ROSAS HAUS. KRÝSUVÍK

Hubert Klimko-Dobrzanieckis neuster Prosaband besteht aus den beiden thematisch miteinander verbundenen, gleichzeitig aber völlig eigenständigen Erzählungen Rosas Haus und Krýsuvík. Die Fabel des ersten Texts kreist um die autobiographischen Erfahrungen des Helden in einem isländischen Altersheim. In Rosas Haus vermischen sich daher Reportage und Reflexion. Doch die isländischen Realitäten täuschen und lenken davon ab, dass das Altersheim in Reykjavik beziehungsweise die weit entfernt, am Rande Europas gelegene Insel selbst eine Metapher ist. Klimko-Dobrzaniecki interessieren Aspekte der menschlichen Existenz wie die Einsamkeit, die Verlorenheit, die Unsicherheit, was der morgige Tag bringen wird, und vor allem die Frage, wie die heutige Zivilisation des Westens mit dem Sterben und dem Tod fertig wird. Ein wichtiges Thema ist hier die Problematik der passiven Sterbehilfe. Krýsuvík dagegen ist eine wunderschöne Ballade im Stile einer alten skandinavischen Erzählung über die Liebe und die Wirren des Schicksals, deren Protagonisten zwei einfache, einander ergebene Menschen sind. Klimko-Dobrzaniecki bedient sich mit Vorliebe des Kontrapunkts. Vor allem in Rosas Haus finden wir zahlreiche heftige, abrupte Übergänge: von den schockierenden Episoden aus dem Leben der gebrechlichen Alten und ihren gefühllosen Betreuern bis zu lyrischen, lebensfrohen Schilderungen voller Sanftheit. Wichtig ist auch das nostalgische Element. Diskret, gleichsam am Rande der Haupterzählung beschwört Klimko-Dobrzaniecki Bilder aus seiner frühen Jugend, die er in Niederschlesien verbracht hat, offenbart die Wendungen seiner Biographie und erzählt von seiner Suche nach einem Platz in der Welt für sich. Allem Anschein zum Trotz ist dies ein sehr persönliches, sehr polnisches Buch.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Rosa. Liebste Rosa. Wir haben uns unter recht merkwürdigen Umständen kennen gelernt, hmmm, ja, das war merkwürdig, denn niemand hatte mir während der ersten Arbeitstage auf dem „Dach” gesagt, dass hier eine Blinde wohnt, im Grunde wusste ich nichts von ihrer Anwesenheit, denn anfangs interessierte ich mich nicht für die andere Seite des Flurs, kam ich nicht bis vor die letzte Wohnung und blickte nicht auf das Klingelschild. Rosa kam nie zu den Mahlzeiten heraus, die Frau aus der Küche trug immer ein Tablett mit Essen ans Flurende und kehrte kurz darauf mit dem leeren zurück. Ich fragte nie, wohin sie ginge, zu wem, ich ging nicht ins Detail, aber einige Tage später stellte sich heraus, dass man mich ausgewählt hatte, weil die Frau, an deren Stelle ich eingestellt worden war, sich um Rosa gekümmert hatte. Die Chefin teilte mir eines Morgens mit, dass Rosa mir zugeteilt worden war, und sagte, ich solle nett und freundlich zu ihr sein, denn das wäre jemand sehr sensibles und völlig waches, ich müsste aufpassen, was und wie ich es sage, sie sei zwar blind, schien aber alles zu sehen, ich würde mich ja selbst davon überzeugen können.
Ich klopfte. Eine ruhige, warme Stimme war von drinnen zu vernehmen, ich öffnete die Tür. Ich hatte wohl geträumt. Die ganzen Monate, die ich auf anderen Stockwerken, in anderen Abteilungen gearbeitet hatte, war mir der Geruch von Urin fast auf Schritt und Tritt gefolgt, auf dem „Dach“ roch es zwar nicht mehr ganz so, aber auch nicht gerade nach Rosen, und hier eine atemberaubende Duftwolke, der Duft von Rosen eben, merkwürdig, ich zog die Nase hoch.
„Angenehm, nicht wahr?”, ermunterte mich eine alte Frau, die in einem tiefen, mit grünem Samt bezogenen Sessel saß. Ihre Augenlider waren geschlossen. Hübsch sah sie aus in diesem Sessel, wie eine ehrwürdige Königin, ihr Gesicht hatte etwas von einer monarchischen Majestät, von Klugheit, und zugleich vom frischen Hauch meiner ersten Liebe, ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Ula dort im Sessel sitzt, dabei war der Altersunterschied so riesengroß, aber dennoch zitterte mein Herz, wie damals vor langer Zeit auf der Fete in Dzierżoniów.
„Das ist Rosenöl“, sagte sie leise. „Es riecht wunderbar und wirkt entspannend. Setz dich bitte und erzähl mir etwas von dir.“
Ich setzte mich ihr gegenüber, ich wusste nicht, womit ich anfangen sollte, nicht aus Angst oder Schüchternheit, sondern vielmehr aus Verwunderung, dass ich vor Ula sitze, und sie mich nicht sieht, widerstreitende Gedanken erfüllten mich, ist Ula eine Reinkarnation von Rosa, oder vielleicht umgekehrt. In manchem Volksglauben findet die Reinkarnation in beide Richtungen statt, vielleicht hatte ich aber auch einfach das Religionskundebuch, das man mir in der vierten Klasse des Gymnasiums ausgehändigt hatte, nicht genau gelesen. Das sollte der Gegenstand eines Experiments sein und blieb es, denn das Experiment dauert an, ist nicht zu Ende. Verblüffend war auch, dass jemand Blindes ein so geschmackvoll eingerichtetes Zimmer hatte, dass die Farben sich nicht bissen, dass alles aufeinander abgestimmt war. Vielleicht sieht sie und tut nur so. Schließlich bin ich in meinem Leben in Polen vielen Betrügern begegnet, selbst hier, im Altersheim. Manche machen sich über die Betrüger lustig. Ich erinnere mich an eine kleine Rumänin, sie war vielleicht fünf Jahre alt, sie saß vor der Kirche in der Świdnicka-Straße in Wrocław und bettelte, jemand hatte sich einen Spaß gemacht und auf das Kärtchen auf Polnisch geschrieben: „Ich bin schwanger, ich bitte um Unterstützung“. An diesem Tag verdiente sie nichts, handelte sich höchstens abends Hiebe vom Vater ein, der nicht genügend Zloty zusammenbekam, um sie in der 24-Stunden-Wechselstube umzutauschen. Oder so ein Elli aus dem Altersheim. Bat man ihn um etwas, hörte er nicht, wenn man sich aber tausend Kronen von ihm leihen wollte, antwortete er sofort, dass er sie nicht habe. Über dem Sessel hing ein Ölporträt. Es zeigte ein Mädchen, das auf einem Stuhl saß, in einem dunkelblauen Kleid, das ein weißer Kragen zierte. Das Mädchen hatte die Haare zusammengebunden, grüne Augen, ein wenig blass war sie, traurig, auf den Knien hielt sie eine Puppe, die in der Nationaltracht gekleidet war.
„Das ist meine Schwester, meine jüngere Schwester”, sagte Rosa. Sie hatte mich überrascht. Vielleicht sieht sie wirklich.
„Sie hieß Karitas, sie starb mit fünf Jahren, dieses Porträt ist alles, was von ihr zurückgeblieben ist. Und die Erinnerung natürlich, die Erinnerung, meine geliebte Schwester, Karitas... Du fühlst Dich unwohl in der Gesellschaft von jemandem wie mir. Du sagst nichts und denkst sicherlich, dass ich eine Betrügerin bin, bestenfalls vielleicht schlecht sehe. Das Mädchen, das vor Dir hier gearbeitet hat, verdächtigte mich auch anfangs. Ich bin seit meiner Geburt blind, aber schon alt und kann mir die Dinge gut vorstellen, das ist so als würde ich sie sehen. Ich weiß, dass du aus dem Ausland kommst, sag etwas, damit ich Deine Stimme hören kann.”
„Ich heiße Hubert.”
„Wie?”
„Hubert.”
„Hypert? Ein merkwürdiger Name.” Ich hatte mich an diese Verunstaltung, die stimmlose Aussprache meines Namens, gewöhnt. So sprechen ihn hier alle aus.
„Und wie klingt in Deiner Sprache das Wort Rosa, mein Name, Blume.“
„Rosa”
„Oh, bitte noch einmal.” Sie quälte sich, brachte das Wort aber nicht heraus, doch man konnte sehen, dass ihr dieses slawische Zischen gefiel, das Zittern der Zunge, die Luft, die sie vielleicht zum Vibrieren brachte.
„Ich kann das nicht aussprechen, das ist zu schwer, aber es gefällt mir, du kannst mich so anreden Hypert. Sag es noch einmal. „Rosa.”
„Ja, so kannst du mich nennen.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk