DER MAKEL

Die Bewohner der Häuser an diesem Platz in einer Großstadt erscheinen uns wohlbekannt. Das Dienstmädchen mit seinen Träumen, der Notar, ihr Arbeitgeber, der einst an der Front verletzte Polizist, der Student mit seinem Hang zu politischen und sauflustigen Streitereien sowie die anderen Figuren aus dem Makel nehmen Rollen ein, die auf den ersten Blick so typisch sind wie Schneiderschablonen. Sie gehören in eine Epoche, die zwar vergangen aber dennoch nah ist, eine Epoche, für die im Buch der Börsenkrach, ein regionaler Umsturz und die Flut unliebsamer Flüchtlinge stehen. Die unterdrückten Menschen, die aus ihrem vertrauten Leben in die Fremdheit geworfen sind, einnern an spezifische Erfah-rungsmuster des 20. Jahrhunderts. Doch die Gestalten und Ereignisse sind - übrigens nicht zum ersten Mal in Tullis Prosa - nur dem Anschein nach wiederholbare Stereotypen. Die plastische und einfühlsame Beschreibung verleiht ihnen wieder Individualität. Gleichzeitig ist der Erzähler dieser Geschichtchen keinesfalls als deren Schöpfer allmächtig. Er muß um ein besseres Schicksal für die von ihm ins Leben gerufenen Helden kämpfen. Er hat sich mit der Schludrigkeit auseinanderzusetzen, die sich hinter den Kulissen dieses nicht besonders realistischen Platzes breitmacht, und schlägt sich mit der Achtlosigkeit herum, die diesen Menschen das Leben verdirbt. Mit dem ihr eigenen sprachlichen Reichtum und musikalischen Sinn für die Entfaltung und Po-lyphonie der Geschichte führt Magdalena Tulli den Roman zu einem dramatischen Höhepunkt und dann zur überraschenden Pointe. Den Makel ebenso wie Modi darf man wohl als eine eigenständige „Literatur der Unerschöpflichkeit" bezeichnen. Das Gefühl, daß der Einfluß des Erzählers auf die von ihm dargestellte Welt nur allzu eingeschränkt ist, scheint hier von dem Bewußtsein begleitet zu sein, daß unentwegt neue kleine Geschichten über die menschliche Existenz entstehen, die beschrieben werden wollen und an das Mitgefühl appellieren.

- Jakub Ekier

AUSZUG

Am frühen Morgen, bevor Staub und Stickigkeit der späteren Stunden die Luft tränken, beginnt der Polizist seinen Rundgang um den Platz. Das Echo seiner Schritte klingt dumpf. Die Tauben flattern vor seinen Füßen auf und fliegen zu den Gesimsen der großen Wohnhäuser. Der Polizist bleibt neben dem Bezirksgericht stehen, hebt den Kopf und schaut zum Himmel, als überlege er, aus welcher Richtung der Wind weht oder ob es am Nachmittag regnen wird. Nichts läßt sich von vorneherein ausschließen, es könnte am Nachmittag sogar schneien, wenn die gelben Blumen bis dahin aus dem Beet in der Mitte des Platzes entfernt würden. Doch ebensogut könnte auch das Beet mit allem was dazugehört zugeschneit werden, wie im Innern einer gläsernen Kugel. Um das geschehen zu lassen, müßte allerdings alles eine Zeitlang in einem dramatischen Überschlag auf dem Kopf stehen. Vorerst jedoch hängt nur ein leichter Dunst vor dem blaßblauen Hintergrund, ein Zeichen, daß sich das Wetter ändern kann. Es ist ja schließlich von Natur aus wechselhaft: Je mehr klarer Himmel, desto mehr Ungewißheit. Und just in dem Moment kommt auch die Straßenbahn. Mit knirschenden Rädern kommt sie an der Haltestelle vor dem Amt zum Stehen. Ein paar Militärs steigen aus, Angehörige der Luftstreitkräfte. Der erste zweifellos in Generalsuniform, dann ein Major, hinter dem Major ein Oberst, und zum Schluß ein junger Adjudant, ein Leutnant. Sie bleiben stehen, schauen. Sie blicken in die kleinen Seitenstraßen, der Major erklärt etwas, der General zuckt mit den Schultern, der Oberst gibt seinen Senf dazu und zwar ziemlich empört, der Leutnant schweigt und sieht mal den einen, mal den anderen an, schließlich breitet der Major ratlos die Arme aus. Offensichtlich liegt hier ein unangenehmer Irrtum vor. Denn wo zum Teufel ist der Flughafen hinverschwunden, den sie besuchen sollten, der Flugzeugschuppen, die Flugzeuge, die Kantine und der Kaffee in grellbunten Pappbechern, das elektrische Billardspiel mit flackernden farbigen Lämpchen und die Musikbox, die nach Einwurf einer Münze eine lärmende Musik erklingen läßt? Offensichtlich hat sich in ihrer Marschroute etwas verwirrt, aber das läßt sich so früh am Morgen nicht richtigstellen. Sie sind erschöpft und schläfrig, so halten sie vor dem Hotel in der Nummer zehn an, lassen dem General den Vortritt und verschwinden dann alle der Reihe nach darin. Unterdessen hat die Straßenbahn die ganze Runde noch einmal gedreht und ist jetzt im nächsten Abschnitt angekommen. An der Haltestelle vor dem Gymnasium steigt das Dienstmädchen aus. Sie trägt einen Korb mit Suppengrün und einem Suppenhuhn für den Notar und seine Familie. Der Polizist würde diesen Korb vielleicht gerne ergreifen und zur Küchentreppe tragen, besonders wenn er jünger und in Zivil wäre, doch der Ernst von Dienst und Uniform gestatten es nicht, deshalb legt er die Finger nur an den glänzenden Mützenschirm. Sie streift ihn mit einem reizend schmollenden Blick aber hält sich nicht auf und verschwindet im Tor der Nummer Sieben. Es interessiert sie nicht im mindesten, aus welchem Ganzen dieses Bruchstück eines Stadtteils herausgerissen ist, von welcher Großstadt es ein Teil sein soll. Es sollte noch erwähnt sein, daß der Greifvogel oder Adler an der Mütze des Polizisten eine Miniaturversion des Staatswappens über dem Tor des Amtes ist, eines jener vielen weißen, schwarzen, silbernen, doppelköpfigen oder sonstigen Raubvögel, wie sie sich üblicherweise an derartigen Stellen auf den Fassaden öffentlicher Gebäude befinden. Ihre Pose sowie die Form ihrer Krallen und Flügel hängt nur von dem Ort ab, an dem sich etwas abspielt. Auch der Polizist, nunmehr abgelenkt vom Anblick der Glockentürme und dergleichen, die irgendwo im Hintergrund, über den Dächern, im Nebel der Ferne aufragen und deshalb nicht ganz deutlich sichtbar sind, müßte doch ein Recht darauf haben, das zu wissen, oder etwa nicht? Doch er fragt nie danach und gibt sich zufrieden mit dem beruhigenden Klang des Wortes “hier”.
Und jener Platz aus einer anderen Geschichte, der notwendigerweise leer und abgeriegelt daliegt? Und die plötzlich durchtrennten Fäden, die ihn umspannten? Und seine Bewohner, auf eine unwiderrrufliche Verordnung hin aus den eigenen Wohnungen gewiesen, eines Dachs über dem Kopf beraubt, obwohl sie mit dem Notar, seiner Kanzlei und seinem Panzerschrank gar nichts zu tun hatten? Bis jetzt lebten sie ruhig, uneingeweiht in die Geheimnisse der Schmalspurbahn, ohne Kenntnis der Schichten des rieselnden Sandes unter den Fundamenten ihrer Häuser, der Einsparungen beim Mauerspeis, des Mißbrauchs, dessen Verheimlichung – wenn auch nicht vor ihnen – schließlich jemanden zu radikalen Schritten veranlaßte. Sie wußten nicht, wessen Rechnung sie bezahlten, sonst hätten sie sich nie mit dem erlittenen Unrecht abgefunden. Ein unverstandenes Unglück läßt sich leichter hinnehmen Und im Gegensatz zum Notar mußten sich die Leute jetzt keine Sorgen mehr machen. Das Schlimmste war bereits geschehen. Dort, wo sie bisher lebten, geriet der Boden unter ihren Füßen ins Wanken.
Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß sie jetzt an der Haltestelle vor dem Bezirksgericht aus der Straßenbahn steigen. Zuerst nur ein paar, sagen wir, eine Familie, wie ein Zeichen, das dem Heranströmen der Menge vorangeht. Einer muß ja den Anfang machen, und dieser Anfang ist rückblickend betrachtet nichts als die Ankündigung der inzwischen bereits bekannten Fortsetzung. Da hält die Straßenbahn, und die ersten Flüchtlinge steigen aus, ein paar dunkle Gestalten unterschiedlichen Alters in dicken Wintermänteln, in Mützen mit Ohrenklappen, Kopftüchern, Schals und Handschuhen. Sie treten unsicher auf, betäubt vom plötzlichen Bruch in ihrem Schicksal. Ob es möglich ist, daß sie zu spät gekommen sind, ist die letzte Frage, die sie sich jetzt stellen möchten. Man fragt sie ja auch nicht, ob die Explosion ihnen zupaß kommt. Sie tragen Bündel und Koffer, stellen sie auf dem Gehsteig ab, als meinten sie – und zwar ohne einen Schatten von Dankbarkeit – daß dieser jetzt im Tausch gegen das verlorene Heim zu ihrem Eigentum geworden ist. Die Straßenbahn kann nicht weiterfahren, solange sie nicht mit ihrem Hab und Gut aus dem Weg gegangen sind, solange sie nicht mit Hilfe ihrer Kinder sämtliche verschnürten Pappkartons, Schlitten, Plüschbären, das Grammophon mit dem großen Schalltrichter und den Kanarienvogel im Käfig beiseite geräumt haben. Solange sie das alles schleppen, haben sie noch zu tun, und solange es etwas zu tun gibt, gibt es auch noch Hoffnung. Danach wird alles nur noch schlimmer.
Kaum ist die Straßenbahn abgefahren, schauen sie sich ratlos um, wissen nicht, was sie jetzt mit den Bündeln, mit sich selbst anfangen sollen. Sie schauen nach, ob sie auch die Terrine mit Goldrand mitgenommen haben, eine Erinnerung an das große Service aus feinstem Porzellan, das nicht ins Gepäck paßte. Ein kleinlicher Streit flammt auf, bei dem sie in Kauf nehmen, daß ihre erhobenen Stimmen bis hinauf an die Fenster der Wohnungen dringen. Dann legen sie das Ohr an die Koffer, um festzustellen, in welchem die Uhr aus dem Eßzimmer tickt. Aber kein Ticken läßt sich vernehmen, deshalb müssen sie die Koffer öffnen und sich schließlich vergewissern, daß die Uhr sicher und wohlbehalten, in Tischtücher gewickelt liegt, wo sie sie hineingepackt haben. Hätte die Plötzlichkeit der Ereignisse sie nicht so in Eile gestürzt, sie hätten noch jeweils einen ganzen Satz Wasser- und Weingläser mitnehmen können, ja sie hätten es noch geschafft, jedes einzelne Glas in Papier zu wickeln und mit Sägespänen auszupolstern. Doch wieso hätten sie ohne diese, von ihnen ganz unabhängigen Ereignisse, ihre Häuser überhaupt verlassen sollen? Das kleinste Mädchen trägt ein Polsterchen im Arm. Das ist ihr Gepäck, es ist das leichteste Stück. Aber für sie ist auch das zu schwer, zu groß, es verdeckt alles. Stolpernd trägt das kleine Mädchen seine Last, aber es bekommt kein Lob dafür, denn die Erwachsenen haben vergessen, womit sie sie betraut haben. Sie ist enttäuscht, sie zupft sie mal am Ärmel, mal an den Mantelschößen, wenn das so ist, will sie lieber wieder nach Hause. Sie war doch ihr Augapfel, warum hören sie jetzt nicht, daß sie quengelt und weint? Sie meint fast, die Erwachsenen hätten sich unsichtbare Watte in die Ohren gestopft. Und wenn sie mit ihrem kleinen Schuh auf dem Gehsteig aufstampft, gleitet deren Blick achtlos über sie hinweg, verschleiert von einem seltsamen Nebel wichtigerer Angelegenheiten. Das kleine Kissen könnte ebensogut auf dem Bordstein liegen, und dorthin läßt sie es auch fallen. Doch ihre Verzweiflung bleibt unerwidert. Das Mädchen versteht allmählich, daß es zu dem was war keine Rückkehr mehr gibt, und daß all ihre Privilegien verfallen sind. Da setzt sie sich auf das Kissen, die Augen vor Erstaunen weit aufgerissen. Und die Tränen, die zu nichts nütze gewesen sind, trocknen auf ihren Wangen.
Aber die zwei älteren Kinder ahnen noch nichts. Während sich ein Polizist mit den Ausweisen der Erwachsenen befaßt, füttern sie den Kanarienvogel mit Brotrinde, die sie zwischen den Gitterstäben des Käfigs hindurchschieben. Ihr Gepäck haben sie sorglos auf den Gehsteig fallen lassen. Der reisemüde Kanarienvogel sträubt die Federn und dreht ihnen den Schwanz zu. Deshalb bleibt ihnen nichts anderes übrig, als im Kreis zu laufen. So rennen sie bis zum Umfallen und lachen dabei wie von Sinnen. Beglückt über ihren eigenen Ungehorsam werden sie jetzt zum Spaß der Mutter davonlaufen und dem Vater aus einiger Entfernung dumme Gesichter schneiden, während dieser den ganzen Platz abklappert und sich – bemüht, einen artigen Eindruck zu machen, was in seiner Situation sehr verständlich ist - erkundigt, ob irgendwo ein Eckchen zu mieten ist. Der Mutter schwinden unterdessen die Kräfte. Erschöpft setzt sie sich auf die Koffer, noch lieber würde sie sich hinlegen. Sie ist hochschwanger, der Mantel läßt sich über dem Bauch nicht mehr zuknöpfen, die Wehen können jeden Augenblick einsetzen. Die Kinder werden sich hinter der Ecke verstecken und dann zurückkommen, erhitzt, verschwitzt, und schließlich werden sie, von ihrer eigenen Fröhlichkeit ermüdet, in bitteres Weinen ausbrechen. Und dann sieht man, daß ihr Lachen nichts bedeutet hat, denn in Wirklichkeit zählt nur dieses Weinen.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky