DER BALL DER WITWER UND WITWEN

Obwohl Marian Pankowski bereits auf die neunzig zugeht, besticht immer noch sein intellektueller und künstlerischer Mut, pflegt er konsequent „einen subversiven, nächtlichen, geheimnisvollen, menschlichen, plebejischen Diskurs” und kämpft gegen die starren Schemata an, die uns die Kultur und Gesellschaft aufgezwängt haben. In Der Ball der Witwer und Witwen entwickelt Pankowski das Leitmotiv aus seinem Roman In Richtung Liebe (2001) weiter, der vor allem der Beschreibung der Liebe im Seniorenalter gewidmet war, die von der Witwen- bzw. Witwernschaft bedroht ist. Pankowski fürchtet sich vor der Witwernschaft genauso wie vor dem Alter. Und vermutlich deshalb versucht er diese Angst zu entschärfen. Dieser kleine Roman ist eine Art Prosameditation über das „Verwitwetsein”, die einen Katalog sämtlicher Licht- und Schattenseiten des Lebens nach dem Tod der „besseren Hälfte” enthält. Der Romanheld versucht, das typische Lebensmuster eines Witwers zu durchbrechen. Einerseits will er nicht in die Rolle des fröhlichen Senioren schlüpfen – wie die Teilnehmer des alljährlichen „Balls der Witwen und Witwer” in Ostende –, eines „kultivierten Hedonisten”, der seinen letzten Lebensjahren ein Höchstmaß an Annehmlichkeiten entlockt, andererseits hat er nicht die Absicht alleine zu leben und sich den Andenken aus seinem Museum der privaten Erinnerung hinzugeben. Er sucht also nach dem, was seinem Leben Sinn und Freude verleiht, das heißt nach der Nähe einer zweiten Person, nach der Wärme von Freundschaft und Liebe, welche die von einem Conférencier gesteuerte „Spontanität” des Balls der Witwen und Witwer in wirkliche Spontanität verwandelt. Im Grunde hat Pankowski einen Roman über das Bedürfnis nach Liebe geschrieben, das selbst im Seniorenalter nicht verlöscht, das man aber pflegen muss, damit es nicht von den leeren Ritualen des Witwen- und Witwerntums erstickt wird.

-Robert Ostaszewski.

AUSZUG

Und ich schaue sie an, wobei ich so tue als wäre ich ein dreizehnjähriger Junge, den seine Mama in der Holzkammer auf einem Sessel aus Buchenscheiten angetroffen hat, wie er con fuoco sich mit dem eigenen, lokal auflehnenden Körper beschäftigt.
Und Gabrysia blickt mich seltsam an, beugt sich über ihre Tasse und küsst mich auf den Mund. Ich gebe dem Kellner ein Zeichen und zu Gabrysia gewandt:
„In Soplicowo... dort hielten die Herrschaften die Tasse auch mit zwei Fingern, wie in Petersburg... aber nach einem üppigen Mahl... Du bist von hier... hilf mir, ein nettes Restaurant zu finden, in das ich dich einlade."
„Zum Samson“... jaaa, das ist ein jüdisches Restaurant, aber der Speiseplan steht auch den Goi zur Verfügung... das Essen ist frisch und... nicht teuer.
Wir spazieren also hin. Das Wetter, eine Freude für Auge und Lunge, die bewusst die Frische des tauenden Raureifs in den Nachmittagsstunden aufsaugen.
Wir haben keinen Tisch reserviert. Wir warten an der Garderobe... zehn Minuten. Da ist einer. Wir setzen uns, und sogleich notiert der junge, flotte Kellner vom Format eines umtriebigen französischen Innenministers unsere Wahl. Alsbald bewundern wir den weißen Dorsch, am Fuße eines botanischen Kościuszko-Hügels mit Böschungen aus Möhren, Porree und Kohl. Und ein Glas seltsamer Weißwein dazu, danach ein zweites...
Über das Büschel Kohl hinweg, das wie ein gereizter Maikäfer von der Gabel absteht, Gabrysias und meine Worte. Gemeinsames Lächeln, schließlich ist die Zeit wie im Fluge vergangen...
„Du hast dich nicht verändert...“
„Eine bessere Lüge ist Dir nicht eingefallen?“
Zeit für den Nachtisch, also will ich den Kellner rufen.
„Nachtisch und Kaffee − das bin ich!" Gabrysia klopft sich gegen den Brustknochen. Der junge Kellner schaut, mit unverhohlener Sympathie, belustigt zu, wie wir uns die Rechnung präzise aufteilen.
„Hat es Ihnen geschmeckt?“, fragt er und nimmt die Bezahlung entgegen.
Wir nicken fröhlich, erfreut, dass er unsere „traute Zweisamkeit... wir vor ewger Zeit!" korrekt, wenn auch indiskret interpretiert hat. Wenn schon, dann richtig gereimt!
Ich sehe ihn, wie er die Brieftasche einsteckt, den Blick auf den Boden geheftet, als würden ihm plötzlich die grauen Wellen des Jordan zu Kopfe steigen... am Fuße meiner Karpaten, wo die wunderhübschen Nadjeschdas, Lidas, Ariadnas und Olesias... mit eisfarbenen Ohrringen auf unserer San...
Taxi. Wie es sich für eine Witwe gehört, lebt Gabrysia alleine. Ich erkenne den Flur... jetzt aber zu einem Salon umgewandelt mit Fotografien von Reisen, Namenstagen... Die Geschichte der lachenden Eheleute... mit dem über allem thronenden Verursacher von Gabrysias Witwentum, Marek...
„Isst du Erdbeeren?“, fragt sie, als spürt sie die Angriffe der Gestalten von den Fotografien, die den „Don Juan“-Witwer misstrauisch beäugen.
„Mit Vergnügen“, sabber ich fröhlich die letzten Konsonanten. „Hast du sie selbst gepflückt?“
Gabrysia schaut mich an.
„Was haben die mit dir gemacht, dass du Fragen stellst wie ein alter Onkel einem fünfjährigen Mädchen? Statt mich anzuschauen... du weißt wie! So als hättest du genug vom Essen... und jetzt auch noch Nach-tisch! Du hast mich satt! Gleichzeitig streckst du aber die Hand nach mir aus... wie nach einem Paradiesapfel...“
Ich strecke die Hand aus, aber Gabrysia steht auf, als hätte sie diese Geste nicht bemerkt.
„Ich bringe sie schon...“, und kehrt mit einem Tablett zurück, auf dem eine Kristallschale voller aromatisch duftender, kleiner, fast runder Erdbeeren steht.
Sie gibt mir eine Portion, wir essen. Dieses Nachtisch-Essen in der Witwenwohnung amüsiert, aber beunruhigt uns auch. Wir waschen uns die Finger ab... das heißt aber auch, dass sich der Moment nähert... Ich fühle, dass die Hände sich mit dem Abtrocknen beeilen. Sie zeigen mir, dass sie trocken sind, dass sie schon nichts mehr mit dem banalen Erdbeeren-zum-Mundführen gemein haben.
Jetzt recken und strecken sich die Finger, dass die Gelenke knacken! Ich kenne diese Reaktion; von meinem Hirn haben sie eine E-Mail erhalten, die vorrangig über die Anwesenheit von Gabrysias Körper informiert! Als wäre nichts, sie verbiegen sich weiter ohne mein Wissen, stellen ihre Elastizität zur Schau... Gabrysia wendet mir den Rücken zu, als sie in die Küche geht... sie gibt damit zu verstehen, dass ich am Fenster stehen soll, so als wäre ich mit den Gedanken woanders... und natürlich tritt sie neben mich, steht rechts von mir... und dann... dem Körper gehorchend... beginnen wir... mit den Komplimenten...
Gabrysia ist zurück... Ich stehe auf. Und beide beginnen wir uns seltsam zu bewegen... Gabrysia rückt die Vorhänge zurecht, damit sie besser hängen, und ich gebe immer aufdringlicher vor, dass ich die Reportagen aus dem Leben der glücklichen Familie, diese Plakate der Liebe und des Einvernehmens nicht bemerken würde, mit denen die Wohnung tapeziert ist. Ich hab`s! Ich strecke die Hände aus und flüstere mit warmer Stimme:
„Ich habe vom Nachtisch genug und genug von Gabrysia!“
Und sie lächelt und zwar keineswegs ihr Witwenlächeln... Nach und nach lässt sie meine Erwartung Wirklichkeit werden... Wir umarmen uns, irgendwie ganz vorsichtig, als wäre unser altes „trautes Beisammensein“... nicht mehr rüstig... Ihr Kopf ganz nah an meinem, aber im Profil. Denn ihr Blick ruht auf der Wand,... meiner folgt dem ihrigen... dort aber die Familie in voller Besetzung... nur der Freund, den ich gut kenne, fehlt hier! Sie lachen! Und da signalisieren mir die Hände, dass sie die Taille gefunden haben... und die runden weiblichen Formen... und dass in dieser Gegend... das silberne Bärchen lauert... und noch ein bisschen und ohne mein Dazutun die Wilderergesten beginnen!
Neeein! Denn die von den Fotos ballen die Faust zusammen und drohen mir weiter, zeigen mir die Faust... so fürchten sie sich, dass ich ihrem Schützling das unbefleckte Witwentum rauben könnte...
Und unsere Umarmung lockert sich vollends...
„Sei nicht böse", flüstert Gabrysia...
Ich finde keine passenden Worte, nur mit den Lippen mache ich eine unschuldige Mine und nur mit dem Kopf... dass von böse sein keine Rede sein kann... Ruhigen Schritts gehe ich zum Mantel. Gabrysia begleitet mich zur Tür... Unser Lächeln ist irgendwie unbeständig...
„Gute Nacht“, sage ich, „vielleicht fällt Schnee in der Nacht.“
„Das bezweifle ich... Gute Nacht!“

Aus dem Polnischen von Andreas Volk.