DIE REIHERKÖNIGIN

Die Reiherkönigin ist die Geschichte vom unseligen Popsänger Stanisław, von seinen unersättlichen jugendlichen Freundinnen, von der Rockgruppe „Die Pferde", von dem Musikkritiker, der den Kampf Willensstärke gegen Fettsucht verloren hat und dies im Fernsehen freimütig eingesteht, außerdem von dem vormaligen Untergrund-Funktionär und jetzigen Medienhecht Szymon Rybaczko, von Meuchelmessern in harten Schulterblättern, von VIP-Logen, von den Sehnsüchten einer Verkäuferin in der Stadtteil-Bäckerei. Mit einem Wort, Masłowska lässt vor unseren Augen, wie schon in Schneeweiß und Russenrot, diesmal jedoch in epischer Breite, eine stattliche Sammlung von Versagern, Windbeuteln, Großkotzen, lechzenden Hündinnen, käuflichen Gurus, dümmlichen Polizisten und gerissenen Dieben paradieren, die durch das winterliche Warschau zirkulieren wie rostbraunes Magma in labyrinthischen Abwasserrohren. Das Reich der Reiherkönigin ist ein Kosmos von gescheiterten Existenzen, ist ein Totenhaus. Und dazu immer wieder dieser unterschwellige Leierkastenreim:
„Unser Ziel war die Produktion eines für jeden verständlichen Buches, eines Buches, das sich durch die Art der Lektüre quasi von selbst erübrigt. Als Autorin wurde eine schöne und langbeinige Person gewählt, um dem Buch Respekt und Interesse beim Leser zu verschaffen. Die Öffnungen im Körper der Autorin wurden mit Lancôme-Kleber verschlossen. Dadurch menstruiert sie nicht, schwitzt nicht und lässt auch sonst kein Wasser, was die Verständlichkeit und Attraktivität des Buches zusätzlich erhöht." Zu sagen, Masłowska schreibe über Warschau, wäre eine Vereinfachung. In der Rahmenerzählung von DJ Doris wird die literarische „Maslowska“, eine junge, nicht mehr ganz hippe Autorin, dafür angeheuert, ein HipHop-Stück für eine potthässliche Sängerin zu schreiben, die der wendige Szymon lancieren will, um bei den vom Papsttod demoralisierten Käuferschichten abzusahnen. Da aber der pickelige Popstar sich gleich zu Anfang in den Sänger Stanisław verliebt… Hier schließt sich der Kreis der Erzählung, verschränkt sich mit dem nächsten, und jeder Kreis ist unwirklich, jeder ist gewoben aus Worten, die
„Masłowska“ dagegen ist nur das Phantom von Dorota Masłowska, Warschau und Polen aus der Reiherkönigin sind nur ein gespenstischer Abglanz des Warschaus und Polens, die wir aus eigener Anschauung kennen. Und obwohl wir die Reiherkönigin in wenigen Stunden verschlungen haben, hat sie uns in dieser kurzen Zeit doch verändert. Nicht nur haben wir herzlich über die Narrenparade der Humangnome des Romans gelacht. Nicht nur hat uns der gallenböse Aggressionsstau der Figuren einen Schauder über den Rücken gejagt. Von der Lektüre bleibt mehr. Einige einfache, doch unvermeidliche Fragen. Wie können Menschen, die Leben, Haus, Arbeit und Träume miteinander teilen, sich so aufrichtig hassen? Sich gegenseitig so quälen und bestehlen? Sich so tierisch vor dem spärlich gefüllten Trog drängeln? Und werden wir, die realen Personen, nachdem wir uns im Zerrspiegel des Roman-Poems von Masłowska betrachtet haben, heute Nacht ruhig einschlafen können?

Piotr Siemion „Ozon", 5/4/2005

AUSZUG

"Guten Tag, sprech ich mit Masłowska, Dorota?" – "Ja bitte recht?" "Hier ist, haben Sie bestimmt schon von gehört, Szymon Rybaczko, Spezialist für Medien und Medienverwandtes, ich habe da ein Angebot für Sie, um ehrlich zu sein, Bücher von Ihnen habe ich zwar nicht gelesen, höchstens diese Feuilletons für den Przekrój, die waren echt stark, voll Klasse, authentisch, tiefe innere Wahrheit, Weltliteratur, Dostojewski, Beckett, Musil oder sogar Roman Bratny, genau das suchen wir für unser Projekt, wir wollen Authentizität, wir wollen die Wahrheit unserer Zeit, im Grunde bräuchten Sie gar nichts schreiben eigentlich, wichtig ist nur, daß Sie es sind, das Textgerüst steht schon fast, wenn Sie vielleicht noch ein paar Reime dazuschreiben, es ist nämlich eine Art HipHop, ich werde Ihnen alles erklären, die Handlung geht darum, ein häßliches Mädchen, verstehen Sie, von allen mit Füßen getreten, die Kinder auf dem Hof schmeißen Makrellenpellen nach ihr, im Hintergrund Polen C, Problemwirklichkeit, Kapitalismus, Konsum in diversen Supermärkten, gerammelt dichte Realität, Sie wissen doch bestimmt, wie man sowas lyrisch hinkriegt, ein paar Flüche, es soll nämlich ein Wahrheits-Manifest sein, aber nicht zu vulgär, um den Zuhörer nicht zu verprellen, und daß niemand in der Handlung raucht, sonst kriegen wir's nicht durch, na, was sagen Sie, einverstanden? Ich sag Ihnen jetzt schon, Sie kommen dabei nicht schlecht weg, für Sie ist das die Chance, das andere Buch war zwar populär, aber mal ehrlich, eine Berühmtheit sind Sie nicht mehr, null Angebote, ein zweites haben Sie wohl nicht geschrieben, oder? Na eben sag ich doch, und das ist jetzt die große Möglichkeit für Sie, die große Chance so einen Text für uns nicht mal zu schreiben, sondern eben nur, daß Sie es sind. Sie stehen für Authentizität, für das Leben im Plattenbau, so jemand eignet sich hervorragend zur Produktion von HipHop, sagen Sie doch selbst, hübsch sind Sie bestimmt auch nicht, hatten es in dieser Hinsicht bestimmt nicht leicht im Leben, na eben, da dürfen Sie ruhig ein bißchen autobiographisch werden, paar eigene Gedanken einsickern lassen. Ich erklär Ihnen das noch alles, denn dieses häßliche Mädchen eben, die hat was am laufen, sie und so ein Typ, kennen Sie Stanisław Retro, den Liedermacher? Ja genau, und jetzt sag ich Ihnen mal out of record streng vertraulich, seine Verkaufszahlen bei uns sind in letzter Zeit verdammt in den Keller gerutscht, stellen Sie sich mal vor, das ist wahrscheinlich genau wie bei Ihnen, man ist ein Star, ein Star, und eines Tages wacht man auf und ist weder berühmt noch sonst irgendwas, Sie kennen das bestimmt aus eigener Erfahrung, wahrscheinlich sitzen Sie doch jetzt zu Hause, das ist nun mal die Medienwirklichkeit, ja eben, und da einem Kollegen zu helfen, aus einer anderen Branche zwar, aber immerhin, das ist, glaube ich, sogar eine Art moralische Verpflichtung, den Burschen retten, der schneidet sich sonst noch die Adern auf, also diese Patrizia, so heißt das HipHop-Mädel nämlich, der Star, den wir promoten, Patrizia soll über ihre Affäre mit diesem Stanisław singen, verstehen Sie, Metatextualität, zwei Schnäppchen mit einer Klappe, Sie kommen dabei bestimmt nicht schlecht weg, in Ihrer Situation, also ehrlich, ich muß aber dazusagen, dieser Stanisław ist homosexuell, das ist vehement wichtig, denn das muß in die Handlung einfließen, eine Romanze mit einem Mädel, und dabei ist der Typ eigentlich komplett unscharf, Sie verstehen, was ich meine, das kriegen Sie sicher hin, und Geld gibt’s auch ein bißchen, na was sagen Sie, Sie sind doch sicher einverstanden."
"Ich weiß selbst nicht", überlegt sie noch.
"Sie meinen, Sie fordern mehr? Darüber kann man reden, ich sag Ihnen ganz offen: dreihundert Złoty wollte ich Ihnen zahlen, und das ist echt nicht wenig, sag ich Ihnen, aber in dieser Situation, wo uns wirklich was an Ihnen liegt, laß ich mich nicht lumpen: zweihundert Złoty leg ich noch drauf, dann sind wir uns also, glaub ich, einig, wir müssen nur noch ein paar Fragen klären, ach, Sie können Ihr Kind nicht alleinlassen? Mein vollstes Verständnis, habe selbst ein Kind, der Kleine könnte sich gut und gern selbst beschäftigen, aber man hat doch Angst ihn alleinzulassen, na, in dem Fall komm ich natürlich zu Ihnen, soll mir nicht drauf ankommen. Praga Nord? Ah, weiß schon, diese Slums da über die Brücke, dort wohnt ihr? Ja sicher, das Schicksal ist launisch, erst ist man ein Star, dann landet man in Praga, vollstes Verständnis. Hausnummer elf Wohnung zwölf, ich komme bestimmt, bis dann also. Freu mich, daß wir uns so gut verstehen, junge Frau."
Eh Leute, es gibt Ärger, sie schreibt angeblich wieder was, mein Gott, das muß man verhindern, wir wollen das nicht, wir verbieten das, wir lassen uns nicht wieder veräppeln, nein und nochmals nein, soll Lem Karriere machen, soll Miłosz Karriere machen, soll Gombrowicz, andere begabte Autoren aus den Wojewodschafts-Städten, die viel begabteren jungen Literaten vom Pintscher-Blog, aber nicht die, wie sehen wir mit der in Europa aus, mit der schaffen wir höchstens den Anschluß an Rußland, dann gibt's flächendeckend Kolchoskartoffeln und Brennesselzucht, wieso sagt denn keiner was, meine Herren, da hört doch der Spaß auf, eh Leute, was steht ihr so da, greift euch die Kacke und schmeißt damit, immer voll auf sie rauf, Geiz ist ungeil, wenn sie alle ist, kommt ja neue nach, kein Problem, eins zwei drei fünf acht, was weiß die denn überhaupt, vom HipHop, da kann ich ja nur lachen, erst spielt sie den Jogging-Asi, als alle in Jogginganzügen rumliefen, jetzt versucht sie auf HipHop zu machen, da reißt einem doch die Geduld, da muß man was tun, Achtung, fertig, gut gezielt und los, nicht gespart, wenn sie alle ist, kommt wieder welche nach. Feuer, meine Herren!

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl