TIEFES WASSER

Jerzy Łukosz, dessen Erzählband „Lenora” in diesem Jahr für den polnischen Literaturpreis NIKE nominiert wurde, hat gleich nachgelegt und den Miniroman „Tiefes Wasser“ veröffentlicht: eine erzählerisch komplexe, vor Einfällen überschäumende Geschichte, in welcher der Autor die Motive seiner früheren Werke weiterentwickelt. Wieder einmal erzählt Łukosz die Geschichte eines Menschen, der sich am Wendepunkt seines Lebens befindet. Der Held und Erzähler von „Tiefes Wasser“ ist ein vierzigjähriger Ingenieur, ein Workaholic mit einem geregelten, aber langweiligen Leben, der wie durch ein Wunder einen Motorradunfall überlebt. Es folgen weitere Schicksalsschläge: er verliert seinen Job, seine Frau verlässt ihn, er bleibt halb blind und taub und wird aus seiner Wohnung geworfen. Doch er zerbricht nicht daran, ganz im Gegenteil: dieser „Deserteur des Jenseits“ entdeckt, dass er anders leben kann als vor seinem Unfall, und dass dieses Leben ein reicheres, interessanteres und sinnvolleres ist. Er findet Gefallen daran, die Welt zu beobachten und Menschen kennen zu lernen, er verliebt sich und entdeckt in sich selbst eine ungeahnte Sensibilität. Ist „Tiefes Wasser“ also die überraschende Geschichte einer Katastrophe, die den Helden aus seinem langweiligen und leeren Leben befreit? Nicht nur. Łukoszs Roman ist vor allem ein liebevoll-ironisches Buch über das Leben als Verwechslungskomödie, in der das menschliche Handeln seine Wirkung verfehlt und die Bedeutungen der Ereignisse sich zu Mustern verbinden, die für die Protagonisten nicht vorhersehbar sind. Und es ist die Geschichte einer Tragödie, die zum Beginn einer menschlichen Wiedergeburt wird, die Geschichte einer Liebe zur Kunst, die sich mit der Liebe zu einer Frau verbindet, und die Geschichte eines Glaubens, der so stark ist, dass er zu einem Verbrechen führt.

Robert Ostaszewski