GEISTER IN DER STADT BRESLAU

Marek Krajewski, Altphilologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Breslau, debütierte 1999 mit dem Roman Tod in Breslau. Wollten wir dieses Buch unbedingt einer literarischen Gattung zuordnen, würden wir feststellen, dass wir es hier mit einem beinahe klassischen „schwarzen Krimi" zu tun haben. Krajewskis Held, der Kriminalrat Eberhard Mock, ermittelt im Breslau der Zwischenkriegszeit im Fall eines makabren Mordes. In Breslau des Jahres 1934 überlappen sich die Welten der nationalsozialistischen Behörden, der noch multikulturellen Gesellschaft und einer geheimnisvollen sata-nistischen Sekte. Scheinbar nebenbei zeichnet Krajewski auf seinen Wanderungen durch diese damalige Stadt die Unheimlichkeit der Dinge und Zeichen auf, die auf eine Katastrophe hindeuten. Er vermeidet dabei jegliche Eindeutigkeit und hält seine Aufzeichnungen in düsteren Tönen.
Eberhard Mock passt hervorragend in diese geheimnisvolle und dunkle Wirklichkeit des Verbrechens. Er ist selbst Breslauer. In seiner schwankenden Persönlichkeit spiegeln sich die Lichter und die Schatten der Stadt wider.
Das Ende der Welt in Breslau (2003), die Fortsetzung des Debütromans, versetzt uns zurück in das Jahr 1927. Dieser Kunstgriff erweist sich als ein gleichermaßen anspruchsvoller wie hervorragender Einfall. Der Leser erfährt vieles über Mocks früheres Leben und erhält Hinweise, die Licht auf seine etwas perverse Persönlichkeit werfen. Das Entscheidende an diesem Schritt ist jedoch etwas anderes. Denn eigentlich ändern sich die Helden von Kriminalromanen nicht. Die Leser schwarzer Krimis schätzen es, wenn ihre Favoriten so bleiben, wie sie im ersten Roman vorgestellt werden. Doch hier passen der Wechsel der Dekoration und die Auseinandersetzung des Helden mit der neuen Wirklichkeit überaus gut in das Schema der Gattung.
Zudem sind die 20er Jahre für Krajewski ein wahrhafter Leckerbissen. Sein Hang zum Okkulten, zum Geheimnis und zu Masken findet eben in den verrückten 20er Jahren den besten Nährboden. Die merkwürdigen Gestalten, die die Romanseiten bevölkern, Heroinsüchtige, Degenerierte oder Protagonisten des Unwirklichen, fügen sich hervorragend in diese Welt ein, die Krajewski (und mit ihm auch Eberhard Mock) verzaubert. Noch gibt es den nationalsozialistischen Maulkorb auf dem zerfurchten Gesicht Breslaus nicht. Es gibt auch fast keine Sonne. Ein heller Tag könnte die Narben auf dem Antlitz von Mock-Breslau bloßlegen. Und dann könnte jemand auf die Idee kommen, die Struktur dieser Welt rational erklären zu wollen. Dies sollte man aber lieber nicht tun: Wie Chandlers Los Angeles ohne Nacht, wäre dadurch auch Krajewskis Breslau seiner Seele beraubt.
Man schreibt das Jahr 1919. Der Kriminalassistent Eberhard Mock ermittelt in einer Mordserie, deren treibende Kraft er selbst ist. In Geister in der Stadt Breslau, dem neuesten Teil des Breslau-Zyklus, wird Krajewskis Held selbst Gegenstand des Spiels. Wieder bringt der zeitliche Rückschritt einen überraschenden Effekt. Dass der Held-Polizist in die Rolle des Opfers gerät, ist ein Kunstgriff, der so alt ist wie die Gattung selbst. Zumeist sind davon aber erfahrene und für ihre Extravaganzen bekannte Bullen betroffen. Krajewski riskierte viel, indem er dieses Schema umdrehte, trug aber erneut einen Sieg davon.
Im letzten Teil der Tetralogie will Krajewski, so hört man, die in drei Teilen verstreuten Handlungsstränge abschließen, und zwar jene, die nicht Eberhard Mocks früheres, sondern sein späteres Schicksal betreffen. Die Handlung wird im Jahr 1945 spielen. Und das heißt, dass das Buch auch die Geschichte Breslaus abschließen wird. Endgültig. Denn niemand wird nach dem Krieg Wrocław wieder so nennen. Das wird verboten sein.

Irek Grin