DIE BEDINGUNG

Die Bedingung von Eustachy Ryski ruft Ridley Scotts Film Gnadenloses Duell ins Gedächtnis dessen literarische Vorlage Joseph Conrads Novelle Das Duell war. Helden der Bedingung sind zwei napoleonische Offiziere, die sich, nachdem sie sich einmal auf ein idiotisches Duell eingelassen haben, anschließend mehrmals auf unterschiedliche Weise duellieren – bis einer von beiden tot ist.
Zu Helden seiner Erzählung macht Rylski einen todesmutigen Chevauleger [Dragoner], Rittmeister Andrzej Rangułt, Gutsbesitzer aus dem litauischen Nekla, einst im ganzen Umkreis als Raufbold bekannt, und Leutnant Semen Hoszowski, „Sohn eines Popen aus Wikanówka im tiefsten Wolhynien“, ehemals Hauslehrer der Söhne ukrainischer Großgrundbesitzer, der es mit Ach und Krach zum Offizier gebracht hat, aber ständig unter einem Minderwertigkeitskomplex leidet. In der Erzählung ist die Geschichte ihrer merkwürdigen, vor dem belagerten Moskau begonnenen Bekanntschaft, genauer ihrer von Haßliebe bestimmten Freundschaft, in Etappen gegliedert: zuerst die Duelle, dann die erzwungene Fahnenflucht, die fluchtartige Rückkehr durch das eisige, unwegsame Russland, der Aufenthalt im litauischen Nekla, auf Rangułts Gut, schließlich die von dramatische Ereignissen begleitete Rekonvaleszenz, die mit dem Tod der Kriegskameraden Rangułts und seinem eigenen Tod endet, der Wiedergeburt Hoszowskis als Hüter der napoleonischen Legende.
Rylski schreibt eine farbige, realistische Prosa, die in Polen von einem Teil der Kritik als meisterhaft anerkannt wurde.

Marek Zaleski

AUSZUG

Die Welt ringsum blieb stehen. Die Erde erstarrte. Der Himmel verschwand am Himmelsgewölbe. Der Wind erstarb.
Am Rande des Brachfeldes, auf der anderen Seite des mäandrierenden Flüsschens, machte ein Ziesel Männchen. Er legte die Pfoten ans Mäulchen und regte sich nicht mehr. Zwei Habichte, die sich im Flug kreuzten, breiteten die Flügel aus. Alles duckte sich.
Nur vier Männer taten ohne Eile, aber auch ohne Zögern das Ihre. Zunächst gingen alle aufeinander zu. Dann besprachen sie sich. Daraufhin kehrten zwei von ihnen einander den Rücken zu, jeder eine Pistole in der Hand. Der kleinere mit dem Gesicht zum Park und zur fernen Rückseite des Herrenhauses, der größere zum Fluss, wobei ihm der rechte Arm leblos am Rumpf herabhing. Die beiden anderen traten zur Seite, der eine nach links, der andere nach rechts. Die Männer mit den Pistolen gingen los. Nach fünfzehn Schritten blieben sie stehen, wandten sich einander zu. Ihre Begleiter taten dasselbe, im gleichen Abstand voneinander. Zu viert bildeten sie zwei diagonal miteinander verbundene Dreiecke. Keine Unkorrektheit verdarb ihre Geometrie. In vollkommener Stille hoben sich zwei Pistolenläufe bis zur Höhe der Schultern. Rangułt drückte auf den Abzug. Trocken knackte der Feuerstein. Der Funke erglühte und erlosch. Hoszowski ließ sich Zeit.
Er zielte verteufelt genau. Der Offizier aus dem Osten schloss die Augen. Heltrein blickte in die Ferne. Rangułt konnte das Zittern nicht unterdrücken. Die nutzlose Waffe glitt ihm aus den Fingern.
Langsam, aber unausweichlich begannen das weit geöffnete Auge des Leutnants, die vorgeschobene Kimme, das Korn über der Mündung des viereckigen Laufes und die Stirn des Rittmeisters eine Linie zu bilden. Nichts störte sie.
Eine sanfte Erprobung des Abzugs, er ging wie geschmiert. Der Büchsenmacher des Regiments war ein Mordskerl. Der Offizier aus dem Osten verbarg das Gesicht in den Händen. Hoszowski entspannte den Abzug.
„Bitte zu schießen!“ rief Heltrein hysterisch.
„Jetzt?“ fragte Hoszowski ruhig.
„Unverzüglich!“
Auf dieses Kommando hin stob eine Schar Stare aus dem Schlehenbusch und störte die allgemeine Reglosigkeit. Ihr trockenes Schwirren blieb in der Luft hängen.
„Schieß, du Schweinehund!“ Heltrein verlor die Selbstbeherrschung.
Das bis dahin ruhige Gesicht des Leutnants verzieht sich zu einer unangenehmen Grimasse, als er auf den Abzug drückt. Ein Donner wie aus einer Kanone, eine Rauchfahne, der Ziesel rast davon, Heltrein stürzt mit einer abgeschossenen Gesichtshälfte zu Boden. Lange zuckt er nicht mehr. Hoszowski packte die Pistole am noch rauchenden Lauf und breitet die Arme aus.
Mit dieser Geste des Erstaunens ging er zu dem Offizier aus dem Osten, der sein Gesicht in den Händen verbarg.
„Bitte nicht bewegen“, sagte er höflich und versetzte ihm mit dem Knauf der Pistole einen gewaltigen Schlag gegen die Schläfe.
Der Offizier klammerte sich an Hoszowski, der im gleichmäßigen Rhythmus die Schläge immer kraftloser, immer gezielter wiederholte, bis der wohlgeformte Kopf des jungen Mannes nur noch ein blutiger Stummel war. Hoszowski hörte auch dann nicht auf zu schlagen, als der Körper des Offiziers schlaff ins Gras sank, gänzlich ohne Anzeichen von Widerstand und Leiden.
Rangułt, gelähmt an seinen Platz genagelt, beobachtete die Hinrichtung mit einem die Eingeweide zerreißenden Schmerz. Als der Leutnant keuchend auf ihn zuging, fiel der Rittmeister auf die Knie und verharrte einen Moment in der Geste der Demut, dann sank er schweigend zur Seite. Nichts störte die tödliche Stille. Kein Grashalm, kein Schilfrohr, kein Vogel, kein Ziesel. Der Himmel kehrte nicht vom Himmelsgewölbe zurück, der Wind nicht von jenseits des Flusses. Hoszowski ging ein paar Schritte hin und her, öffnete die Finger, und die blutige Pistole fiel ihm aus der Hand. Er zog die feuchte Luft durch die Nase ein und ging ans Wasser. Lange wusch er sich dort die Hände. Eine Viertelstunde später kehrte er zu dem Wacholderstrauch zurück, auf dem Heltrein seine Pelerine abgelegt hatte. Er nahm die Geldbörse heraus. Mit beidem ging er zum Fuhrwerk. Er lockerte die Zügel, wendete das Gespann und führte es zu dem reglos daliegenden Rittmeister. Er warf eine Kiste vom Fuhrwerk und lud an ihrer Stelle den bewußtlosen Chevauleger auf, den er mit der Pelerine zudeckte. Er sprang auf den Bock. Sein Blick fiel auf die Leichen der Offiziere. Er eilte zu ihnen und nahm ihnen die Pistolen ab. Er schlug mit der Peitsche auf die Pferde ein. Sie sprangen wie die Teufel davon, hinunter zum Fluss. Da erhob sich wie auf Kommando der Wind, der Himmel senkte sich herab, die Sonne erglühte wie im August, das Gras begann zu rauschen.
Es versprach ein schöner Tag zu werden.

Rangułt befreite sich unter Qualen vom Nichtsein. Er kam aus einem langen Tunnel hervor, um sich sogleich wieder in ihn zurückzuziehen. Die Reflexe irgendwelcher Lichter stießen ihn durch den Kontrast ins Dunkel zurück, sein feindseliger Körper fiel immer tiefer, als habe der Abgrund kein Ende.
Die Gliedmaßen wurden immer kraftloser, die Haut riß auf, der dumpfe Kopfschmerz hielt ihn wie in einem Schraubstock, und nur der dringende Brechreiz stellte eine gewisse Verbindung zum Leben her.
Wenn er sich übergibt, wird er erwachen.
Das eisige Wasser rann ihm über das Gesicht, floß ihm in den Mund, drängte die Übelkeit zurück, die aber sogleich mit vermehrter Lust wiederkehrte.
Er drehte sich vorsichtig auf die Schulter und schlug ebenso vorsichtig die Augen auf. Er erblickte die ausgepflanzten Stöcke von Haselsträuchern, die graue Erde, an der Wange spürte er feuchtes Moos und im Körper Kälte.
„Was ist los?“ fragte er leise. „Wo bin ich?“
„Du wehst“, wurde ihm von oben geantwortet.
„Wohin?“ Rangułt hob, so gut es ihm seine Kräfte erlaubten, den Kopf. Gleich wurde ihm schwindelig.
Hoszowski stand unweit breitbeinig da und deutete nach Osten. Es dauerte ein Weilchen, bis Rangułt sich in den Himmelsrichtungen zurechtfand.
„Warum?“ fragte er.
„Weil die Verfolgung in Richtung Westen geht.“ Der Leutnant schüttete dem Chevauleger den Rest des Wassers aus der Mütze ins Gesicht. „Das heißt, sofern sie schon begonnen hat.“ Er wischte sich die nassen Hände an der Hose ab und setzte hinzu: „Ich habe Sie hergeschleppt, Herr Rittmeister. Leicht sind Sie nicht.“
„Von was für einer Verfolgung reden Sie?“
„Der Verfolgung von Deserteuren. Ich möchte nicht aufdringlich sein, Herr Graf, aber ich würde sagen, dass wir desertiert sind.“
Rangułt fiel das Aufstehen leichter, als er es von sich erwartet hätte, und auf wackeligen Beinen tat er ein paar Schritte. Er nahm den Mittag wahr, den Rand eines Fichtenwaldes, die schaumbedeckten, ausgespannten Pferde. Ungläubig fragte er:
„Wir sind desertiert?“
„Das würde ich sagen“, erwiderte der Leutnant erbarmungslos.
„Wovon redest du?“
„Von dem Exekutionskommando. Erinnern Sie sich nicht? Sie haben die Regimentskasse aufgebrochen. Sie müssen mit dem Gericht, mit Degradierung und Hinrichtung rechnen.“
Mit schnellen, kurzen Schritten ging er um Rangułt herum, dann näherte er sich ihm auf Atemlänge, erhob sich auf die Zehenspitzen und erklärte sachlich:
„Hören Sie, Herr Rittmeister, wir sind rund zwanzig Werst abgekommen. Inzwischen sind wir außerhalb der Reichweite der Grande Armée. Moskau werden wir südlich umgehen. Auf der Höhe von Smolensk wenden wir uns nach Westen. Dann ist es noch ein Monat bis Litauen.“
„Das ist dein Plan?“
„Das ist mein Plan, und ich werde alles tun, damit er gelingt.“

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese