DIE STIGMATISIERTEN

Ein Drang zum Demaskieren ist die leitende Intention der Prosa Nowakowskis. Mit den Stigmatisierten legt er aufs neue Porträts von Polen vor, deren Alltagsleben in der Phase der Systemtransformationen komplizierter geworden ist. Jetzt werden aber weniger die Hauptprofiteure dieser Veränderungen als vielmehr diejenigen gezeigt, die dadurch verloren haben, verarmt sind und von der sozialen Gemeinschaft an den Rand gedrängt wurden. Der menschliche Abfall der neuen Zivilisation des Geldes, der sich an die Regeln des „unersättlichen Kampfes“ um Knete nicht anzupassen vermag und auch mit den Zumutungen der neuen Sitten nicht fertig wird.
Dazu gehören paradoxerweise solche, die es, wie sie selbst sagen, hervorragend verstanden, unter Hitler, unter Stalin und in der Gierekzeit „das Leben zu genießen”, die Parvenüs, die Schlaumeier, die einstigen Gemüsehändler und sonstigen Vertreter der sog. privaten Initiative, die früher über entsprechende Zugänge und Beziehungen verfügten und die Gesetzes- und Steuerlücken des realsozialistischen Systems geschickt auszunutzen wußten. Jetzt sind sie die an die neuen Erfordernisse Unangepaßten, leben von „Minirenten“ und schwelgen in Erinnerungen an die Vergangenheit, wenn sie in den Kneipen sitzen, in denen, wie in der „Małgorzatka“, die von früher her bekannte Besitzerin ihnen gestattet, die billigeren, im Geschäft nebenan erstandenen Getränke zu konsumieren – verdrängt aus dem Marktspiel durch neue Schlaumeier, „aggressives und zügelloses Vieh“ mit mafiös-politischen Beziehungen, Individuen, von denen sie die schlechteste Meinung haben.
Zu diesem Kreis der Verlierer und Ausgestoßenen gehören auch Dichter (mit einer Träne im Auge dargestellt in der Erzählung Die einstigen Poeten und die Muse), denen in der Volksrepublik die Sonne des Ruhms und eines leidlichen Geldsegens, aber auch der Bewunderung von Provinzdamen lachte, nun aber von ihr im Stich gelassen und angewiesen auf die Gnade von Mäzenen mit zweifelhaftem Ruf und von eventuellen, bei irgendeinem Empfang betörten Sponsoren mit dicker Brieftasche. Dazu gehören auch vormalige Würdenträger, oft aus der Intelligenzschicht und mit Ausweisen einer hübschen politisch-ideologischen Vergangenheit während der Kriegs- und der unmittelbaren Nachkriegszeit u.a. in der PPS, die sich ohne Überzeugung und gegen ihren eigenen Willen für kommunistische Kundgebungen einspannen ließen und anschließend die Augen vor der Farce der polnischen Politik verschlossen, die den östlichen Vollmachtgebern dienstbar war; sie ließen sich völlig korrumpieren und beklagen jetzt das ihnen immer deutlicher werdende Scheitern ihres Lebens.
Nowakowskis literarischen Diagnose unserer Gegenwart scheint treffend jenes Bild des Lebens in der Dritten Republik zu ergänzen und zu begründen, das einen wirklich erschüttern oder entsetzen kann, wenn man laufend die täglichen Nachrichten in den polnischen Medien verfolgt.

Mieczysław Orski
Nowe Książki, 7/2005

AUSZUG

Kaum hatte er sich hingesetzt, warf sie ihm einen scheelen Blick zu. In diesen Augen war soviel Empörung, soviel heiliger Zorn. Als hätte sie gesehen, daß ein Ferkel vom Misthaufen in den Salon geraten war. Sie rechnete mit einem Lieferanten ab. Sie unterschrieb die Rechnung. War mit Buchhaltung beschäftigt.
Sie blickte mit ihrer feuerroten Dauerwelle auf und fischte ihn todsicher aus der Menge heraus, obwohl er sich in den fernsten Winkel verzogen hatte. Er hatte sich hinter der Zeitung versteckt und schaute verstohlen nach ihr. Auf die Theke gestützt, trommelt sie mit der beringten Pfote auf der Platte. Seine Anwesenheit macht sie nervös. Aus einer Küchenhilfe wird nie eine Dame. Ein Hintern wie ein Tresor, die Titten kann sie sich über die Schultern werfen. Dabei war sie vor noch so warmherzig, so zutraulich, so herzensgut. Wie hatte sie sie einst willkommen geheißen! Sie verkehrten hier seit Urzeiten. Damals hieß es noch „Małgorzatka“. So nannte man unter der Kommune die Kneipen. „Dorotka“. „Poziomka“. „Kubuś“. „Ploteczka“. „Danusia“. Verkleinerungsformen waren beliebt. Je verrufener die Kneipe, desto süßer, liebkosender die Bezeichnung. Das war ihre Masche. Vor der Kommune hatten sie normale, anständige Namen. „Zum Karpfen“. „Zur Nummer hundert“. „Zur Schildkröte“. „Stiller Winkel“. „Beim blinden Leo“. So eine gab es auch. An den normalen Namen der „Małgorzatka“ kann er sich nicht mehr erinnern. Jetzt „Las Vegas“, bitte. Es gelüstete sie nach Amerika. Nervös raschelte er mit der Zeitung, kann sich nicht konzentrieren, weder aufs Lesen noch auf sonstwas. Uablässig durchbohrte sie ihn mit ihrem Basiliskenblick.
„Gehen Sie bitte!“ schreit sie plötzlich. „Sie haben hier keinen Zutritt!“
Mit wuchtiger Geste scheucht sie den Hund aus dem Zimmer. Ein provinzieller Atavismus. Eine so dickfellige Person hat keine Hemmungen. In ihm regte sich Stolz. Er war schließlich nicht irgendwer. Solange die Volksrepublik bestand, hatten ihn Parteimitglieder und Parteilose geschätzt. Er hatte ehrenwerte Vorfahren, ein entsprechendes Alter, kannte noch das alte Polen der Vorkriegszeit. Seine Oma, eine Matrone namens Honorata – heute wurde dieser Name bei der Taufe nur noch selten vergeben – führte im Warschau der Zarenzeit ein Pensionat für höhere Töchter. die Familientradition vermittelte strenge, unverbrüchliche Prinzipien, von denen sie sich in ihrer pädagogischen Mission leiten ließ. Es lag wohl an der Sittenstrenge im Elternhaus, daß er die engen Fesseln erheblich lockerte und sich wie ein Hund, der sich von der Kette losgerissen hat, ins Getümmel des Lebens stürzte. In ihm empörte sich das Blut des Krautjunkers. Und mit Recht! Leicht kann er sich als Zierde des Adels ausweisen, die Ahnentafel reichte zurück zu den Sarmaten, die mit ihren Topffrisuren in den Landtagen saßen. Napoleons Vater seligen Angedenkens, Buchhalter bei der Prudential-Versicherung, plac Warecki, heute plac Powstańców, bewahrte sorgsam vergilbte Papiere auf, altertümliche Pergamente mit lateinischem Text und mit Siegellack versehen; dort war die Vergangenheit des Geschlechts schwarz auf weiß dargelegt. Ein eindrucksvolles Wappen, Halbmond auf rotem Grund. Heutzutage halten geewöhnliche Flegel, die es zu Landbesitz gebracht haben, gern Ausschau nach Wappen, tragen an den dicken, bäurischen Fingern Siegelringe und lassen sich entsprechende Zeichen und Symbole eingravieren. Dreiste Kopien aus dem Wappenbuch. Fälschungen und Imitationen machen sich auf allen Gebieten breit. Napoleon hat vor langer Zeit den vom Papa ererbten Siegelring verkauft, aber er bewahrt ihn treu in seinem Herzen. In meinen Adern fließt blaues Blut, und das nimmt mir niemand, wiederholt er gern. Mit dem Blau hat er wie gewöhnlich übertrieben, kleiner Landadel, kleine Güter auf den Sandböden Masowiens, aber bisweilen kippten sie mit Kastellanen und Senatoren, vielleicht sogar mit Hetmanen Met und Hopfenbier.
Und dann kommt da so eine Küchenhilfe, so ein Bauerntölpel, fühlt sich, weil ihr die Kneipe gehört, als was Besseres und behandelt ihn wie einen hergelaufenen Köter. Er weiß noch genau, wie sie kam, um die Hauptstadt zu erobern. Hochtoupiert bis dahinaus, das Kleid aus bügelfreiem Kunststoff in grellen, vulgären Farben, die Fersen, unsauber, mit gelblicher Hornhaut bedeckt, ragten aus engen Schuhen mit hohen Absätzen hervor, die breiten Füße in die Enge der Stöckelschuhe gezwängt.
Ihre Bewegungen waren ungeschickt, sie zerbrach Gläser, alles flog ihr aus der Hand, und es dauerte lange, bis sie sich mit den verschiedenen Getränken und ihren Namen auskannte. Schon damals standen die Regale voll mit einer Vielzahl verschiedener Brandys, Cognacs und Whiskys. Außerdem kamen Cocktails und Drinks immer mehr in Mode. Das fiel ihr mit ihrem begriffsstutzigen Schädel und den groben, kurzen Fingern schwer. Mühsam erlernte sie städtische Manieren, nachdem sie in einer beschissenen Dorfkneipe im Osten unseres Vaterlandes ausgelernt hatte. Napoleon half ihr mit seinen ausgedehnten, raffinierten Kenntnissen eines Mannes von Welt. Nicht selten hatte sie ihm innigst dafür gedankt. Das geriet bein ihr ungemein rasch in Vergessenheit, und umsonst erwartete er solche Dankbarkeit. Irgendwann war er für sie kein achtenswerter Gast mehr. Er fühlte sich wie der letzte Ritter, der sich auf dem letzten Turm des feindlichen Ansturms erwehrt. Inzwischen hatte sie die Pfote von der Theke genommen, ihre rote Mähne geordnet und ein Bein nach vorn gesetzt. Sie rüstete sich zum Angriff. Manchmal rettet einen ein glücklicher Zufall vor dem Untergang. Auf der Schwelle des ersten Saals erschien dieser Stier, ganz in Leder und goldenen Ketten, ein muskulöser Höhlenbewohner. Sie nannten ihn Obcas. Er spielte gern Billard. Seine Spezialität war Pyramide. Nachdem der Kommunismus das Spiel restlos ausgerottet hatte, kam Billard wieder in Mode. Die besten Tische waren die aus Petersburg. Hat sich irgendwo ein Petersburger Tisch erhalten?
„Napoleon!“ rief Obcas und bedachte ihn mit einem breiten Grinsen.
Er war unter diesen neuen Gästen eine Ausnahme: er hörte ihm gern zu, besonders wenn er von früher erzählte, vom Spiel in den Casinos und von Glücksspielern großen Kalibers.
Sie, die Besitzerin, hatte schreckliche Angst vor Obcas. Der Flegel gibt dem stärkeren Flegel immer nach, dafür möchte er den Schwächeren in den Dreck treten. Obcas bestellte zwei Weinbrände. Sie brachte sie selbst. Er klopfte ihr auf den Hintern und lobte sie:
„Super Bedienung, knackig!“

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese