RACHMUNES

Wir haben es hier mit einer Sammlung von Geschichten über Juden und Araber zu tun, die in Israel entstanden ist. Die Autorin schreibt über zerstörte und paradoxe Schicksale, man könnte sagen: über das Leben. Aber das Leben von Viola Weins Helden fügt sich nicht zu einer sinnvollen Fabel literarischer Provenienz, es gibt darin keine Pointe, die, wenigstens scheinbar, eine Lösung brächte. Selbst wenn wir es uns aus der Nähe anschauen, werden wir nicht die mindeste Konsequenz entdecken, außer der einen: wir werden geboren, leiden, danach werden unsere Kinder geboren, um wieder zu leiden. Es gibt hier Geschichten über ichbezogene und selbstherrliche Menschen wie den Vater aus Rachmunes oder die Margalit aus Ammophilia arenaria, die ihr ganzes Leben dem Andenken der Toten aufopfert. Aber während Margalits Sohn auf grausame Weise durch die Hand palästinensischer Terroristen umkommt, wird das Los den blutjungen Palästinenser Fahti aus Das Opfer geradewegs zu einem Trupp von Selbstmordattentätern führen. Und die Geschichte des israelischen Transvestiten aus Der Sanitäter? Auch ihr fehlt jeder „Sinn“, wenn wir sie abwechselnd aus der orthodox-religiösen und aus der soldatischen Sicht der neuen jüdischen Gesellschaft betrachten. Der „Sanitäter“ und seine Freunde passen nirgendwo hin, und schon deshalb besteht keine Chance, dass ihr (letztlich in Erfüllung gehender) Wunsch nach einem Kind auf gesellschaftliche Akzeptanz stoßen könnte. Als vollständig bar jeden rettenden Sinns erscheint das mit dem Selbstmord endende Leben von Yossi, dem eine seltsame Krankheit das halbe Gesicht weggefressen hat.Israel ist hier der Ort extremer Lebenserfahrungen. Nicht nur wegen des Bürgerkriegs. Eine Vielzahl der unterschiedlichsten menschlichen Schicksale findet dort ihre Vollendung. Jedem der Helden bleibt ein nur ihm gewährter kurzer Augenblick, um seine persönliche Wahrheit zu artikulieren, aber diese Wahrheiten sind unvereinbar, es gibt kein alleingültiges Modell; man kann sie nur aussprechen, den andern vorzeigen und auf Verständnis oder auf Rachmunes, das heißt, auf Mitleid hoffen.

Jerzy Jarzębski

AUSZUG

Ich gehe zu Fuß in die Studentenbühne, die sich ganz in der Nähe meines Hauses befindet. Die Vorstellung beginnt um acht. Ich bin pünktlich. Das war ich schon immer, gut dressiert von meinen Eltern: „Pünktlichkeit ist die Tugend der Könige“. Punkt acht Uhr morgens hatte man sich im Kindergarten zu melden. Bummelfritzen mochte Frau Jaffa, die Kindergärtnerin, nicht. Das warf die von vornherein feststehende Tagesordnung über den Haufen; zuerst die Jungs in ihre Ecke mit den Bällen, Hämmern und Bauklötzen und die Mädchen zu ihren Puppenstuben. Danach eine Stunde Bilderbücher, Märchenerzählen für alle, als nächstes - Freizeit auf dem Hof. Ich spielte gut Fußball und schmetterte den Ball oft in das lächerliche kleine rotblaue Plastiktor. Aber lieber blieb ich bei den Mädchen in der Puppenecke. Dort hockte ich still am Rand und fühlte mich persönlich von den kleinen Händen gekitzelt, liebkost und gestreichelt, so als wäre ich selber die Ruti-Smatuti-Puppe, deren Haar sie in einem fort kämmten, der sie immerzu neue Kleidchen anzogen, die von allen Seiten unablässig umhegt und umpflegt wurde. Frau Jaffa, die Kindergärtnerin, erzählte meiner Mutter lachend, ich schlummere oft so süß in der Puppenecke, dass es ihr regelrecht leid täte, mich zum Mittag zu wecken.
***

Die Vorstellung läuft schon zum zweihundertsten Mal. Hinterher werden wir in eine Bar gehen, um das zu begießen. Das haben wir uns verdient. Wir arbeiten schwer. Ofer stößt unterwegs zu mir und klagt:
„Diese Nutte hat sich schon wieder eine neue Geschichte ausgedacht.“
„Was, sie zieht nicht aus?“
„Erst in einem Monat.“
Schade, jetzt muss ich mich weiter bei den Eltern quälen. Ich hatte mich gefreut, dass ich bald mit Ofer zusammen wohnen würde, näher am Zentrum von Tel Aviv. Seine Mitbewohnerin sollte längst ausgezogen sein. Aber im Augenblick bedaure ich viel mehr, dass ich schon fertig geschminkt aus dem Haus gegangen bin. Es ist heiß, ein klebriger Wind vom Meer, vermischt mit den Abgasen der Autos, dringt einem durch die Nase bis ins Gehirn. Ich fange an zu schwitzen, bald werde ich völlig verschmiert sein. Aber ich sehe immer noch schöner aus als der Stadtteil Florentin, durch den wir gehen. In der glutheißen Luft scheinen die obskuren Häuser zu zittern wie die Hände eines alten Weibes. Und sie sind ebenso abstoßend mit ihrem runzligen Putz, den verschiedenfarbigen Flecken und den seltsamen Auswüchsen der nach Lust und Laune der Mieter gebauten Eisenbalkons. Ich sehe, dass Ofer mir etwas sagen will, aber ich höre ihn nicht mehr. Eine grässliche Explosion schleudert uns aufs Trottoir. Stille in einer weißen Staubwolke. Ich prüfe, ob das Ofer ist, diese warmen Rundungen neben mir. Ja, Gott sei Dank! Ein Sausen in den Ohren, und ich fühle, dass ich jetzt liebend gern einschlafen würde. Aber plötzlich schießt aus dem Staub, der uns einhüllt, eine riesige Feuerzunge zum Himmel. Die Hitze zischt, jault, dröhnt vom Kreischen, Schreien, Weinen, vom Stöhnen der Verletzten und dem Heulen der Ambulanzen. Ich spüre eine feuchte Last im Rücken. Ich schüttele sie ab, um aufzustehen, und sehe, es ist ein Arm, den es jemandem im Ellbogen weggefetzt hat. An seinem Handgelenk eine Casio mit schwarzem Zifferblatt. Ein Männerarm. Ich bin Sanitäter der Reserve und muss sofort los, den Verletzten helfen, aber Ofer liegt immer noch gekrümmt wie ein Embryo, und ich kann ihn hier nicht so liegenlassen. Ich suche nach dem, dem der Arm gehört. Da sehe ich, ich habe den Arm aus Versehen auf Ofer geworfen, und der hält ihn umklammert und presst krampfhaft sein Kinn dagegen. Neben uns bremst heulend ein Rettungswagen. Ich hebe Ofer hoch, mitsamt dem fremden Arm. Er ist wie ein großes schwarzes Baby, das ohrenbetäubend schreit, weil ihm jemand seinen geliebten Teddy wegnehmen will. Einer vom Roten Davidsstern brüllt aus dem Wagen:
„He, Frau, rück zur Seite, überlass ihn uns, wir versorgen ihn wie sichs gehört, im Wagen ist kein Platz!“
„Ich bin Militärsanitäter und kann auf dem Weg ins Krankenhaus behilflich sein!“ brülle ich zurück.
„Mach dass du wegkommst, Schwulensau, Schwuchtel, du mit deinem Aids. Ich sag doch, wir werden allein fertig!“
In den Nachrichten hieß es, ein als israelischer Soldat getarnter Selbstmordterrorist habe sich an der Bushaltestelle in die Schlange gestellt. Sieben Tote und an die hundert Verletzte. Diesmal war die Wirkung größer, weil gerade ein Doppelbus kam. Eine sogenannte Ziehharmonika.
Ofer blieb noch einen ganzen Tag im Krankenhaus. Er klagte über Ohrensausen. Der Arzt in der Aufnahme stellte einen Nervenschock fest und verschrieb ihm Beruhigungsmittel. Mir riet er, wir sollten uns zur Gruppentherapie einschreiben, die man auf Lebenszeit vom Staat gewährt bekommt. Das Programm bietet, außer den Treffen, landeskundliche Ausflüge, Verbindung zu einem Psychologen, einem Sozialarbeiter, Yoga, Chorsingen und Gruppentanz, Nutzung der Kantine im Haus des Soldaten und überhaupt - volle Betreuung durch das Ministerium für Sicherheit und monatlich eine finanzielle Unterstützung.
Es gibt eine Menge davon, von diesen Gruppen. Sie sind über ganz Israel verstreut. Denn nach so einem Schock kann man nie wissen. Manchmal kommen die Bilder nach zwanzig Jahren zurück, wenn man überhaupt nicht mehr drauf gefasst ist.

Aus dem Polnischen von Roswitha Buschmann