ALEXANDERS HEIMKEHR

Die Gesellschaft, wie sie Zbigniew Kruszyńskis meisterhaft geschriebener Erzählband zeigt, ist beherrscht von der Sucht nach ununterbrochener Kommunikation, sei es über das Handy, sei es über das Internet. Und dennoch bleibt eine echte Kommunikation aus, da es diese modernen Hilfsmittel den Hauptfiguren allzu leicht machen, je nach Bedarf die unterschiedlichsten Masken anzufertigen. Diese Masken werden bald dazu gebraucht, um sich vor einer befürchteten Bedrohung zu verbergen, bald aber bloß dazu, um den Partner oder die Partnerin zu blenden. In Kruszyńskis Welt hat sogar der Sex seine kommunikative Funktion verloren: er wird zwar heiß begehrt, taugt aber nicht als Mittel zur Überwindung der zwischenmenschlichen Distanz. So wird er bisweilen auf dramatische Weise mechanisch, wie in der Titelerzählung, in der der Protagonist infolge eines Missverständnisses von zwei Prostituierten gleichzeitig bedient wird, ohne dass er auch nur mit einer von ihnen einen Kontakt herzustellen vermag, der über das „Professionelle“ hinausgeht. Genauso ist dieser Protagonist weder dazu imstande, nach jahrelanger Abwesenheit wirklich in seine Heimatstadt zurückzukehren, noch dazu, im sterilen Schweden seinen Platz zu finden. Nachdem er einmal den Ort seiner Jugend verlassen hat, kann er sich nicht noch einmal dort niederlassen und bleibt schließlich überall entwurzelt. Verantwortlich für diese Entfremdung ist jedoch nicht allein die politische Tragödie des Kriegszustands, sondern auch gewissermaßen objektive Vorgänge: denn die Welt hat sich in der Zwischenzeit gewandelt, sie hat unbemerkt eine eigentümliche Wendung vollzogen und kehrt nun der Hauptfigur den Rücken zu. So ist zwar diese in Kruszyńskis Titelerzählung im Besitz zweier gleichberechtigten Pässe, die es ihr gestatten, die ganze Welt zu bereisen, aber jenen, der es ihr ermöglichen würde, sich an einem bestimmten Ort niederzulassen, wo sie sich zuhause fühlen könnte, diesen hat sie nicht.

-Jerzy Jarzębski.

AUSZUG

Sie stand lässig an den Türrahmen gelehnt, die dunkle Brille verbarg zur Hälfte ihr Gesicht. Das Haar fiel ihr bis auf die Schultern, glatt und gleichmäßig. Mit der linken Hand schob sie es hinter das richtige Ohr. Sie lächelte, dabei traten ihre Backenknochen hervor, wie Äpfel, reif und leicht gerötet. Sie nahm die Brille ab und prüfte die Bügelspitzen mit den Zähnen, es stimmte, sie waren aus Plastik.
„Hallo“, sagte sie und dehnte dabei die Vokale, „ich bin Nina.“
Alexander verstand gar nichts mehr.
„Wir haben miteinander telefoniert“, versuchte sie weiter zu erklären, „wir sind um vier verabredet.“ Sie zeigte auf ihre Uhr. Auch die Uhr war schwarz und aus Plastik, und auch sie stimmte.
„Bitte“, sagte Alexander, schon weniger begeistert. Nina zog ihr Oberteil aus und setzte sich aufs Bett. „Hundert Złoty”, sagte sie, wie sie es vereinbart hatten. „Plus zwanzig für die Fahrt“, fügte sie rasch hinzu. Die Träger, doppelt auf jeder Seite, lösten sich gefährlich und begannen zu rutschen. Alexander griff zum zweiten Mal an diesem Nachmittag nach seiner Geldbörse.
Aus dem Badezimmer kam Nina, eins geworden mit ihrem Telefon. Sie hatte sich schon fertig angezogen, ihr Make-up war wieder an seinem Ort. „Was machst denn du hier!“, freute sie sich, als sie ihr Double bescheiden auf dem Bett sitzen saß. „Schau mal einer an, Berg und Tal kommen nicht zusammen!“, sie fielen sich in die Arme. „Du machst das also immer noch?“ „Ja, wie du siehst, irgendwie bin ich hier hängengeblieben.“ Alexander begann zu ahnen, wie es zu diesem plötzlichen Zuwachs kam. Er hatte also Nina mit ihrer Kollegin aus dem Hotel betrogen, die ganz arglos erschienen war, kurz vor vier. Es schien ihn zu bedrücken, er wusste nicht, was er tun sollte, und sehnte sich plötzlich wieder nach jener Absenz irgendwo am anderen Ende der Leitung.
„Keine Sorge“, hörte er, „ wir erledigen das schon.“
„Keine Sorge“, Nina überschrie Nina. Schließlich bliebe ja höchstens noch eine Stunde, sechzig Minuten nach Sekundenpreis. Solle er doch lieber daran denken, was sie ihm alles ersparten („Gut, wenn er nicht will, soll er sie anbehalten, wir sind ja nicht in der Umkleidekabine!“). Lange Jahre glücklichen Familienlebens. Eine ewig erkältete Kinderschar, die zu erziehen und zu füttern wäre, damit sie, dank Verdauung, zu guten Menschen heranwächst. Ein stickiges Schlafzimmer, wo einer lauter schnarcht als der andere, doch das Fenster geschlossen bleiben muss, weil´s sonst zieht. (An dieser Stelle verspürte Alexander Sehnsucht nach jener Insel, wo er im Freien geschlafen hatte und dabei fühlte, dass sein Geschnarche höchstens von Tieren begleitet wurde, am liebsten vom Wachtelkönig, auch Wiesenschnarcher genannt, der unsichtbar blieb, also nur eine fonetische Existenz besaß, eine Insel auf der Insel). Ernsthafte Gespräche über die Zukunft und Geld, das für diese fehlt. Dutzende Cousins, die sich immer zur falschen Zeit bei ihm versammeln und Spiralen um sein Klo pinkeln würden. Schwer verdauliches Essen vor dem Fernseher zur Zeit der höchsten Einschaltquote. Soaps, fünfhundert Folgen aus dem Leben eines Schwiegersohns, beinahe nach Sekundenpreis, an dieser Stelle konnte sich Alexander vorstellen, was er zu verlieren im Begriffe war.
Nina saß zu seinen beiden Seiten auf dem Bett und übermittelte sich von einem Mund zum anderen ihre erbarmungslosen Argumente. Er müsse keine Angst haben, dass es mit dem Downsyndrom zur Welt käme, er müsse nicht einmal Angst haben, dass irgendetwas zur Welt käme, weder schön noch hässlich. Er würde nicht ins Krankenhaus fahren müssen, nur um einer beleibten Pförtnerin zuzusehen, wie sie aus einem Einmachglas schlürft, noch müsse er die durchgeschwitzten Flanellpyjamas betrachten, deren Gesundheitszustand sich sowieso nie verbessert. Er würde sich die Schmiergelder für die Ärzte sparen und den Gehalt für die Krankenschwester, damit sie auf Stapeln von Schmutzwäsche mit ihm schläft, die sie unter einem Leichnam herauszog, wie eine Nekrofile. Alexander glich selbst immer mehr einem Toten, er wollte nichts mehr hören und sah nur noch Ninas flinke Hände mit den mal blutroten, mal wie Rüben dunkelroten Fingernägeln, wie wenn ihr Blut von der Schlagader in die Vene übertragen würde.
Andere müssten ihr ganzes Leben lang aushalten, er aber nur eine knappe Stunde. Keine Sorge, wir erledigen das schon. Er müsse sie ja weder verehren, noch müsse er sie anrufen, Blumen bringen oder ganz zufällig im Sekretariat vorbeischauen, um endlich etwas zu erledigen, was jahrelang keinen Aufschub geduldet hatte. Er müsse auch nicht vor Eifersucht vergehen, wenn sich herausstellt, dass er nicht das einzige männliche Exemplar im Revier war, die DNA hat ja überall die Form eine Spirale, rechts- und linksgängig, ungeachtet aller Beteuerungen, es müsse auch nichts beteuern, spar dir die Mühe, weder auslegen noch abzahlen noch amortisieren, ein Fetischist der Zinssätze, und wenn man ihn belasten würde, dann höchstens an den Lenden und nicht auf der Hypothek. „Stadshypoteken“, Alexander dachte an die Bank, an die er jeden Monat ein Fünftel seines Lohns ablieferte, was immer noch weniger war, als er für die Miete einer Wohnung, die ihm dann nicht einmal gehören würde, zu zahlen hätte, das System belohnt Privateigentum, die Verzinsung war von den Steuern absetzbar, er musste bloß entscheiden, ob er sie auf dem derzeitigen, tieferen Niveau binden oder doch variabel lassen wolle, dann würde er profitieren, wenn sie weiter fiele, aber auch das Risiko eingehen, dass sie anstiege. Er stützte sich unwillkürlich auf seinen Ellbogen, war das Blut aus den Arterien oder aus den Venen? Schwer zu sagen, an dieser Stelle hatte es eine eher pflaumenfarbige und bläuliche Substanz, schon begann es wieder zu pulsieren.
Er hatte lange ein Haus gesucht, das eingewohnt genug war, bis er es endlich im Gartenviertel unweit der Universität fand. Ein emeritierter Professor war Witwer geworden und hatte beschlossen, in eine andere Wohnung zu ziehen, wo es durchgehende Pflege von Krankenschwestern gab, dafür keine Türschwellen und Treppen, wie sie in seinem alten Haus an allen unmöglichen Stellen vorsprangen, als ob es auf mehreren Seiten und verschiedenen Ebenen gleichzeitig erbaut worden wäre. Er wollte den größten Teil seiner Einrichtung jemandem überlassen, der sie nicht in den Müll werfen würde, und da hatte sich Alexander gefunden. Der hatte bis anhin diese Container eher dazu aufgesucht, um etwas halbwegs Brauchbares zu ergattern, ein Bügeleisen, das den Himalaja glattbügelte, oder einen ungewöhnlichen Toaster mit seitlicher Öffnung, der vielleicht nicht mehr richtig toastete, dafür aber die Krümel ganzer Generationen auf seinem Boden barg, ein riesiges Ebonit-Radio, dem das Wort „kulturell“ nicht über den Lautsprecher kam (wider Erwarten existiert es in jeder Sprache).
Ja, Alexander konnte sich vor Glück nicht fassen, buchstabierte seine alten Wörterbücher neu, bei einer Flasche Burgunder, den er mit einem Korkenzieher öffnete, der so mit Grünspan bedeckt war, dass er beinahe zum Alkoholiker geworden wäre, bevor es ihm gelang, ihn halbwegs sauber zu polieren, indem er ihn in weitere Korken trieb. Nur die Sammlung verrosteter Dosenöffner warf er weg – auch das erst nach längerem Zögern – samt ihren eingetrockneten Speiseresten. Jetzt spürte er wieder das Heimweh. Er würde sich auf die Treppe setzen und eine Stunde lang das Parkett anstarren, eine Stunde lang, die in seinem Hotelzimmer, auf dem gemusterten Teppichboden, immer noch nicht vorüber sein wollte.

-Aus dem Polnischen von Marlis Lami.