REISEFIEBER

Ein junger Autor, Mikołaj Łoziński, überrascht die Leser mit seinem Debüt! Während die überwältigende Mehrheit polnischer Prosaautoren der jüngeren Generation ausschließlich über unser Hier und Jetzt schreibt und die (zahlreichen) Probleme der zeitgenössischen Polen in den Mittelpunkt ihrer Darstellungen rückt, macht der Autor von Reisefieber einen in den USA lebenden Schweden zu seinem Haupthelden und lässt die Handlung seines Romans in Paris spielen. Versucht Łoziński etwa auf diese Weise um jeden Preis originell zu sein, was übrigens bei Debütanten oft der Fall ist? Ganz und gar nicht – der Autor tritt an die Leser mit einem universellen Thema heran, bei dem die konkrete Ausstattung im Grunde nur zweitrangige Bedeutung hat. Reisefieber ist ein Drama, das sich im kleinen Familienkreis abspielt. Der achtunddreißigjährige Daniel erfährt vom Tod seiner Mutter Astrid, mit der er sechs Jahre zuvor jeden Kontakt abgebrochen hat. Er fährt nach Paris um die Familienangelegenheiten zu ordnen. Diese Reise wird für ihn zu einem Schlüsselerlebnis. Er wird von Erinnerungen an Traumata und Probleme aus der Zeit seiner Kindheit und Jugend heimgesucht, als er an der Seite seiner allein erziehenden Mutter lebte, und er entdeckt das von ihr gehütete Geheimnis, dass er selbst nämlich die „Folge“ einer Vergewaltigung ist. Dabei erlebt Daniel eine mit jedem Tag stärker werdende Midlifecrisis. Er sieht sich gezwungen, sein Verhältnis zur Welt und zu seinen Nächsten gründlich zu überdenken. Mit einer bei einem Debütanten überraschenden Fertigkeit und großer Sensibilität für psychologische Feinheiten erzählt Łoziński die Geschichte von einander nahe stehenden Menschen, deren Verhältnis von alten Verletzungen, unausgesprochenen Vorwürfen und Geheimnissen gestört wird. Gekonnt dosiert er die Spannung und jongliert mit den Perspektiven, die Ereignisse werden vor allem aus Daniels Blickpunkt erzählt, aber auch aus dem seiner Mutter und seiner Tante. Ein vielversprechendes Debüt!

Robert Ostaszewski

AUSZUG

3.
Er lebte damals schon nicht mehr bei Astrid, hatte aber einen Schlüssel zu ihrer Wohnung. In der Tasche, zusammen mit seinen Schlüsseln. Er schaute nach der Arbeit bei ihr vorbei, unangemeldet, ohne vorher zu klingen. Übrigens machte er das fast immer so, daran war schon fast nichts Überraschendes mehr.
An diesem Tag sah er ihn das zweite Mal. Nur in einer eng anliegenden Unterhose und mit einer Operationsnarbe auf dem Bauch. Spencer gab ihm die Hand und zog ein blaues Hemd über den Kopf, ohne es aufzuknöpfen. Daniel hatte Zeit, die Narbe eingehend zu betrachten.
Er konnte sich gut an sie erinnern – sie begann auf Nabelhöhe, senkrecht, weiß, an den Rändern dicke Nähte, und endete erst irgendwo in der Unterhose.
Astrid kam im Morgenrock aus dem Schlafzimmer.
„Was macht der hier?”, begrüßte Daniel sie. „Er soll sich anziehen”, sagte er, ohne ihre Antwort abzuwarten. „Ich will ihn hier nicht sehen.”
Als er sich jetzt die Szene vergegenwärtigt und dabei ein älteres Paar betrachtet, das wie er an der Ampel steht, wird ihm die Absurdität jener Situation bewusst. Und jener Rolle, in die er wohl nicht ganz freiwillig geschlüpft war. Er hatte wie ein Vater reagiert, nicht wie ein Sohn. Er hat einen über sechzigjährigen Jungen, den er mit seiner gut fünfzigjährigen Tochter erwischte, vor die Tür gesetzt.
„Aber lässt sich meine Beziehung zu meiner Mutter einfach auf einen Rollentausch reduzieren?”, einige Schritte weiter war er sich dessen schon nicht mehr so sicher.
Astrid sagt nichts. Sie schaut – Spencer zieht artig die Schuhe an, den linken, den rechten, die Schnürsenkel, der Schal fällt aus dem Ärmel des grauen Mantels auf den Boden. Er verabschiedet sich von weitem und verlässt die Wohnung.
Astrid geht zur Tür, schließt ab und legt den Schal auf den Kleiderständer. „Das verzeihe ich Dir nie”, sagt sie mit seltsam ruhiger Stimme.
Daniel schaut auf ihren Mund und erinnert sich gut an den Vergleich, der ihm damals eingefallen ist. Astrids Mund sieht aus wie eine Wunde, eine offene Wunde. Jetzt erscheint ihm der Vergleich prätentiös, für den „modernen Roman” nicht echt genug, aber schließlich war es genau das, was er beim Anblick von Astrids Mund gedacht hat, und so hat er ihn in Erinnerung.
Früher ist er auf diesen Mund sogar eifersüchtig gewesen.

4.
Überflüssigerweise fragte er Louise, ob sie wisse, dass er Spencer einmal mit Mama erwischt habe.
Vorher hat er ihr gesagt, dass er das erste Mal seit seiner Ankunft schwarzgefahren sei. Louise ist nicht mehr im Morgenrock. Sie trägt schwarze Hosen, mit dem Rücken zum Fenster gewandt. Sie hat einen grünen Pullover an – sehr ähnlich dem, den er schon heute angeschaut hat. Übrigens hat sie ihn vor einigen Tagen gekauft, und Daniels Meinung nach, der ihr das natürlich nicht sagt, steht er ihr wesentlich schlechter als Aude.
„Gut, dass es keine Kontrolleure gab”, Louise hat den ganzen Tag gearbeitet und nicht einmal bemerkt, wie die Sonne untergegangen ist. Das sagt sie, mit dem Rücken zum Fenster stehend.
Daniel hat es auch nicht bemerkt, aber er hat keine Lust, sich darüber zu unterhalten.
„Nein, das hat sie mir sicher nicht erzählt. Wir hatten uns bereits zerstritten.“ Louise setzt die Brille ab und reibt sich die Augen.
„Über das Erbe?”
„Ja, das weißt Du doch. Deine Mama wollte sich damit nicht befassen. Ich versuchte, sie zu verstehen, ich wusste von ihren Depressionen und nahm alles selbst in die Hand. Die Behördenangelegenheiten und den Verkauf des Vermögens. Astrid war am Anfang sehr zufrieden. Sie rief oft an, bedankte sich, dann aber begann sie mich plötzlich zu drängen. Sie brauchte das Geld schnell, machte mir merkwürdige Vorhaltungen”, Louise greift nach der Zigarettenschachtel. „Sie sagte, dass sie mir nicht mehr traue. Hast du irgendwo das Feuerzeug gesehen?”
Er hat es gesehen, ganz sicher. Er hat es sogar in der Hand gehabt. Nur kann er sich nicht erinnern, wann es in seine Tasche gelangt ist. Vielleicht hatte er es eigens für den Friedhof mitgenommen? Er zündet Louise die Zigarette an. Sie raucht die gleichen wie Astrid.
Er kannte die Geschichte mit der Erbschaft gut, die Erbschaftsgeschichte, Astrids Version und den Geruch ihrer Zigaretten.
„Du weißt selbst, wie sie war”, Daniel fühlt sich komisch dabei, wie er Astrid in Schutz nimmt.
Louise scheint ihn auch irgendwie anders anzuschauen. Sie hatte mit den Augenwinkeln gelächelt, vielleicht war es ihm aber auch nur so vorgekommen.
Die Geschichte, die sie gerade gehört hat, endet vermutlich eben deshalb anders. Sie standen vor ihm, immer noch nicht angezogen, als Astrid schrie, er hätte anrufen sollen. Er wurde wütend, jetzt weiß er nicht, warum er sich nicht beherrscht hat. Er knallte die Tür hinter sich zu, er wollte sie nicht länger sehen.
Er verkneift sich jedoch, wieder „du weißt selbst, wie sie war” zu sagen. Richtiger wäre wenn schon „du weißt selbst, wie sie nicht war.”

5.
Abends stellt er sich vor: Im Dunklen, ohne auf die Uhr zu schauen, befreit sich die Zeit, entzieht sie sich der Kontrolle der Zeiger. Endlich hat sie ihre freie Zeit. Vor langer Zeit, noch in der Schule, hat er darüber eine kurze Erzählung geschrieben.
Er ärgert sich, dass er Louise belogen hat, und kann nicht einschlafen. Kann man sich selbst beleidigen? Daniel dreht sich auf die linke Seite. Sich nicht mehr ansprechen, nicht länger in der ersten Person denken. Sich im Spiegel demonstrativ nicht beachten, keine Anrufe, keine Post, keine Mails entgegennehmen. Bei sich ausziehen. Die eigenen Bedürfnisse, Gewohnheiten, den eigenen Namen ignorieren. Sich meiden, (soweit möglich) sich in Gesellschaft verleugnen. Das Sofa ist jetzt unbequemer als sonst. Aufhören, für den Unterhalt aufzukommen, Rechnungen zu bezahlen, sich anzuziehen, die verdammten Fingernägel zu schneiden. Daniel dreht sich auf die rechte Seite. Aufhören, für sich selbst zu existieren, ohne sich zu erniedrigen, Hand an sich zu legen („Das hieße, dass mir etwas daran liegt”). Schließlich hat man sowieso nichts mehr mit sich gemein.
Vielleicht genügte es einfach einzuschlafen. „Morgen ist auch noch ein Tag”, hat ihm Astrid oft gesagt.
Astrid beruhigt ihn, er fühlt ihre warmen Hände und versucht, noch den Moment zu erhaschen, an dem er aufhört, Herr über seine Gedanken zu sein. Das weckt ihn für einen Augenblick, er zieht die Beine an und kuschelt sich in die Bettdecke.
Am nächsten Tag steht Daniel am Fenster. Sie hat gefragt: Wann kehrt er zurück, was weiter? – er erinnert sich noch an diesen Ausschnitt seines Traums – sie spazieren gemeinsam über einen Friedhof, Astrid fragt, und Daniel sagt, dass sie rechts abbiegen sollen. Sie wiederholt: Wann kehrst du zurück? Was weiter? Er will nicht, dass sie weiter geradeaus geht, auf den Grabstein mit der Aufschrift „Astrid Reis” stößt. Besser, dass sie vorerst nichts davon weiß. Er nimmt sie an der Hand, und sie biegen ab. Er erinnert sich nicht, was er geantwort hat, er erinnert sich an sonst nichts.
„Das Licht ist so grau”, sagt er, um etwas zu sagen.
Louise tritt neben ihn, ans Fenster, setzt die Brille auf. Schweigend betrachten sie das graue Licht.
Im Traum hat sie keine Handschuhe getragen, sicherlich hatte sie sie irgendwo verloren, sie hatte lange, kalte Finger und lächelte mit den Augenwinkeln, als er ihre Hand ergriff. „Bist du aber durchgefroren”, sagte er, und sie waren sich so nahe wie einst. Sie waren ganz andere als bei ihrem letzten Gespräch vor dem Spiegel im Salon.
„Du benimmst dich, als wärst du mein Mann! Ich halt das nicht mehr aus!”, Daniel schaute abwechselnd Astrid und ihr Spiegelbild an.
Auch sie betrachtete sich. Sie brachte ihre Haare in Ordnung.
„Nein, das nicht. Niemand zwingt dich, meine Mutter zu sein.”
Warum irritierte ihn ihr Blick in den Spiegel derart? Er hatte wirklich keine Geduld mit ihr. Er regte sich auf. War unausstehlich und aggressiv. Sicher hätte er nicht schreien müssen, hätte den Spiegel nicht mit dem Schuh zertrümmern müssen. Er sah das an ihren Händen, er wusste, warum sie sie hinter dem Rücken versteckte.
„Das ist meine Schuld”, es kam ihm so vor, als würde Astrids Stimme stärker zittern als ihre Hände. „Ich habe dich unnötigerweise so erzogen. Ich habe dich unnötigerweise geboren.
Er erinnert sich gut daran, wie er, die Mutter und der ganze Salon, plötzlich in kleine Stücke zerbersten, und noch an den Satz: Er werde sie verstehen, wenn er selber Kinder haben werde.
Wenn er selber Kinder haben werde?

Aus dem Polnischen von Andreas Volk