AUSTER

Auster (Małż) ist Marta Dzidos erstes Buch in voller Spielfilmlänge. Die Autorin schrieb sich damit genau in die aktuell vorherrschenden Trends der jungen polnischen Prosa. Der literarische Wert von Auster liegt jedoch nicht auf der Romanebene, die sich auf das Aufbegehren der Protagonistin gegen die allgegenwärtige Verlogenheit und die von den Medien aufgezwungenen Konsumverhaltensmuster konzentriert. Von größerer Bedeutung erscheinen mir die sich im Hintergrund, fast schon „im Magazin” abspielenden Erzählmomente zu sein, das Drama eines schrittweisen Zerfalls der zwischenmenschlichen Beziehungen. Marta Dzido führt vor, dass die Abwehrreaktion gegen die Probleme unserer Zeit immer öfter in der totalen Demontage jeglicher sozialen Bindung und emotionalen Zugehörigkeit besteht.
Auster besteht aus zehn kurzen Kapiteln und erinnert an das Tagebuch eines aufbegehrenden jungen Mädchens im Gymnasialalter. Das Weichtier im Buchtitel (Małż, wörtlich „Muschel”, hier „Auster“) ist natürlich eine Abkürzung für den modernen Ehemann (poln.: Małżonek). Einen solchen, wie, wenn nicht alle Zeichen am Himmel und auf Erden trügen, Mateusz sein wird, der Verlobte Magdas, der Hauptfigur und Ich-Erzählerin der Geschichte. Das Musterbeispiel eines modernen Paares sieht meist so aus: Er – jung, gut aussehend („schön glattes Gesicht, saubere Fingernägelchen”), hervorragend ausgebildet, in einer Werbeagentur tätig, mit klaren Karriereaussichten und einem Achtzehnstunden-Arbeitstag.; Sie – jung, schön, intelligent, Absolventin eines Elitestudiengangs, sechs Sprachen fließend, liebt ihre Arbeit..Dieses attraktive Abziehbild wird im Roman jedoch ernsthaft verstört. Erstens verliert die Hauptfigur von Auster infolge einer Stellenreduktion ihre Arbeit und beginnt das frustierende Dasein einer Arbeitslosen. Zweitens und bedeutend schwerwiegender hat Magda eine Eigenschaft, die ihr das Funktionieren im kapitalistischen Dschungel stark erschwert: Oft sagt sie die Wahrheit. Das Problem liegt darin, dass Marta Dzidos Protagonistin vom Prinzip her nicht in die sie umgebende Wirklichkeit „passt” – sie ist das Teilchen des sozialen Legespiels, für das sich am schwierigsten der richtige Platz im Gesamtsystem finden lässt.
Nach einer der vielen späten Heimkehren von Mateusz aus der Werbeagentur stößt Magda die definitive und nicht wirklich tröstliche Ankündigung aus: “[...] es ist Schluss, Schluss ist es mit dem braven, netten, lächelnden, pünktlichen, hübsch frisierten, sauber gekleideten kleinen Mädchen”. Natürlich ist jetzt mit etwas Schluss, aber im Leben der Protagonistin von Auster will einfach nichts Neues beginnen. Das Einzige, was anfängt, ist der systematische Abbau ihrer Beziehungen zu anderen Menschen. Zuerst geht ihr Verlobter, dann kommt es zu einer ernsten Krise im Verhältnis zu ihren Eltern, und bald wird sogar Paweł – ihre alte Liebe noch aus Studentenzeiten – nicht mehr als ein unverbindliches Heilmittel gegen die Einsamkeit nötig sein, sondern als jemand, von dem man Geld leihen kann. In manchen Momenten erfährt Magda den Schmerz der Vereinzelung, schweren Herzens diagnostiziert sie ihre Sehnsucht nach ihrem Verlobten. Trotzdem verkriecht sie sich, wie es sich für eine Auster gehört, in der Schale ihrer eigenen Welt, zieht sich aus allen Beziehungen zurück.

-Artur Madaliński, Tygodnik Powszechny.

AUSZUG

„Du rufst den Kerl also an, fragst ihn, ob er in zwei Wochen für soundsoviel spielt, die Nummern findest du im Autluck, du rufst an, sagst, dass du von uns bist und erzählst irgendeinen netten Scheiß, du weißt schon, was ich meine. Das ist so einer, der früher mal drei Jahre lang voll angesagt war, und jetzt hat er nichts, er wird dich sicher mit irgendeinem Quatsch zulabern, aber er weiß, dass wir wissen, dass er jetzt nichts hat.“
„Für wieviel soll er spielen? Sechshundert für ein Konzert?” frage ich verblüfft.
„Sechstausend.”
„Sechstausend?”
„Guten Tag, spielen Sie für sechstausend?“
„Schätzchen, mach keine Witze, ich habe schon für ganz anderes Geld gespielt, meinst du nicht, dass sechstausend für einen Künstler wie mich etwas sehr wenig ist...“
„Na, ich weiß ja nicht. Ich sitze den lieben langen Monat am Telefon, in einem stickigen Zimmer, ohne Fenster – und das für achthundert.“
„Na, weißt du, Töchterchen, ich bin immerhin...“
„Ich bin nicht ihr Töchterchen.“
„Freundlich sind Sie nicht gerade, bitte sagen Sie Ihrem Chef, dass ich an dem Vorschlag nicht interessiert bin, aber...“
„Also weißt du, ich habe mit ihm geredet, er war empört über deine Impertinenz, wie er es nannte. Ich weiß nicht, ob du dich überhaupt eignest, solche Verhandlungen zu führen, in deinem Sie-Wie hattest du geschrieben, dass du verantwortungsvoll und geduldig bist, der Kunde kann sein, wie er will, er kann auch der letzte Rüpel sein, aber er ist unser Kunde, wenn wir was verdienen können, dann ist es das, was zählt, und nicht deine personellen Spintisiereien. Leider kannst du, obwohl du meine Freundin bist und ich dich wirklich mag, nicht länger hier arbeiten, weil du verscheuchst uns ja alle.“

Ich ziehe den Bauch vorm Spiegel ein. Ich ziehe den Bauch beim Yoga ein. Der Yoga-Meister sieht das, kommt zu mir, drückt mir die Wirbelsäule runter, richtet mir die Beine, aber es klappt auch so irgendwie nicht. Gruß an die Sonne, Rad, Fisch, die Kahle mit dem Tattoo im Nacken macht alles ideal, wie ein Gummi-Mensch. Ich schaue ihr heimlich zu, der Yoga-Meister sieht ohnehin alles. Manchmal sagt er:
„Bei Yoga muss man sich auf sich selbst konzentrieren, die Energie nach innen lenken und nicht schauen, was die anderen tun...“
Aber die Kahle, sie ist eben da. Alles macht sie. Sogar der Schulterstand gelingt ihr, sie hält im Schulterstand durch, und ich sinke sofort zu Boden.

Ich ziehe vorm Spiegel den Bauch ein, betrachte die Auslagen in schönen Geschäften, frage mich, wie die das machen, dass sie immer makellos weiße Hosen haben, dass ihre Blusen nie irgendwo zerknittert sind, dass ihre Fingernägel bemalt sind wie bunte Bildchen, ihre Beine enthaart sind und nicht winzigste Spur von Fett an ihren Bäuchen zu sehen, sogar wenn sie sich setzen, legt sich bei denen nichts in Falten, wölbt sich bei denen gar nichts.

Und ich schummle, dass sich bei mir auch nichts wölbt, und sie lachen mich von den Titelblättern und Zeitungen herunter aus, denn mein Bauch ist überhaupt nicht konkav oder ideal fest. Weil meine Fingernägel sind abgekaut und mein Haar ungleichmäßig mit der Nagelschere über der Wanne geschnitten, und die schreiben mir: nimm diesen Sommer ab, weil du es dir wert bist, pflege dein Haar, sei schön für ihn. Und mir lief der Nagellack auf die Haut, als ich es mal versuchte, vielleicht habe ich zu kleine Fingernägel, zu kurze, denn der Lack läuft mir auf die Haut, den Lidstrich zieh ich immer schief, das Auge läuft mir auf den Boden runter, meine ganze Welt zieht sich angesichts dieser Foundation zurück, versteckt sich im Schrank und wieder nichts.

Und die haben Verhütungspflaster, die gucken unter den Latzhosen raus, unter den Spitzen-BHs, unter den Strings. Sie haben eine makellos ebenfarbene Haut. Sie haben reine und fleckenlose Träume. Träume, die vorher mit Megaperls weißgewaschen wurden.

Sie haben Ansichten aus Zeitungen, Meinungen zum Krieg – unsere Mission ist ganz außergewöhnlich wichtig. Sie haben einen Standpunkt zum Thema Feministinnen – worum so viel Radau, wozu die Proteste. Sie haben Männer in reinen Hemden und mit gegeltem Haar. Sie haben Männer mit Handys der neuen Generationen, Telefonapparaten, mit denen man Filme drehen und sie dann per mail verschicken kann. Sie haben Männer in auf Raten und im Angebot gekauften Luxuslimousinen, das Innere der Wagen ist mit Zimtduft präpariert, das Radio auf vierundneunzigkommavier eingestellt. Sie haben ihre eigenen großen Probleme. Wie die Orangenhaut loswerden? Die Augencreme kaufen oder vielleicht die Creme für die Fingernägelhäutchen? Warum will der zweijährige Jasio seine Graupen mit Milch nicht essen? Soll ich anfangen, meinen anderthalbjährigen Sohn mit dem Fläschchen zu füttern? Sind Baumwollwindeln schädlich? Was bedeutet der Ausschlag hinter dem Ohr? Wohin mit dem Hund, wenn das Kind eine Tierfellallergie hat? Warum will mein Mann nicht bei der Geburt dabei sein? Was tun gegen Haarspliss? Wo finde ich Rat vom Spezialisten? Wie soll ich meinen Ausfluss behandeln lassen? Was tun, wenn Sex keinen Spaß macht? Was ist das beste gegen Schuppen? Wie schreibt man einen Sie-Wie? Wie gewinne ich Sympathie und Vertrauen meines Chefs? Wie bringt man Arbeit und Kindererziehung unter einen Hut? Wie nimmt man ohne Jojo-Effekt ab? Wohin am besten Shoppen gehen? Was bringt das Modefrühjahr?
Wie bekämpfe ich Falten?
Wie bekämpfe ich das Fett?
Wie bekämpfe ich meinen Kopf?
Wie bekämpfe ich erfolgreich mich selbst?

Und diese Drecksweiber gaffen mich an. Diese makellos weißen Fotoshop-Geschöpfe. Gaffen, wie ich schwarz zu einem Vorstellungsgespräch fahre.Gaffen, wie ich montags morgen die Zeitung kaufe, gaffen von den bunten Titelblättern, den Billboards, gaffen unter leisem Lächeln, mit blendend weißer Zahnreihe, sei schön, sei schön, sei schön. Ihre reinen Träume, reinen Gedanken, ihre zugeschnürte Kehle, wenn das Wort „Pimmel“ sich durch sie hindurchzuzwängen versucht, es aber nicht schafft. Ihr taubes Schweigen, wenn ein Perverser ihnen im vollgestopften Bus die Hand zwischen die Schenkel presst. Ihr Mangel an Stimme in wichtigen Fragen. Ihre Ignoranz, ihre Ignoranz, wenn sie vom Bildschirm sprechen, warum haben sie nicht an der Gala für erlesene Stars teilgenommen, warum waren Sie nicht eingeladen? Das ist die Ignoranz, mein Herr, die Ignoranz der Journalisten.

Und ich schummle wieder. Schummle, dass ich schlafe. Ich liege mit offenen Augen da, denke daran, wie Mateusz diese Billboards erfindet, diese Reklamen, diese wie beiläufig hingeworfenen Slogans. Sogar sie kriegt ihn dir nicht kaputt. Hier spielt die Musik. Titten mit Radioknöpfen. Die Feministinnen haben wohl keinen Sinn für Humor. Ich auch nicht. Ich betrachte die Billboards in der Stadt und denke mir, dass Mateusz über sie mit mir kommuniziert. Sei schön, sei brav, hab reine Gedanken und reine Träume, lächele, sei ein Fan, sei trendi, sei steilisch, Mädel, hab Klasse, dein Haar ist es dir wert, schau in den verschlankenden Spiegel im eleganten Designerladen, wie schön und wie wohlgeformt, vergiss das leichte Make-up nicht, die Antifaltencreme für Fünfundzwanzigjährige, die Joghurt-Diät, die Eiweißdiät, die Hundert-Kalorien-Diät, zwei Scheibchen vom Schweinchen, in ein Salatblatt gerollt, und ein Orangensaft. Denk daran, den Bauch eingezogen zu haben, die Brüste voll und groß, groß hell voll, das Haar lang ohne splissige Spitzen, das Gesicht lächelnd, die Zähne entblößt. Eine schöne Frau kennt ihren Platz.


Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier.