DIE BEFLECKUNG

Der Erzähler und Held des Romans von Piotr Czerwiński spricht für sich selbst und gleichzeitig im Namen jener Generation von Polen, die zu Beginn der 70er-Jahre geboren wurden und in der ersten Hälfte der 90er-Jahre ins Erwachsenenleben eintraten. Der Erzähler des Romans ist überzeugt von der Andersartigkeit jener Generation, der er selbst angehört: sie ist verlorener als andere Generationen, sie ist brutaler und befleckter (daher der Titel des Werks). Warum? Weil sie nicht selbst an den gesellschaftlichen Umwälzungen beteiligt war, weil sie kritiklos die Verhaltensregeln eines jungen, raubtierhaften Kapitalismus annahm, weil sie nicht laut genug ihre Stimme erhob. Zudem waren ihnen viele Karrierewege bereits verstellt, z. B. in der Medienbranche, in der auch der Held des Romans tätig ist. Wer als Journalist auf dem Arbeitsmarkt überleben will, muss sich wie ein willenloses und gefügiges Werkzeug verhalten, über das seine Vorgesetzten nach Belieben (also meist zu ethisch fragwürdigen Zwecken) verfügen können. Der Held hat von all dem genug – er will seine bisherige Lebensweise aufgeben. Wir lernen ihn in eben jenem Augenblick kennen, als er beschließt sein Leben zu ändern. Der Moment der Umkehr veranlasst ihn zur Reflexion und zu einer Abrechnung mit der eigenen Biographie. Gemeinsam mit dem Helden unternehmen wir einen Ausflug in die Vergangenheit: in die Epoche des spätsozialistischen Polens, die Zeit des Kriegszustandes und die achtziger Jahre, die hier mit unverlogener Nostalgie dargestellt werden. Die Befleckung besteht zu einem großen Teil aus retrospektiven Momentaufnahmen; aus einer Abfolge von Ereignissen, die ebenso außergewöhnlich und einzigartig wie typisch – als Teil der kollektiven Erfahrung jener Generation – sind. Der aggressive und provokative Roman ist in einer lebendigen, manchmal vulgären Sprache mit vielen jugendsprachlichen Ausdrücken geschrieben.

Dariusz Nowacki