TELEPHRENIE

Telephrenie könnte man als Roman über die Abhängigkeit bezeichnen: die Abhängigkeit von Film, Fernsehen, Internet, von der Presse, der Werbung und anderen Medien mit ihren verheerenden Folgen für Geist und Seele des Menschen. Dieses ergiebige Thema handelt der Autor jedoch am Schicksal eines einzelnen ab - wie schon der Titel suggeriert, spricht hier ein kranker Mann von einer kranken Welt. Der Sucht verfallen ist der Hauptheld des Romans, der zugleich als Erzähler fungiert. Der fünfundfünzigjährige Ingenieur aus Warschau sieht, gepeinigt von seiner Krankheit, überall Abhängigkeiten: seinem Sohn redet er ein, vom Fernsehen und vom Internet, der Tochter vom Extremsport abhängig zu sein. Er selbst war schon in den siebziger Jahren ein Kinobesessener, danach sah er zehn Stunden täglich fern, schließlich schaffte er den Apparat ab, begann jedoch zwanghaft sämtliche in Polen erscheinenden Boulevardblätter und Illustierten zu lesen. Für ihn ein Leichtes, da er nach dem Bankrott des Baukombinats, in dem er viele Jahre arbeitete, einen Zeitungskiosk übernahm. Die Romanhandlung, in die eine ausführliche, den Werdegang des Ingenieurs erhellende Retrospektive eingebaut ist, spielt während mehrerer Monate: von Mitte Februar bis Mitte April 2005. In dieser Zeit verliebt sich der Held hoffnungslos in eine Apothekerin, die er für die Verkörperung von Catherine Deneuve hält, taucht auf den Treffen der „Anonymen Selbstmörder“, „Anonymen Meteopathen“ und anderer vermeintlich Abhängiger auf und nimmt vor allem, zusammen mit seinem Sohn Karol - natürlich als Konsument - ,an dem gewaltigen, sich um Agonie, Tod und Begräbnis von Johannes Paul II. rankenden Medienspektakel teil. Der Held des Romans versucht sich durchaus ehrlich und uneigennützig einzubringen in die die ganze Nation erfassende Trauer. Ohne Erfolg - die Telephrenie nimmt ein groteskes Ende.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Er starb um 21 Uhr 37. Umgeben von Landsleuten. Um 20 Uhr war die Messe vom Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit vor ihm zelebriert worden („wir feiern heute dieses Fest, das Johannes Paul II. selbst vor drei Jahren eingeführt hat, in Łagiewniki“). Der Heilige Vater empfing noch einmal die Sterbesakramente. Er war bei Bewusstsein. Lenkte den Blick hin zu den Fenstern, in Richtung Platz, versuchte die Hand zu heben, um die Gläubigen ein letztes Mal zu segnen. Erzbischof Dziwisz ergriff diese Hand. Der Papst, von der Hand des Freundes fest gehalten, holte Luft, sagte „Amen“, und - wie Erzbischof (hier ein italienischer Vor- und Familienname) noch vor 22 Uhr bekanntgab - „unser geliebter Heiliger Vater ging heim ins Haus des Vaters“.
Du setztest dich auf den Rand meiner Couch, mein Junge, senktest den Kopf, presstest ihn zwischen den Händen und sagtest: Endlich! Endlich bin ich einem Menschen begegnet, der ganz bestimmt geglaubt hat. Denn dieser Priester in der Nowy-Świat-Straße, hm, dauernd fällt der mir ein. Der wollte ganz bestimmt glauben. Und er hat geglaubt. Ob wirklich hundertprozentig? Ein paar Promille haben ihm schon gefehlt. Aber der Dalai-Lama, der hat geglaubt. Vollkommen, bedingungslos.
Nach einer Weile: An was er geglaubt hat, ist nicht so umwerfend, das Umwerfende ist, dass einer überhaupt an was glauben kann, vollkommen und bis zuletzt.
Und dann, wieder nach einer Weile: Und was jetzt, Vater? Aus der Spaß, es wird ernst - was, Vater, machen wir mit dem Rest des Lebens? In wessen Spuren sollen wir treten? Schaffen wir es, uns was eigenes zu überlegen. Was besseres?
Und wieder nach einer Weile: Bei Dostojewski sagt irgendein Offizier in seiner Verzweiflung: Wenn es Gott nicht gibt, was bin ich dann für ein Hauptmann. Ich frage: Wenn es Gott gibt, was muss ich dann Hauptmann sein? Was soll mir der Kapitalismus und das Bruttosozialprodukt?
Im Radio die Meldung: Auf dem Piłsudski-Platz hat sich eine Menge von mehreren Tausend Menschen versammelt. Um 24 Uhr findet in St. Anna eine Messe statt. Andachten werden bereits in vielen Kirchen der Hauptstadt abgehalten (und dann die Namen der Kirchen, darunter die Erlöserkirche).
Ich: Lass uns einen Spaziergang zur Erlöser machen, ein bisschen den Kopf auslüften.
Du: Einverstanden.
Wir waren kaum an der Puławska-Straße, da hielt uns ein Alki an: Der Kater, meine Herrn, zerreißt mir das Gedärm, und gerade hör ich auch noch, der Heilige Vater ist gestorben. Gebt was, gute Leute, für ein Bier.
Ich sah ihn an: ein Belmondo. Die Warschauer Ausgabe.
Er: Oder, meine Herrn, ihr spendiert einen halben Liter? Ich hol ihn, wir setzen uns zusammen drüben an den Teich, na?
Du lachtest, mein Junge, zücktest das Portemonnaie, gabst ihm zwanzig Złoty. Warten wir eben, sagtest du, kommt er nicht wieder, gehn wir zur Messe. Kommt er wieder, dann in den Park. Einverstanden?
Noch ein Experiment. Ach, Junge.
Er kam wieder. Wir gingen in den Park, an den „Meeresauge“ genannten Teich. Er fand eine Bank dicht am Wasser. Wir setzten uns. Er schraubte die Flasche auf. Damit es gerecht zugeht, nimmt jeder einen Zug, so an die fünfzig Gramm. Ich hoffe, ihr seid wachsam, meine Herrn? Das macht drei Runden. Und an mich gewandt: Sie, Herr Ober, fangen an.
Ich fing an. Danach kam mein Sohn. Danach er (er hielt sich wohl nicht an die Fünfzig). Er schluckte, ließ den Schnaps runterlaufen, dann hob er an:
Sagt mir, meine Herrn, was hatte der Mann an sich, dass ich, wenn er verlangt hätte, ich soll mein Leben für was lassen, dass ichs gelassen hätte. Beispielsweise: Gehe hin, Stanisław, steig in diesen Teich und ertränke dich - ich wär reingestiegen und hätte mich ertränkt. Im Ernst, meine Herrn. Ich bin der Sohn eines Aufständischen! Ihr seid, wie mir scheint, Neulinge, aber ich bin von hier. Oberes Mokotów! Habt ihr gesehn? An jedem Haus eine Tafel - soundsoviele Erschossene.
Sein Vater hatte überlebt, einarmig, gezeichnet an Leib und Seele (allerdings hatte er etwas nachgeholfen, um aus dem Gefängnis zu kommen). Warschau, meine Herrn, ist ein einziger großer Friedhof, die Erde blutgetränkt, jeden halben Meter, den du tiefer gräbst, irgendein Aufstand. Meinen Sohn hab ich in die Welt geschickt, damit er sich losmacht von diesem Mokotów, ich selber kanns nicht, ich bin für ein paar Jahre nach Stettin und wieder her, ich brings nicht über mich, zu leben ohne diese kranke Stadt. Da, dort oben, gabs einen Basar, Fuhrwerke kamen da hin, mit Kartoffeln, Kohl, wenn der Bauer die Speichen nicht blockiert hat, rumpelte die Fuhre holterdiepolter den Berg runter, in der Kiesgrube hier sind Menschen und Pferde die Menge ersoffen, die war mal tief. Im Aufstand ist angeblich ein deutscher Panzer reingerollt, mitsamt den Soldaten, danach haben sich die Aale vermehrt. Mein Vater hat mal mit dem Aufstand geprahlt, mal hat er ihn verflucht, von wegen den vielen jungen Menschen, von wegen dem Arm. Und jetzt Palästina, Irak, Tschetschenien, Afghanistan - hört das denn nie auf, die Überfälle und das Töten? Heiliger Vater! Bewahre mein Warschau vor Kriegen!
Die dritte Runde. Und jetzt, meine Herrn, lasst uns niederknien und den Engel des Herrn für die Seele unseres Königs beten! forderte er uns auf.
Wir knieten nieder. Stille.
Er: Das Ding ist bloß, dass ich dieses Gebet nicht kann. Ich dachte, Herr Ober, dass Sie...?
Ich: Ich erinnre mich auch nicht mehr so genau daran.
Er: Dann beten wir das Vaterunser und das Ave Maria.
Wir sprachen die Gebete. Standen auf. Stiegen zusammen nach oben. Von Beruf bin ich Maler, Stubenmaler. Im Falle dass, stehe zu Diensten! (Er gab uns seine Visitenkarte). Vielen Dank, meine Herrn. Es geht mir schon besser. Einen gesunden Schlaf wünsche ich.
Er gab uns die Hand, ein fester Druck. Entschwand in die Madalinski-Straße.
Ich: Kehren wir um?
Du: Ja. Gebetet haben wir.
Ich schlief tief und lange (der Maler hatte einen gesunden Schlaf gewünscht, das war in Erfüllung gegangen).

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann