WILNAER TRIPTYCHON

In der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts bildet die Prosa aus den Kresy, den Ostgebieten, die vor dem Zweiten Weltkrieg zur Zweiten Polnischen Republik gehörten, eine sehr breite Strömung. In ihr werden die Kultur, die Geschichte und das Schicksal der Bewohner dieser Gebiete geschildert. Zu dieser Strömung trugen unter anderem so hervorragende Schriftsteller wie Czesław Miłosz, Stanisław Vincenz und Jerzy Stempowski bei. Zu den Schöpfern der Kresy-Prosa gehört auch der im Wilnaer Gebiet geborene Zbigniew Żakiewicz, ein Schriftsteller, der die Bilder aus dem Leben der einstigen nordöstlichen Grenzgebiete Polens, in denen eine polnische Bevölkerung mit der weißrussischen und der litauischen zusammenlebte, konsequent dem Vergessenwerden entreißt. Das Wilnaer Triptychon ist ein altes und zugleich ein neues Buch von Żakiewicz. Ein altes, weil es sich aus drei Romanen zusammensetzt, die zuvor schon gesondert erschienen sind: Die Familie Abacz [Ród Abaczów] (1968), Wolfswiesen [Wilcze łąki] (1982) und Wilja, in den Tiefen des Meeres [Wilio, w głębokościach morza] (1992). Ein neues, weil sich in der Zusammenstellung der drei eine etwas andere Aussage ergibt. Der Schwerpunkt liegt jetzt auf dem Motiv der Initiation, der Geschichte des Kindes, des Heranwachsenden und des jungen Mannes, der ins Leben tritt und allmählich mit der farbigen, aber von dunklen Geheimnissen und emotionaler Glut erfüllten Welt der Kresy Bekanntschaft macht. Żakiewicz zeigt den „Untergang der Welt“ der polnischen Ostgebiete, den Moment, in dem diese Welt im historischen Nichtsein versinkt (die Handlung der Texte des Wilnaer Triptychons spielt in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts). Die Prosa von Żakiewicz ist eine von Poesie durchtränkte Erinnerung an die Zeiten und Orte der Kindheit, ein glänzendes Angebot an alle, die in der Literatur nach Spuren verschwundener Welten suchen.

-Robert Ostaszewski.

AUSZUG

Jene absurde Logik, die seit einigen Generationen die Familie Abacz quälte, brach an der Schwelle ihres Erwachsenenlebens über meine Mutter herein und gab auch meinen Anfängen das Gepräge bitterer Auserwähltheit. Mit keiner anderen Logik war nämlich der Grund der Eheschließung meiner Eltern zu erklären, denn die Jugendzeit meines Vaters fiel zusammen mit der Zeit, da der alte Abacz sich verlobt hatte, und meine Mutter hatte so wenig Lebenserfahrung, daß ich erst heute, da ich doppelt so alt bin wie sie zur Zeit der Hochzeit, die Grausamkeit des Schicksals zu begreifen vermag.
Diese Grausamkeit erscheint umso grausamer, wenn wir bedenken, mit welcher beispiellosen Uneigennützigkeit meine Eltern die Ehe schlossen, denn hier verbanden sich weder große Besitztümer noch altehrwürdige Geschlechter. Die prophetische Aussage der Tatsachen wird auch nicht dadurch entkräftet, daß mein Vater sich plötzlich verliebte, als er, zur Hochzeit von Tante Ewelina erschienen, meine Mutter in der Blüte ihrer achtzehn Lenze und mit jener Gesundheit erblickte, wie sie das Landleben und die anspruchslose, aber gesunde Kost verleiht, und in seinem Herzen ein Gefühl aufsteigen fühlte. Daß seine ewigen Träume sich plötzlich erfüllen könnten, zeigte sich umso eindrücklicher darin, daß machtvolle äußere Kräfte in sein Leben eingriffen.
Daher mußte sich natürlich der Fluch, die Vorherbestimmung, die auf der Familie Abacz lastete, nachdem sie meine Eltern ereilt hatte, unverzüglich auch auf das Leben ihres Kindes auswirken. Oder direkt und ohne Umschweife gesagt: Mein Schicksal, das Schicksal des letzten Nachkömmlings der Abacz’s, konnte mich wegen der obengenannten Umstände von Anfang an in seine dornigen Handschuhe nehmen, um mich fortan unentrinnbar festzuhalten. Ich wage sogar die Meinung, daß in dieser ganzen Ehegeschichte alles genau geplant und durchdacht war, daß das Fatum der Abacz’s die Helden des Dramas ausgewählt hat wie zwei exakt zusammenpassende Fragmente eines Ganzen und ich ebenfalls eine würdige Krönung des gesamten Werkes sein sollte. Daher wäre es ein vorschnelles Urteil, mein Vater sei, weil er nicht von den Abacz’s abstammte, lediglich ein passiver Zeuge der Ereignisse gewesen. Wenn sich die leidenschaftliche, gutmütige und unverwüstliche Art der Familie Żubrowicz (der freilich in ihrer individuellen Ausprägung ein Hauch von Untergang anhaftete) in einer Person und in einem Herzen mit der unersättlichen und natürlich tragischen Eigenart der Familie Abacz verband, entstand eine in ihrer Art wahrlich einzigartige Legierung! Dabei lastete väterlicherseits auf mir noch jene Epoche, die bei meinen Altersgenossen die Lebenszeit ihrer Großeltern ausmachte, für mich ein Grund mehr, mich als Fremdling aus einer anderen Welt zu fühlen. Und meine dem fortgeschrittenen Alter des Vaters zuzuschreibende Frühreife (dieses Merkmal, das aufhörte, ein Merkmal zu sein, und sich in ein tiefes Bewußtsein meiner selbst verwandelte) wurde zu etwas Natürlichem, wenn nicht Erwarteten. In Vater gewann ich auch einen unbewußten Bundesgenossen der Nisanen denn er weckte in mir Sympathie für die halbfeudalen, noch deutlich vom Adel geprägten Ehrensachen – dahin gehörte das Interesse an Niesieckis Wappenbuch wie auch das Gefallen an hundert Jahre alten Dingen und Ideen.
So also wurde ich aufgrund der nichtalltäglichen Ehe der Eltern sehr früh, früher als es sonst einem der Abacz’s zuteil wurde, zu meinem Drama berufen. Und ehe ich ins bewußte Leben eintrat, ehe ich die Ungewöhnlichkeit der Bedingungen, unter denen heranzuwachsen mir beschieden war, zu begreifen vermochte, wurde ich schon hundertfach mit Zärtlichkeit beschenkt, war ich schon hilflos gegenüber der Welt wie ein Mensch, der den Tag ohne Morphiumspritze nicht überleben kann, befand ich mich schon unter der Herrschaft des unersättlichen Herzens.
Daran lag es, daß ich, kaum im Haus meiner Eltern erschienen und noch ehe ich mir dort einen Platz angewärmt hatte, schon meine Ellbogen zu gebrauchen begann, Tag für Tag zu wachsen begann (und ich wuchs umso schneller, je reichlicher ich mit der Zärtlichkeit des mütterlichen Herzens beschenkt wurde), und daß ich, ungemein schön entwickelt wie ein Kuckucksküken im Starennest, meine Flügel zu den ersten Flügen spreizte.
Rasch begriff ich, daß zwischen meiner Mutter und dem Vater, der uns den Namen und seine treuherzige Güte gab, etwas geschah, was nicht geschehen durfte, wenn ich zu einem wahren Abacz-Enkel werden sollte. Ich begriff, daß infolge dieses Geschehens mein Besitz unvollständig war, daß meine Hunger immer hungriger werden würden und meine Leiden immer leidender. Das zu begreifen war so schwierig und kompliziert, daß ich mich umso mehr quälte und umso unverständlicher für mich wurde. Und dann kamen die Erinnerungen, die nicht dem Traum entsprangen, obwohl man sie nur mit einer Halluzination vergleichen kann, einem Traumbild im Halbschlaf, das mir erst die Bewegungsfähigkeit raubt und dann das Bewußtsein umso stärker macht.
Ich sehe die Mutter mit Vater gehen – schön, schlank, goldhaarig, in einem neuen Mantel und geknöpften Schuhen. Auch Vater ist sonntäglich gekleidet, trägt einen Handkoffer. Wieso bin ich mir sicher, daß die Eltern ins Badehaus streben, wo sie Bäder genießen werden, nachdem sie in die heißen Nebel gestiegen sind wie zwei Sonnen, warum weiß ich, wie schwierig und weit dieser Weg zum Badehaus ist – durch den nebligen Herbstwald, in dem vereinzelte Fichten stehen wie nördliche Palmen, schon tot, aber noch grün, harzig und mit glänzender Rinde, und dann durch das Heideland, in dem zwischen den Stämmen ein Feuer glimmt, das eine heißere Glut verbirgt. Aber ich schreie nicht und laufe nicht den Eltern nach, weil ich, von Spinnweben gefesselt, begreife, daß es so sein muß.
Später, als ich schon ein wenig herangewachsen war, wurde mein Argwohn bestimmter, und meine Träume wurden noch quälender und schrecklicher. Nachdem ich meine Phantasie genährt hatte mit Bildchen aus dem Buch von Doktor Kneipp, dem unermüdlichen Propagator von Wasserbädern, einem Buch, das reich illustriert war mit Figuren von Menschen, deren papierene Eingeweide man hervorziehen konnte, geriet ich tiefer in die Traumbilder hinein, versank ich immer tiefer in einem Abgrund, aus dem ich nie wieder herauskommen sollte.

Aus dem Polnischen von: Friedrich Griese.