NACH AMSTERDAM

Michał Olszewskis Buch Nach Amsterdam gewann einen der bedeutendsten polnischen Prosawettbewerbe. Was gab den Ausschlag dafür?
Mindestens drei Gründe sind zu nennen: Realismus, die Bündigkeit des Textes, das Übermittelte. Realismus, weil der Autor aus der Perspektive unterschiedlicher Figuren die Welt zu beobachten versteht, was eine vielgestaltige und vielsprachige Wirklichkeit ergibt. Bündigkeit, weil er die Erzählung geschickt verdichtet, und dabei ein auf den ersten Blick nicht zu erkennendes Ganzes komponiert, wofür die Tatsache, dass die acht in diesem Buch versammelten Erzählungen sich unerwartet zu einem Roman summieren, der sich verästelt zugleich aber auch kohärent ist, der beste Beweis ist. Das Übermittelte, weil der Autor ein Routinethema der Zeitungsfeuilletons wählte und ihm wieder Leben und Dramatik verlieh.
Der Zyklus der acht Erzählungen setzt sich zu einer Geschichte über die junge Generation zusammen – einer Kriminalgeschichte. Die jungen Leute kämpfen um die Erfüllung ihrer Träume und Sehnsüchte, um das Recht, unproduktiv sein zu dürfen und sich nicht in der Erwachsenenwelt engagieren zu müssen. Ihnen lauern die Akquisiteure der Moderne auf: Drogen, die Jagd nach dem Geld, das illegale Leben im Westen. Alle drei Lebensentwürfe – Drogenabhängigkeit, Arbeitssucht und die Emigration ohne Ziel – haben alternativen Charakter: man wählt zwar unter vielen Ideen aus, die Wahl einer Möglichkeit schließt aber die anderen aus.
Die Problematik in Olszewskis Buch ist also eine zweifache: Einerseits geht es um die Frage, ob im Zentrum der Moderne noch Raum für Lebensentwürfe ist, die geistige Werte propagieren, und andererseits, ob eine zur liberalen Demokratie alternative Geistigkeit so verheerend sein muss, wie es Drogen sind, oder solch leere Formen annehmen muss, wie es die Kondition des postmodernen Provinzlers ist. Der Autor, der seine Helden sprechen lässt und sich diskret zurückzieht, suggeriert jedoch, dass die jungen Leute nicht so sehr im provinziellen Leben eingeschlossen sind, als vielmehr sich in ein schablonenhaftes Denken haben einsperren lassen.
Kann es der in den Siebzigerjahren geborene Generation, die unter den Bedingungen des einsetzenden Kapitalismus aufgewachsen sind, gelingen, ihr Denken zu ändern? Kann sie die fruchtlosen Gegensätze von Zentrum und Provinz, Geistigkeit und Markt, Exotik und Alltäglichkeit überwinden? Der Roman Nach Amsterdam zeigt, ähnlich wie Viktor Pelewins „Generation”, eine Generation, die um jeden Preis ihre Naivität verteidigt, da sie ansonsten anerkennen müsste, dass die Welt nicht auf die Wahl zwischen Drogen und Geldverdienen zu reduzieren ist. Es sei jedoch die Frage erlaubt, ob den Schriftstellern Westeuropas – den Altersgenossen Olszewskis – etwas besseres einfällt?

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese

AUSZUG

Ich denke ständig an unsere letzte Reise, die, emotionslos von außen betrachtet, wie eine Fahrt in die unausweichliche Niederlage aussieht. Von dem Moment an, als wir auf dem verdreckten Bahnhof in Zgorzelec ausstiegen und uns der aggressiven Diebe erwehrten, hing das Fatum über uns. Das hatte aber kaum etwas damit zu tun, daß du es mit Ach und Krach schafftest, die Trauerkleidung abzulegen und unter den empörten Blicken der Verwandtschaft der Stadt zu entfliehen. Ich spürte während dieser Fahrt, wie nach all den Niederlagen und Fehlern eine Verbitterung in Dir wuchs, die mit dem Tod des Vaters und der Einsamkeit der zu Hause wartenden Mutter nicht zu erklären war. Aber es war doch Deine Entscheidung, wir hätten noch einen Moment abwarten können, aber nein, Du zappeltest vor Ungeduld, Du scharrtest mit den Hufen wie ein Pferd in der Startbox, offensichtlich lag Dir allzu sehr das erneute Scheitern im Studium auf der Seele, und dann noch dieser Todesfall. Wenn ich gewußt hätte, daß es Dein letzter Anlauf war… Es grenzt ohnehin an ein Wunder, daß wir zwölf Monate miteinander durchgestanden haben, daß wir in Genf, Toulouse und Madrid waren, daß wir unterwegs ein paar gute Menschen trafen, die uns ein Dach über dem Kopf, was zum Fressen und Arbeit gaben. Sag nicht, Du hättest nicht gewußt, was uns erwartet – wir waren ja vorher schon für kurze Zeit im Ausland gewesen, wir wußten, daß die Manna dort nicht vom Himmel fällt und die Franken und Peseten nicht auf der Straße liegen. Ich spürte das Unheil kommen. Nicht, daß ich, als der ganze Stunk vorbei war, eine schlaue Mine aufgesetzt und mir gesagt hätte, das alles hätte ich vorhergesehen. Ich rätsele die ganze Zeit darüber, was mit diesem berühmten Dudek los war, der voller Phantasie und Energie, unbeugsam und verrückt war? Wo sind Deine Träume geblieben, die Dinge, die Dich jahrelang beschäftigt haben? Schon in Genf, als Du von der Schweizer Seite zurückkamst, mit gerunzelter Stirn, gebeugt und voller böser Energie, als Du nur daran dachtest, jetzt einen zu trinken, und über den Meister fluchtest, der Dich dauernd mit Lauten, die zu keiner Sprache gehörten beschimpft hatte, sah ich, daß Du zerfallen und platzen würdest. Dabei war es eine schöne Stadt, die schönste von allen. Weißt Du noch, wie wir im Sommer nach der Arbeit auf dieser großen Brombeerplantage zu dem Villenviertel hinuntergingen, an den kleinen Strand mit dem Sirenedenkmal im Wasser? Das Wasser kristallklar und die Leute indifferent und distanziert, aber wohl nicht feindselig gesinnt, anders als bei uns in der Stadt, wo die Menschen ein gutes Herz haben, das aber für meinen Bedarf allzu tief verborgen ist. Erinnerst Du Dich an den Winter in Toulouse, den mit dünnem Eis bedeckten Kanal und die rituellen Samstagsspaziergänge zwischen den Reihen nackter Platanen, in Richtung des verlassenen Stadions, an den Geschmack der spanischen Räucherwürste, der Dich zu einem kulinarischen Orgasmus brachte, an den billigen, wohlschmeckenden Wein? Das alles war mir sehr wertvoll, es hatte einen Beigeschmack vom großen Abenteuer, sogar die bärtigen Penner mit den Hunden, die wir im Park an der Garonne trafen. Sofort hattest Du Dich mit ihnen angefreundet, und ich wunderte mich überhaupt nicht, als sie eines Abends an die Hintertür des Restaurants klopften und um was zum Fressen baten. Nochmals: das alles war mir wertvoll, und es wäre noch wertvoller gewesen, wenn nicht Dein zerstörerisches Heimweh gewesen wäre. Du hast es verdorben, ich sah, wie es Dich umtrieb, wie zwischen den Brauen meines Geliebten zwei dicke senkrechte Falten sich eingruben, die selbst während der kurzen Anwandlungen guter Laune und der Alkoholexzesse nicht verschwanden. Nein, mein Freund, das konnte ich nicht akzeptieren. Die Erklärung dafür war vielleicht einfach: Du sehntest Dich wieder heim und kamst damit nicht zurecht. Bis heute begreife ich nicht, daß Du Dich plötzlich so geändert hast, daß Du zurück wolltest in die warme Stube. Das ist mir gänzlich fremd – ich bin achtundzwanzig, älter als Du, und ich möchte dauernd hinaus, denn die Welt ist groß, voller verschiedener Möglichkeiten, die man nur erkennen muß. Aber Du hast sie von Dir gestoßen. Und dann am Ende Madrid. Schlimmer ging es nicht mehr. Die Stadt war häßlich, Dudek ständig angepisst, Miłka unglücklich. Ich weiß bis heute nicht, wie wir es geschafft haben, an einem solchen Ort vier Monate zu überleben, von Dosen mit Reis und Meeresfrüchten, im Zimmer nebenan ein flegelhafter Nachfahre von Sancho Pansa. Die Entscheidung, heimzukehren, alle zusammengesparten Groschen in die Socken zu stecken und in Richtung des heimatlichen Hafens aufzubrechen, war sicher richtig, aber je näher wir dem Osten kamen, desto stärker empfand ich, daß das nicht mein Weg war. Was konnte ich denn in Krótkie Miasto anfangen? Jeden Abend wählen zwischen Fernsehen und zwei ordentlichen Kneipen? Schwanken zwischen Wodka und Gras, zwischen Arbeit im Geschäft und der Vortäuschung einer Lehrtätigkeit an einer beschissenen regionalen Hochschule? Zehn Monate des Jahres auf Juli und August warten, darauf, daß es endlich warm wird und die Sonne durch die Wolken kommt? Sich auf der Straße Anfeindungen und Schmähungen anhören? Klar, hier habe ich ähnliche Probleme, aber bedenke, daß ich hier, wo ich jetzt bin, dauernd etwas Neues entdecke, denn hier wimmelt es nur so von Überraschungen. Vögel, Fontänen, Hindus und Wolken von unbekannter Form, nicht die Architektur, die ich von zu Hause kenne. Im Gegensatz zu Dir konnte ich mich nie über die gewohnten Dinge freuen und an Tagen, die einander bis aufs Haar gleichen, etwas Abenteuerliches finden. In Krótkie Miasto erwartete mich die Langeweile, die Dich von einem bestimmten Moment an aus unerfindlichen Gründen zu locken begann. Warum, frage ich Dich, warum? Sah so Dein Modell des Erwachsenseins aus?

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese