SANATORIUM

In ihrem neuesten Buch verquickt Małgorzata Saramonowicz, die Verfasserin des Bestsellerromans Die Schwester, mehrere Romankonventionen. Im Sanatorium gibt es eine Kriminalstory, Fantasy-Elemente und ein aufschlussreiches Portrait der Nachkriegswirklichkeit. Saramonowicz komponiert die Romanhandlung präzise und setzt verschiedene Zeiträume und Wirklichkeitssphären zueinander in Beziehung. Jan, die Hauptfigur des Romans, begegnet in einer Lungenheilanstalt einem Ermittler, dem er bereits dreißig Jahre zuvor begegnet ist. Die beiden waren damals in einen nie völlig aufgeklärten Mordfall verwickelt. Nach all den Jahren beginnen sie ein psychologisches Spiel, das die Wahrheit über jenen Fall enthüllen soll. Zugleich kehrt Jan in der Erinnerung zu den Ereignissen zurück, die sich nach dem Krieg in dem Städtchen ereigneten. Eigen ist das Städtchen, denn es ist – so ein Romanprotagonist – „krank“, es wird von verkrachten Existenzen bevölkert, die der Krieg verstümmelt hat, der Statthalter und seine Leute zerstört haben, indem sie die Volksherrschaft „zementierten“. Verstümmelt ist auch Jan, der vor einer furchtbaren Wirklichkeit in eine Welt der Tagträume und Phantasien flieht, einen Raum, in dem Lebende und Tote, Engel und Dämonen Seite an Seite leben. Das Sanatorium ist ein Roman über das Ringen mit einer traumatisierten Erinnerung und das Ende einer Welt, die die Kriegswirren weggewischt haben, ein hervorragend geschriebener Roman, den eine verblüffende Pointe abschließt und der voller die Phantasie bewegender Bilder ist.

Robert Ostaszewski