OHNE ENDE

Businessmen-Story – so könnte der Name einer Untergattung der zeitgenössischen Literatur lauten, die von reichen, meist jungen, schwer arbeitenden und schwer abhängigen Menschen erzählt. Es gibt für solche Geschichten zwei Schemata. Das erste zeigt, dass es möglich ist, sowohl die Arbeit als auch den Sinn fürs Leben zu bewahren, allerdings unter einigen Bedingungen. Wir sehen, wie es im Leben der Protagonisten zu einem Umbruch kommt, der meist durch Liebe oder durch die Erkenntnis, wie absurd es ist, rund um die Uhr zu arbeiten, bedingt wird und der dazu führt, dass sich der Held, bislang ein Sklave des Computers, des Geldes oder der Macht, befreit und wieder zu einem Menschen wird. Das zweite Schema besagt, dass die Arbeit und der Sinn fürs Leben nicht miteinander zu vereinbaren sind. Man muss erstere aufgeben, um über sein Leben nachzudenken, beziehungsweise tief hinuntertauchen, um den Weg zu wahren Emotionen wieder zu finden.
Adam Kaczanowskis Geschichte liegt zwischen diesen beiden Varianten. Sie erzählt von erfolgreichen Menschen, die des Erfolgs überdrüssig sind, jedoch keinen Weg zurück finden können. Sie haben es zu viel Geld gebracht, und erst dann wurde ihnen bewusst, dass ihre Biografie kein Ende besitzt. Jung und mit guter Ausbildung haben sie bereits früh in ihrer Arbeit zu viel erreicht – eine exponierte Stellung, Macht über Menschen, hohe Gehälter – und jetzt suchen sie fieberhaft eine Antwort auf die Frage, worum es ihnen eigentlich geht.
Es handelt sich hier, zum Glück, jedoch um keine Trost-Geschichte für die Armen, die, nachdem sie von den ausgebrannten Reichen gelesen haben, erleichtert aufatmen und die eigene Armut zu preisen beginnen. Das Interessante an dieser Geschichte ist einerseits, dass sie zwar von Yuppies erzählt, im Grunde aber zeigt, wie sehr sie unsereinem ähnlich sind. Andererseits macht sich Kaczanowskis Buch in ironischer Weise an die Literatur heran. Der Autor suggeriert, und bezieht dies auch aufs eigene Werk, dass der Schriftsteller von heute eigentlich als Angestellter einer „Werbeagentur“ fungiert: Er ist zu mieten – von den Reichen, um zu zeigen, wie schwer es sich unter dem Diktat des Geldes lebt, oder von den Armen, um nachzuweisen, dass die Reichen eigentlich ein mieses Leben haben. Das ist keine Sendung, kein Dienst an irgendeiner Sache, keine Mission. Einfach eine Arbeit ohne Ende, die von einem Sinnverlust bedroht ist. Wie könnte man aus dieser Falle einen Ausweg finden? Sich ihrer bewusst werden. Das Benennen dieser Falle ist ein guter Anfang in einer Welt, die uns vortäuscht, es gäbe Dinge ohne Ende.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Als kleiner Junge hatte er an diesem Kreisverkehr einen Unfall gesehen. Ein riesiger Kran kam auf dem Weg zur Baustelle plötzlich von der Straße ab, hatte die Absperrungen durchbrochen und war auf dem Bürgersteig zum Halten gekommen. Sein Fahrer hatte angeblich einen Herzinfakt. Wie er nun im Auto an der Ampel auf grün wartete, schaute er in diese Richtung hinüber. Was für eine verfluchte Hitze, dachte er. Verfluchter Hochsommer. Andrzejs Blick blieb auf dem Fahrer des neben ihm stehenden Autos ruhen. Der Typ sagte etwas, eigentlich schrie er vor sich hin und gestikulierte. Er fuchtelte mit den Armen, obwohl vor ihm niemand stand, am Fußgängerübergang war um diese Zeit kein Mensch. Auch sein Auto war leer. Andrzej hatte im Auto die Klimaanlage laufen, als er aber jetzt beobachtete, was sein Nachbar veranstaltete, ließ er das Seitenfenster herunter. Der Mann wandte sich ihm zu, ohne mit dem Sprechen aufzuhören. Er unterhielt sich über eine Freisprechanlage. Ihre Blicke begegneten sich. Diese Hitze ist zum Verrücktwerden, schoss es Andrzej durch den Kopf.

Die Tür zu seinem Büro öffnete sich einen Spaltbreit.
"Frau Butny ist da, sie hat einen Termin wegen des Berichts", sagte die Sekretärin zu Andrzej, und lächelte dem Direktor zu.
"Entschuldige dich bei ihr und sag, ich hätte es nicht vergessen, sie müsse sich aber einen Moment gedulden..."
"Selbstverständlich", die Frau war bereits wieder am Gehen.
Als sie die Tür hinter sich schloss, lächelte sie noch immer.
"Sag, dass der Direktor persönlich mich gerade herunterputzt!", rief ihr Andrzej hinterher.
"Du verschonst aber auch niemanden", bemerkte, ebenfalls lächelnd, der ältere, pausbäckige Mann.
"Das ist mein Charme... Nicht jeder mag ihn..."
"Eben...", der Direktor wich Andrzejs Blick aus.
"Zum Teufel mit diesem Wetter..."
"Eine Gluthitze", nickte der Direktor zustimmend.
"Gott sei für die Klimaanlage gedankt."
"Du kennst meine Meinung..."
Andrzej antwortete nicht, sondern nickte nur.
"Es sind die Mittelmäßigen, die dein Humor stört. Die Untalentierten, die sich um ihren Posten ängstigen..."
Andrzej zuckte ratlos mit den Achseln.
"Sie sind so dumpf, dass sie glauben, Du würdest sie als Trottel hinstellen. Sie verarschen." Andrzej wollte etwas dazu sagen, aber der Direktor gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er noch nicht fertig war. "Mit solchen Leuten arbeiten wir... Ich selbst habe deinen scharfen Witz am eigenen Leib erfahren... Ich aber mag intelligenten Humor..."
"Und?"
"Sie dagegen mögen ihn nicht. Du machst Dir Feinde. Sie geben keine Ruhe... Kreuzen bei mir auf... um sich zu beschweren..."
"Und?", wiederholte Andrzej.
"Ich bitte dich, das zu berücksichtigen. Sie kommen und bitten mich, dir Einhalt zu gebieten. Denn du blamierst sie vor Außenstehenden."
Ich sie blamieren? So bezeichnen sie das?"
"Das ist Quatsch − aber man muss sie etwas beruhigen."
"Mich oder sie?"
"Sie. Ich habe eine Bitte an dich..."
"Ja?"
"Eine Bitte, keine Anweisung."
"Verstehe..."
"Ich würde gerne sagen, dass Du Dich zu einer Psychotherapie angemeldet hast..."
"Was?!", Andrzej erhob sich von seinem Sessel und ging empört zum Fenster.
"Dass du etwas gegen diese Eigenschaft deines Charakters unternimmst, dass du eine Therapie besuchst, nach der du nicht mehr so herumalbern wirst..."
Der Direktor brach ab und wartete auf Andrzejs Reaktion. Den hatte es die Sprache verschlagen.
"Wir werden das nur sagen. Du wirst dich nirgendwo anmelden..."

"Eine schreckliche Hitze", sagte sie, als sie dem Direktor in der Tür zum Büro begegnete.
"Entschuldige, dass du wegen mir hast warten müssen, Agnieszka", ließ er in ihre Richtung fallen.
"Agata. Ich heiße Agata."
"Jetzt bin ich aber ganz unten durch!", schrie der Chef und schloss die Tür.
Sie blieben alleine zurück. Andrzej saß hinterm Schreibtisch. Agata drehte sich mit dem Rücken zu ihm.
"Habe ich Flecken auf dem Rücken?"
"Nein."
"Das ist gut. Du weißt, wie ich bei diesem Wetter schwitze..."
Obwohl sie sich über die Hitze beklagte, sah sie nicht erschöpft aus. Ihre Bewegungen waren energisch, ungezwungen. Sie setzte sich Andrzej gegenüber, und legte vor ihm ein Dokument auf den Tisch.
"Der Bericht."
Andrzej reagierte nicht.
"Schau ihn Dir an.", sie öffnete ihn direkt unter seiner Nase.
"Analyse der Reklameausgaben für 2002 im Vergleich zu den Ausgaben der Konkurrenz", las er die Überschrift; leidenschaftslos, ohne das geringste Interesse zu zeigen.
Die Frau zog das Dekolleté ihrer Bluse etwas zurück und blies in die Öffnung hinein, der Stoff flatterte. Andrzej blätterte zur letzten Seite.
"Was folgt aus dem Bericht?"
"Dass man etwas ändern kann. Im Großen und Ganzen es aber gut läuft...
"In Ordnung...", er schlug den Bericht zu und schob ihn von sich.
"Soll ich schon gehen?"
Er nickte bejahend.
"Wie du willst...", kommentierte sie trocken.
"Ich glaube, ich melde mich zu einer Therapie an..."
Agata war bereits aufgestanden und hatte das Schriftstück vom Schreibtisch genommen. Jetzt hielt sie mitten in der Bewegung inne.
"Soll ich Dir ein Exemplar da lassen?"
Er schüttelte mit dem Kopf. Sie steuerte auf die Tür zu.
"Sind da bestimmt keine Flecken?"

Einmal hatte Andrzej die Knöpfe im Fahrstuhl mit Aufklebern versehen, wie man sie an Kinderschränken im Kindergarten anbringt. Ein braunes Fohlen auf dem Stockwerk mit den Bonbons. Eine Biene, dort wo es Honig gibt. Ein kleiner Fliegenpilz auf der Vorstandsetage. Das Marketing befand sich ganz oben. Als er in den Fahrstuhl einstieg, war er leer, aber bereits ein Stockwerk niedriger stiegen drei junge Manager dazu. Einer nickte grüßend in seine Richtung, aber keiner sagte etwas.

"Du Sau", sagte Andrzej sehr laut.
Sie wurden ganz verlegen. Einer fasste sich automatisch an den Hosenschlitz und überprüfte, ob er zu war.
"Was soll der Unfug?", sprach er weiter, ohne einen seiner Mitfahrer anzuschauen. "Kannst Du mir sagen, was das soll?"
"Ich weiß nicht, worum es geht...", stammelte der mit dem Hosenstall entsetzt.
"Warum sagst du nichts?", Andrzej sprach immer noch und schaute vor sich hin.
Dem Manager wurde klar, dass das Gespräch nicht ihm galt. Er schaute sich nach seinen Kollegen um. Die schwiegen.
"Heute habe ich keine Zeit, aber wir unterhalten uns morgen. Das gibt ein ernstes Gespräch..."
Einer von ihnen drückte unerwartet auf einen der Knöpfe, so dass der Aufzug gleich beim nächsten Stockwerk anhielt. Die drei stiegen aus.
"Das ist unseriös...", Andrzej brach in dem Augenblick ab, als sich die Tür hinter ihnen schloss. Er betrachtete sein Abbild in der Spiegelwand. Er schielte es an und lächelte.
Im Foyer wimmelte es von Menschen. Alle waren auf dem Weg nach Hause.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk