LUKA

An irgendetwas erinnert mich dieses Buch: die dichte, metaphorisierte Erzählung eines Mannes, der in einer fast schon somnambulen Ekstase seine Erinnerungen, seine Ängste und sein Verlangen von sich wirft und von einer Frau erzählt, die ihm die Pforten des Paradieses, aber auch die Büchse der Pandora öffnete. Bernard – ein amerikanischer Experte für russische Literatur – begegnet eines Tages Luka und entschließt sich sie zum Essen einzuladen. Ihr Einverständnis ist der Beginn einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen einem Mann und einer verheirateten Frau, einer Liebesgeschichte, die keine Aussicht auf ein gemeinsames Leben bietet und doch für Bernard alles das ist, worauf er „seit dem Moment seiner Geburt“ gewartet hat. Aus einer rauen, expressiven Poetik des Schmerzes, die immer wieder in die Schilderung leidenschaftlicher Ekstasen übergeht, dann wieder von Kindheits- und Jugenderinnerungen des Helden unterbrochen wird, entwickelt sich eine mitreißende Geschichte, deren mysteriöses Ende die Freunde von Happyends zwar kaum befriedigen wird, Luka jedoch dem Vorwurf des Sentimentalismus entzieht.
Jetzt weiß ich es wieder: irgendwo im Hintergrund meint man Roland Barthes und seine Fragmente einer Sprache der Liebe zu hören. Übrigens nicht zum ersten Mal in der polnischen Literatur der letzten Jahre. Viele Kritiker verwiesen auf die französischen Wurzeln von Marek Bieńczyks Terminal – einer ähnlich dichten Erzählung, die sowohl eine Liebesgeschichte als auch ein philosophisches Traktat über die Beziehungen zwischen Oberflächen- und Tiefenstruktur literarischer Texte ist. Marzena Broda setzt sich andere Ziele. Luka ist in erster Linie ein Loblied auf all jene Emotionen, die in der Lage sind, das Leben von Menschen zu verändern; das Buch rührt an die Geheimnisse der Einsamkeit, aus welcher der Held des Buchs seine Kraft schöpft, und der Liebe, die paradoxerweise als deren Spiegelbild erscheint. Broda erschafft eine Welt im Spannungsfeld zwischen Schmerz und Ekstase, und dringt so in jene Regionen unserer Verrücktheiten vor, die wir für gewöhnlich lieber verdrängen.Indem sie einen Mann zum Helden ihrer Geschichte macht, durchbricht Marzena Broda all jene Stereotypen, die Emotionalität als eine genuin weibliche Eigenschaft darstellen und welche die Kontrolle über die Ratio dem „starken Geschlecht“ zuschreiben. Eben dieses Motiv erscheint mir am interessantesten. Zudem unterscheidet es Luka von Terminal. So sehr sich Marek Bieńczyk auch bemüht, all die Gefühle zu beschreiben, die seinen Helden und Erzähler beherrschen, so bleibt seine männliche Sichtweise doch vor allem auf die philosophische Ebene des Textes fokussiert. Marzena Broda hingegen schreibt eine Liebesgeschichte, in deren Verlauf der männliche Held zunehmend die Kontrolle verliert: über seine Geliebte, über sich selbst und schließlich über die Erzählung, mit der er versucht sein Leben mit Luka zu begreifen. Bernard ist ein außergewöhnlich intelligenter und sensibler Mann, der keinen Moment lang so tut, als sei er in der Lage, seinen Schmerz und seine Sehnsucht zu überwinden – weil er es weder kann, will, noch muss. Genauso wenig wie wir, meine Herren.

Igor Stokfiszewski

AUSZUG

Ich weiß nicht mehr, wann ich aufhörte mir über meine Ernährung Gedanken zu machen. Ich trieb auch keinen Sport mehr. Arbeitete nicht mehr am Umfang meines Bizeps, sondern gab mich mit dem zufrieden, was mir die Natur gegeben hatte. Ich war nie einer gewesen, der länger als nötig vor dem Spiegel stand oder regelmäßig zum Arzt ging. Wollte lediglich elegant und unauffällig aussehen, wenn ich Straßen und Kreuzungen überquerte oder einfach vor mich hin spazierte und mir die Frage stellte, welches die richtige Richtung ist, wenn man keine Wahl hat.
Diese Überlegungen führten mich zu dem Schluss, dass der Mensch das ist, was er sich vorstellt zu sein, und ich wurde ohne Luka zu einem blassen Felsbild, das allmählich verwitterte, so wie alle Dinge, über die wir uns im Leben keine Gedanken machen. Ich fühlte mich wie ein nutzloses Teilchen Materie, war den Gesetzen eines Universums unterworfen, das mich auf verschlungenen Pfaden an der Nase herumführte, und wahrscheinlich war dieses Gefühl mit dafür verantwortlich, dass ich keine Möglichkeit fand mich aus meinem Körper zu befreien, einem Körper, der ohne Luka zu einem Gefängnis geworden war. In ihm herrschte Leere, und meine Sinne schmerzten.
Und so suchte ich weiter mit pathologischer Sturheit nach einem Ort, an dem ich mich ausruhen konnte, vermutlich, um ihn nie wieder zu verlassen. Ich machte mir keine Gedanken darüber, wie es dort sein würde, denn ich war fest davon überzeugt, dass er irgendwann ganz von selbst auftauchen musste, und dann würde ich keinen Widerstand leisten, sondern ich würde stehen bleiben und abwarten, was geschieht: vielleicht so, wie man auf ein Klopfen an der Tür wartet.
Es war mir egal, ob es aufhören würde zu regnen. Völlig durchnässt meditierte ich, denn ich konnte nicht anders, und versuchte mich so zu umarmen, wie Luka mich einst umarmt hatte. Es war nicht das Gleiche. Ich konzentrierte mich auf das Zählen der Blätter an einem abgebrochenen Ast oder der Wassertropfen auf den Grashalmen, und dachte dabei an jene, die mich einst eine andere Wirklichkeit betreten ließ, eine Wirklichkeit, in die ich zurückkehren wollte. Ich war mir bewusst, dass weder Zauberei noch Wunder sie mir zurückbringen würden, hatte kein Recht, an der Seelenlosigkeit des Schicksals zu zweifeln. Wut und Bitterkeit wuchsen in mir über jedes Maß. Ich sah die Bruchstücke des Lebens, jedes seiner Gesichter, und obwohl ich meinte mich vor nichts fürchten zu müssen, spürte ich eine Angst in mir, als sei die Angst ein Wert, der den Dingen ihren Sinn verlieh. Ich verstand diese Angst nicht, dabei war ich mir durchaus meiner Lage bewusst. Dessen, dass ich nur den Regen hörte, der die Niedergeschlagenheit noch verstärkte. Ich fühlte mich wie ein anschwellender Fluss, der bereit war über die Ufer zu treten. Luka war mein Himmel, der Duft und das Glänzen des Lichtes in meiner Hand, das Wogen der Erde. Die höchste Liebe. Ich wollte sie küssen und Schleier um Schleier von ihr zu nehmen, um zu sehen, wie sie wirklich war, doch die Welt, in der wir bis dahin zu zweit gelebt hatten, war verödet. Noch sah ich sie durch den Regen und durch den Wald, dessen Sträucher, Gräser und Büsche ineinander verflossen, hin und her wogten und den Schmerz des Verlusts in mir noch verstärkten. Jeden Augenblick konnte diese Welt entschwinden. Zu einem dunklen Fleck im Raum werden, oder zu einem Fähnchen, das irgendwann einmal die Richtung zu einem Haus gewiesen hatte, in dem der Tod nur mehr die lichtabgewandte Seite des Lebens war, einem Haus, in dem wir ewig weiterleben könnten.
Vorsichtig griff ich nach dem Regentropfen. Wie nach einem Käfer, der sich zu nah herangewagt hatte. Ich spürte nichts, dabei hatte ich gehofft, der Regen würde meine Papillarlinien fortwaschen oder sie ausbrennen, sobald er in meiner Handfläche zerstäubte. Immer seltener konnte ich mich für ihn begeistern, mein Kopf war mit anderen Dingen beschäftigt. Ich hörte sein Trommeln in den Ästen, ein Trommeln, das die Distanz zwischen der inneren und der äußeren Welt vergrößerte. Weder in der einen noch in der anderen herrschte mehr Ordnung. Ich sah mich als einen schwachen, verunsicherten Menschen, der den Naturgewalten hilflos ausgeliefert war. Versuchte die Ströme von Wasser, die sich aus dem Himmel ergossen, zu überwinden, merkte nicht, dass der Regen vielleicht ein Verbündeter bei meiner Suche nach Luka sein würde, dachte an unsere Küsse im Auto zurück. An unsere nackten Körper und die vom Atem beschlagenen Scheiben. An meine Hände, die über ihre Fußknöchel glitten, über ihren Rücken, während ich mich perfekt zwischen ihren Schenkeln einfügte, und dabei vergaß, dass ich mich im Leben sonst eher unbeholfen bewegte. Eine Ausnahme bildeten die Momente, in denen ich mit einer Frau zusammen war. Kann unser Körper lügen? Nein, meiner log nicht. Ich kannte ihn in allen Einzelheiten und schätzte ihn, doch ich war kein besonders guter Benutzer. Mein Körper hing über meinem Schicksal wie eine dunkle Wolke. Ich setzte ihn Stößen und Zerstörung aus, hatte kein Mitgefühl für ihn, obwohl er doch alles tat, was er konnte um mir Genuss zu bereiten. Außerdem war mein Körper ein Barometer meiner geistigen Ekstasen. Ich lebte mit ihm und gleichzeitig neben ihm und betrachtete ihn mit demselben Interesse, mit dem ich die Enten im Teich beobachte. Ich versuchte nicht einmal nett zu ihm zu sein, wenn ich anfing zu husten, hatte alles, was eine Bedrohung für mich darstellte, schon längst hinter mir. Ich hatte einen Machtanspruch über meinen Körper, nahm ihn jedoch nicht wahr, sondern wartete einfach darauf, dass er schließlich abstarb, genau so schnell, wie er geboren worden war. Ich harrte in ihm aus, denn irgendwo musste man ja sein, sich in der Welt bewegen, und sei es mit Hilfe der Fingerspitzen.
Warum hatte ich mich, als ich noch mit Luka zusammen war, nie getraut, den Wagen über die Böschung zu fahren, einem letzten Schmerz entgegen. In die Ewigkeit. Hätte ich mich zu diesem Schritt entschieden, wären wir jetzt zusammen, so aber lebte ich ein Leben, das ich nicht wollte.
Plötzlich geschah etwas Unerwartetes, vielleicht hatte der Himmel mich endlich erhört. Der Himmel, dieser große Friedhof, in dem wir existieren, solange sich jemand an uns erinnert. Ich spürte, dass Luka neben mir lag, musste gegen meine Angst ankämpfen ihr Gesicht zu berühren, während ich noch zu ergründen versuchte, durch welches Wunder sie plötzlich neben mir lag, präsent genug, dass ich ihr vom Regen glänzendes Profil betrachten konnte. Ich zeichnete es mit meinem Zeigefinger nach, jedoch so, dass ich ihre Haut nicht berührte.
Meine Angst verwandelte sich in Trauer, in unvorstellbare Trauer.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau