TAGHAUS, NACHTHAUS

Olga Tokarczuk hat sich mehrere Jahre nach ihrem preisgekrönten Debüt (Die Reise der Buchmenschen, 1993) und dem von Kritik und Publikum sehr positiv aufgenommenen Ur und andere Zeiten (1996) einen der ersten Plätze unter den Autoren der jungen Generation erobert. In ihrem neuesten Roman entscheidet sie sich für die Poetik des Fragments, eine charakteristische Ausdrucksform in der jüngsten polnischen Prosa. Taghaus, Nachthaus ist angelegt wie eine Kladde, in die die Autorin eine Reihe von Erzählsequenzen einträgt, die sich zu einer durch ihre Authentizität und Aktualität wundernehmenden Ganzheit fügen.

Neben den Geschichten, die von den außergewöhnlichen Geschicken einzelner Figuren inspiriert sind, haben wir hier eine Vielzahl von digressiven Notizen, in denen nach verschiedenen Prinzipien nebeneinander Berichte über das Surfen im Internet, Traumbeschreibungen, Kochrezepte für Fliegenpilzgerichte, Fragmente von Apokryphen oder philosophischen Traktaten und die kleinen Geschichten, die man in der abgeschlossenen Welt des Dorfs dem Nachbarn am Zaun erzählt. Mit jedem weiteren Kladdeneintrag werden die Geschichten ungewöhnlicher, und um das reale Haus eines Dorfs bei Nowa Ruda, durch dessen Winkel wir in der Begleitung der Autorin schlendern, legt sich zunehmend die Aura eines Geheimnisses, es verwandelt sich in einen Teil Ewigkeit, eine Metapher der verborgenen Sinne des Daseins, in dem Hell neben Dunkel steht, Wachen neben Traum, das Leben neben dem Tod.
Taghaus, Nachthaus, in dem die Zeit im zyklischen Rhythmus der Natur dahinströmt, der in die Konturen der armseligen Wirklichkeit eines abgeschiedenen Winkels der polnischen Sudeten gelegt wird, versucht die Gegenwart aus einer überzeitlichen Perspektive zu deuten, eine zauberhafte, moderne, philosophische Erzählung, durchdrungen vom Duft alter Wälder und Gärten. Nach Ansicht einiger Kritiker der beste Roman des Jahres 1998. (Zofia Bobowicz)

Taghaus, Nachthaus ist ein originelles und phantastisch geschriebenes Buch, das eine Frage aufgreift, die so alt ist wie die Welt: Was ist die Wirklichkeit?
Die Autorin beschreibt ihr gegenwärtiges "Haus", d.h. den Ort Nowa Ruda in den Sudeten, aber wenn wir weiter vordringen, bemerken wir, daß es hier um mehr geht - um diese Wirklichkeit, die wir alle teilen. Dabei operiert Olga Tokarczuk mit Kategorien aus der Archetypenlehre C.G. Jungs: "Taghaus" ist das Wachen, "Nachthaus" der Traum, die imaginäre Seite der Welt, das Vaterland der Archetypen, an die die Jungistin Tokarczuk fest glaubt." (Michal Cichy)

Die Autorin unterstreicht vielfältige Eigenschaften von Raum und Sein, stellt fest, daß das Leben vor allem einem permanenten Wandel unterworfen ist: Leben ist Traum, und Traum ist Leben. Diesen Aphorismus von Calderon de la Barca (La vida es sueno) hat sich Olga Tokarczuk perfekt zu eigen gemacht und benutzt ihn auf ihre Weise. Auf eine Weise, die es ihrer Phantasie erlaubt, eine eigene literarische Welt zu schaffen. Die Vorstellung der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist verwandt mit dem Traum - der imaginären Seite der Welt -, mit der Mythologie, der Legende und gibt uns die Möglichkeit, die Wirklichkeit sehr filigran und neu wahrzunehmen. In ihrer Prosa verbindet Olga Tokarczuk philosophisches Wissen mit ihrer brillanten Beschreibungsgabe, und wohl deshalb liest man ihren neuen Roman mit einem wahren Vergnügen. (Jan Brodal)

AUSZUG

Ein Traum In der ersten Nacht hatte ich einen reglosen Traum. Mir träumte, ich sei reines Sehen, reiner Blick, ich hätte weder Körper noch Namen. Ich bin hoch über dem Tal, an einem unbestimmten Punkt, von dem aus ich alles sehe oder fast alles. In diesem Sehen bewege ich mich, doch rühre ich mich nicht von der Stelle. Es ist vielmehr die Welt, die sich mir unterwirft, wenn ich sie ansehe, die so heran- und davonrückt, daß ich alles zugleich oder nur die winzigsten Einzelheiten betrachten kann. Ich sehe also das Tal, in dem das Haus steht, genau in der Mitte, aber es ist nicht mein Haus, auch nicht mein Tal, denn nichts gehört mir, denn ich selbst gehöre mir nicht, es gibt nicht einmal etwas Derartiges wie mich. Ich sehe die kreisrunde Linie des Horizonts, der das Tal von allen Seiten verschließt. Ich sehe einen aufgewühlten, trüben Strom, der zwischen den Anhöhen brandet. Ich sehe Bäume, auf gewaltigen Beinen in die Erde gewachsen, als wären sie einbeinige, erstarrte Tiere. Die Reglosigkeit dessen, was ich sehe, ist nur Schein. Wenn ich es will, kann ich den Schein durchdringen. Dann sehe ich unter der Rinde der Bäume rührige Strömchen von Wasser und Säften, die hin und zurück kreisen, auf und ab. Unter dem Dach sehe ich die Körper schlafender Menschen, und auch ihre Reglosigkeit ist Schein - in ihnen schlagen sanft Herzen, das Blut murmelt, sogar ihre Träume sind nicht wirklich, denn ich kann sehen, was sie sind: pulsierende Bruchteile von Bildern. Keiner der träumenden Körper ist mir näher, keiner ferner. Ich sehe sie ganz einfach an, und in ihren verschlungenen Traumgedanken sehe ich mich selbst - dann entdecke ich die sonderbare Wahrheit. Daß ich Sehen bin, reflexionslos, urteilslos, ohne Gefühle. Und gleich darauf entdecke ich eine andere Sache - daß ich auch durch die Zeit hindurch sehen kann, daß, so wie ich den Sichtpunkt in den Raum wechsle, ich ihn auch in der Zeit wechseln kann, als wäre ich nur der Cursor auf dem Bildschirm eines Computers, der sich jedoch von selbst bewegt oder zumindest nichts von der Hand weiß, die ihn bewegt. So träume ich, scheint mir, unendlich lange Zeit. Es gibt kein vor und kein nach, ich erwarte auch nichts Neues, denn ich kann weder etwas erlangen noch verlieren. Die Nacht endet niemals. Nichts geschieht. Nicht einmal die Zeit verändert, was ich sehe. Ich betrachte und erkenne nichts Neues noch vergesse ich, was ich sah.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier