit. Ich erkenne es schon von weitem, es hat sich gar nicht verändert. Durch den dunklen Flur betrete ich den hinteren Hof. Schreite ihn ab in Länge und Breite. Biege die Blätter des in gleichmäßigen Reihen gepflanzten jungen Gemüses zur Seite, räume da und dort herumliegendes Gerümpel aus dem Weg, gucke in jeden Winkel, gelobe mir, täglich hierher zu kommen.
Aber das Torpedo der Zeit ändert seine Richtung.
Wieder überfliegen wir den schwarzen Strich des Grenzflusses.
Meinen bemoosten grünen Stein werde ich nie mehr finden.

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann